Was von Büchern bleibt: Journal
der Augenblicke Alf Mayer
über Ingrid
Mylos
neue Textsammlung »Männer in Wintermänteln« »Eine Schatulle voller
Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller
Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal
sogar ein Regenbogen.«
Louise
Welsh: Das Alphabet der Knochen.
Roman.
431 Seiten, 22,00 € Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. München.
Kunstmann 2010.
Lampen, die kein Licht geben, Interviews, die ihm verweigert werden, ein
Zimmer, aus dem er nach zwei Nächten ausquartiert wird: der
Literaturwissenschaftler Murray Watson hat mit jeder Menge Widrigkeiten
ganz unterschiedlicher Couleur zu kämpfen, um an Material für seine
Biographie über den Dichter Archie Lunan zu kommen, dessen früher Tod
von Rätseln verschattet ist. Und es gibt Leute, die ein vitales
Interesse daran haben, daß es so bleibt.
Wer zu einem Roman von Louise Welsh greift, muß wissen, daß er es mit
unfeinen Gerüchen zu tun kriegt, mit krankhaften Obsessionen und
niederen Instinkten: die Autorin zeigt einen ausgeprägten Hang, die
Natur, vor allem die menschliche, von ihrer minderwertigen Seite zu
schildern. Diese Sicht der Dinge verkehrt sogar die reinigende Seife in
etwas Ekliges: im Badezimmer seiner Unterkunft malt Murray sich aus, wie
dieses Seifenstück vor ihm schon überall auf dem alten Körper seiner
Zimmerwirtin "herumgeglitscht" ist. Er verzichtet auf die Dusche. Selbst
Weiden sehen bei Welsh "scheißebesudelt" aus. Dennoch ist dieser Roman,
in dem sich über weite Strecken die trockene, staubige Atmosphäre von
Universitätsarbeitern breitmacht, ihr zivilisiertestes Buch: als hätte
sie ihrer Phantasie vorher Handschuhe übergestreift. Um diesmal keine
Abdrücke zu hinterlassen?
Caterina
Bonvicini: Das Gleichgewicht der Haie.
Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt.
Frankfurt. S.Fischer 2010. 283 S. EUR 19,95
Sofie, die seit dem Selbstmord ihrer Mutter (die hat sich mit einem
Sprung vom Balkon aus dem Leben verabschiedet, da war Sofie sechs)
Geschenke von Toten erhält, zieht die Depressiven an wie eine gelbe
Blume die Fliegen: die Männern, die bei ihr landen, betrachten das Leben
definitiv nicht von der sonnigen Seite. Und je mehr Sofie sich mit ihnen
abgibt, desto schwermütiger wird sie selbst. Sie liebt es, durch die
nächtlichen menschenleeren Straßen von Turin zu laufen, Zeichen zu
entdecken: was bedeutet, fragt sie sich, der rote Papierfetzen im Ohr
der bronzenen Statue von Bottero, was der Temperatursturz, was der tote
Vogel mitten auf der Straße?
Weil der Roman 'Das Gleichgewicht der Haie' heißt (es geht aber auch um
andere Gleichgewichte: das der Seele, das durch Lügen hergestellte, das
von Sofies haibeobachtenden Vater), erfährt man einiges über diese
Tiere: daß sie seit Urzeit unverändert daherkommen, ein lebender
Archtypus, daß sie 'Lorenzische Ampullen' besitzen, daß sie dreitausend
Zähne haben. In Kriminalromanen werden die besonders wüsten Verbrecher
übrigens gerne mit Haien gleichgesetzt (das letzte Mal hab ich es bei Jo
Nesbø gelesen): wobei der Vergleich sich nicht auf deren Grausamkeit
bezieht, sondern die Rastlosigkeit meint, die Getriebenheit, das
Gehetzte. Die Mordgesellen können, wie Haie, nicht innehalten: es wäre
ihr Tod. Der Grund, warum Haie sterben, wenn sie stillstehen, wird dabei
nie mitgeliefert, immer nur die Tatsache, daß es so ist. In Bonvicinis
Roman findet sich endlich die Erklärung: wenn ein Hai sich nicht bewegt,
kriegt er keinen Sauerstoff in seine Kiemen. Ergo ... Genauso geht es –
laut einem Artikel aus Lars Gustafssons Handbuch 'Alles, was man
braucht' – der Makrele: auch sie ist ("von dem grausamen Exzentriker,
der die Tierwelt erschaffen hat") nicht mit einer Schwimmblase
ausgestatten worden und muß, wie der Hai, ständig in Bewegung bleiben,
um nicht zu ertrinken. Aber niemand hat bisher einen Verbrecher mit
einer Makrele verglichen.
