Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

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Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

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Glanz&Elend -
Die Zeitschrift

Großformatige Broschur in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex.
176 Seiten, die es in sich haben:
»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Dazu exklusiv das interaktive Schauspiel »Dein Wille geschehe« von Christian Suhr & Herbert Debes

Andere Seiten
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek

Joe Bauers Flaneursalon
Gregor Keuschnig Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen
von Ingrid Mylo






Der Sog der düsteren Seiten

Louise Welsh:
Das Alphabet der Knochen. Roman.
431 Seiten, 22,00 € Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. München. Kunstmann 2010.

Lampen, die kein Licht geben, Interviews, die ihm verweigert werden, ein Zimmer, aus dem er nach zwei Nächten ausquartiert wird: der Literaturwissenschaftler Murray Watson hat mit jeder Menge Widrigkeiten ganz unterschiedlicher Couleur zu kämpfen, um an Material für seine Biographie über den Dichter Archie Lunan zu kommen, dessen früher Tod von Rätseln verschattet ist. Und es gibt Leute, die ein vitales Interesse daran haben, daß es so bleibt.
Wer zu einem Roman von Louise Welsh greift, muß wissen, daß er es mit unfeinen Gerüchen zu tun kriegt, mit krankhaften Obsessionen und niederen Instinkten: die Autorin zeigt einen ausgeprägten Hang, die Natur, vor allem die menschliche, von ihrer minderwertigen Seite zu schildern. Diese Sicht der Dinge verkehrt sogar die reinigende Seife in etwas Ekliges: im Badezimmer seiner Unterkunft malt Murray sich aus, wie dieses Seifenstück vor ihm schon überall auf dem alten Körper seiner Zimmerwirtin "herumgeglitscht" ist. Er verzichtet auf die Dusche. Selbst Weiden sehen bei Welsh "scheißebesudelt" aus. Dennoch ist dieser Roman, in dem sich über weite Strecken die trockene, staubige Atmosphäre von Universitätsarbeitern breitmacht, ihr zivilisiertestes Buch: als hätte sie ihrer Phantasie vorher Handschuhe übergestreift. Um diesmal keine Abdrücke zu hinterlassen?

Caterina Bonvicini: Das Gleichgewicht der Haie.
Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt.
Frankfurt. S.Fischer 2010. 283 S. EUR 19,95


Sofie, die seit dem Selbstmord ihrer Mutter (die hat sich mit einem Sprung vom Balkon aus dem Leben verabschiedet, da war Sofie sechs) Geschenke von Toten erhält, zieht die Depressiven an wie eine gelbe Blume die Fliegen: die Männern, die bei ihr landen, betrachten das Leben definitiv nicht von der sonnigen Seite. Und je mehr Sofie sich mit ihnen abgibt, desto schwermütiger wird sie selbst. Sie liebt es, durch die nächtlichen menschenleeren Straßen von Turin zu laufen, Zeichen zu entdecken: was bedeutet, fragt sie sich, der rote Papierfetzen im Ohr der bronzenen Statue von Bottero, was der Temperatursturz, was der tote Vogel mitten auf der Straße?
Weil der Roman 'Das Gleichgewicht der Haie' heißt (es geht aber auch um andere Gleichgewichte: das der Seele, das durch Lügen hergestellte, das von Sofies haibeobachtenden Vater), erfährt man einiges über diese Tiere: daß sie seit Urzeit unverändert daherkommen, ein lebender Archtypus, daß sie 'Lorenzische Ampullen' besitzen, daß sie dreitausend Zähne haben. In Kriminalromanen werden die besonders wüsten Verbrecher übrigens gerne mit Haien gleichgesetzt (das letzte Mal hab ich es bei Jo Nesbø gelesen): wobei der Vergleich sich nicht auf deren Grausamkeit bezieht, sondern die Rastlosigkeit meint, die Getriebenheit, das Gehetzte. Die Mordgesellen können, wie Haie, nicht innehalten: es wäre ihr Tod. Der Grund, warum Haie sterben, wenn sie stillstehen, wird dabei nie mitgeliefert, immer nur die Tatsache, daß es so ist. In Bonvicinis Roman findet sich endlich die Erklärung: wenn ein Hai sich nicht bewegt, kriegt er keinen Sauerstoff in seine Kiemen. Ergo ... Genauso geht es – laut einem Artikel aus Lars Gustafssons Handbuch 'Alles, was man braucht' – der Makrele: auch sie ist ("von dem grausamen Exzentriker, der die Tierwelt erschaffen hat") nicht mit einer Schwimmblase ausgestatten worden und muß, wie der Hai, ständig in Bewegung bleiben, um nicht zu ertrinken. Aber niemand hat bisher einen Verbrecher mit einer Makrele verglichen.

