Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

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Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

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Glanz&Elend -
Die Zeitschrift

Großformatige Broschur in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex.
176 Seiten, die es in sich haben:
»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Dazu exklusiv das interaktive Schauspiel »Dein Wille geschehe« von Christian Suhr & Herbert Debes

Andere Seiten
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek

Joe Bauers Flaneursalon
Gregor Keuschnig Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen
von Ingrid Mylo


Vom Leopoldsapfel
und der Realität des Ichs



Jo Nesbø: Leopard. Aus dem Norwegischen von G. Frauenlob & M. Dörries.
Berlin. Ullstein 2010. 699 S. EUR 21,95

Blutsonne wird sie von den Mai-Mai genannt, die schwarze Kugel mit dem ausgeklüglten Mechanismus: und hat man dieses auch als Leopoldsapfel bezeichnete Folterinstrument erst einmal im Mund, richtet es, wenn man an einer Kette zieht, mit seinen 24 herausschnellenden langen Nadeln tödlichen Schaden an. Zwei Frauen in Oslo werden auf diese bizarre Art ermordet: was hatten sie miteinander zu tun? Gehört auch der abgerissene Kopf einer Abgeordenten im leeren Schwimmbad in dieses Bild? Harry Hole, dem trunk- und drogensüchtige Ermittler, der längst keiner mehr sein will, genügen ein paar Fasern, ein paar Krümel Basalt, um noch ganz andere Verbindungen herzustellen, bei denen Koltan, eine Kadok-Fabrik, Ketanomin und der Kongo von gewisser Bedeutung sind. (Um die schöne Kette der Alliteration nicht abreißen zu lassen, heißt ein Kapitel 'Kaliber', das nächste 'Kalaschnikow', gefolgt von 'Kirche'). Hole stößt auf weitere Leichen, findet den Täter, aber der Täter ist nicht das Ende: hinter ihm steht noch einer und zieht die Fäden. So, wie der Mörder manipuliert wird, manipuliert er seinerseits Hole: und Nesbø spielt mit dem Leser. Nichts wird grundlos erwähnt: selbst das Wort 'ziegelrot' birgt einen Hinweis. Auch daß Holes Kollegin Kaja mit einer neurotischen Macke ausgestattet ist, dient einem dramaturgischen Zweck: ihre Angst vor geschlossenen Türen wird Hole im entscheidenden Augenblick das Leben retten.
Nesbø schreibt, als stünde er mit dem Rücken zur Wand, ohne Ausweichmöglichkeit: er schreibt ums Überleben. Sein Text hat zwanghafte Züge, das, was geschieht, macht den Eindruck, als müßte es geschehen: so und nicht anders. Selbst das Spiel, das der Autor treibt, ist Teil des Manischen, ist rasender Ernst. Hole und Kaja reden, als sie anfangen, sich näherzukommen, über materialistischen Monismus: jeder Tat, jeder Äußerung ist etwas vorhergegangen, das wiederum nichts als die Folge von etwas anderem ist. Das paßt. Wo aber, wie bei dieser Philosophie, der freie Wille nur Einbildung ist, läßt sich auch mit dem Begriff Schuld nicht viel anfangen. Hole versteht, viel zu gut, warum Morde passieren: und Nesbø versteht es, zu unserem Vergnügen, daraus Kapital zu schlagen.

Andrew Zuckerman: Weisheit. 50 Porträts (mit DVD).
München. Knesebeck 2009. 215 S. EUR 49,95


Es gibt keinen Hintergrund: nur ein planes farbloses Nichts, vor dem die Gesichter umso dramatischer zur Geltung kommen. Gesichter von Politikern, Wissenschaftltern, Sportlern und Künstlern, alle älter als 65. Andrew Zuckerman hat sie nach derselben Methode fotografiert, die er schon bei seiner Serie 'Wild Animals' angewandt hat: auf sich selbst zurückgeworfen, reduziert auf das, was ihr Wesen ausmacht. Ohne Beziehung zu dem, was sie tun, wo sie es tun oder wie. Außer der anvisierten Person ist nichts zu sehen, nichts lenkt von ihr ab. (Nur auf der beigelegten DVD mit den Interviews wird, wenn die Kamera genügend Abstand zu dem jeweils Interviewten hat, hinter dessen Schulter ein kleines Stück des Stuhls, auf dem er sitzt, sichtbar: man sieht, das es jedesmal ein anderer ist. Das bricht, was Zuckerman "die ästhetische Neutralität" nennt, und wirkt wie ein verräterisches Indiz). Die Pupillen der Fotografierten sind klein: das Licht muß den Raum förmlich gesprengt haben. Es dringt in jede Pore, hebt jedes Haar hervor, jede Falte: alles liegt offen zutage, auf den Punkt gebracht, übergenau. Die Preisgabe ist total, das Gesicht wird Skulptur.
    Das Buch heißt 'Weisheit', der Begriff bedeutet für jeden etwas anderes, viele stellen ihn infrage. Die Politikerin Helen Suzman wähnt sich eher im Besitz von Wissen, der Musiker Ravi Shankar weigert sich, sowas wie Weisheiten von sich zu geben, und die Schauspielerin Judy Dench behauptet, mit zunehmendem Alter "immer törichter" zu werden. Statt dessen reden sie von ihrer Arbeit, von ihren  Erfahrungen, ihrem politischen Engagement. Von Ruhm und Macht wie Jeanne Moreau. Von der richtigen Perspektive wie Rosamunde Pilcher. Von der "Oase des Friedens" sprechen sowohl Desmond Tutu als auch Yoko Ono. Der Maler Andrew Wyeth spricht von Notwendigkeit der Freiheit, der Musiker Graham Nash von der letztendlichen Bedeutungslosigkeit menschlichen Schaffens, der Schauspieler Nick Nolte von der "reinen Realität des Ichs". Viele haben ein ernsthaftes Anliegen: wie Vanessa Redgrave, die vehement für die Menschenrechte eintritt, wie Robert Redford, der sich für die Umwelt engagiert. Die 51 in diesem Band Porträtierten sind beides: sehr privat und ganz allgemein. Und das, was ihre Gesichter zeigen, bezeugen ihre Worte: sie haben gelebt.

