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Journal
der Augenblicke
Alf Mayer
über Ingrid
Mylos
neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«
»Eine Schatulle voller
Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller
Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal
sogar ein Regenbogen.«
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Druckstellen
von Ingrid Mylo
Wie alles zusammenhängt
Kim
Thúy:
Der Klang der Fremde
Aus dem Französischen von Andrea
Alvermann & Brigitte Große.
München. Kunstmann 2010. 159 S. EUR 14,90
Sie kommt aus einem Land, in dem es für das Verb 'lieben' sechs
Ausdrücke gibt: aber wenn man einem anderen liebevoll über den Kopf
streicht, gilt das als grobe Beleidigung. Und wenn man 'Pfeffer' sagt
auf Vietnamesisch, muß man als Fremder arg aufpassen, daß nicht
'urinieren' herauskommt: die beiden Worte unterscheiden sich nur durch
einen Akzent.
Und all das Rot in diesen süchtigen Erinnerungsfetzen, in diesen
Nebelwehen, in diesen Herzmalereien: das Rot der zerrissenen
Neujahrsböller und der Kirschblütenblätter, das rote Blut der Soldaten.
Der rote Topf, in den die Flüchtlinge auf dem Schiff pinkeln. Rot ist
die Erde, auf der sie in Malaysia schlafen. Rot ist der Damenpullover
vom Flohmarkt, den der Vater trägt. Und rot sind die Fahnen, die die
Kommunisten schwenken. Die Kunststoffbank im Chinarestaurant ist rot,
auf der Herr Minh sitzt und von den Geschichten erzählt, die er im
Umerziehungslager auf ein einziges Stück Papier geschrieben hat, tausend
Geschichten, eine über der anderen. Die Wolken auf der Aluminium-Teedose
sind rot, in der Träume auf Papierzetteln versteckt sind für die Zukunft
der Nichte von Tante Sechs. Der in die Aktentasche geschmuggelte
Lederstring ist rot und die Blätter des Ahorns in Kanada: dann hat Rot
aufgehört, eine Farbe zu sein und ist "eine Gnade".
Anne Holt:
Gotteszahl
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.
München. Piper 2010. 464 S. EUR 19,95
Wie schön, wenn die Anschlüsse stimmen: wenn durch einen kleinen Dreh
des Gelenks der letzte Satz eines Abschnitts eine Verbindung mit dem
ersten des nächsten eingeht. Der Stab wird weitergereicht, das Rennen
fortgesetzt. Es ist ein filmisches Element, ein artistisches Hantieren
mit Schnitten und Kupplungen: eine Szene endet mit dem Hochhieven eines
Bierkastens, die nächste beginnt damit, daß ein Bierkasten – an einem
ganz anderen Ort – auf eine Schlange niedersaust. Anne Holt beherrscht
die Kunst dieser Detailverknüpfung: eine Katze, eine Tür, ein bißchen
Sahne: und schon ist der Übergang geritzt. Um die Sache zu
verdeutlichen: mit dem Satz "Auch um Pussi, die Katze auf dem Gesims,
kümmerte sich niemand mehr", schließt ein Kapitel, das folgende eröffnet
mit: "Synnove Hessel streichelte über den Rücken der fetten Katze."
Anderes Beispiel: "Was aber in keiner Weise eine Hilfe war" / "Nichts
half". Oder: "Endlich hatte Inger Johanne das Gefühl, schlafen zu
können." / "Eine Frau starrte aus einem Fenster und wußte nicht, ob sie
jemals wieder schlafen könnte." Oder: "Er fing an zu essen und beschloß,
nicht mehr daran zu denken." / "Denken Sie gut darüber nach." Oder: "So
saßen sie da, ohne miteinander zu reden, bis beide Teller leer waren." /
"Das Whiskeyglas war leer." Und zwischen zwei der aberwitzigsten Szenen
fungiert ein Fisch als Bindeglied: "... dann zappelte der Fisch und fiel
aus dem toten Kopf in den heulenden Mund des Jungen." / "Von jetzt an
gibt es am Heiligen Abend immer Fisch.".
Holt betreibt diese spaßige Verzahnungstechnik konsequent das ganze Buch
hindurch: die sehr seltenen Ausnahmen, bei denen kein Funke über den
trennenden Absatz springt, gehen wahrscheinlich eher aufs Konto einer an
diesen wenigen Stellen unzulänglichen Übersetzung.
