Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

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Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

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Glanz&Elend -
Die Zeitschrift

Großformatige Broschur in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex.
176 Seiten, die es in sich haben:
»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Dazu exklusiv das interaktive Schauspiel »Dein Wille geschehe« von Christian Suhr & Herbert Debes

Andere Seiten
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek

Joe Bauers Flaneursalon
Gregor Keuschnig Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen
von Ingrid Mylo






Leerstellen im All

Henning Mankell:
Der Feind im Schatten.
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt.
Wien. Zsolnay 2010. 591 S. EUR 26,00


Es deutet sich an in Form von Schatten und Leerstellen im Hirn: und für einen, der seine Arbeit vor allem denkend verrichtet, müssen diese unwägbaren Geistesabwesenheiten etwas zutiefst Bedrohliches haben. Die Gefährdung seiner Existenz. Kein Wunder, daß Wallander an den Tod denkt. "Jeden Morgen", heißt es auf Seite 302, "sah er ihn im Spiegel." Vierundzwanzig Seiten später wird Wallander krank, ganz plötzlich, gegen fünf Uhr am Nachmittag. Erholt sich wieder, verliert jedoch nach weiteren siebenunddreißig Seiten eine Plombe aus seinem Zahn: auch das geschieht "plötzlich". Der Zerfall schreitet fort, Wallander löst sich in seine Bestandteile auf. Und löst dabei noch den Fall um den verschwundenen Korvettenkapitän, den letzten, den Henning Mankell ihm zugedacht hat. Mit den letzten Sätzen vor dem Nachwort (er schreibe, erklärt Mankell darin, "damit die Welt auf die eine oder andere Weise begreiflicher wird") entzieht der Autor seine Figur ein für allemal den Blicken des süchtigen Publikums: "die Jahre, die er noch zu leben hat", wird Wallander – mit Alzheimer geschlagen, gesegnet – fern der Öffentlichkeit zubringen. Jenseits der Fiktion bedruckter Seiten. Das klingt, als gäbe es ihn tatsächlich. Bemerkenswert oft (und in dieser schönen Häufung kenn ich das nur aus den Kriminalromanen von Georges Simenon) kommt in Wallanders Schwanengesang die Elf vor:
"Um elf Uhr war sie nach Hause zurückgekehrt, nachdem sie seine Route abgegangen war." (S. 77)
"Es war der elfte Mai, und in Stockholm regnete es in Strömen." (S. 135)
""Elf Grad", sagte er, als er zu Nordlander zurückkam, der das Essen auspackte." (S. 198)
"Gegen elf Uhr begann Mona, von den Kränkungen vergangener Tage zu reden." (S. 256)
"Um elf Uhr fuhr Wallander Sten Nordlander zurück zum Flugplatz Sturup." (S. 268)
"Es war elf Uhr, als Wallander von zu Hause fortfuhr." (S. 351)
"Es war erst elf Uhr, als er von neuem die Herdplatten kontrollierte und das haus verschloss." (S. 406)
"Gegen elf Uhr näherten sie sich dem Ziel." (S. 555)

 
Susan Sontag:
Wiedergeboren.
Tagebücher 1947 - 1963. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. München. Hanser 2010. 383 S. EUR 24,90

Warum schreiben Schriftsteller, zusätzlich zu den Büchern, die sie eh schon schreiben, auch noch Tagebücher? Warum liest man sie? Hat man an ihren Gedichten, Geschichten, Romanen, Essays nicht genug, muß man sie auch noch privat am Wickel kriegen? Ist das überhaupt möglich? Nicht, wenn die Eintragungen, wie bei Rilke, bis in die Haarspitzen ausformuliert sind, wenn das Direkte, Unmittelbare im Hinblick auf etwaige Leser so lange bearbeitet wird, bis es sich nicht mehr von einer Stelle in einem literarischen Werk unterscheidet (bei Rilke gibt es Passagen in Briefen an Freunde, die später mit kaum spürbaren Abweichungen in seinem Roman auftauchen): dann sind die Vorhänge zu, das ganz Private ist durch den Stil geschützt. Susan Sontag hingegen benutzt das Tagebuch wie einen Spiegel, in dem sie sich kritisch beäugt, als Auseinandersetzung mit sich selbst, als Anfeuerung, Aufforderung, Abrechnung. Rigoros, unbarmherzig. Sie hat nur sich im Kopf, nicht den, der das Hingehauene vielleicht lesen könnte: da muß sie sich um Verständlichkeit nicht kümmern. Sie weiß, was sie meint, wenn sie kurz und bruchstückhaft festhält "...Selbst-Strategien" oder "Palm Springs. Die Frage nach Gott." oder "ouverte, aimable, spontanée". Auch wenn sie am 31. 12. 1957 notiert, der "(soziale)" Zweck eines Tagebuchs bestehe zum großen Teil darin, "heimlich von anderen Leuten gelesen zu werden" – womit sie allerdings nicht die Öffentlichkeit meint sondern diejenigen, die das Geschriebene persönlich betrifft: das Tagebuch als Ersatz für den mangelnden Mut, den Leuten die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. "Grausame Ehrlichkeit" bleibt den intimen Aufzeichnungen vorbehalten, die nicht für die Augen anderer bestimmt sind und doch in der Hoffnung niedergelegt werden, diese anderen mögen einen Blick riskieren. Sie werden schon sehen.

