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über Ingrid
Mylos
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»Männer in Wintermänteln«
»Eine Schatulle voller
Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller
Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal
sogar ein Regenbogen.«
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Druckstellen
von Ingrid Mylo
Nicht nur
unter dem Winterhimmel
Joyce
Carol Oates: Die Lästigen. Eine
amerikanische Chronik in Erzählungen.
Aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel. Frankfurt. Eichborn 2011
(Andere Bibliothek 315). 381 S. EUR 32,00
Anrufen? Oder nicht anrufen? Und dann: was ihm sagen? Und wenn er nicht
abhebt? Oder wenn der Anrufbeantworter dran ist? In einem Hotelzimmer in
Vegas, 2237 Meilen von ihrem Liebhaber entfernt, schlägt sich Kathryn in
den frühen Morgenstunden mit diesen Fragen herum. Vor drei Tagen hat sie
Matt überstürzt verlassen, er weiß nicht, wo sie ist, sie weiß nicht, ob
sie das Verhältnis mit ihm überhaupt will. Zudem hat sie – ist das ein
Hinweis auf ihre wahren Wünsche, ist es eine Vorsichtsmaßnahme? – seine
Telefonnummer nicht bei sich, weder auf einem Zettel, noch in ihrem
Kopf. Den ersten Schritt, denkt Kathryn, könnte sie wenigstens machen:
sie ruft die Auskunft an. Und setzt damit einen unkontrollierbaren
Prozess in Gang, einen schwarzen Wirbel falscher Nummern, fremder
Stimmen und widersprüchlicher Gefühle, bei dem auch die verriegelten
Fenster im zwölften Stockwerk des Hotels am Rand der Wüste von Belang
sind. Es geht um nichts als einen Telefonanruf. Und es geht um die
schiere Existenz. Am Ende der Erzählung 'Entfernung' meldet sich Kathryn
mit "Ich bin's."
Die wenigsten der Heldinnen von Joyce Carol Oates können das: von sich
sagen "Ich bin's". Für die meisten wäre der Satz, kurz, wie er ist, eine
Lüge. Es gibt kein 'Ich': es gibt nur für die Öffentlichkeit hart
erarbeitete Versionen ihrer Person, und wenn sie in den Spiegel schauen,
erkennen sie sich nicht ohne weiteres wieder. Wie Grace (in 'Böses
Schäferspiel'), die sechs Tage vor ihrer Hochzeit feststellt, daß sie
keine Lust mehr hat zu leben: das Benehmen, das sie dann an den Tag
legt, ist nicht "so geziert, wie es ihrer Rolle entsprach".
Aber kommt man aus dieser Rolle je unbeschadet heraus? Und wer ist man
danach? Als eine Frau (in 'Nackt') nach einem Überfall auch noch ihrer
Kleidung beraubt wird, verliert sie damit ebenfalls das Bild, das die
anderen von ihr haben sollen. Nackt ist sie, so verdreht das klingt,
nicht mehr 'sie selbst': und was dieses 'sie selbst' ist, hängt in hohem
Maß von dem Eindruck ab, den sie auf die Gesellschaft macht. Und doch
gibt es Augenblicke, in denen die Frauen dieser Erzählungen darauf
hoffen, jemand möge hinter dem hübschen zurechtgemachten Gesicht, hinter
den angelernten Artigkeiten und dem Partylachen den "echten Mensch"
entdecken.
Die Bücher von Joyce Carol Oates lassen sich nicht als Notausgang
benutzen: wer liest, um der Realität zu entfliehen, muß eine andere Tür
öffnen. Wer aber in die andere Richtung geht, wer nicht hinaus will
sondern hinein, wem am Erkunden innerer Landschaften gelegen ist: den
führen 'Die Lästigen' ans Ziel.
Alissa
Walser: Immer Ich - Erzählung.
München.
Piper 2011. 158 S. EUR 16,95
Es beginnt auf dem Umschlag: als Maserung in heiseren Farben. Ein
Irrgarten, kein Labyrinth (denn das ist nicht dasselbe), aber ein
Irrgarten mit dem Wunsch, Labyrinth zu sein: die Striche, an einigen
Stellen, wollen die Mitte. Bewegung, mehr als dann in den Texten, die
etwas Holziges haben, etwas Kurzfasriges, nicht sonderlich stabil, nicht
wetterfest: und (wegen der ungestalten Sätze) so gar nicht geeignet zur
Fertigung wertbeständiger Dinge.
Es endet auf der hinteren Klappe: auf dem Foto steht die Autorin neben
einem Stuhl, hat auch so eine Verzierung am Ausschnitt, auch so ein
Muster wie der Stuhl neben ihr, steht auch so an der Wand, darauf
wartend, in Besitz genommen zu werden: viel Unterschied ist nicht
zwischen ihnen. Was bringt einen Menschen dazu, sich einem Möbelstück
gemein zu machen?
