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Was von Büchern bleibt:
Journal
der Augenblicke
Alf Mayer
über Ingrid
Mylos
neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«
»Eine Schatulle voller
Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller
Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal
sogar ein Regenbogen.«
Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen
ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000
Exemplaren
mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.
Andere
Seiten
Elfriede Jelinek
Elfriede Jelinek
Joe Bauers
Flaneursalon
Gregor Keuschnig
Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms
Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs
Franz Kafka
counterpunch
»We've
got all the right enemies.« |
Druckstellen
von Ingrid Mylo
Hetzartikel, Herzpartikel
Patricia Cornwell:
Scarpetta.
Aus dem Amerikanischen von Karin Dufner.
Hamburg. Hoffmann & Campe 2009.
591 S. EUR 24,00
Im
Wind tanzt die Leiche einer Tierschützerin, ein Zwerg, der Oscar heißt
und sich verfolgt fühlt, ist vielleicht doch kein Mörder, eine
Gerichtsmedizinerin wird im Internet mit Hetzartikeln heimgesucht, und
der Autopsiebericht von Marilyn Monroe beweist zusammen mit dem Foto
ihrer Leiche, daß sie ermordet wurde. Eine schier unentflechtbare
Vernetzung von Schicksalen, im Realen, im Virtuellen, alles hängt
zusammen, und die Details weisen den Weg: selbst gelbe Rosen darf man
nicht aus dem Gedächtnis verlieren.
Die Spannung ist hauptsächlich eine Sache von Informationen: je mehr man
erfährt, desto unruhiger wird man. Cornwell spielt, wie sie das so gut
kann, mit den erschreckenden Möglichkeiten und Methoden, die (nicht nur)
den diversen Geheimdiensten einer Regierung zur Verfügung stehen. Daß
die Gefahr im Fall 'Scarpetta' dann doch aus den eigenen Reihen kommt:
sei's drum: Versuche mit implantierten Mikrochips zur Überwachung laufen
längst. Und nicht jede Paranoia ist ein leerer Wahn ...
Der literarische
Gartenkalender
Mit Fotografien von Marion Nickig.
EUR 22.90, Schöffling & Co. 2010.
Wie
das, im Januar schon, wieder blüht, wie das schäumt, rosafarben, unter
den Eiskristallen, und dann später im Jahr: das bedächtige Rot der
Anemonen oder das unverbesserliche des Mohns. Und man versinkt in den
Anblick von Karthäusernelken, Lavendel und weißen Landschaften und
vergißt das Kleinkarierte der Gegenwart. Auch Freud wußte, wie man in
der letzten Augustwoche erfährt, um das Beruhigende von Blumen. Er hätte
seine Freude an der Blütenpracht des Kalenders gehabt. Oder auch nicht:
möglicherweise macht das Betrachten der suggestiven Bilder einen Besuch
auf der Couch überflüssig.
Der literarische Katzenkalender
EUR 19,95, Frankfurt. Schöffling & Co. 2010.
Allein
die Zusammenstellung von Wort und Bild: da schläft eine Katze in der
Waschmaschinentrommel, wenn von einem reinen Gewissen die Rede ist. Zu
einem Spruch von Wilhelm Busch über den Wert von Entdeckungen äugt eine
Katze aus der Dachrinne. Und die bessere Luft, die laut Doderer in der
Höhe des Lebens herrscht, atmet eine Katze auf der Schiene eines
Eisenbahngleises. Manchmal, das ist es, was dieser Kalender auf gewitzte
Weise zeigt, braucht es eben eine Katze, um die wahre Bedeutung eines
tiefsinnigen Satzes zum Vorschein zu bringen.
Roger
Willemsen/Ralf Tooten
Bangkok Noir
Frankfurt. S. Fischer 2009, 365 Seiten, EUR 26,95
Zu
einer Tageszeit, zu der andere sich niederlegen, haben sie sich
aufgemacht, der Schriftsteller Roger Willemsen und der Fotograf Ralf
Tooten, jeden Abend wieder, wochenlang. Was sie auf ihren Streifzügen
durch die Nacht von Bangkok erbeutet haben, liegt ausgebreitet auf
schimmerndem Perlmutt, und man sieht: eine Jahrmarktsbude, in der echte
und künstliche Mönche Geld sammeln. Nackte tätowierte Haut, die in einem
Stundenhotel abgelichtet wird. Einen Mann, der im aufgeklappten
Kofferraum seines Autos Zeitung liest. Eine Heuschrecke zwischen den
Zähnen einer jungen Frau. Das jugendliche Opfer eines Motorrad-Unfalls.
