Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

Anzeige
Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

Home     Literatur     Blutige Ernte     Sachbuch     Bilderbuch     Zeitkritik     Termine     Preisrätsel     Impressum     Mediadaten     Andere über uns

Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

Jetzt versandkostenfrei bestellen:
Glanz&Elend -
Die Zeitschrift

Großformatige Broschur in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex.
176 Seiten, die es in sich haben:
»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Dazu exklusiv das interaktive Schauspiel »Dein Wille geschehe« von Christian Suhr & Herbert Debes

Andere Seiten
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek

Joe Bauers Flaneursalon
Gregor Keuschnig Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen
von Ingrid Mylo



Etwas Rotes & etwas Wabbliges


Ake Edwardson:
Toter Mann. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Berlin. Ullstein 2009. 539 S. EUR 19,95

Autos, die besitzerlos in Gegenden auftauchen, in denen sie nichts zu suchen haben. Schüsse, die niemanden treffen. Und dann ist doch jemand tot: in einem Auto, das ihm nicht gehört. Und der, dem es gehört, ist verschwunden. Puzzle oder Mysterium? Die Frage, die Kommissar Winter durch den schmerzenden Kopf geht, ist so müßig nicht, wie sie klingt: im ersten Fall wäre die Aufgabe, trüge man die richtigen Teile zusammen, lösbar, im zweiten bliebe sie ein dauerndes Rätsel. Das mit jedem weiteren Mosaikstein verwirrender wird. Ein Auftragsmörder, der keiner sein will, ein Polizist, der sich eine Wiedergeburt als Damensattel wünscht, die Gattin eines Politikes, die vielleicht schon Witwe ist. Zu versprengte Anhaltspunkte, um dem, was in der Gegenwart geschieht, einen Sinn zu geben. Bis klar wird, daß die Spuren in die Vergangenheit weisen: vor dreißig Jahren verschwand ein Mädchen auf einer der Inseln vor Göteborg, es war Sommer, und Winter, wenn er seiner Erinnerung trauen darf, hat damals im Vorbeisegeln etwas Rotes gesehen.
Der Kriminalroman als Bewußtseinszustand: und kaum einer kriegt das so karg und treffend und mit solchen geläuterten Sätzen hin wie Ake Edwardson. Was wirklich ist, entscheidet sich im Nachhinein.  
Ereignisse sind Anlässe, sich Gedanken zu machen, ununterbrochen: das hält die Neugier in Gang, die Spannung in der Schwebe. Während der Himmel die ganze Zeit blau ist, elend blau, und die Möwen lachen, immer. Oder sie schreien. Weinen hat sie noch keiner gehört. Auch darüber denkt Kommissar Winter nach. Er sagt: "In gelbem Licht kann man eher davonkommen" und andere Dinge, auf die ihm immer wieder von einem anderen entgegenet wird: "Soll das ein Witz sein?" Und er hat heftige Migräneattacken. Genau wie der Mörder, dem sie beim Showdown am Rande eines trüben Tümpels zum Verhängnis werden. Winter kommt, diesmal noch, davon. Aber er ist angezählt. Im nächsten Roman wird Edwardson ihn in die letzte Runde schicken. Das darf er ruhig. Hauptsache, er hört nicht auf zu schreiben.
 
Oleg Jurjew (Hg):
Das Buch Nero. Festschrift für einen Dienstkater. Heidelberg. Wunderhorn 2009. 63 S. EUR 13,50

Dem einen dient er als Grund, ein Glas Champagner zu leeren, der anderen als Ausrede für allergische Reaktionen: Kater Nero bringt den Charakter seiner Festredner ans Licht. Vor allem aber ist er Anlaß für allerlei Absonderungen ganz unterschiedlicher Qualität: über sprudelnde Hecken und Strickleiternervensysteme, über einen kobaltblauen Schal, über Inszenierungen, monokulares Sehen und das Imperium Romanum, über elektrisch zuckende Kräfte, sieben Jahre und sieben Leben, Sofadämmerung, Katkanterei, Taschenlampen und den einer Fledermaus frech unterstellten fruchtlosen Versuch, sich mit einem Blauglockenbaum zu paaren.
Wie das so ist bei Anthologien: irgendwas findet man immer, das einem gefällt. Und dann ist dieses Bändchen ein bescheidenes Mitbringsel für jene, die schon alles über Katzen in ihren Regalen stehen haben und nicht aufhören können zu sammeln.
 