Arne
Dahl: Opferzahl - Aus dem
Schwedischen von Wolgang Butt.
München. Piper 2011. 440 S. EUR 19,95
Wer saß im mittleren Wagen der U-Bahn, als die Bombe explodierte? Warum
hatten sich die elf Opfer im letzten Wagen versammelt, und was brachte
das Häufchen Überlebender dazu, ausgerechnet diese tödliche Stelle zu
meiden und sich im vorderen Wagen niederzulassen? Wer hat den Terror
nach Stockholm gebracht? In welchem Zusammenhang stehen die
'Schwanzfechter' mit dem Attentat? Wer sind die 'Heiligen Reiter von
Siffin' (und warum werden sie auf dem Klappentext als 'Siffins heilige
Ritter' bezeichnet)? Wohin wollte der Polizist Jorge Chavez in der
Nacht, als die U-Bahn hochging? In welche Machenschaften ist der
Polizist Arto Söderstedt verwickelt? Was verschweigt der Ermittler Paul
Hjelm? Warum ist der Mann, der Ata genannt wird, "mit seiner Ausbeute in
diesem eigentümlichen Land nicht ganz zufrieden"? Wer steckt hinter den
Morden an den 'heiligen Reitern'? Was hat das Gähnen im Arabischen mit
dem Grauen im Kongo zu tun? Welche Rolle spielen die 'Pink Pills' für
die Dschihadisten? Worin besteht das Verbrechen des schwedischen
Fabrikanten Naberius? Und wie kriegt Arne Dahl es jedesmal wieder hin,
alles mit allem zu einem sinnvollen Muster zu verknüpfen?
Nicole
Krauss: Das große Haus - Aus dem
Englischen von Grete Osterwald.
Reinbek. Rowohlt 2011. 377 S. EUR 19,95
Es sind die Frauen, die sich die Häuser aussuchen, in diesem Roman: und
die Männer kaufen sie ihnen. Doch das Leben darin ist nicht weniger
heillos als sonstwo: die Häuser bieten keinen Schutz vor Selbstzweifeln,
Schmerzen oder Einsamkeit: und das treibt die Frauen, die das Haus
wollten, und die Männer, die es ihnen verschafft haben, wieder hinaus
auf die Straße, treibt sie zum Spazierengehen, zum Streunen, sie irren
herum in den Städten, in den Nächten, ewige Wanderer auf der Suche nach
dem, was ihnen gerade fehlt. Oder einem Ersatz, der sie von davon
ablenkt, daß sie etwas vermissen. Einen Schreibtisch, zum Beispiel: er
ist das Herzstück der Wohnung, wo er fehlt, steht das Haus still und
erstirbt.
Und die Traurigkeit, die die Seiten durchzieht, ist von schwerwiegender
Schönheit: wie die erbeuteten Tiere auf den alten Stilleben
holländischer und belgischer Meister.
Ake
Edwardson: Der letzte Winter - Aus
dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Berlin. Ullstein 2010. 510 S. EUR
19,95
Und wieder ist der Himmel blau über Göteborg, unentwegt, das ganze Buch
hindurch, wie schon im 'Toten Mann', dem Kriminalroman davor: unheimlich
blau, herausfordernd blau, ekelhaft blau, unbegreiflich blau, arrogant
blau. Zu blau. Es ist überall. "Der Himmel", heißt es, "ist zu groß
geworden", trübe Tage täten not, aber von trüben Tage kann man nur noch
träumen. Wacht man auf: ist das Blau unverändert. Und da es nichts Neues
gibt unter der Sonne, nur Variationen unter einem Himmel von ewigem
Blau, gibt es (wie in Edwardsons Krimis davor) auch wieder Winters
automatisches Schulterzucken, gibt es wieder die paarweisen Fragen:
Zufall oder Zusammenhang, Puzzle oder Mysterium, Fragen überhaupt, ein
Flotte davon, Fragen, die sich aus den Rededuellen lösen und, wie
leichte Boote in einer schnellen Strömung, ins Philosophische abdriften,
was geht hier vor, was passiert hier, was ist normal, was ist das für
ein Punsch, "und was ist Leben, Bertil?" Ganz abgesehen von der Frage,
warum die düstere Kaffeemaschine in der Kaffeeküche des
Polizeipräsidiums immer im Schatten steht. Und warum tote Fliegen so
aussehen, wie sie aussehen. (Eine andere, die mich interessiert hätte,
wird dagegegn nicht gestellt: was ist Janssons Verführung, es muß etwas
Süßes sein, ein Nachtisch, ich hätte es gern gewußt). Und Winter,
"allein mit seiner Wehmut und dem Whiskyglas", löst, wie es heißt,
seinen letzten Fall. Aber es heißt auch: "Nicht ist für immer". Und es
heißt: "Nichts ist jemals vorbei."
© 2011 Ingrid Mylo
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