Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

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Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.




Andere Seiten
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek

Joe Bauers Flaneursalon
Gregor Keuschnig Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen LV
von Ingrid Mylo



Die Entzifferung der Empfindungen

Katherine Mansfield:
Rosabels Tagtraum.
Erzählungen. Aus dem Englischen von Ruth Schirmer.
Zürich. Manesse 2009. 365 S. EUR 19, 90


Der Chef einer Firma fischt eine ums Leben zappelnde Fliege aus seinem Tintenfaß, tupft sie aufs Löschblatt und beobachtet fasziniert, wie säuberlich sie sich von der klebrigen Flüssigkeit befreit. Das gefällt ihm, das will er nochmal sehen: er läßt einen Tintentropfen auf sie fallen. Und, nachdem sie sich mühsam aus ihm herausgearbeitet hat, gleich noch einen. Wieder macht sie sich ans Werk. Aus Bewunderung für den Kampfgeist des "tapferen kleinen Teufels" beschließt er, es mit dem nächsten Tropfen gut sein zu lassen. Die Fliege bleibt tot in darin liegen. Und ihr Peiniger, völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, hat vergessen, daß er eigentlich um den Tod seines Sohnes weinen wollte.
Im Schatten der kleinen Gesten, die Katherine Mansfield in ihren Erzählungen so überaus sinnfällig beschreibt, verbirgt sich eine Vielzahl von Gefühlen und Geschichten. Mansfield arbeitet mit feinsten Schattierungen: an ihrer poetischen Genauigkeit sind nahezu alle deutschen Übersetzungen gescheitert. Einzig Ruth Schirmer hat es verstanden, das Ziselierte und das Bösartige, das Ausdrucksstarke und das Melodiöse des Originals so nachzuempfinden, daß man das Gefühl hat, wirklich Mansfield zu lesen. Auch auf Deutsch.

Hazel Rosenstrauch:
Wahlverwandt und ebenbürtig.
Caroline und Wilhelm von Humboldt.
Frankfurt. Eichborn (Die Andere Bibliothek) 2009. 335 S. EUR 30,00


"Verstellung, Tücke, Argwohn, Betrug": Wilhelm von Humboldt hatte eine hübsche Meinung von sich. Oder wollte, daß andere sie haben. Wenn einer sich selbst der Täuschung bezichtigt: wie schwer muß es da sein, hinter dem Spektakel aus Ablenkungsmanövern und falschen Fährten die echte Person zu erkennen. Welche seiner Aussagen ist wahr, welche Selbstinszenierung? Was ist zudem, seit seinem Tod, an Mythenbildung betrieben worden, wie viele Zerrbilder, wie viele Unterschlagungen haben Humboldt am Zeug geflickt? Aus einem Dickicht von Aufzeichnungen, Berichten, Stellungnahmen und Spekulationen hat Hazel Rosenstrauch mit unendlicher Sorgfalt das Sinnfällige geklaubt, das Stimmige und das Widersprüchliche, und es so erhellend zueinander in Beziehung gesetzt, daß wir uns nicht nur eine Vorstellung von Wilhelm von Humboldt machen können, sondern auch - zum erstenmal - von seiner Frau Caroline, von ihrer Ehe, von der Zeit, in der sie gelebt und gewirkt haben.
Auf den letzten Zeilen, wie eine Signatur der Künstlerin dieses umfassenden Werks (in dem selbst dem Bedeutungswandel von Worten Rechnung getragen wird und so schöne Ausdrücke wie 'Ehrpusseligkeit' fallen), "blüht ein Rosenstrauch" auf dem Friedhof in Rom, wo zwei Gräber der Familie Humboldt zu finden sind.

