Was von Büchern bleibt: Journal
der Augenblicke Alf Mayer
über Ingrid
Mylos
neue Textsammlung »Männer in Wintermänteln« »Eine Schatulle voller
Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller
Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal
sogar ein Regenbogen.«
Henning
Mankell: Der Feind im Schatten.
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt.
Wien. Zsolnay 2010. 591 S. EUR 26,00
Es deutet sich an in Form von Schatten und Leerstellen im Hirn: und für
einen, der seine Arbeit vor allem denkend verrichtet, müssen diese
unwägbaren Geistesabwesenheiten etwas zutiefst Bedrohliches haben. Die
Gefährdung seiner Existenz. Kein Wunder, daß Wallander an den Tod denkt.
"Jeden Morgen", heißt es auf Seite 302, "sah er ihn im Spiegel."
Vierundzwanzig Seiten später wird Wallander krank, ganz plötzlich, gegen
fünf Uhr am Nachmittag. Erholt sich wieder, verliert jedoch nach
weiteren siebenunddreißig Seiten eine Plombe aus seinem Zahn: auch das
geschieht "plötzlich". Der Zerfall schreitet fort, Wallander löst sich
in seine Bestandteile auf. Und löst dabei noch den Fall um den
verschwundenen Korvettenkapitän, den letzten, den Henning Mankell ihm
zugedacht hat. Mit den letzten Sätzen vor dem Nachwort (er schreibe,
erklärt Mankell darin, "damit die Welt auf die eine oder andere Weise
begreiflicher wird") entzieht der Autor seine Figur ein für allemal den
Blicken des süchtigen Publikums: "die Jahre, die er noch zu leben hat",
wird Wallander – mit Alzheimer geschlagen, gesegnet – fern der
Öffentlichkeit zubringen. Jenseits der Fiktion bedruckter Seiten. Das
klingt, als gäbe es ihn tatsächlich. Bemerkenswert oft (und in dieser
schönen Häufung kenn ich das nur aus den Kriminalromanen von Georges
Simenon) kommt in Wallanders Schwanengesang die Elf vor:
"Um elf Uhr war sie nach Hause zurückgekehrt, nachdem sie seine Route
abgegangen war." (S. 77)
"Es war der elfte Mai, und in Stockholm regnete es in Strömen." (S. 135)
""Elf Grad", sagte er, als er zu Nordlander zurückkam, der das Essen
auspackte." (S. 198)
"Gegen elf Uhr begann Mona, von den Kränkungen vergangener Tage zu
reden." (S. 256)
"Um elf Uhr fuhr Wallander Sten Nordlander zurück zum Flugplatz Sturup."
(S. 268)
"Es war elf Uhr, als Wallander von zu Hause fortfuhr." (S. 351)
"Es war erst elf Uhr, als er von neuem die Herdplatten kontrollierte und
das haus verschloss." (S. 406)
"Gegen elf Uhr näherten sie sich dem Ziel." (S. 555)
Susan
Sontag: Wiedergeboren.
Tagebücher 1947 - 1963. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. München.
Hanser 2010. 383 S. EUR 24,90
Warum schreiben Schriftsteller, zusätzlich zu den Büchern, die sie eh
schon schreiben, auch noch Tagebücher? Warum liest man sie? Hat man an
ihren Gedichten, Geschichten, Romanen, Essays nicht genug, muß man sie
auch noch privat am Wickel kriegen? Ist das überhaupt möglich? Nicht,
wenn die Eintragungen, wie bei Rilke, bis in die Haarspitzen
ausformuliert sind, wenn das Direkte, Unmittelbare im Hinblick auf
etwaige Leser so lange bearbeitet wird, bis es sich nicht mehr von einer
Stelle in einem literarischen Werk unterscheidet (bei Rilke gibt es
Passagen in Briefen an Freunde, die später mit kaum spürbaren
Abweichungen in seinem Roman auftauchen): dann sind die Vorhänge zu, das
ganz Private ist durch den Stil geschützt. Susan Sontag hingegen benutzt
das Tagebuch wie einen Spiegel, in dem sie sich kritisch beäugt, als
Auseinandersetzung mit sich selbst, als Anfeuerung, Aufforderung,
Abrechnung. Rigoros, unbarmherzig. Sie hat nur sich im Kopf, nicht den,
der das Hingehauene vielleicht lesen könnte: da muß sie sich um
Verständlichkeit nicht kümmern. Sie weiß, was sie meint, wenn sie kurz
und bruchstückhaft festhält "...Selbst-Strategien" oder "Palm Springs.
