Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

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Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

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Glanz&Elend -
Die Zeitschrift

Großformatige Broschur in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex.
176 Seiten, die es in sich haben:
»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Dazu exklusiv das interaktive Schauspiel »Dein Wille geschehe« von Christian Suhr & Herbert Debes

Andere Seiten
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek

Joe Bauers Flaneursalon
Gregor Keuschnig Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen
von Ingrid Mylo






Schüsse und keine

Jean-Christoph Grangé:
Choral des Todes. Aus dem Französischen von Thorsten Schmidt. Bergisch Gladbach. Ehrenwirt 2009. 571 S. EUR 19,99

Ein Armenier und ein Russe sitzen im Volvo: so könnte ein Witz beginnen. Kasdan und Volokine, die beiden Polizisten, die strenggenommen keine sind und mit gefälschtem Ausweis und gehorteten Waffen hinter das Gesetz einer bizarren Mordserie zu kommen trachten, sind alles andere als ein Witz. Dreiundsechzig und depressiv der eine, der andere knapp halb so alt und rauschgiftsüchtig: und beide zusätzlich im Griff ihrer Gespenster von gestern. Als hätten diese "Toten im Werden" nicht schon genug mit sich zu tun, müssen sie sich mit verrückten Wissenschaftlern, indoktrinierten Kindern und skrupellosen Geheimdiensten herumschlagen. Mit den Auswirkungen dessen, was unter der Diktatur Pinochets in Chile geschah. Und mit Hirnen, die vom Nazi-Wahn völlig zerfressen sind. Dazu kommen liebevolle Details wie ein Barotrauma, eine Stimmenphobie und Janovs Urschrei-Therapie. Der perfide Zusammenhang zwischen Folter und Musik. Die Schäfer-Expedition nach Tibet. Black Sites und das Symbol des vollkommenen Regens. Priester, die anhand von Beethovens Diabelli-Variationen eine Theorie über Serienmörder entwickelt haben.  
Erklärungen zur Palynologie, zum Akrostichon, zur Seyal-Akazie und zum "Sein im philosophischen Sinne". Ein kleiner Computer-Lehrgang über die Unmöglichkeit, das aus der Welt zu schaffen, was einmal den Weg auf die Festplatte gefunden hat.
Was man außerdem erfährt, in diesem Thriller, ist, daß die besten Hacker in Deutschland sitzen und die besten Folterer in Frankreich: kein Zweifel, Europa hat was zu bieten. Unter anderem den Autor Grangé, der aus seiner heiligen Abscheu gegen die Auswüchse von Ideologien und Staaten keinen Hehl macht: sondern einen spannungsgeladenen Schmöker um Ritual und Rache.

Annette Pehnt:
Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muß  gar nicht lange dauern. Erzählungen. München. Piper 2010. 186 S. EUR 16,95
 
"Aus Worten entsteht manchmal ein Weg"; ja, aber manchmal auch nicht, und manchmal führt der Weg nirgendwohin. Führt an Gestrüpp vorbei, an Gerümpel. Assoziationen und Ablenkungen, sortiert zwar, in Rhythmus gebracht, aber mit Brachland durchsetzt, mit Banalitäten und Nichtigkeiten. (Wobei nicht das, was geschieht, banal ist: sondern die Art, wie Pehnt es halt so schildert). Eine Mutter stirbt, ein Sohn wird geboren, und in der letzten Geschichte hängen einer Frau die Unterhosen um die Füße, während ihr Bauch sich gleichzeitig über den Saum der Unterhose wölbt: und man fragt sich, wie groß diese Unterhose sein muß, um dieses Kunststück fertigzukriegen (und dieser Witz fällt einem ein, über den Unterschied einer Damenunterhose von 1920 und einer von heute: mit der von damals, heißt es, konnte man noch ein ganzes Fahrrad putzen: so eine, in etwa, muß das wohl sein).
Das gleichmäßige An- und Abschwellen der Sätze stellt einen bestimmten Ton her, irgendwo zwischen Brummen und Rauschen, "es könnte das Meer sein", nein, das mit Sicherheit nicht, eher der Staubsauger, der in der Wohnung nebenan läuft: aber dieses Geräusch mag ja für manche etwas sehr Beruhigendes haben. Man kann mit diesen Erzählungen leben: Tiefenschärfe und Klarheit, wie es der Schutzumschlag ankündigt, haben sie nicht. Man kann, wie man sieht,  auch irregeführt werden, das geht manchmal ganz schnell.