Charles Chadwick:
Eine zufällige Begegnung. Aus dem Englischen von Klaus Berr.
München. Luchterhand 2009. 207 S. EUR 17,95


"In einem schönen Garten", sagt Elsie, "ist es egal, wie man aussieht." Elsie geht gern in Gärten spazieren, bei jeder Gelegenheit und in jeder Gegend. Mit gutem Grund: sie ist häßlich. So häßlich, daß die Leute angewidert vor ihr zurückweichen. So häßlich, daß sie nur Jobs bekommt, bei denen ihr Aussehen keine Rolle spielt: sie säubert die Toiletten in einem Krankenhaus. Bis sie einen entlassenen Mörder trifft: und aus der zufälligen Begegnung entwickelt sich eine verquere Romanze, behelfsmäßig, vorübergehend. Arbeit und Schachspiel und Fisherman's Pie in einem abgelegenen Cottage, das Meer in der Nähe. Als sich ihre Wege wieder trennen, bleibt, im Garten verscharrt, ein Toter zurück.
Charles Chadwick greift, der kruden Fakten zum Trotz, klugerweise nicht zu kräftigen Farben: unaufwendig, ohne Nachdruck setzt er die Worte. Er hat eine Aquarellzeichnung angefertig, pastellfarben und mit viel Wasser: und so schwebt Elsies Geschichte leicht wie eine Luftspiegelung im Raum.

Suzy Becker:
Nicht ohne meine Katze! Deutsch von Dietmar Bittrich.
Hamburg. Hoffmann & Campe 2008. 144 S. EUR 9,95

Wenn sie Hundebücher geschenkt bekommt, könnte sie kotzen. Wenn sie auf den Arm genommen wird, zeigt sie Anzeichen von Widerbosrtigkeit. Und wenn sie ein gutes Vorbild braucht, begnügt sie sich mit einem zufriedenen Blick in den Spiegel. Beckers Katze hat ihre eigene Vorstellung davon, wie die Sache zu laufen hat. Weiß, mit rotem Halsband, vibrierendem Schnurrhaar und launigen Kommentaren wirbelt sie durch die Wohnung und nutzt jede Möglichkeit, ein bißchen kreatives Leben ins wohlgeordnete Dasein zu bringen. Eine wilde Verwandlungskünstlerin, die sich der Blumenerde ebenso hingebungsvoll widmet wie der Badematte, und die dem Goldfisch im Glas nur deshalb den Hintern zukehrt, weil sie den Vogel im Käfig zum höheren Ziel erkoren hat.
Es gab mal ein Buch, und später dann den Film dazu (oder umgekehrt), mit dem unsäglichen Titel 'Nicht ohne meine Tochter': ein Antiquar in Berlin spuckt Gift und Galle, jedesmal, wenn er diesen "Betroffenheitskitsch" in seinen Ankäufen entdeckt, es ist eins der ganz wenigen Bücher, die er umgehend mit spitzen Fingern entsorgt. Man kann nur hoffen, daß die deutsche Ausgabe von 'All I Need to Know I Learned from My Cat (and then some)', die dummerweise unter sehr ähnlicher Flagge segelt, nicht dasselbe Schicksal erleidet.

Irvine Welsh:
Dann lieber gleich arbeiten.
Aus dem Englischen von C. Drechsler und H. Hellmann.
Köln. Kiepenheuer & Witsch 2009. 383 S. EUR 9,95

Drogen im Hirn, Wüste, wohin man sieht, ein Sandsturm, ein Unfall. Und nachts im Zelt erweist sich, was Eugene halb weggetreten für die kühne Liebkosung seiner Begleiterin gehalten hat, als der sich windende Leib einer Schlange, die ihre Zähne in seine aufgeregten Weichteile schlägt. Harter Tobak und längst nicht genug: bei Irvine Welsh geht es immer noch eine Nummer abgedrehter. Ein koreanischer Koch, der - nachdem eine Frau verschwunden ist - ihren Freundinnen ein "sehr spezielles Gericht" serviert. Eine ehemalige Miss Arizona, die die Kunst der Konversation kaum, die der Konservierung hingegen bestens beherrscht. Ein Motorradfahrer, der seinen Kopf verliert.
Die fünf Erzählungen sind Höhenflüge schräger Einfälle, abgefaßt in einer Sprache, die einen Arsch frohgemut und deutlich einen Arsch nennt, während sie mit Perlen und Pflaumen meist etwas anderes meint als das, was man gemeinhin darunter versteht. Und irgendwie kriegt der schottische Autor es hin, daß die extremen Situationen dieses so "scheißkomplizierten" Lebens ganz souverän und natürlich über die Bühne gehen.
 
© 2009  Ingrid Mylo
 

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