Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

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Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.




Andere Seiten
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek

Joe Bauers Flaneursalon
Gregor Keuschnig Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen
von Ingrid Mylo



Hetzartikel, Herzpartikel

Patricia Cornwell: Scarpetta. Aus dem Amerikanischen von Karin Dufner.
Hamburg. Hoffmann & Campe 2009. 591 S. EUR 24,00

Im Wind tanzt die Leiche einer Tierschützerin, ein Zwerg, der Oscar heißt und sich verfolgt fühlt, ist vielleicht doch kein Mörder, eine Gerichtsmedizinerin wird im Internet mit Hetzartikeln heimgesucht, und der Autopsiebericht von Marilyn Monroe beweist zusammen mit dem Foto ihrer Leiche, daß sie ermordet wurde. Eine schier unentflechtbare Vernetzung von Schicksalen, im Realen, im Virtuellen, alles hängt zusammen, und die Details weisen den Weg: selbst gelbe Rosen darf man nicht aus dem Gedächtnis verlieren.
Die Spannung ist hauptsächlich eine Sache von Informationen: je mehr man erfährt, desto unruhiger wird man. Cornwell spielt, wie sie das so gut kann, mit den erschreckenden Möglichkeiten und Methoden, die (nicht nur) den diversen Geheimdiensten einer Regierung zur Verfügung stehen. Daß die Gefahr im Fall 'Scarpetta' dann doch aus den eigenen Reihen kommt: sei's drum: Versuche mit implantierten Mikrochips zur Überwachung laufen längst. Und nicht jede Paranoia ist ein leerer Wahn ...

Der literarische Gartenkalender Mit Fotografien von Marion Nickig.
EUR 22.90, Schöffling & Co. 2010.

Wie das, im Januar schon, wieder blüht, wie das schäumt, rosafarben, unter den Eiskristallen, und dann später im Jahr: das bedächtige Rot der Anemonen oder das unverbesserliche des Mohns. Und man versinkt in den Anblick von Karthäusernelken, Lavendel und weißen Landschaften und vergißt das Kleinkarierte der Gegenwart. Auch Freud wußte, wie man in der letzten Augustwoche erfährt, um das Beruhigende von Blumen. Er hätte seine Freude an der Blütenpracht des Kalenders gehabt. Oder auch nicht: möglicherweise macht das Betrachten der suggestiven Bilder einen Besuch auf der Couch überflüssig.

Der literarische Katzenkalender EUR 19,95, Frankfurt. Schöffling & Co. 2010.

Allein die Zusammenstellung von Wort und Bild: da schläft eine Katze in der Waschmaschinentrommel, wenn von einem reinen Gewissen die Rede ist. Zu einem Spruch von Wilhelm Busch über den Wert von Entdeckungen äugt eine Katze aus der Dachrinne. Und die bessere Luft, die laut Doderer in der Höhe des Lebens herrscht, atmet eine Katze auf der Schiene eines Eisenbahngleises. Manchmal, das ist es, was dieser Kalender auf gewitzte Weise zeigt, braucht es eben eine Katze, um die wahre Bedeutung eines tiefsinnigen Satzes zum Vorschein zu bringen.
 
Roger Willemsen/Ralf Tooten Bangkok Noir
Frankfurt. S. Fischer 2009, 365 Seiten, EUR 26,95