Samanta Schweblin:
Die Wahrheit über die Zukunft. Erzählungen. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Berlin. Suhrkamp 2010. 130 S. EUR 19,80

Der Zeitpunkt ist nicht günstig für Teresitas Ankunft in der Welt: doch anstatt sie ganz pragmatisch abzutreiben oder ethisch sauber auszutragen, unterwirft sich ihre werdende Mutter einer ärztlichen Kur aus Atemübungen und strengen Verhaltensregeln und würgt am Ende das mandelgroße Wesen in ein Konservierungsglas - für später. 'Konserven' ist eine der 14 Erzählungen, in denen die Menschen auffallend oft von Depressionen befallen sind: weil sie, wie es einmal heißt, den Glauben an die Dinge verloren haben? Graben sie deshalb Gänge in die Erde: auf der Suche nach einem Ausweg? Verspeisen sie darum lebendige Vögel mit Haut und Federn, oder schlagen die Köpfe von Klassenkameraden auf dem Asphalt blutig, oder jagen mit Taschenlampen und Netzen ein ominöses für sie bestimmtes 'Es' in der nächtlichen Steppe?
Mit zwei, drei raschen Sätzen bricht die Wildnis in Schweblins Geschichten, das Unheimliche, und bringt die Vorstellung des Lesers in Unordnung. Das geschieht ganz direkt und naiv, als wären Kinder am Erzählen. Und wie bei Kindern, die mit allen Möglichkeiten rechnen, hat das Phantastische einen undramatischen, natürlichen Klang. Manchmal sind es nur Andeutungen, atmosphärischen Störungen gleich: ein Rauschen, das man vernimmt, eine Unschärfe im Blick. Als sei etwas gerade dabei zu entstehen: und man ist sich nicht sicher, ob man abwarten und zusehen soll, oder ob man besser die Beine in die Hand nimmt und rennt.

Matthias Harder (Hg & Vorwort):
Flowerpower. Blumen in der zeitgenössischen Fotografie. Köln. DuMont 2010. 196 S. EUR 29,95

Wir können, mit unseren beschränkten Sinne, die Zeit nur als Abfolge wahrnehmen: eine Minuten nach der anderen, nicht alle auf einmal. Erst sehen wir eine Blumen knospen, dann blühen, dann sehen wir sie verwelkt. Diese Beschränkung hat der Fotograf Michael Wesely in seinen Langzeitbelichtungen (die meist eine Spanne von sieben Tagen umfassen) aufgehoben: seine Tulpensträuße sind beides gleichzeitig, voll in Blüte und abgestorben. Tausende von Augenblicken übereinandergeschichtet, in einem einzigen Bild: das geht über die bloße Veranschaulichung von Vergänglichkeit hinaus, das hebt den Vorgang des Vergehens selbst ins Sichtbare. Und kommt einer fotografischen Abhandlung über die Zeit gleich.
Michael Wesely ist einer von 34 Fotografen, die in diesem phantastischen Bildband mit Blumen zaubern, jonglieren, experimentieren. Blumen, wohin man blättert: und immer werden dabei auch Themen wie Liebe, Tod, Schönheit, Gewalt und Sexualität ins Auge gefaßt. Ein anderer in diesem Reigen ganz unterschiedlicher sinnlicher Exzesse ist Martin Klimas. Auf seinen Fotos zersplittern - von einer Kugel getroffen - hellfarbene Vasen, Wasser spritzt, vermischt mit den Glasscherben, durch die Gegend, während die Blumen gerade noch stehen: es ist der Sekundenbruchteil vor ihrem zwangsläufigen Fall. Das Fotografenduo, das sich loulex nennt, erweitert den Radius, zeigt auf den Polaroids die Unordnung überladener Schreibtische mit Plattenspieler und Strauß: wie die betont kunstlos hingeworfene Zeile eines Gelegenheitsgedichtes aus den sechziger Jahren. Mika Ninagawa hat ihre Serie 'Acid Bloom' wie Drogenerlebnisse in Szene gesetzt: buntes Halluzinieren oder auch wie ein Blick hoch in den Nachthimmel, in dem Sterne von zartestem Rosa explodieren und herabregnen. Die Fotogramme von Hans Hansen wirken wie Beschwörungen: als hätte er nicht eine reale Clematis abgelichtet sondern deren Geist. Dagegen die Rosen bei Thomas Florschütz: bildfüllend nah, wollüstig aufgeblättert, man möchte sofort darin wühlen. Am Ende dann Gerhard Kassner mit seinen 'Fleurs des Morts': Porzellanrosen, Stofflilien, blühender Grabschmuck aus Plastik und Papier: wenn die Menschen tot sind, dürfen die Blumen ruhig künstlich sein.
© 2009  Ingrid Mylo
 

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