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Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

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Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher
  







Ma Pings Chinesische Skizzen

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Weihnachten auf Chinesisch

In China startet die Weihnachtszeit, shèngdànjìjié, wenn in den Shopping Malls der großen Städte das erste Mal "Jingle Bells" gespielt wird und Verkäuferinnen und Bedienungen in Geschäften und Restaurants anfangen, rote Zipfelmützen mit weissen Bommeln zu tragen. Irgendwann im November geschieht es, wird oft bis zum April durchgehalten und endet erst, wenn die erschöpfte Konsumentenschaft auf die Frage, was man denn gern hätte, monoton nur noch "Jingle Bells, Jingle Bells" lallen kann und dabei kraftlos versucht, den blöde grinsenden Servicekräften die vermaledeiten Bommelmützen vom Kopf zu reißen.
Eine Weihnachtstradition in China gibt es übrigens nicht. Die meisten Chinesen kennen das Fest ja überhaupt nicht. Weihnachten ist westlich, gilt also zumeist unter den jungen, konsumorientierten Bewohnern der Großstädte als schick. Man zeigt damit seine Weltläufigkeit und hat auch noch einen zusätzlichen Grund, Shopping zu gehen. Einkaufen nämlich, egal was, Hauptsache es ist teuer und trägt einen möglichst westlichen oder wenigstens westlich klingende Markennamen, gehört eindeutig zu den Lieblingsbeschäftigungen der einkommensstärkeren jungen Chinesen, die als kaufkräftige Generationen aus der Ein-Kind-Politik auch finanziell noch die unbeschränkte Zuwendung der Eltern genießen.

Neben Shopping gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen - laut einer kleinen Privatumfrage im Bekanntenkreis - der jungen Menschen in diesem Land vor allem das Schlafen und das Essen, dann Fernsehen, Videospiele und Karaoke. Es handelt sich bei den befragten Probanden übrigens ausschließlich um Akademiker und Studenten.
Stilistisch orientiert man sich in China an der US-amerikanischen Weihnachtsidee. Santa Claus, Rudy Rentier und so weiter. Auch die Idee der Totaldekoration von übergroßen Weihnachtsbäumen mit hektisch blinkendem Gelichter kommt in China sehr gut an. Alles was farbenfroh blinkt und möglichst dazu auch noch Krach macht, erregt in diesem Lande allerhöchstes Entzücken bei Groß und Klein.
Weihnachten und auch Sylvester und Neujahr, sind in China ganz normale Arbeitstage. Das chinesische Neujahrfest wird astronomisch definiert und findet, je nach Mondphase, zwischen Januar und März statt. Im Jahr 2009 zum Beispiel am 29. Januar. Für alle, die es interessiert: es wird das Jahr des Büffels.

Die allgemeine Weihnachtsindolenz in China hat natürlich für den sentimental auf Heiligabend und weitere Festlichkeiten prädisponierten Ausländer den Nachteil, das in der Stadt trotz reichlicher Nutzung dekorativer Versatzstücke in Shoppingcentern und von Ausländern bevorzugter Restaurants und Wohngebieten, beim besten Willen keine allgemeine Weihnachtsstimmung herrscht. Es existieren lediglich kleinste Inseln weihnachtlicher Stimmung, meist in westlichen Schulen und Kindergärten, deren jüngste Insassen ja oft noch im wunderbar wahren Glauben an den Weihnachtsmann leben. Da hilft dem kinderlosen Aficionado nur der Rückzug ins private Weihnachtsidyll, mit verschworenen Freunden hinter verschlossener Tür "Stille Nacht, Heilige Nacht" zu singen.

Für den in China lebenden Weihnachtsverächter hat diese Situation nun allerdings ganz außerordentliche Vorteile. Alles funktioniert wie sonst auch, kein Gedrängel in den Geschäften, ausser dem üblichen Gerangel an der Kasse und überall sonst. Übrigens: die Geschäfte in diesem Land sind an allen 7 Tagen der Woche, meist 12 Stunden lang, geöffnet. Nur Banken und Post haben kürzere Öffnungszeiten. Darüberhinaus injiziert das gnadenlos und ausschließlich auf Lärm und Shopping aufbauende Santa-Claus-Konzept der Chinesen dem westlichen Weihnachtsverächter noch einen zusätzlichen Schuss wohligster Verachtung für die verlogene Gesamtidee in die weihnachtsnervösen Venen. 

Das Geschäft mit den traditionell notwendigen Ausrüstungsgegenständen, zum Beispiel Weihnachtsbäumen, findet natürlich nur in Gegenden statt, in denen, relativ gesehen, viele Ausländer wohnen. Der größte Markt für die nadelnde Heimsuchung befindet sich in Peking in der Nähe der deutschen Schule und der neu erbauten US-Botschaft. Bäume jeder Größe warten dort in grüngestrichenen Holzkübeln auf freudige Käufer und werden selbstverständlich auch am selben Tag noch angeliefert. Ganz in der Nähe befindet sich auch die sogenannte Lady-Street. Allerdings musste ich beim ersten Besuch enttäuscht feststellen, daß es sich lediglich um eine Zusammenballung von Läden für allerlei Damenbekleidung handelt. Man findet in dieser Gegend auch eine Menge Geschäfte, die sich darauf spezialisiert haben, Chinesen und Ausländer bevorzugt mit mehr oder weniger gestohlenen Handys, i-pods und ähnlichem Unsinn zu versorgen. Dort öffnet pünktlich zur Weihnachtszeit auch ein sogenannter Christmas-Equipment-Store seine lichtschlangenumblinkten, zugigen Pforten und bietet all die dekorativen Schätze und Geschmachlosigkeiten dar, die ein weihnachtsweiches Käuferherz nur begehren kann.

Kulinarisch gesehen kann aber auch der Weihnachtsverächter ruhig von weihnachtlichen Spezialangeboten profitieren. So bietet die ortsansässige Brasserie Flo die vielleicht beste Foie Gras ausserhalb des Perigord, auf jeden Fall aber die beste innerhalb Chinas, was allein schon wert wäre, Weihnachten einmal in Peking zu verbringen.
 




 

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