Zu einer Tageszeit, zu der andere sich niederlegen, haben sie sich aufgemacht, der Schriftsteller Roger Willemsen und der Fotograf Ralf Tooten, jeden Abend wieder, wochenlang. Was sie auf ihren Streifzügen durch die Nacht von Bangkok erbeutet haben, liegt ausgebreitet auf schimmerndem Perlmutt, und man sieht: eine Jahrmarktsbude, in der echte und künstliche Mönche Geld sammeln. Nackte tätowierte Haut, die in einem Stundenhotel abgelichtet wird. Einen Mann, der im aufgeklappten Kofferraum seines Autos Zeitung liest. Eine Heuschrecke zwischen den Zähnen einer jungen Frau. Das jugendliche Opfer eines Motorrad-Unfalls. Einen prächtigen goldenen Schrein im Regen. Ein mit Schleifen und Plastikblüten dekoriertes Glas, das eine in Formalin konservierte Monstrostät preisgibt. Man sieht: Tuk-Tuk-Fahrer, Liebespaare, Bauarbeiter, Go-Go-Girls, Elefanten, Straßenfegerinnen, Muay Thai-Boxer, Obdachlose, Karaoke-Sängerinnen, Demonstranten, Klong-Fischer, Geckos, Satay-Verkäufer und Schattenspieler. Man sieht Elend und Schönheit und fremdartige Realität, holt sich die dunkel glühenden Bilder unter die Haut, wo sie das Blut vor Anteilnahme wärmer strömen lassen oder Blasen werfen bis ins aufschreckende Hirn.
Man sieht, ja, und man liest: meist von Menschen, die etwas zu verkaufen haben: Amulette, DVDs, Sex, Kalligraphien, Blumen, Erlösung, frittierte Seidenraupen, Tätowierungen, Illusionen, Räucherstäbchen, Massagen, einen Blick in die Zukunft, Tamarindenblättersuppe, Drogen, ein Fetzchen Hoffnung in Form eines Loses, Enteneier, gefälschte Papiere. Willemsen hat mit ausholender Geste und klingenden Worten, ekstatisch, manchmal, die zweifelhafte Lust zurückgezahlt und das mitunter bizarre Vergnügen, das ihm die Dinge bereitet haben, die er gesehen, erlebt hat, Herzpartikel: und in den Sätzen pulsiert das Fieber, pulsieren Farben und Hunger und die vielfältige Hysterie dieser fernöstlichen Metropole. Am Ende ist man so aufgewühlt und erschöpft von der Heftigkeit der Anblicke und Eindrücke, daß man sich schlafen legen möchte. Und träumen: von gemäßigteren Gefilden.
 

Marko Martin: Schlafende Hunde. Erzählungen.
Frankfurt. Eichborn (AB 298), 382 S. EUR 32.00


In der 59 Seiten langen Titelgeschichte sind folgende Worte kursiv gedruckt: euch, expats, so, Saddest Story, sie, Onkel Wanja, Kirschgarten, getan, die anderen, die besseren Viertel, ihn, keine, note book, Stücke für die Außenpolitik ins Blatt zu heben, Barcomi's, Tuntenbarock, vor, you will see, Lohnfortzahlung-im-Krankheitsfall, Röhm-Affäre, good old fellows, Weißen, Coco Jambo, The Cure, ausnahmsweise, Tu parles, Sexual desease, génocidaires, wußte, Britney Spears, Bill Clinton Powerman of the world, Police, Journalism and communication, alle, Projektassistent, kannst, What's the answer?, What's the question?, You can say (you) to me, vous, beauty shop, müssen, Themen, hierher, Sabena, das, Kontakt, I just wann feel, fe-el love, Come on, multiple choice, Die Ereignisse, International Crisis Group, Human Rights Watch, In den nächsten Tagen strömten an die tausend Flüchtlinge auf das Hotelgelände, und bald hatten die halbverhungerten Überlebenden das ganze chlorhaltige Wasser aus dem Pool getrunken, Projekt, Neuzugang, Eher im Gegenteil?, Bene Sebahinzi, Cinzano, sofort, désolé, tout simplement, Direction Générale de Migration Laku – Corniche, Entrée, Alors, Rassemblement Démocratique-Laku, Mouvement de la libération, Senat, Subventionen, öffentlicher Dienst, Haushaltssperre, Kultuthoheit der Länder, herumbosseln, Kitkat-Club, Recherche!, gelassen, Elend, Deren, Die ganze Zeit, Non, Monsieur, deux chambres s'il vous plait, Begegnungen, Ins Auge fassen, Breakfast is not included, Buddy, Dieser Oliver, Dans dix minutes, déjà?, Okay, impeccable, driver, Zukunftsvorstellungen!, hier im befreiten Gebiet, Quel courage!, Kenya Airways, Helo, einzige, vorheriges Zivilleben, mich, Safe heaven, haven, Deux cafés, s'il vous plait, Idiot, dort, Jason, Délire, Let's do something, taz, freelancer, dafür, Not-pfla-stern, an-de-re, in, zehn, Versuchsanordnung, Im Interesse aller, Seine Worte, RD-Laku, off record, alles, Version, Europa, Bach!, white trash, Das ist ja das Geile an der De-mo-kra-tie, Brandenburgischen Konzerten, Warmmachen, wo, Gesundheit, Il est temps de passer aux choses / Sérieuses ma poupée jolie / Tu as envie d'une overdose / De baise voilà je m'introduis, flach, Shure, waren, beide, er, typisch französisch, so what?, Haardasgleiche. Plotloses Mäandern.  Autorenfilmkrampf.
    Was läßt sich daraus ablesen?