Einen prächtigen goldenen Schrein im Regen. Ein mit Schleifen und
Plastikblüten dekoriertes Glas, das eine in Formalin konservierte
Monstrostät preisgibt. Man sieht: Tuk-Tuk-Fahrer, Liebespaare,
Bauarbeiter, Go-Go-Girls, Elefanten, Straßenfegerinnen, Muay Thai-Boxer,
Obdachlose, Karaoke-Sängerinnen, Demonstranten, Klong-Fischer, Geckos,
Satay-Verkäufer und Schattenspieler. Man sieht Elend und Schönheit und
fremdartige Realität, holt sich die dunkel glühenden Bilder unter die
Haut, wo sie das Blut vor Anteilnahme wärmer strömen lassen oder Blasen
werfen bis ins aufschreckende Hirn.
Man sieht, ja, und man liest: meist von Menschen, die etwas zu verkaufen
haben: Amulette, DVDs, Sex, Kalligraphien, Blumen, Erlösung, frittierte
Seidenraupen, Tätowierungen, Illusionen, Räucherstäbchen, Massagen,
einen Blick in die Zukunft, Tamarindenblättersuppe, Drogen, ein Fetzchen
Hoffnung in Form eines Loses, Enteneier, gefälschte Papiere. Willemsen
hat mit ausholender Geste und klingenden Worten, ekstatisch, manchmal,
die zweifelhafte Lust zurückgezahlt und das mitunter bizarre Vergnügen,
das ihm die Dinge bereitet haben, die er gesehen, erlebt hat,
Herzpartikel: und in den Sätzen pulsiert das Fieber, pulsieren Farben
und Hunger und die vielfältige Hysterie dieser fernöstlichen Metropole.
Am Ende ist man so aufgewühlt und erschöpft von der Heftigkeit der
Anblicke und Eindrücke, daß man sich schlafen legen möchte. Und träumen:
von gemäßigteren Gefilden.
Marko
Martin:
Schlafende Hunde.
Erzählungen.
Frankfurt. Eichborn (AB 298), 382 S. EUR 32.00
In der 59 Seiten langen Titelgeschichte sind folgende Worte kursiv
gedruckt: euch, expats, so, Saddest Story, sie, Onkel Wanja,
Kirschgarten, getan, die anderen, die besseren Viertel, ihn, keine, note
book, Stücke für die Außenpolitik ins Blatt zu heben, Barcomi's,
Tuntenbarock, vor, you will see, Lohnfortzahlung-im-Krankheitsfall,
Röhm-Affäre, good old fellows, Weißen, Coco Jambo, The Cure,
ausnahmsweise, Tu parles, Sexual desease, génocidaires, wußte, Britney
Spears, Bill Clinton Powerman of the world, Police, Journalism and
communication, alle, Projektassistent, kannst, What's the answer?,
What's the question?, You can say (you) to me, vous, beauty shop,
müssen, Themen, hierher, Sabena, das, Kontakt, I just wann feel, fe-el
love, Come on, multiple choice, Die Ereignisse, International Crisis
Group, Human Rights Watch, In den nächsten Tagen strömten an die tausend
Flüchtlinge auf das Hotelgelände, und bald hatten die halbverhungerten
Überlebenden das ganze chlorhaltige Wasser aus dem Pool getrunken,
Projekt, Neuzugang, Eher im Gegenteil?, Bene Sebahinzi, Cinzano, sofort,
désolé, tout simplement, Direction Générale de Migration Laku – Corniche,
Entrée, Alors, Rassemblement Démocratique-Laku, Mouvement de la
libération, Senat, Subventionen, öffentlicher Dienst, Haushaltssperre,
Kultuthoheit der Länder, herumbosseln, Kitkat-Club, Recherche!,
gelassen, Elend, Deren, Die ganze Zeit, Non, Monsieur, deux chambres
s'il vous plait, Begegnungen, Ins Auge fassen, Breakfast is not included,
Buddy, Dieser Oliver, Dans dix minutes, déjà?, Okay, impeccable, driver,
Zukunftsvorstellungen!, hier im befreiten Gebiet, Quel courage!, Kenya
Airways, Helo, einzige, vorheriges Zivilleben, mich, Safe heaven, haven,
Deux cafés, s'il vous plait, Idiot, dort, Jason, Délire, Let's do
something, taz, freelancer, dafür, Not-pfla-stern, an-de-re, in, zehn,
Versuchsanordnung, Im Interesse aller, Seine Worte, RD-Laku, off record,
alles, Version, Europa, Bach!, white trash, Das ist ja das Geile an der
De-mo-kra-tie, Brandenburgischen Konzerten, Warmmachen, wo, Gesundheit,
Il est temps de passer aux choses / Sérieuses ma poupée jolie / Tu as
envie d'une overdose / De baise voilà je m'introduis, flach, Shure,
waren, beide, er, typisch französisch, so what?, Haardasgleiche.