Kathy Reichs: Das Grab ist erst der Anfang.
Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr.
München. Blessing 2009. 384 S. EUR 19, 95


Zählt man sämtliche Knochen des menschlichen Körpers zusammen, kommt man auf 206, und genauso heißt der Roman im Original: '206 Bones': und weil Titel ja nicht nur so dahingeschrieben sind, könnte man leicht auf die Idee kommen, das hätte für den vorliegenden Fall eine Bedeutung. Jetzt heißt das Buch auf deutsch aber 'Das Grab ist erst der Anfang': und das kann alles heißen. Heißt diesmal jedoch genau das, was da steht: am Anfang des Krimis wacht die forensische Anthropologin Temperence Brennan in ihrem eigenen Grab auf. Damit hat der deutsche Titel sein Pulver auch schon verschossen. Was folgt, ist Erinnerung: das Zusammenklauben dessen, was davor geschah. Was folgt, ist, nach knapp der Hälfte, die Einlösung des englischen Titels: 206 Knochen, so viele waren es am Fundort: das Skelett war vollständig.  
Als es später auf dem Untersuchungstisch im Labor liegt, kann Tempe nachzählen, so viel sie will: zu dem richtigen Ergebnis fehlen vier Fingerknochen der rechten Hand. Daß es ausgerechnet vier sind, ist hübsch und symbolisch: die chinesische Silbe für vier ist identisch mit der für den Tod. Und mit eben dem ringt Tempe, in kursiv gesetztem Text, während die aufrechten Buchstaben von den Ereignissen erzählen, die sie ins Grab gebracht haben.
Man kriegt, auch diesmal wieder, was man von Kathy Reichs erwartet: launige Unterhaltung, Spannung, Information. Dazu Worte wie Melonenbrüste (an anderer Stelle ist von einer biblischer Oberweite die Rede), Zehenetiketten, Schäden am Schädel, Oka-Krise und Beißerkneißer. Ein lächelferner Gedanke taucht auf, jemand ist hartnäckig wie Herpes, und Darfur und Mundfäule werden in einen Topf geschmissen. Was man nicht weiß, wird erklärt: Kamptodaktylie genauso  
wie Carabellis Höcker, Herpetofauna und amniotische Eier: man verläßt Reichs Romane immer ein wenig schlauer, als man sie betreten hat.


David Lynch: Dark Splandour. (Hg: Werner Spies)
Ausstellungskatalog. Max Ernst-Museum Brühl.
Ostfildern.
Hatje Cantz 2009. 351 S. EUR 45,00

'Haus mit Baum', heißt eins seiner Aquarelle ganz schlicht, als hätte ein Kind es gemalt. Doch durch die grauen Verwischungen, die genausogut Rauch und Feuer sein können, ist ein hingekritzeltes Flugzeug zu erkennen, ein Kreuz, ein fallender oder liegender Mensch: und die Möglichkeit einer Katastrophe hat Kontur angenommen. Was hat sich dort im Trüben zugetragen? Wovon künden, auf seinen Lithografien, die rußigen Insekten, die ineinander verschlungenen Organe, die Leiter am flammenden Baum? Oder seine wundersamen Streichholzheftchen: man öffnet sie, und auf der Innenseite zaubern feingestrichelte Szenerien das Schwarze aus der bedrängten Seele. Oder das zebraartige Sofa, das als Teil einer Rauminstallation im Max Ernst-Museum eher schwebt als steht, als sei es nichts weiter als eine Geistererscheinung: und nähme man Platz auf ihm, wer weiß, in welcher Phantasmagorie man wieder zu sich käme.
    Der visionäre Regisseur David Lynch schürt - wie diese Ausstellung zeigt - auch als Maler, Zeichner, Fotograf die unguten Ahnungen vom Unheimlichen und Abartigen in uns. Schmutz und Schatten, und was mag ich in diesen Schatten alles an Bedrohung regen. Selbst Schneemänner, wenn Lynch sie fotografiert, haben nichts mit unschuldigem Wintervergnügen zu tun: sie sind fleckig, die Holzhäuser, vor denen sie aufgebaut sind, scheinen eher Tatorte zu beherbergen als Familienidyllen. Es gibt auch deutlichere Arbeiten, bei denen das Garstige unverbrämt zu Tage tritt, das Grauenhafte: die aufgerissenen Münder, die Messer, die verzerrten weiblichen Körper. Und doch bleibt, auch in dieser vehementen Offenheit vieles unbeantwortet, Rausch und Rätsel: düstere Andeutungen, die uns in Bann ziehen. Lynch, der die Schönheit liebt und das Geheimnis, bereitet mit seinen Werken dem Schrecken ein prunkvolles Fest. Zu dem er uns einlädt. Was bleibt uns anderes, als - verführt von seinen bildgewaltigen Versprechen - willig zu folgen. Das, was an Furcht und Vorstellung in uns wächst und wuchert, unkontrollierbar, begegnet uns in Lynchs Bildern außen wieder: und wir, wenn wir sie betrachten, verschwinden in uns selbst.
 © 2009  Ingrid Mylo
 

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