Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen II
von Ingrid Mylo






Ake Edwardson

Er wird - vom 'Spiegel' beispielsweise - mit Henning Mankell verglichen. (Und wer, der aus Schweden kommt und Kriminalromane schreibt, wird das nicht?) Höchst einfallsreich. Und völlig schwachsinnig. Vergleicht man ein Skalpell mit einem Nutellamesser? Ake Edwardson seziert. Sätze wie scharfe Schnitte, zügig und genau, da ist kein Mitleid im Spiel und kein Zögern, und nichts von wegen "wird schon wieder gut". Mankell dagegen, der mahnende Moralist mit seiner gefaßten Wut über die himmelschreienden Zustände der menschlichen Gesellschaft und ihrer unmenschlichen Mitglieder, schmiert Salbe auf die Wunden. Er versucht zu retten, was zu retten ist.

Das, wie gesagt, tut Edwardson nicht. Er ist nicht gutwillig, er ist grausam gut: in seiner Schilderung über die Zustände, wie er sie sieht, und diese Sicht ist alles andere als rosig. Seine Bücher liegen schwarz und schwer in der Hand, wenn man sie aus dem Regal holt, das tiefe Schwarz der Einbände, in dem ein zurückhaltendes kühles Graublau der einzige Hoffnungsschimmer ist (das Licht am Ende des Tunnels ist eine Mauer aus Zement), sein Name in Rot, manchmal, Schriftzug aus Rost und Blut, und der Flug einer Eule in geisterhaftem Weiß. Zwischen den Buchdeckeln tritt, in eisiger Kälte, alles klar zutage, Bedürfnisse, Versehrtheiten und Wahn, kränklich blaurot wie nacktes Fleisch, wenn es friert, und man hört, obwohl es totenstill ist, keinen Herzschlag außer dem eigenen. Stunde, nachdem der Katzenjammer vorbei ist und die Ernücherung sich Raum greift, da wird kein überflüssiges Wort des Trostes verloren, kein Satz mit falschem Zauber vertan: der Zug ist längst abgefahren, die Weiche gestellt, es geht unaufhaltsam in Richtung Abgrund. Aber in der Zeit, die noch ist und bleibt für eine Weile, tut man eben, was zu tun ist. Oder wozu man getrieben wird. Alkohol hilft, Jazz oder eine Mordwaffe, damit macht man sich, je nach Erfahrung und Charakter, Mut, oder verschafft sich Erleichterung für einen Augenblick.

"Hinterher legte er sich aufs Bett, schloß die Augen, öffnete sie wieder, als er meinte, es gehe ihm ein wenig besser...", steht da, und "Er hatte immer Mitleid mit den Andersartigen gehabt...", und "Sie spürte die Feuchtigkeit durch den Regenmantel, aber ihre Entscheidung war richtig gewesen...", und "Er folgte ihm, er hatte ja keine andere Wahl...". Und man weiß nicht, wenn man einen neuen Abschnitt zu lesen begonnen hat, wer das ist, dieser 'er', diese 'sie', in wessen Hirn man da eingedrungen ist, Opfer, Mörder, Kommissar, man hat - und das ist das Spannende an den Kriminalromanen von Ake Edwardson und das Verstörende - man hat keine Möglichkeit, sich vorzubereiten, zu schützen, abzugrenzen, man wird mit den Sätzen, die sich im Innersten der Personen zusammenbrauen, hineingezogen in den Strudel ihrer Gedanken, man ist beteiligt. Am Mord, am Ermordetwerden, am Versuch, hinter den Irrsinn der Gewalt zu kommen.

Für Leser, die wollen, daß es am Ende trotz allem gut ausgeht, ist Edwardson nichts. Selbst wenn es tatsächlich gut ausgeht. Denn was bleibt, ist die Stimmung, die die Bücher durchzieht, schwarz, ein kühles Graublau, eine Spur von Rost und Blut, es gibt kein Versprechen, keine Aussicht auf Heilung oder bessere Zeiten, und der gute Ausgang ist nur eine belanglose kleine Tatsache, ein Apfelkern auf der Müllhalde der Seele.