 
Stig Dagerman: Schwedische Hochzeitsnacht.
Aus dem Schwedischen von Herbert G. Hegedo.
Frankfurt. Eichborn (AB 304) 2010. 282 S. EUR 32,00


"Wer Angst hat, ist für jedermann ein Fremder", heißt es in dem Roman einmal, ein andermal: "Wer Angst hat, ist immer allein." Es sind die Jahre nach dem II. Weltkrieg: da steckt die Angst fast jedem in den Knochen. (Und bringt einen Vagabunden dazu, Dreschmaschinen zu lieben, mehr als irgend etwas sonst auf der Welt: mehr als Tiere, mehr als Menschen sowieso). Auch die Bewohner des schwedischen Dorfes Fuxe schlagen sich mit ihren Ängsten herum. Sie haben Angst vor ganz unterschiedlichen Dingen: vor Schatten, vor großen Spinnen, vor allem, was knallt, vor Armut. Und, natürlich, vor ungewollten Schwangerschaften. Damals kriegten die Frauen noch Kinder, wenn sie in den Hafer gingen mit einem Mann: auch wenn sie den dann nicht kriegten und einen anderen an seiner Stelle nehmen mußten. Wie Hildur, die Bauerntochter, die ihren Martin verschmäht, weil seine Aussichten arg zu wünschen übriglassen: da angelt sie sich lieber Westlund, den reicheren und viel älteren Schlachter, der zwar das Bett voller Gespielinnen hat, aber den Mund auch voller Goldplomben. Am 18. Juli, dem Tag ihrer Hochzeit, läßt Stig Dagerman sie alle zu Wort kommen: die Braut, den Bräutigam, die Familienmitglieder, die mehr oder minder beteiligten Dorfbewohner, die Vagabunden, die sich in Fuxe herumtreiben. Im Fortschreiten der ineinander verschachtelten Monologe brechen alte Feindschaften auf, alte Lieben werden behutsam aus dem Seidenpapier der Erinnerung gewickelt, alter Hass brodelt, und am Ende wird einer fast totgeprügelt und ein anderer hängt in der Scheune: "Und die Hochzeitsnacht geht vorbei."
So wüst, so virtuos, so phantastisch, so komisch auch, hat selten jemand über Angst geschrieben. Ein Reigen von Stimmen, die vor Sehnsucht und Verzweiflung heulen und flüstern und rauschen wie die Chöre von Pendereckis Oratorium 'Die Grablegung Christi'. Doch so düster Dagermans letzter Roman auch daherkommt, so bunt leuchten die einzelnen Sätze in ihm: ausgerissene Fetzen expressionistischer Gedichte, mit rasender Wucht in den Nachthimmel geschleudert. Und man starrt gebannt nach oben und schaut dem schillernden Spektakel zu wie einem seltenen Naturwunder.


Jeffrey Deaver:
Allwissend.
Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild.
München. Blanvalet  2010. 543 S. EUR 21,95

Man kann, wie es so oft - und meist sinnlos - getan wird, ganz nüchtern und handfest vor den Gefahren des Internets warnen. Vor seinen schier grenzenlosen Möglichkeiten der Manipulation und des Mißbrauchs, die jedem x-beliebigen per Tastendruck oder Mausklick an die Hand gegeben werden. Man kann aber auch, wie Jeffrey Deaver, einen Kriminalroman schreiben, in dem er äußerst wirkungsvoll ein paar dieser Möglichkeiten durchspielt. Beispielsweise: gezielt gesetzte Gerüchte, die, bloß weil ein Blog sie verkündet, blind geglaubt werden wie das Wort Gottes: und plötzlich wird ein Unschuldiger als Mörder gejagt. Menschen verschwinden, Ermittler werden in Mißkredit gebracht, und wie immer bei Deaver ist der, der der Böse zu sein scheint, nicht der, der der Böse ist.
Der deutsche Titel 'Allwissend' zielt ebenso direkt wie allgemein ins Zentrum des Themas, die 'Roadside Crosses' des englischen Originals dagegen sind als makaberen Markierungen Bestandteil eines jener geschickten Ablenkungsmanöver, die Deaver dutzendweise aus der Schreibtischschublade zieht. Oder aus dem virtuellen Vorratsspeicher.
Nach der Lektüre dieses Romans werden zumindest ein paar der Leser den Ratschlag beherzigen, der einst - in etwas anderer Form - an diversen Schultafeln prangte: Vor Inbetriebnahme des Computers das Hirn einschalten.

© 2010  Ingrid Mylo
 

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