Glanz&Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Die menschliche Komödie
als work in progress


Ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben.
  

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Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

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von Ingrid Mylo






Nicht nur unter dem Winterhimmel

Joyce Carol Oates: Die Lästigen. Eine amerikanische Chronik in Erzählungen.
Aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel. Frankfurt. Eichborn 2011 (Andere Bibliothek 315). 381 S. EUR 32,00


Anrufen? Oder nicht anrufen? Und dann: was ihm sagen? Und wenn er nicht abhebt? Oder wenn der Anrufbeantworter dran ist? In einem Hotelzimmer in Vegas, 2237 Meilen von ihrem Liebhaber entfernt, schlägt sich Kathryn in den frühen Morgenstunden mit diesen Fragen herum. Vor drei Tagen hat sie Matt überstürzt verlassen, er weiß nicht, wo sie ist, sie weiß nicht, ob sie das Verhältnis mit ihm überhaupt will. Zudem hat sie – ist das ein Hinweis auf ihre wahren Wünsche, ist es eine Vorsichtsmaßnahme? – seine Telefonnummer nicht bei sich, weder auf einem Zettel, noch in ihrem Kopf. Den ersten Schritt, denkt Kathryn, könnte sie wenigstens machen: sie ruft die Auskunft an. Und setzt damit einen unkontrollierbaren Prozess in Gang, einen schwarzen Wirbel falscher Nummern, fremder Stimmen und widersprüchlicher Gefühle, bei dem auch die verriegelten Fenster im zwölften Stockwerk des Hotels am Rand der Wüste von Belang sind. Es geht um nichts als einen Telefonanruf. Und es geht um die schiere Existenz. Am Ende der Erzählung 'Entfernung' meldet sich Kathryn mit "Ich bin's."
Die wenigsten der Heldinnen von Joyce Carol Oates können das: von sich sagen "Ich bin's". Für die meisten wäre der Satz, kurz, wie er ist, eine Lüge. Es gibt kein 'Ich': es gibt nur für die Öffentlichkeit hart erarbeitete Versionen ihrer Person, und wenn sie in den Spiegel schauen, erkennen sie sich nicht ohne weiteres wieder. Wie Grace (in 'Böses Schäferspiel'), die sechs Tage vor ihrer Hochzeit feststellt, daß sie keine Lust mehr hat zu leben: das Benehmen, das sie dann an den Tag legt, ist nicht "so geziert, wie es ihrer Rolle entsprach".  
Aber kommt man aus dieser Rolle je unbeschadet heraus? Und wer ist man danach? Als eine Frau (in 'Nackt') nach einem Überfall auch noch ihrer Kleidung beraubt wird, verliert sie damit ebenfalls das Bild, das die anderen von ihr haben sollen. Nackt ist sie, so verdreht das klingt, nicht mehr 'sie selbst': und was dieses 'sie selbst' ist, hängt in hohem Maß von dem Eindruck ab, den sie auf die Gesellschaft macht. Und doch gibt es Augenblicke, in denen die Frauen dieser Erzählungen darauf hoffen, jemand möge hinter dem hübschen zurechtgemachten Gesicht, hinter den angelernten Artigkeiten und dem Partylachen den "echten Mensch" entdecken.
Die Bücher von Joyce Carol Oates lassen sich nicht als Notausgang benutzen: wer liest, um der Realität zu entfliehen, muß eine andere Tür öffnen. Wer aber in die andere Richtung geht, wer nicht hinaus will sondern hinein, wem am Erkunden innerer Landschaften gelegen ist: den führen 'Die Lästigen' ans Ziel.

 
Alissa Walser: Immer Ich - Erzählung. München.
Piper 2011.  158 S. EUR 16,95

Es beginnt auf dem Umschlag: als Maserung in heiseren Farben. Ein Irrgarten, kein Labyrinth (denn das ist nicht dasselbe), aber ein Irrgarten mit dem Wunsch, Labyrinth zu sein: die Striche, an einigen Stellen, wollen die Mitte. Bewegung, mehr als dann in den Texten, die etwas Holziges haben, etwas Kurzfasriges, nicht sonderlich stabil, nicht wetterfest: und (wegen der ungestalten Sätze) so gar nicht geeignet zur Fertigung wertbeständiger Dinge.
Es endet auf der hinteren Klappe: auf dem Foto steht die Autorin neben einem Stuhl, hat auch so eine Verzierung am Ausschnitt, auch so ein Muster wie der Stuhl neben ihr, steht auch so an der Wand, darauf wartend, in Besitz genommen zu werden: viel Unterschied ist nicht zwischen ihnen. Was bringt einen Menschen dazu, sich einem Möbelstück gemein zu machen?

