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Ingrid Mylo
Das Treppenhaus und andere Landschaften
Das Arsenal
88 Seiten
€ 9,90
ISBN3 93110929 1


Ein melancholisches Mosaik

Wenn ich Texte von Ingrid Mylo lese, muß ich an Dorothy Parker denken und an Robert Walser. Wie er ist Frau Mylo eine manische Mikrographin. Sie ist wahrscheinlich die einzige Autorin auf der Welt, die eine komplette Geschichte handschriftlich auf einer Briefmarke unterbringen kann. Und man muß sich vor ihr in acht nehmen, denn sie kann gleichzeitig schreiben und zuhören. Während ihre Tischgenossen über ein Thema debattieren, sitzt sie vor ihrem Heft und feilt, scheinbar abwesend, mit dünnem Stift an ihren Miniaturen oder Dialogen, um plötzlich unvermittelt den Kopf hochzuwerfen, und einem Mitglied der lästerhaften Runde mit einem gefährlichen Blincken in den Augen einen Satz um die Ohren zu zischen, der von Timing und Inhalt keine Sekunde früher oder später hätte kommen können.
Ihr Metier ist die literarische Miniatur, knappe Skizzen, Momentaufnahmen, kleine präzise Radierungen von kalter Nadel. Knapp 60 davon finden sich in ihrem Buch »Das Treppenhaus und andere Landschaften«. Sie erzählt darin von obskuren Lebensformen, verschollenen und überlebenden. Von trügerischen Idyllen. Vom Staub auf den Zimmerpflanzen in einer fremden Wohnung. Von Toiletten in London, Pissoirs in Paris, Kneipen, Bars und Antiquariaten. Sie streift durch Landschaften, Orte und damit verbundene Gemütszustände. Mit einem Schreibheft als Botanisiertrommel fängt sie auf ihren Exkursionen ein, was oberflächlicher Aufmerksamkeit entgeht, fixiert Flüchtigkeiten zu Sinnbildern. Diese filigranen Einzelteile fügen sich dann im Buch zu einem poetischen Mosaik, zu einem grandiosen Landschaftsbilderbuch, in dem es sich wunderbar herumstreunen läßt. Herbert Debes

Leseprobe

Unter ziehenden Himmeln
In Ländern mit rasch wechselnden Himmeln verliert man leicht den Boden unter den Füßen. Ohne sich einen Millimeter von der Stelle zu bewegen, durcheilt man tausend Landschaften, und tausendmal ändert sich die Stimmung. Wolken ziehen an den Bäumen und ziehen die Schatten unter ihnen hervor und verstreuen sie in der ganzen Gegend. Licht schlägt wie ein zorniger Zauberspruch zwischen die tanzenden Formen und bannt sie, als hätte Prospero sein »There stand for thou art spellbound!« gedonnert, und setzt schneidende Grenzen. Grenzen, die beim nächsten Windstoß wieder auseinanderstieben wie eine Herde erschreckter Gedanken. Das baut sich auf und verfliegt, wispert und wütet, verspricht Märchen und jagt Mitternacht durch die Adern. Eine Raffung der Oberflächen, eine Vertiefung des Blaus: und man stürzt in Schluchten der Unruhe, wo man eben noch selbstvergessen auf hellen Inselwinden schwebte. Die Zeit mischt Stunden und Tage wie Karten in einem Spiel und teilt sie wahllos aus, ungeordnet, voller Gleichmut und Zufall.
                                                                       

 


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