Glanz&Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik



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Die menschliche Komödie
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in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben.
  

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Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

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von Ingrid Mylo






Wie alles zusammenhängt


Kim Thúy:
Der Klang der Fremde
Aus dem Französischen von Andrea Alvermann & Brigitte Große.
München. Kunstmann 2010. 159 S. EUR 14,90

Sie kommt aus einem Land, in dem es für das Verb 'lieben' sechs Ausdrücke gibt: aber wenn man einem anderen liebevoll über den Kopf streicht, gilt das als grobe Beleidigung. Und wenn man 'Pfeffer' sagt auf Vietnamesisch, muß man als Fremder arg aufpassen, daß nicht 'urinieren' herauskommt: die beiden Worte unterscheiden sich nur durch einen Akzent.
Und all das Rot in diesen süchtigen Erinnerungsfetzen, in diesen Nebelwehen, in diesen Herzmalereien: das Rot der zerrissenen Neujahrsböller und der Kirschblütenblätter, das rote Blut der Soldaten. Der rote Topf, in den die Flüchtlinge auf dem Schiff pinkeln. Rot ist die Erde, auf der sie in Malaysia schlafen. Rot ist der Damenpullover vom Flohmarkt, den der Vater trägt. Und rot sind die Fahnen, die die Kommunisten schwenken. Die Kunststoffbank im Chinarestaurant ist rot, auf der Herr Minh sitzt und von den Geschichten erzählt, die er im Umerziehungslager auf ein einziges Stück Papier geschrieben hat, tausend Geschichten, eine über der anderen. Die Wolken auf der Aluminium-Teedose sind rot, in der Träume auf Papierzetteln versteckt sind für die Zukunft der Nichte von Tante Sechs. Der in die Aktentasche geschmuggelte Lederstring ist rot und die Blätter des Ahorns in Kanada: dann hat Rot aufgehört, eine Farbe zu sein und ist "eine Gnade".

 
Anne Holt:
Gotteszahl
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.
München. Piper 2010. 464 S. EUR 19,95

Wie schön, wenn die Anschlüsse stimmen: wenn durch einen kleinen Dreh des Gelenks der letzte Satz eines Abschnitts eine Verbindung mit dem ersten des nächsten eingeht. Der Stab wird weitergereicht, das Rennen fortgesetzt. Es ist ein filmisches Element, ein artistisches Hantieren mit Schnitten und Kupplungen: eine Szene endet mit dem Hochhieven eines Bierkastens, die nächste beginnt damit, daß ein Bierkasten – an einem ganz anderen Ort – auf eine Schlange niedersaust. Anne Holt beherrscht die Kunst dieser Detailverknüpfung: eine Katze, eine Tür, ein bißchen Sahne: und schon ist der Übergang geritzt. Um die Sache zu verdeutlichen: mit dem Satz "Auch um Pussi, die Katze auf dem Gesims, kümmerte sich niemand mehr", schließt ein Kapitel, das folgende eröffnet mit: "Synnove Hessel streichelte über den Rücken der fetten Katze." Anderes Beispiel: "Was aber in keiner Weise eine Hilfe war" / "Nichts half". Oder: "Endlich hatte Inger Johanne das Gefühl, schlafen zu können." /  "Eine Frau starrte aus einem Fenster und wußte nicht, ob sie jemals wieder schlafen könnte." Oder: "Er fing an zu essen und beschloß, nicht mehr daran zu denken." / "Denken Sie gut darüber nach." Oder: "So saßen sie da, ohne miteinander zu reden, bis beide Teller leer waren." / "Das Whiskeyglas war leer." Und  zwischen zwei der aberwitzigsten Szenen fungiert ein Fisch als Bindeglied: "... dann zappelte der Fisch und fiel aus dem toten Kopf in den heulenden Mund des Jungen." / "Von jetzt an gibt es am Heiligen Abend immer Fisch.".
Holt betreibt diese spaßige Verzahnungstechnik konsequent das ganze Buch hindurch: die sehr seltenen Ausnahmen, bei denen kein Funke über den trennenden Absatz springt, gehen wahrscheinlich eher aufs Konto einer an diesen wenigen Stellen unzulänglichen Übersetzung.

 
Der Literarische Katzenkalender 2011 (EUR 19,95)
&
Der Literarische Gartenkalender 2011 (EUR 22,95)
beide hg. v. J. Bachstein. Frankfurt. Schöffling & Co. 2010


Auf dem Gartenkalender mag man das nächste Jahr gar nicht beginnen, so innig und singend klar ist das Blau auf dem Deckblatt. Ein leiser Widerhall davon kehrt Anfang März in den Traubenhyazinthen zurück, ein wenig gedämpfter im Ton, bevor die Farbe sich im Mai, wie eine ungenaue Erinnerung, am Saum eines Butterblumenfeldes dunkel zersetzt. In all den anderen Monaten: kein Blau mehr. Viel Rosa dafür und Purpur, verteilt über die Wochen, und geballt fast den ganzen September hindurch, Lila: feierliche Farbe der Priester und Heuchler. Hat man für soviel schöne Scheinheiligkeit ausreichend Geduld? Dann lieber das unbesonnene Rot des Laubs im Oktober, das nervöse Weiß im Frühjahr, im Herbst, das elegante Weiß des Sommers: und das Draußen dringt sorglos in die Wohnräume und füllt den Blick.

