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Lärmschutz auf Chinesisch Die vielen tausend Baustellen, durchaus strategisch über die Stadt verteilt, legen dem Beobachter die Frage nahe, ob wohl nicht doch irgendwo eine mächtige Lärmverteilungs-Bürokratie ihre Fäden zieht ? Da es ja auch landesweit Heizungsbehörden gibt, die nicht nur jedes Jahr entscheiden, wann die Heizperiode beginnt - in Peking übrigens am 15. November - sondern die auch festlegen, wie hoch die Raumtemperatur jeweils in öffentlichen Gebäuden, in den Wohnblocks von wohlhabenden und weniger wohlhabenden Chinesen oder den mehrheitlich von Ausländern oder gar Diplomaten bewohnten sein darf, läßt die Existenz einer solchen Lärmbehörde durchaus als möglich erscheinen. Übrigens kann man an der Raumtemperatur tatsächlich die Wichtigkeit und den Einfluss von chinesischen Behörden erkennen. Wichtige nationale Ministerien und einflußreiche regionale Verwaltungen können mit Wärmegraden bis zu 25 Grad aufwarten, während zum Beispiel untere Sozialbehörden, Meldeämter, Krankenhäuser und lokale Polizeiwachen sich mit 15 Wärmegraden und langen Unterhosen und Unterhemden für die Angestellten behelfen müssen. Diese lebensnotwendige Unterwäsche wird zur Zeit praktisch auf jedem Markt hier in den kalten Provinzen Chinas angeboten. Nur sehr wenige Einwohner Pekings, wo es auch schon mal zweistellige Minusgrade und einen eisigen Wind aus Sibirien gibt, tragen diese nützlichen Kleidungsstücke nicht, die oft auch unter teuren dunkelblauen Anzügen hervorlugen. Und wenn man bedenkt, dass in einer Durchschnittwohnung üblicherweise eine Temperatur von vielleicht 15 oder 16 Grad herrscht, wundert das wenig. Sehr viele kleinere Büros, Werkstätten und Fabriken haben übrigens gar keine Heizung. Es sollten ja möglichst alle Bürger des Landes Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen haben. Wie bei den Raumtemperaturen wird es natürlich auch bei der Lärmverteilung Unterschiede geben, geben müssen. Nicht jeder kann stets an dem Privileg teilhaben, neben einer 24 Stunden Großbaustelle wohnen zu dürfen oder wenigstens an einem hastig vor dem Haus hingeteerten Nachtbus-Parkplatz. Ich denke, da ist eine kluge, zentrale und natürlich durchsetzungsfähige Administration gefordert, natürlich mit vielen regionalen und lokalen Lärmplanungsbüros, mit Kommitees, Konferenzen, Dienstwagen, einem verwaltungseigenen Supermarkt, einem Ferienheim - vielleicht gelegen an einer idyllischen Großbaustelle, zum Beispiel für einen Staudamm im warmen Süden des Landes - und selbstverständlich einer Abteilung für internationale Kontakte in lärmintensive Länder, wie Italien. Ich stelle mir, wie Petenten und Bürgermeister aus den Pekinger Stadtbezirken dort an den alphabetisch organisierten Schaltern stehen, von gelangweilten Sachbearbeitern jetzt endlich auch eine Großbaustelle oder wenigstens einen Nachtaushub für Kanalisation oder Verkabelung fordern und dabei lautstark argumentieren, dass es im Nachbarbezirk Chaoyang nun schon mehr als 3000 solcher Baustellen gäbe, während man selber im Haidian Distrikt kaum 1800 zusammen brächte. Aber wie nichtig wirken alle diese großstädtischen Streitigkeiten, betrachtet man den tiefen Gegensatz von Stadt und Land. Meiner Schätzung nach werden inzwischen mehr als 2/3 des nationalen Lärmaufkommens in der Stadt erzeugt und konsumiert, während immer noch cirka 80% aller Chinesen mit einem unbefriedigend leisen Grundrauschen auf dem Land leben müssen. Diese Diskrepanz führt natürlich zu Schieflagen, einem starken Neidverhalten und letztendlich zur Abwanderung der Landbevölkerung in die Metropolen des Lärms. Mit ländlichen Staudamm-und Straßenbauprojekten ist es nicht getan, da hier nur örtlich begrenzt und auf Zeit Lärm geschaffen und angeboten wird. Auch eine vermehrte Einführung von Außenlautsprechern vor Dorfläden konnte dem Problem bisher nicht zufriedenstellend abhelfen, ebensowenig wie der verstärkte Einsatz von dreirädrigen Kleintraktoren mit offenliegendem Motorblock. Eine der Lösungen wäre eine stärkere Automobilisierung auf dem Land. Das würde natürlich verstärkt die nationale Autoindustrie fördern. Und mehr Autos bedeuten gleichzeitig mehr Hupgeräusche. Individuell gesehen ist das Hupen in China inzwischen wohl sowieso die beliebteste Lärmquelle geworden. Hier kann sich jeder einbringen in die große nationale Aufgabe, ein Auto natürlich vorausgesetzt. Hupen ist für Chinesen mehr als nur eine ordinäre Lärmquelle. Hupen in China ist Kommunikation. Ist zugleich sozialer Kontakt und individuelles Bedürfnis. Voller Begeisterung betätigt jeder chinesische Autofahrer die Hupe. Gern schon vor dem Losfahren. In seiner geliebten automobilen Blechkiste einsam sitzend, fühlt er sich unwohl. China ist ein Land der Gruppen, nicht eines von Individualisten. Die Möglichkeiten zur Kommunikation im Auto sind beschränkt - doch hat man erst einmal auf die Hupe gedrückt, kann man sowohl das köstliche Geräusch des eigenen Huptons genießen und Sekunden später schon die Töne der sofort begeistert zurückhupenden, anderen Autofahrer. Man ist nicht allein! Kenner können es unterscheiden: Freude, Ungeduld, Ärger, Begeisterung werden mit den unterschiedlichsten Huptönen ausgedrückt. Manchmal wird auch einfach nur mal so, aus lauter Lust, auf die eigene Zugehörigkeit zur großen Gemeinschaft der Automobilisten hingewiesen. Natürlich wird die Hupe auch zusätzlich durchaus in Gefahrensituationen genutzt, die sich im chinesischen Straßenverkehr ja pausenlos wie von selbst erneuern. Die Virtuosität und Begeisterung, mit der chinesische Autofahrer dieses wichtigste Zubehör ihres Auto nutzen zeigt, daß hier, neben der Möglichkeit, selbst unbeschränkt Lärm herzustellen, auch eine ganz neue Art der zwischenmenschlichen Kommunikation entstanden ist, auf die kein chinesischer Autobesitzer mehr verzichten wollte.
Allerdings - die Einkommenslage der Landbevölkerung ist
generell noch nicht so beschaffen, dass hier signifikant die Möglichkeit zum
vermehrten Automobilkauf gegeben wäre. Diskutieren könnte man natürlich in
diesem Zusammenhang, ob nicht an alle, die sich noch kein Auto leisten können,
schon mal hilfsweise eine Hupe ausgegeben sollte. |
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Glanz@Elend
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