Fotografen ohne distinkten Stil helfen sich manchmal mit einer Idee:
Freddy Langer, zum Beispiel, bannt seit Jahren jene öffentlichen
Zeitgenossen auf Polraroid, die willens sind, sich von ihm eine
Schlafbrille aufs Auge drücken zu lassen. In diesem Büchlein sind 40 der
Opfer versammelt, Schriftsteller mit maskiertem Blick. Was macht das mit
dem Rest ihres Gesichts? Die Linien sind wie eingerastet, der Ausdruck
betont gleichgültig, das Lächeln angespannt. Ahnen sie, wie albern sie
aussehen? Robert Menasse versucht es mit einem Gähnen abzutun, Ken
Follett mit einem vorgehaltenen Buch, Judith Kuckart damit, Doris Dorrie
ähnlich zu sehen, Arno Geiger streckt die Zunge raus: hilft alles
nichts. Nur Arnold Stadler und Durs Grünbein wirken, trotz des
blindmachenden Mummenschanzes, weiterhin souverän: als hätten sie längst
mehr Welt hinter der Stirn als vor den Augen und seien nicht angewiesen
auf das bißchen freie Sicht.
Die Texte neben den Aufnahmen entstammen den Werken des jeweiligen
Autors, sie sind in 39 Fällen kurz und schlagkräftig. Bodo Kirchhoff
benötigt als einziger satte drei Seiten. Leider wird man darüber im
Dunkeln gelassen, wer die Auswahl besorgt hat.
Sergio
Bizzio: Stille Wut.
Aus dem
argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg. München. DVA 2010, 238 S.
EUR 19,95
Manchmal macht die Liebe alles noch schlimmer: José, der wegen des
Mordes an seinem Vorarbeiter von der Polizei gesucht wird, versteckt
sich im Dachgeschoß der weiträumigen Villa, in der seine Geliebte Rosa
als Hausmädchen arbeitet. Und während Rosa nichts von seiner heimlichen
Anwesenheit ahnt, nichts ahnen darf, leidet José wie ein Tier darunter,
daß er sie ständig vor Augen hat, ohne sie berühren zu können: look,
don't touch. Tage, Wochen, Monate vergehen auf diese Weise: und
furchtbare Dinge geschehen, von einem zum bloßen Zuschauen verurteilten
José bezeugt, während dieser Zeit. "Menschen", stellt er dabei fest,
"die ohne ihr Wissen beobachtet werden, wirken irgendwie verrückt".
Mit wie zur Faust geballten Sätzen versetzt uns dieser (inzwischen
verfilmte) Roman des Argentiniers Sergio Bizzio einen Schlag in den
Magen. Und bringt es gleichzeitig fertig, uns für einen Mörder
einzunehmen, einen Mann, der wie ein Kind wahrnimmt und fühlt und denkt,
unüberlegt, unmittelbar. Einer, der nicht erträgt, daß er nichts gelten
soll, ein von vornherein Verlorener. Wie anders kann so eine Geschichte
enden als herzzerreißend tragisch: und doch bleibt das Gefühl, etwas
Wunderschönes gelesen zu haben.
Sherwood
Forlee: Walls.
Das etwas andere
Notizbuch.
Hamburg.
Hoffmann&Campe 2010. 160 S. EUR 10,00
Mauern:
weiße, blaßgelbe, lindgrüne, rote, lichtblaue. Mauern aus Beton, Blech und
Backsteinen, ein ganzes Buch voll, schäbige und schöne: grobverputzt,
stuckverziert, abgeblättert, buntgeflickt, mit Schildern und Klimaanlangen
bestückt. Vor manchen stehen Mülltonnen, vor anderen Hydranten, Bänke oder
Fahrräder. Man kann das Buch einfach müßig durchblättern, kann, wie beim
Durchstreifen der Straßen, den Blick über die Oberflächen wandern lassen und im
Unerheblichen das Besondere entdecken: den wie Pelzbesatz wirkenden Schneesaum
entlang des 'Fashion Institute of Technology', die feingezeichnete Fledermaus,
die auf einer wildbekritzelten rostigen Eisentür neben einem der beiden
Sicherheitschlösser prangt, die abgeplatzten Farbstellen wie Gedächtnislücken
zwischen den verblichenen Noten an einer Hauswand: das Lied singt keiner mehr.
Man kann die Mauern auf diesen Seiten aber auch selbst beschriften, kann ein
bißchen privaten Vandalismus betreiben und die Fassaden mit Sprüchen überziehen,
mit Einfällen, Skizzen, Zitaten, Beobachtungen.
'Walls' von Sherwood Forlees ist ein Notizbuch der außergewöhnlichen Art. Und
durch die Benutzung wird jedes zu einem unverwechselbaren Unikat.