Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

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Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.




Andere Seiten
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek

Joe Bauers Flaneursalon
Gregor Keuschnig Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen
von Ingrid Mylo


Das Leben als Katze und Kran


Jörg Zittlau

Matt und elend lag er da.
Berühmte Kranke und ihre  schlechten Ärzte. Berlin. Ullstein 2009. 223 S. EUR 14,90

Kolibakterien gegen ein Hautekzem als Folge von Verdauungsstörungen, eine Kombination aus Atropin und Strychnin ('Dr. Kösters Antigaspillen') gegen Blähungen, Kokainlösung gegen Kopfschmerzen und blutende Gehörgänge, eine Mischung aus hochdosierter Glukose und dem Amphetamin Pervetin (die sogenannte 'Stuka-Tablette') zum Aufputschen, Barbiturate gegen Schlaflosigkeit und Hyperaktivität, Coramin gegen Leistungsabfall, Neo-Ballistol (ein Öl zum Reinigen von Pistolen) gegen Verstopfung, Testosteron und 'Homberg 680' gegen Erschöpfungszustände, ein tierisches Extrakt aus Samenbläschen und Prostatagewebe gegen Depressionen: in seinen letzten Jahren nahm Adolf Hitler täglich 28 Pillen zu sich, dazu kamen diverse Spritzen, Nasenpinselungen, Augentropfen und Inhalationen. Sein Körper war eine einzige Müllhalde ärztlich verordneter Pharmaprodukte, sein Denken von Drogen deformiert: wer weiß schon, zu welchen zusätzlichen Verzerrungen seiner ohnehin maroden Persönlichkeit dieser Mißbrauch von Medikamenten am Ende geführt hat.
'Antigaspillen für den Führer' ist nur einer der zwanzig überaus interessanten Fälle, bei denen es um berühmte Patienten geht und um die Ärzte, die ihnen oft mehr zugesetzt haben als die Krankheit, die  es zu kurieren galt. Die Geschichte der Medizin wimmelt von Scharlatanerie und Stümperei, von Fehldiagnosen und ihren fatalen Folgen. Beethoven, dessen alkoholgeschädigte Leber das zur Behandlung seiner Lungenentzündung verabreichte Bleisalz nicht verkraftete. Schiller, der, selbst Arzt, sich auch selbst falsch therapierte, und dessen Tuberkulose erst nach seinem Tod ans Licht kam. Nietzsches Syphilis, die ein Hirntumor war. Kafka, der Arsen gegen ein Fieber einnehmen sollte, das er gar nicht hatte.
Am wirksamsten mag sich die Lektüre von Jörg Zittlaus erhellender und oft erheiternder Sammlung im Wartezimmer erweisen: manch einer wird danach wohl auf eine Konsultation verzichten.


Hakan Nesser
Das zweite Leben des Herrn Roos. Aus dem Schwedischen  
von Christel Hildebrandt. München. btb 2009. 526 S. EUR 21, 95


Sein Vater erhängte sich, da war Valdemar zwölf: und ihm selbst ist der Trübsinn auch nicht fremd. Mit 59 Jahren, einer Frau, die er nicht sonderlich mag, und einem Job als Buchhalter fühlt Valdemar sich dort am wohlsten, wo nichts passiert: in der Zeit zwischen den Ereignissen. Er träumt von einem Dasein als Katze. Als dann, weil er im Toto Woche für Woche unbeirrt die Zahlen seines Vaters weitergetippt hat, doch etwas passiert, macht er sich in aller Heimlichkeit daran, seine Vorstellung von einem anderen Leben in die Tat umzusetzen. Und ist Wochen später urplötzlich verschwunden. Und mit ihm die 23jährige Anna, die aus einem Heim für Drogensüchtige geflohen ist.
Inspektor Barbarotti kommt diesmal erst spät ins Spiel: er liegt mit gebrochenem Bein im Krankenhaus und träumt davon, als Kran wiedergeboren zu werden. Bevor er anfängt, Valdemars Verschwinden und den Tod eines Unbekannten zu untersuchen. Wie immer versteht es Hakan Nesser glänzend, gleichzeitig gemütlich skurill und spannend zu sein, ansatzweise poetisch und unverblümt pöpelhaft, wenn er einen Kerl von seiner Brieftasche sagen läßt, sie sei "leer wie 'ne Biafratitte".


Craig Damrauer:

Neue Weltformeln. Das Leben ist eine Gleichung.

Bergisch Gladbach. Ehrenwirt 2009. 143 S. EUR 10,00

Goethe mochte das nicht, die Kombination von Blau und Grün: er fand das ordinär. Dabei macht, wenn es das jeweils richtige Blau, das richtige Grün ist, gerade dieses Zusammenspiel mächtig was her. Kann man bei Damrauers kleiner Sammlung neuer Weltformeln sehen: auf schreiend helles Grün gedruckt, leuchtet das Blau der Gleichungen wie eine Offenbarung. Sommer und Sorglosigkeit und Gras, und wenn man in den wolkenlosen Himmel starrt, kommen einem verrückte Gedanken. Und man lacht gutgelaunt, noch bevor man ein einziges Wort gelesen.  
Danach lacht man noch mehr: aber das hat dann nichts mehr mit den Farben zu tun. Sondern mit Damrauers mathematischen Operationen, die  oft nur aus drei Begriffen bestehen: Gebiß = Zähne - Nacht. Knapper geht's nicht.
Papa, erklär mir die Welt. Erklär mir, was Gier ist, was Klimawandel, Gefahr, Stress oder Nostalgie. Damrauer tut's. Kurz und komisch. Er addiert und subtrahiert, potenziert und bringt auf einen Nenner, was unterm Strich als Besserwissen dasteht. Geistreich ausgerechnete Definitionen in Null,Nichts.
Blöd ist nur, daß die Wörter so wenig Abstand zum Mittelfalz haben: das sieht im aufgeschlagenen Buch aus, als würden sie die Seiten links und rechts hinunter in den Graben rutschen. Und dort, das weiß man aus dem Kinderlied, werden sie von den Raben gefressen.


Volker Kriegel
Olaf, der Elch. Alle Olaf-Geschichten in einem Band.
Frankfurt. Eichborn 2009. 141 S. EUR 19,95

Der Elch hat eine Schaufel ab und der Weihnachtsmann ein Glasauge: Kinder, das kann nur gut werden. Und wenn der Elch dann auch noch Olaf heißt ... Doch wie sonst sollte er heißen, dieser kapitale Nordländer, der im gestreiften Bademantel genauso überzeugt wie im körpernahen Taucheranzug oder hingefläzt im Sessel beim Telefonieren. Der vom Außenseiter zum Wunschzettelerfüllungsgehilfen wird, der sich in die Lüfte wagt, sich vom Killer-Eisbären zu einer physikalisch unmöglichen Höchstleistung antreiben läßt und einem auf den Meeresgrund verfluchten Piraten mit der Beschaffung seines Leibgerichts den Mund wäßrig macht. Also wie: wenn nicht Olaf? Kein anderer Name wäre denkbar für diesen kleinen schwarzen Blick in den kreisrunden weißen Augen, diese unanständig weich hängende Kinnpartie, diese seelenvolle Hingabe an alles, was ihm widerfährt. Olaf: das haut hin. Selbst wenn ein blindes Huhn mit blöden Sprüchen kommt: wer Olaf heißt, hat Freunde, die, was schiefgeht, wieder richten.
"Anschließend", und so hören die wahren Märchen auf, "gab es Heidelbeerkompott."
© 2009  Ingrid Mylo
 

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