P.G.Wodehouse:
Mulliner schenkt ein. Aus dem Englischen von Thomas Schlachter. Zürich. Edition Epoca 2009, 235 S. EUR

In George Marshalls Western 'Destry Rides Again' kannte James Stewart passenderweise jedesmal dann einen Kerl, wenn er zur Illustrierung von irgendwas eine Geschichte aus seinem Cowboyhut zu ziehen gedachte. Mr. Mulliner stehen  – dank des fruchtbaren Schoßes seiner weiblichen Vorfahren – für den gleichen Zweck zahlreiche Neffen und Cousins, Cousinen und Töchtern von Cousinen zur Verfügung. Im Schankraum von 'Angler's Rest' macht er bei einem heißen Scotch mit Zitrone und nicht immer zum uneingeschränkten Vegnügen seiner Zuhörer (sehr wohl aber zu unserem) von diesen haufenweisen Verwandten gut und gern Gebrauch. Es geht in seinen Erzählungen immer mehr oder mindern ausschweifend um die Liebe, bei der safrangelbe Schuhe, eine gepfefferte Schrotladung in die Waden und die Fähigkeit, eine eierlegende Henne zu imitieren, keine unerhebliche Rolle spielen.
Wohlgewählte Worte, die von einem veritablen Gentleman in weißen Handschuhen (und womöglich mit stilgerecht abgespreiztem kleinen Finger) zu schnittigen Sätzen sortiert werden, mit deren Hilfe "was Wabbliges" in einer Schachtel Zeilen später als Schlange ein prächtiges Schlamassel anrichtet, um anschließend auf dem Silbertablett gereicht zu werden: welcher Leser könnte da anders, als sich höllisch amüsieren?
 
Henning Mankell:
Daisy Sisters. Aus dem Schwedischen von Heidrun Hoppe. Wien. Zsolnay 2009. 557 S. EUR 24,90

Schweden 1941, Elna ist siebzehn, wird vergewaltigt und schwanger, eine versuchte Abtreibung geht blutig schief, ihre Tochter bekommt den Namen Eivor. Schweden 1956, Eivor ist fünfzehn und wird vergewaltigt, schwanger wird sie erst vier Jahre später, von einem anderen, ihre Tochter heißt Linda (aber auch ihr Vergewaltiger taucht später wieder auf: und diesmal verschafft er ihr ein Kind). Schweden 1981, Linda ist zwanzig und schwanger, ganz ohne Vergewaltigung. Die Frauen des "gewöhnlichen Volkes", wie es einmal heißt, haben es zu keiner Zeit leicht. Jedesmal, wenn sie einen Anlauf nehmen und etwas ändern wollen an ihren Verhältnissen, wird ihnen von einem Mann eine Schwangerschaft aufgezwungen: und das war's dann mit der besseren Stelle oder dem Studieren. Das hat Methode und ist zum Wahnsinnigwerden. Doch es ist auch – Mankell ist ja nicht ungeschickt – anrührend und erschütternd und bewundernswert, wie sie mit dem Wenigen, das sie in der Hand haben, sowas wie ein Leben zusammenschustern. In dem es durchaus Augenblicke gibt, da stehen sie am Abgrund und starren verlangend in die Tiefe: aber sie springen nicht.
Jahre, Ereignisse: eine sommerliche Fahrradtour mit Purzelbäumen, die in einem Kuhfladen zum Stillstand kommen, der Mord an einem alten Mann, ein anderer alter Mann im Schnee, der sich mühsam zu Tode gesoffen hat, eine Katze unter dem Bett einer Nutte, eine Prügelei mit zwei barfüßigen Italienern, ein besuch bei einer alten Freundin in Malmö, ein toter Sperling im Rinnstein, "die eiskalte Blume der Demütigung" (es ist glücklicherweise der einzige Ausrutscher ins Lächerliche), Schläge auf einer Hoteltreppe in Madeira, abgerissenene Pornobilder im Essensraum einer Fabrik, ein betrunkener Mann, der mit einem Krebs winkt. Der Tonfall hat etwas Raffendes, Ruhiges, gleichmäßig wie Bahnhöfe an einem Zugfenster gleiten die Einzelheiten vorüber, man sitzt und schaut, und in der Landschaft wechseln nur die Gräser ihren Charakter. Und wenn das Buch zu Ende ist, ist es die Reise noch lange nicht.

 © 2009  Ingrid Mylo
 

powered by FreeFind

Links
Bücher-Charts l Verlage A-Z
Medien- & Literatur l Museen im Internet

Belletristik Romane, Erzählungen, Novellen
Blutige Ernte Krimis, Thriller & Agenten
SF & Fantasy Elfen, Orcs & fremde Welten
Sprechblasen Comics mit Niveau
Quellen Biographien, Briefe & Tagebücher
Geschichte Epochen, Menschen, Phänomene
Politik Theorie, Praxis & Debatten
Ideen Philosophie & Religion
Kunst
Ausstellungen, Bild- & Fotobände
Tonträger Hörbücher & O-Töne
Videos
Literatur in Bild & Ton
Literatur Live Veranstaltungskalender
Zeitkritik
Kommentare, Glossen & Essays
Autoren Porträts, Jahrestage & Nachrufe
Verlage Nachrichten, Geschichten & Klatsch
Film
Neu im Kino

Klassiker-Archiv
Übersicht
Shakespeare Heute
Shakespeare Stücke
Goethes Werther, Goethes Faust I,
Eckermann, Schiller, Schopenhauer,
Kant, von Knigge, Büchner, Mallarmé,
Marx, Nietzsche, Kafka, Schnitzler,
Kraus, Mühsam, Simmel, Tucholsky


Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik
Home
     Literatur     Blutige Ernte     Bilderbuch     Zeitkritik     Termine     Preisrätsel     Impressum     Mediadaten