Der Literarische Katzenkalender
2011 (EUR 19,95)
& Der Literarische Gartenkalender 2011
(EUR 22,95)
beide hg. v. J. Bachstein. Frankfurt. Schöffling & Co. 2010
Auf dem
Gartenkalender mag man das nächste Jahr gar nicht beginnen, so innig und
singend klar ist das Blau auf dem Deckblatt. Ein leiser Widerhall davon
kehrt Anfang März in den Traubenhyazinthen zurück, ein wenig gedämpfter
im Ton, bevor die Farbe sich im Mai, wie eine ungenaue Erinnerung, am
Saum eines Butterblumenfeldes dunkel zersetzt. In all den anderen
Monaten: kein Blau mehr. Viel Rosa dafür und Purpur, verteilt über die
Wochen, und geballt fast den ganzen September hindurch, Lila: feierliche
Farbe der Priester und Heuchler. Hat man für soviel schöne
Scheinheiligkeit ausreichend Geduld? Dann lieber das unbesonnene Rot des
Laubs im Oktober, das nervöse Weiß im Frühjahr, im Herbst, das elegante
Weiß des Sommers: und das Draußen dringt sorglos in die Wohnräume und
füllt den Blick.
"Der Blick einer Katze", hat ein usbekischer Dichter geschrieben, "läßt
Blumen in unserer Seele wachsen." Wußten, wollten das die Gestalter
dieses Kalenders? Katzen blicken von jedem Blatt, auch schon mal hinter
Vorhängen und geschlossenen Lidern, so daß man's nicht sieht. Gelassen,
mißmutig, schräg, "unentschlüsselbar" im Juli, herausfordernd, grübelnd,
voller Neugierde oder Andacht: eine Sinfonie, ein Reigen, ein Rausch von
Blicken, gepaart mit buddhistischen Weisheiten und Worten von Knigge und
Knef. Katzen sind, heißt es im Mai, auf Genuß eingestellt, Katzen, steht
im August, symbolisieren, wenn sie weiß sind, den Mond. Voraussicht,
Freundschaft, Ratlosigkeit, Eleganz, von James Joyce unterstellte
Schläue: all das findet, wer will, in den Katzen, all das liegt in ihrem
Blick. Und wen sie anschauen, der ist sich seiner Existenz von Grund auf
gewiß.
Silvina Ocampo/Adolfo Bioy Casares:
Der Hass
der Liebenden
Aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer.
Zürich. Manesse 2010. 199 S. EUR 18,95
Was erwartet man
von einem, der Doktor Humberto Huberman heißt? Homöopath, auch noch,
mit "äußerst gefälliger Haarpracht", ruhelosen Füßen und einem
"tadellosen" Appetit. Nimmt man den ernst, oder anders: nimmt seine
Kauzigkeit dem Krimi, der sich hier abspielt, nicht restlos die
Spannung? Ach, aber der Krimi ist ja gar keiner, krachende Ironie und
Dali-Kulisse: ein Hotel am Meer, das im Sand versinkt, Surrealismus mit
einbalsamiertem Albatros (in dessen weißer Brust der Held Humberto die
"geballte Nostalgie der Tage" sieht) und Fliegenschwärmen (das ist ein
herrlicher running gag: 'Muscarius', diese als Hotelangestellte
zweckentfremdete Stenotypistin, die bei jedem ihrer Auftritte von einem
Pulk summender Fliegen begleitet wird, die sie unentwegt mit einer
Klatsche zu dezimieren versucht). Leute veschwinden, tauchen wieder auf,
manchmal sind sie dann tot oder tun so, die Anwesenden wechseln sich
reihum als Verdächtige ab, und wenn "alle Büsche gleich aussehen":
hinter welchem kauert dann der Mörder? Ungare Mutmaßungen, wilde
Irreführungen, ein nach Lust und Laune zusammenbehaupteter Plot: nicht
unbedingt Franz Hessels 'Kramladen des Glücks', aber man kann durchaus
frohgemut in dem Sammelsurium bizarrer Einfälle und altmodischer
Ausdrücke stöbern und das eine oder andere gute Stück zutage fördern.
Elizabeth
George: Wer dem Tod geweiht
Deutsch v. Charlotte Breuer & Norbert
Möllemann
München.
Blanvalet
2010, 830 S. EUR 24,99
Männer, die
mit Frauen gewisse Schwierigkeiten haben. Frauen, die sich auf die falschen
Männern einlassen. Menschen, die nicht sind, was sie zu sein vorgeben. Schon
daraus ließe sich ein hochdramatisches Spektakel anrühren. Elizabeth George fügt
dem noch einiges an Brisanz und Winkelzügen hinzu: einen von Dämonen gepeinigten
Musiker, dem Stimme widersprüchliche Befehle erteilen. Einen Polizisten mit
einer Neigung zu sadistischen Spielchen. Eine alte Goldmünze unter dem
Waschbecken eines Hotelzimmers. Eine Wahrsagerin, die eine Gefahr heraufziehen
sieht, "so dunkel wie die Nacht". Eine ehrgeizige Ermittlerin mit
Alkoholproblemen. Ein schartiger Reetnagel im Hals einer Frauenleiche.
Durch das abwechslungs- und temporeiche, rätselvolle Geschehen zieht sich, wie
eine eisige Unterströmung, die sachliche Schilderung einer abscheulichen Tat aus
der Vergangenheit: und einmal mehr wird quälend klar, daß alles seinen Grund
und seine Folgen hat.
© 2010 Ingrid Mylo
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