***


Er hat auch anderes geschrieben, einen Band Kurzgeschichten, beispielsweise, 'Der letzte Abend der Saison', da klingen die knappen, präzisen Sätze wie Steinchen, die ein Kind gegen das Fenster schmeißt, um ein anderes zum Spielenherunterzuholen. In den titellosen, manchmal nur zwei, drei Seiten kurzen Episoden wird ein betrunkener Vater von seinem Sohn auf der Straße aufgelesen oder ein Sohn besucht den ständig betrunkenen Vater, um ihm vom Tod der Mutter zu erzählen oder ein betrunkener Vater rammt das Auto gegen einen Baum: und ein Sohn ist tot. "Gut so, Lennart", lautet die wie ein Mantra heruntergebetete Entgegnung eines betrunkenen Onkels, mit der er seinen kleinen Neffen zu jeder seiner ablehnenden Äußerungen beglückwünscht. Und dann die bizarre und gleichzeitig hundsnormale Szenerie im Wartesaal eines Bahnhofes, komisch, bedrohlich, verrückt, Kafka und Beckett, und man fürchtet für das Paar, das nichts weiter will, als in den Urlaub zu fahren: aber der richtige Zug wird nie kommen.

In Edwardsons Roman 'Der Jukebox-Mann' ist der Tonfall eher melancholisch. Eine spröde Wehmut durchzieht die Seiten, in denen vom Niedergang einer Ära die Rede ist und von den noch undeutlichen Umrissen eines Neubeginns in der Ferne. Im Schweden der frühen sechziger Jahre zieht Johnny Bergman seine einsame Bahn durch die weit auseinanderliegenden kleinen Orte im Hochland, sucht die Cafés auf, die Bahnhofskneipen und heruntergekommenen Tanzschuppen, in denen er seine Jukeboxen aufgestellt hat. Aber es gibt nicht mehr viele, die solche Musik hören wollen, Elvis oder Paul Anka, in den Haushalten beginnen die Fernsehgeräte ihre Anziehungskraft auszuzüben und halten die Familien zu Hause fest, die Cafés veröden. Und Johnny, das Herz so leer, daß die Sehnsucht darin hallt wie die verlorenen Schritte am unmenschlich frühen Sonntagmorgen, Johnny muß in seinen Kampf gegen Alkohol, Einsamkeit und Erinnerungen jetzt auch noch die Angst vor der Armut einbeziehen.
Es ist ein schönes und wortkarges Buch, voller Schatten, Hoffnungen und lakonischer Witze, ein Buch, in dem die Halbstarken auf den Marktplätzen herumlungern, die Säufer sammeln ihre Nieten im Schuhkarton, und die Sonne geht, auch wenn man sie nicht immer sieht, jeden Morgen über Blomstrands Autowerkstatt auf.

Und einen Satz gibt es, der fällt schon in dem Kriminalroman 'Geh aus, mein Herz', da wird er von einem Reporter an einen Kommissar weitergegeben, in einer Hotelbar, als Rat, wenn man sich zugesoffen hat am Abend, und am Morgen danach wacht man auf mit dem Gewicht eines fremden Kopfes auf dem taub gewordenen Arm, und um sich davon zu befreien, sagt der Reporter, wendet man den Präriewolftrick an. Im 'Jukebox-Mann' ist der Kopf auf dem beschwerten Arm nicht so fremd, und dem Satz, der diesmal Johnny durch den Kopf geht, folgt eine Wendung ins Wünschenswerte. "Der amerikanische Präriewolf hatte einen Trick, wenn er in eine Falle geriet, er nagte das Körperteil ab, das gefangen war. Vielleicht war er gefangen, aber er hatte nicht das Gefühl, in der Falle zu sitzen."

© 2004    Ingrid Mylo

(Ake Edwardson: Geh aus, mein Herz. Berlin. List 2004. EUR 13,00
Ake Edwardson: Der letzte Abend der Saison. Berlin. List 2002. EUR 11,00
Ake Edwardson: Der Jukebox-Mann. Berlin. claassen 2004. EUR 23,00


 
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