Plotloses Mäandern. Autorenfilmkrampf.
Was läßt sich daraus ablesen?
Tone
Fink:
Narratone.
Salzburg. residenz verlag 2009. 112 S. EUR 19,90
Wenn Fingernägel so wachsen, daß sie als Skier den grauen Tag
durchpflügen. Wenn von grünlippelnden kulturmachos, von augenbusigen
engeln, tigerzahnfragmenten und schmuseschattengebilden die Rede ist.
Wenn in einem Schneefeld feinste Striche hängenbleiben wie die
Verwehungen einer Pusteblume. Wenn die 'weiße Leber' ins Spiel kommt, in
immer neuen Variationen, wenn Nähte und Narben der Welt am Zeug flicken:
dann war der Bild- und Sprachkünstler Tone Fink am Werk.
Oder anders: der großartige Kameramann Kurt Weber pflegt seinen
Studenten (aber auch Freunden bei einem ausgedehnten Abendessen) ein
ausgeschnittenes Papier vor Augen zu halten, von dem nur ein Teil zu
sehen ist, die linke Hälfte eines Kreises, die andere Hälfte ist hinter
einem Buch (oder einer Zeitung oder einem Stück Pappe) verborgen. Die
Studenten sollen diesen nicht sichtbaren Teil zeichnen. Die meisten
malen - natürlich - den ergänzenden rechten Halbkreis, "mangelnde
Vorstellungskraft", sagt Kurt Weber und zieht das Buch weg: zum
Vorschein kommt ein kühn geschweiftes Gebilde. Als sei Tone Fink bei ihm
in die Lehre gegangen, enthüllen die Niederschläge des Künstlers die
verborgene Seite der Phantasie.
Alois
Hotschnig:
Im Sitzen läuft es sich besser
davon.
Erzählungen.
Köln. Kiepenheuer & Witsch 2009. 141 S. EUR 19,95
Es sind Sätze von Leuten, die miteinander reden oder glauben,
miteinander zu reden, Sätze über vergangene Zeiten, Sätze im
Wartezimmer, Sätze im Altersheim: dann wird es komisch. Aus der Wand
wachsende Knöpfe, ein Zahnetui, die Verwechslung von schlechten
Aussichten. Herr Ortler, der sein Zimmer immer im falschen Stock sucht.
Und einer, der mit anderen wartet, daß er an der Reihe ist, will sich
partout keine Jacke schenken lassen von der Ärztin. Ein Ehepaar kauft
ein, Salz, Milch, Gurken und Butter, alles wird verhandelt, ob oder ob
nicht, Brot ja, Käse nein, lieber doch keine Gurken, und zwischen Kren
und Tomatenmark sind Herta und Frank auf die Einkaufsliste geraten, die
werden sich verbrennen lassen, und Öl, nein, kein Bedarf, vielleicht
aber doch Käse, jedenfalls Milch und ein Viertel Butter, jedenfalls
Salz, und mit Sardellen ist das so eine Sache, seit Martin sich daran
überfressen hat und jetzt liegt er auf der Krankenstation.
Satz um Satz, Schichten, Verschiebungen, Allerweltskram, wie sich das
häuft und verändert und immer dasselbe ist, trotz der Variation. Das,
was man unterwegs an banalen Bemerkungen hört, wenn man es nicht
schafft, wegzuhören, treibt Hotschnig auf die Spitze. Und verdeutlicht,
daß hinter dem Gesagten immer mehr steckt als die gesagten Banalitäten.
Michael
Braun (Hg):
Der Deutschlandfunk
Lyrikkalender 2010.
Heidelberg. Wunderhorn 2009 EUR 24,80
"Täglich Gedicht als
Rasur erwachsener Dinge", hat ein Dichter von sich gefordert. Oder hieß es
'erwachender'? Was, oberflächlich besehen, mehr Sinn machen würde. Aber bei
Dichtern, wie ich sehr wohl weiß, weiß man nie. Und vielleicht trägt, weniger
anspruchsvoll, schon das tägliche Lesen eines Gedichts zur Welttrimmung bei und
kämmt die Flusen aus den Gedanken: dann wäre dieser Kalender ein willkommenes
Werkzeug. Wenn man mit Sarah Kirschs 'Vögeln, die es nicht gibt', mit Peter
Handkes Erwartung, 'mehr zu sehen', oder mit Friedrich von Logaus 'ungewissen
Kindern' den Tag betritt, läßt man sich von den sogenannten Sachzwängen nicht so
leicht den Takt diktieren. Und wenn sich vom einen oder anderen der 365
Kalenderblätter nichts mitnehmen läßt außer gereimten oder ungereimten Worten:
vielleicht morgen wieder. Das ist das Schöne daran und der Trost.
© 2009 Ingrid Mylo
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