"Der Blick einer Katze", hat ein usbekischer Dichter geschrieben, "läßt Blumen in unserer Seele wachsen." Wußten, wollten das die Gestalter dieses Kalenders? Katzen blicken von jedem Blatt, auch schon mal hinter Vorhängen und geschlossenen Lidern, so daß man's nicht sieht. Gelassen, mißmutig, schräg, "unentschlüsselbar" im Juli, herausfordernd, grübelnd, voller Neugierde oder Andacht: eine Sinfonie, ein Reigen, ein Rausch von Blicken, gepaart mit buddhistischen Weisheiten und Worten von Knigge und Knef. Katzen sind, heißt es im Mai, auf Genuß eingestellt, Katzen, steht im August, symbolisieren, wenn sie weiß sind, den Mond. Voraussicht, Freundschaft, Ratlosigkeit, Eleganz, von James Joyce unterstellte Schläue: all das findet, wer will, in den Katzen, all das liegt in ihrem Blick. Und wen sie anschauen, der ist sich seiner Existenz von Grund auf gewiß.

 
Silvina Ocampo/Adolfo Bioy Casares: Der Hass der Liebenden
Aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer.
Zürich. Manesse 2010. 199 S. EUR 18,95

Was erwartet man von einem, der Doktor Humberto Huberman heißt? Homöopath, auch noch,  mit "äußerst gefälliger Haarpracht", ruhelosen Füßen und einem "tadellosen" Appetit. Nimmt man den ernst, oder anders: nimmt seine Kauzigkeit dem Krimi, der sich hier abspielt, nicht restlos die Spannung? Ach, aber der Krimi ist ja gar keiner, krachende Ironie und Dali-Kulisse: ein Hotel am Meer, das im Sand versinkt, Surrealismus mit einbalsamiertem Albatros (in dessen weißer Brust der Held Humberto die "geballte Nostalgie der Tage" sieht) und Fliegenschwärmen (das ist ein herrlicher running gag: 'Muscarius', diese als Hotelangestellte zweckentfremdete Stenotypistin, die bei jedem ihrer Auftritte von einem Pulk summender Fliegen begleitet wird, die sie unentwegt mit einer Klatsche zu dezimieren versucht). Leute veschwinden, tauchen wieder auf, manchmal sind sie dann tot oder tun so, die Anwesenden wechseln sich reihum als Verdächtige ab, und wenn "alle Büsche gleich aussehen": hinter welchem kauert dann der Mörder? Ungare Mutmaßungen, wilde Irreführungen, ein nach Lust und Laune zusammenbehaupteter Plot: nicht unbedingt Franz Hessels 'Kramladen des Glücks', aber man kann durchaus frohgemut in dem Sammelsurium bizarrer Einfälle und altmodischer Ausdrücke stöbern und das eine oder andere gute Stück zutage fördern.

 
Elizabeth George:
Wer dem Tod geweiht
Deutsch v. Charlotte Breuer & Norbert Möllemann
München.
Blanvalet 2010, 830 S. EUR 24,99

Männer, die mit Frauen gewisse Schwierigkeiten haben. Frauen, die sich auf die falschen Männern einlassen. Menschen, die nicht sind, was sie zu sein vorgeben. Schon daraus ließe sich ein hochdramatisches Spektakel anrühren. Elizabeth George fügt dem noch einiges an Brisanz und Winkelzügen hinzu: einen von Dämonen gepeinigten Musiker, dem Stimme widersprüchliche Befehle erteilen. Einen Polizisten mit einer Neigung zu sadistischen Spielchen. Eine alte Goldmünze unter dem Waschbecken eines Hotelzimmers. Eine Wahrsagerin, die eine Gefahr heraufziehen sieht, "so dunkel wie die Nacht". Eine ehrgeizige Ermittlerin mit Alkoholproblemen. Ein schartiger Reetnagel im Hals einer Frauenleiche.
Durch das abwechslungs- und temporeiche, rätselvolle Geschehen zieht sich, wie eine eisige Unterströmung, die sachliche Schilderung einer abscheulichen Tat aus der Vergangenheit: und einmal mehr wird quälend  klar, daß alles seinen Grund und seine Folgen hat.


© 2010  Ingrid Mylo
 

 


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