Die Frage nach Gott." oder "ouverte, aimable, spontanée". Auch wenn sie
am 31. 12. 1957 notiert, der "(soziale)" Zweck eines Tagebuchs bestehe
zum großen Teil darin, "heimlich von anderen Leuten gelesen zu werden" –
womit sie allerdings nicht die Öffentlichkeit meint sondern diejenigen,
die das Geschriebene persönlich betrifft: das Tagebuch als Ersatz für
den mangelnden Mut, den Leuten die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.
"Grausame Ehrlichkeit" bleibt den intimen Aufzeichnungen vorbehalten,
die nicht für die Augen anderer bestimmt sind und doch in der Hoffnung
niedergelegt werden, diese anderen mögen einen Blick riskieren. Sie
werden schon sehen.
Stig
Dagerman: Schwedische Hochzeitsnacht.
Aus dem Schwedischen von Herbert G. Hegedo.
Frankfurt. Eichborn (AB 304) 2010. 282 S. EUR 32,00
"Wer Angst hat, ist für jedermann ein Fremder", heißt es in dem Roman
einmal, ein andermal: "Wer Angst hat, ist immer allein." Es sind die
Jahre nach dem II. Weltkrieg: da steckt die Angst fast jedem in den
Knochen. (Und bringt einen Vagabunden dazu, Dreschmaschinen zu lieben,
mehr als irgend etwas sonst auf der Welt: mehr als Tiere, mehr als
Menschen sowieso). Auch die Bewohner des schwedischen Dorfes Fuxe
schlagen sich mit ihren Ängsten herum. Sie haben Angst vor ganz
unterschiedlichen Dingen: vor Schatten, vor großen Spinnen, vor allem,
was knallt, vor Armut. Und, natürlich, vor ungewollten
Schwangerschaften. Damals kriegten die Frauen noch Kinder, wenn sie in
den Hafer gingen mit einem Mann: auch wenn sie den dann nicht kriegten
und einen anderen an seiner Stelle nehmen mußten. Wie Hildur, die
Bauerntochter, die ihren Martin verschmäht, weil seine Aussichten arg zu
wünschen übriglassen: da angelt sie sich lieber Westlund, den reicheren
und viel älteren Schlachter, der zwar das Bett voller Gespielinnen hat,
aber den Mund auch voller Goldplomben. Am 18. Juli, dem Tag ihrer
Hochzeit, läßt Stig Dagerman sie alle zu Wort kommen: die Braut, den
Bräutigam, die Familienmitglieder, die mehr oder minder beteiligten
Dorfbewohner, die Vagabunden, die sich in Fuxe herumtreiben. Im
Fortschreiten der ineinander verschachtelten Monologe brechen alte
Feindschaften auf, alte Lieben werden behutsam aus dem Seidenpapier der
Erinnerung gewickelt, alter Hass brodelt, und am Ende wird einer fast
totgeprügelt und ein anderer hängt in der Scheune: "Und die
Hochzeitsnacht geht vorbei."
So wüst, so virtuos, so phantastisch, so komisch auch, hat selten jemand
über Angst geschrieben. Ein Reigen von Stimmen, die vor Sehnsucht und
Verzweiflung heulen und flüstern und rauschen wie die Chöre von
Pendereckis Oratorium 'Die Grablegung Christi'. Doch so düster Dagermans
letzter Roman auch daherkommt, so bunt leuchten die einzelnen Sätze in
ihm: ausgerissene Fetzen expressionistischer Gedichte, mit rasender
Wucht in den Nachthimmel geschleudert. Und man starrt gebannt nach oben
und schaut dem schillernden Spektakel zu wie einem seltenen Naturwunder.
Jeffrey
Deaver:
Allwissend. Aus dem
Amerikanischen von Thomas Haufschild.
München. Blanvalet 2010. 543 S. EUR 21,95