Freddy Langer:
Blind Date. 40 Schriftsteller inkognito.
Knesebeck. 95 S. EUR 16,95


Fotografen ohne distinkten Stil helfen sich manchmal mit einer Idee: Freddy Langer, zum Beispiel, bannt seit Jahren jene öffentlichen Zeitgenossen auf Polraroid, die willens sind, sich von ihm eine Schlafbrille aufs Auge drücken zu lassen. In diesem Büchlein sind 40 der Opfer versammelt, Schriftsteller mit maskiertem Blick. Was macht das mit dem Rest ihres Gesichts? Die Linien sind wie eingerastet, der Ausdruck betont gleichgültig, das Lächeln angespannt. Ahnen sie, wie albern sie aussehen? Robert Menasse versucht es mit einem Gähnen abzutun, Ken Follett mit einem vorgehaltenen Buch, Judith Kuckart damit, Doris Dorrie ähnlich zu sehen, Arno Geiger streckt die Zunge raus: hilft alles nichts. Nur Arnold Stadler und Durs Grünbein wirken, trotz des blindmachenden Mummenschanzes, weiterhin souverän: als hätten sie längst mehr Welt hinter der Stirn als vor den Augen und seien nicht angewiesen auf das bißchen freie Sicht.
Die Texte neben den Aufnahmen entstammen den Werken des jeweiligen Autors, sie sind in 39 Fällen kurz und schlagkräftig. Bodo Kirchhoff benötigt als einziger satte drei Seiten. Leider wird man darüber im Dunkeln gelassen, wer die Auswahl besorgt hat.

Sergio Bizzio:
Stille Wut. Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg. München. DVA 2010, 238 S. EUR 19,95

Manchmal macht die Liebe alles noch schlimmer: José, der wegen des Mordes an seinem Vorarbeiter von der Polizei gesucht wird, versteckt sich im Dachgeschoß der weiträumigen Villa, in der seine Geliebte Rosa als Hausmädchen arbeitet. Und während Rosa nichts von seiner heimlichen Anwesenheit ahnt, nichts ahnen darf, leidet José wie ein Tier darunter, daß er sie ständig vor Augen hat, ohne sie berühren zu können: look, don't touch. Tage, Wochen, Monate vergehen auf diese Weise: und furchtbare Dinge geschehen, von einem zum bloßen Zuschauen verurteilten José bezeugt, während dieser Zeit. "Menschen", stellt er dabei fest, "die ohne ihr Wissen beobachtet werden, wirken irgendwie verrückt".
Mit wie zur Faust geballten Sätzen versetzt uns dieser (inzwischen verfilmte) Roman des Argentiniers Sergio Bizzio einen Schlag in den Magen. Und bringt es gleichzeitig fertig, uns für einen Mörder einzunehmen, einen Mann, der wie ein Kind wahrnimmt und fühlt und denkt, unüberlegt, unmittelbar. Einer, der nicht erträgt, daß er nichts gelten soll, ein von vornherein Verlorener. Wie anders kann so eine Geschichte enden als herzzerreißend tragisch: und doch bleibt das Gefühl, etwas Wunderschönes gelesen zu haben.

Sherwood Forlee:
Walls. Das etwas andere Notizbuch.
Hamburg. Hoffmann&Campe 2010. 160 S. EUR 10,00

Mauern: weiße, blaßgelbe, lindgrüne, rote, lichtblaue. Mauern aus Beton, Blech und Backsteinen, ein ganzes Buch voll, schäbige und schöne: grobverputzt, stuckverziert, abgeblättert, buntgeflickt, mit Schildern und Klimaanlangen bestückt. Vor manchen stehen Mülltonnen, vor anderen Hydranten, Bänke oder Fahrräder. Man kann das Buch einfach müßig durchblättern, kann, wie beim Durchstreifen der Straßen, den Blick über die Oberflächen wandern lassen und im Unerheblichen das Besondere entdecken: den wie Pelzbesatz wirkenden Schneesaum entlang des 'Fashion Institute of Technology', die feingezeichnete Fledermaus, die auf einer wildbekritzelten rostigen Eisentür neben einem der beiden Sicherheitschlösser prangt, die abgeplatzten Farbstellen wie Gedächtnislücken zwischen den verblichenen Noten an einer Hauswand: das Lied singt keiner mehr.
Man kann die Mauern auf diesen Seiten aber auch selbst beschriften, kann ein bißchen privaten Vandalismus betreiben und die Fassaden mit Sprüchen überziehen, mit Einfällen, Skizzen, Zitaten, Beobachtungen.  
'Walls' von Sherwood Forlees ist ein Notizbuch der außergewöhnlichen Art. Und durch die Benutzung wird jedes zu einem unverwechselbaren Unikat.


© 2010  Ingrid Mylo
 

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