 
Arne Dahl: Opferzahl - Aus dem Schwedischen von Wolgang Butt.
München. Piper 2011. 440 S. EUR 19,95


Wer saß im mittleren Wagen der U-Bahn, als die Bombe explodierte? Warum hatten sich die elf Opfer im letzten Wagen versammelt, und was brachte das Häufchen Überlebender dazu, ausgerechnet diese tödliche Stelle zu meiden und sich im vorderen Wagen niederzulassen? Wer hat den Terror nach Stockholm gebracht? In welchem Zusammenhang stehen die 'Schwanzfechter' mit dem Attentat? Wer sind die 'Heiligen Reiter von Siffin' (und warum werden sie auf dem Klappentext als 'Siffins heilige Ritter' bezeichnet)? Wohin wollte der Polizist Jorge Chavez in der Nacht, als die U-Bahn hochging? In welche Machenschaften ist der Polizist Arto Söderstedt verwickelt? Was verschweigt der Ermittler Paul Hjelm? Warum ist der Mann, der Ata genannt wird, "mit seiner Ausbeute in diesem eigentümlichen Land nicht ganz zufrieden"? Wer steckt hinter den Morden an den 'heiligen Reitern'? Was hat das Gähnen im Arabischen mit dem Grauen im Kongo zu tun? Welche Rolle spielen die 'Pink Pills' für die Dschihadisten? Worin besteht das Verbrechen des schwedischen Fabrikanten Naberius? Und wie kriegt Arne Dahl es jedesmal wieder hin, alles mit allem zu einem sinnvollen Muster zu verknüpfen?

Nicole Krauss: Das große Haus - Aus dem Englischen von Grete Osterwald.
Reinbek. Rowohlt 2011. 377 S. EUR 19,95

Es sind die Frauen, die sich die Häuser aussuchen, in diesem Roman: und die Männer kaufen sie ihnen. Doch das Leben darin ist nicht weniger heillos als sonstwo: die Häuser bieten keinen Schutz vor Selbstzweifeln, Schmerzen oder Einsamkeit: und das treibt die Frauen, die das Haus wollten, und die Männer, die es ihnen verschafft haben, wieder hinaus auf die Straße, treibt sie zum Spazierengehen, zum Streunen, sie irren herum in den Städten, in den Nächten, ewige Wanderer auf der Suche nach dem, was ihnen gerade fehlt. Oder einem Ersatz, der sie von davon ablenkt, daß sie etwas vermissen. Einen Schreibtisch, zum Beispiel: er ist das Herzstück der Wohnung, wo er fehlt, steht das Haus still und erstirbt.
Und die Traurigkeit, die die Seiten durchzieht, ist von schwerwiegender Schönheit: wie die erbeuteten Tiere auf den alten Stilleben holländischer und belgischer Meister.

Ake Edwardson: Der letzte Winter - Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Berlin. Ullstein 2010. 510 S. EUR 19,95

Und wieder ist der Himmel blau über Göteborg, unentwegt, das ganze Buch hindurch, wie schon im 'Toten Mann', dem Kriminalroman davor: unheimlich blau, herausfordernd blau, ekelhaft blau, unbegreiflich blau, arrogant blau. Zu blau. Es ist überall. "Der Himmel", heißt es, "ist zu groß geworden", trübe Tage täten not, aber von trüben Tage kann man nur noch träumen. Wacht man auf: ist das Blau unverändert. Und da es nichts Neues gibt unter der Sonne, nur Variationen unter einem Himmel von ewigem Blau, gibt es (wie in Edwardsons Krimis davor) auch wieder Winters automatisches Schulterzucken, gibt es wieder die paarweisen Fragen: Zufall oder Zusammenhang, Puzzle oder Mysterium, Fragen überhaupt, ein Flotte davon, Fragen, die sich aus den Rededuellen lösen und, wie leichte Boote in einer schnellen Strömung, ins Philosophische abdriften, was geht hier vor, was passiert hier, was ist normal, was ist das für ein Punsch, "und was ist Leben, Bertil?" Ganz abgesehen von der Frage, warum die düstere Kaffeemaschine in der Kaffeeküche des Polizeipräsidiums immer im Schatten steht. Und warum tote Fliegen so aussehen, wie sie aussehen. (Eine andere, die mich interessiert hätte, wird dagegegn nicht gestellt: was ist Janssons Verführung, es muß etwas Süßes sein, ein Nachtisch, ich hätte es gern gewußt). Und Winter, "allein mit seiner Wehmut und dem Whiskyglas", löst, wie es heißt, seinen letzten Fall. Aber es heißt auch: "Nicht ist für immer". Und es heißt: "Nichts ist jemals vorbei."


© 2011  Ingrid Mylo
 

 


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