Tone Fink: Narratone.
Salzburg. residenz verlag 2009. 112 S. EUR 19,90


Wenn Fingernägel so wachsen, daß sie als Skier den grauen Tag durchpflügen. Wenn von grünlippelnden kulturmachos, von augenbusigen engeln, tigerzahnfragmenten und schmuseschattengebilden die Rede ist. Wenn in einem Schneefeld feinste Striche hängenbleiben wie die Verwehungen einer Pusteblume. Wenn die 'weiße Leber' ins Spiel kommt, in immer neuen Variationen, wenn Nähte und Narben der Welt am Zeug flicken: dann war der Bild- und Sprachkünstler Tone Fink am Werk.
Oder anders: der großartige Kameramann Kurt Weber pflegt seinen Studenten (aber auch Freunden bei einem ausgedehnten Abendessen) ein ausgeschnittenes Papier vor Augen zu halten, von dem nur ein Teil zu sehen ist, die linke Hälfte eines Kreises, die andere Hälfte ist hinter einem Buch (oder einer Zeitung oder einem Stück Pappe) verborgen. Die Studenten sollen diesen nicht sichtbaren Teil zeichnen. Die meisten malen - natürlich - den ergänzenden rechten  Halbkreis, "mangelnde Vorstellungskraft", sagt Kurt Weber und zieht das Buch weg: zum Vorschein kommt ein kühn geschweiftes Gebilde. Als sei Tone Fink bei ihm in die Lehre gegangen, enthüllen die Niederschläge des Künstlers die verborgene Seite der Phantasie.

Alois Hotschnig: Im Sitzen läuft es sich besser davon. Erzählungen.
Köln. Kiepenheuer & Witsch 2009. 141 S. EUR 19,95


Es sind Sätze von Leuten, die miteinander reden oder glauben, miteinander zu reden, Sätze über vergangene Zeiten, Sätze im Wartezimmer, Sätze im Altersheim: dann wird es komisch. Aus der Wand wachsende Knöpfe, ein Zahnetui, die Verwechslung von schlechten Aussichten. Herr Ortler, der sein Zimmer immer im falschen Stock sucht. Und einer, der mit anderen wartet, daß er an der Reihe ist, will sich partout keine Jacke schenken lassen von der Ärztin. Ein Ehepaar kauft ein, Salz, Milch, Gurken und Butter, alles wird verhandelt, ob oder ob nicht, Brot ja, Käse nein, lieber doch keine Gurken, und zwischen Kren und Tomatenmark sind Herta und Frank auf die Einkaufsliste geraten, die werden sich verbrennen lassen, und Öl, nein, kein Bedarf, vielleicht aber doch Käse, jedenfalls Milch und ein Viertel Butter, jedenfalls Salz, und mit Sardellen ist das so eine Sache, seit Martin sich daran überfressen hat und jetzt liegt er auf der Krankenstation.
Satz um Satz, Schichten, Verschiebungen, Allerweltskram, wie sich das häuft und verändert und immer dasselbe ist, trotz der Variation. Das, was man unterwegs an banalen Bemerkungen hört, wenn man es nicht schafft, wegzuhören, treibt Hotschnig auf die Spitze. Und verdeutlicht, daß hinter dem Gesagten immer mehr steckt als die gesagten Banalitäten.
 
Michael Braun (Hg): Der Deutschlandfunk Lyrikkalender 2010.
Heidelberg. Wunderhorn 2009  EUR 24,80

"Täglich Gedicht als Rasur erwachsener Dinge", hat ein Dichter von sich gefordert. Oder hieß es 'erwachender'? Was, oberflächlich besehen, mehr Sinn machen würde. Aber bei Dichtern, wie ich sehr wohl weiß, weiß man nie. Und vielleicht trägt, weniger anspruchsvoll, schon das tägliche Lesen eines Gedichts zur Welttrimmung bei und kämmt die Flusen aus den Gedanken: dann wäre dieser Kalender ein willkommenes Werkzeug. Wenn man mit Sarah Kirschs 'Vögeln, die es nicht gibt', mit Peter Handkes Erwartung, 'mehr zu sehen', oder mit Friedrich von Logaus 'ungewissen Kindern' den Tag betritt, läßt man sich von den sogenannten Sachzwängen nicht so leicht den Takt diktieren. Und wenn sich vom einen oder anderen der 365 Kalenderblätter nichts mitnehmen läßt außer gereimten oder ungereimten Worten: vielleicht morgen wieder. Das ist das Schöne daran und der Trost. © 2009  Ingrid Mylo
 

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