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Weihnachten auf Chinesisch
In
China startet die Weihnachtszeit,
圣诞节shèngdànjìjié,
wenn in den Shopping Malls der großen Städte das erste Mal "Jingle Bells"
gespielt wird und Verkäuferinnen und Bedienungen in Geschäften und
Restaurants anfangen, rote Zipfelmützen mit weissen Bommeln zu tragen. Irgendwann
im November geschieht es, wird oft bis zum April durchgehalten und endet erst,
wenn die erschöpfte Konsumentenschaft auf die Frage, was man denn gern hätte,
monoton nur noch "Jingle Bells, Jingle Bells" lallen kann und dabei kraftlos
versucht, den blöde grinsenden Servicekräften die vermaledeiten Bommelmützen vom
Kopf zu reißen.
Eine Weihnachtstradition in China gibt es übrigens nicht. Die meisten Chinesen
kennen das Fest ja überhaupt nicht. Weihnachten ist westlich, gilt also zumeist
unter den jungen, konsumorientierten Bewohnern der Großstädte als schick. Man
zeigt damit seine Weltläufigkeit und hat auch noch einen zusätzlichen Grund,
Shopping zu gehen. Einkaufen nämlich, egal was, Hauptsache es ist teuer und
trägt einen möglichst westlichen oder wenigstens westlich klingende Markennamen,
gehört eindeutig zu den Lieblingsbeschäftigungen der einkommensstärkeren jungen
Chinesen, die als kaufkräftige Generationen aus der Ein-Kind-Politik auch
finanziell noch die unbeschränkte Zuwendung der Eltern genießen.
Neben
Shopping gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen - laut einer kleinen
Privatumfrage im Bekanntenkreis - der jungen Menschen in diesem Land vor allem
das Schlafen und das Essen, dann Fernsehen, Videospiele und Karaoke. Es handelt
sich bei den befragten Probanden übrigens ausschließlich um Akademiker und
Studenten.
Stilistisch orientiert man sich in China an der US-amerikanischen
Weihnachtsidee. Santa Claus, Rudy Rentier und so weiter. Auch die Idee der
Totaldekoration von übergroßen Weihnachtsbäumen mit hektisch blinkendem
Gelichter kommt in China sehr gut an. Alles was farbenfroh blinkt und möglichst
dazu auch noch Krach macht, erregt in diesem Lande allerhöchstes Entzücken bei
Groß und Klein.
Weihnachten und auch Sylvester und Neujahr, sind in China ganz normale
Arbeitstage. Das chinesische Neujahrfest wird astronomisch definiert und findet,
je nach Mondphase, zwischen Januar und März statt. Im Jahr 2009 zum Beispiel am
29. Januar. Für alle, die es interessiert: es wird das Jahr des Büffels.
Die
allgemeine Weihnachtsindolenz in China hat natürlich für den sentimental auf
Heiligabend und weitere Festlichkeiten prädisponierten Ausländer den Nachteil,
das in der Stadt trotz reichlicher Nutzung dekorativer Versatzstücke in
Shoppingcentern und von Ausländern bevorzugter Restaurants und Wohngebieten,
beim besten Willen keine allgemeine Weihnachtsstimmung herrscht. Es existieren
lediglich kleinste Inseln weihnachtlicher Stimmung, meist in westlichen Schulen
und Kindergärten, deren jüngste Insassen ja oft noch im wunderbar wahren Glauben
an den Weihnachtsmann leben. Da hilft dem kinderlosen Aficionado nur der Rückzug
ins private Weihnachtsidyll, mit verschworenen Freunden hinter verschlossener
Tür "Stille Nacht, Heilige Nacht" zu singen.
Für den in China lebenden
Weihnachtsverächter hat diese Situation nun allerdings ganz außerordentliche
Vorteile. Alles funktioniert wie sonst auch, kein Gedrängel in den Geschäften,
ausser dem üblichen Gerangel an der Kasse und überall sonst. Übrigens: die
Geschäfte in diesem Land sind an allen 7 Tagen der Woche, meist 12 Stunden lang,
geöffnet. Nur Banken und Post haben kürzere Öffnungszeiten. Darüberhinaus
injiziert das gnadenlos und ausschließlich auf Lärm und Shopping aufbauende
Santa-Claus-Konzept der Chinesen dem westlichen Weihnachtsverächter noch einen
zusätzlichen Schuss wohligster Verachtung für die verlogene Gesamtidee in die
weihnachtsnervösen Venen.
Das Geschäft mit den
traditionell notwendigen Ausrüstungsgegenständen, zum Beispiel Weihnachtsbäumen,
findet natürlich nur in Gegenden statt, in denen, relativ gesehen, viele
Ausländer wohnen. Der größte Markt für die nadelnde Heimsuchung befindet sich in
Peking in der Nähe der deutschen Schule und der neu erbauten US-Botschaft. Bäume
jeder Größe warten dort in grüngestrichenen Holzkübeln auf freudige Käufer und
werden selbstverständlich auch am selben Tag noch angeliefert. Ganz in der Nähe
befindet sich auch die sogenannte Lady-Street. Allerdings musste ich beim ersten
Besuch enttäuscht feststellen, daß es sich lediglich um eine Zusammenballung von
Läden für allerlei Damenbekleidung handelt. Man findet in dieser Gegend auch
eine Menge Geschäfte, die sich darauf spezialisiert haben, Chinesen und
Ausländer bevorzugt mit mehr oder weniger gestohlenen Handys, i-pods und
ähnlichem Unsinn zu versorgen. Dort öffnet pünktlich zur Weihnachtszeit auch ein
sogenannter Christmas-Equipment-Store seine lichtschlangenumblinkten, zugigen
Pforten und bietet all die dekorativen Schätze und Geschmachlosigkeiten dar, die
ein weihnachtsweiches Käuferherz nur begehren kann.
Kulinarisch gesehen kann
aber auch der Weihnachtsverächter ruhig von weihnachtlichen Spezialangeboten
profitieren. So bietet die ortsansässige Brasserie Flo die vielleicht beste Foie
Gras ausserhalb des Perigord, auf jeden Fall aber die beste innerhalb Chinas,
was allein schon wert wäre, Weihnachten einmal in Peking zu verbringen.
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