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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen III
von Ingrid Mylo







Haruki Murakami Kafka am Strand

Wenn man Haruki Murakami liest, betritt man Räume, in denen die herkömmliche Logik ein Schattendasein führt. Japanische Mythen, die abendländische Geistes- und Kulturgeschichte und wissenschaftliche Theorien mischen sich - wie maskierte Besucher - unter das gemeine Leben und geben ihm unerwartete Wendungen und Möglichkeiten.
Märchenhaftes geht nahtlos in handfeste Realität über, Träume lassen sich wie Krähen in den Bäumen nieder, und eine beiläufige Geste im Hier und Jetzt scheucht einen Schwarm unheilvoller Symbole aus dem Reich der Phantasie. »Allmählich komme ich mir vor wie in einem Indiana Jones-Film«, sagt eine der Personen einmal ziemlich fassungslos: und auch aus diesem Genre hat das Buch einiges zu bieten.

Die Geschichte beginnt an dem Tag, an dem Kafka Tamura fünfzehn wird und von zu Hause wegläuft. Und schon das ist nur ein Teil der Wahrheit: begonnen hat alles schon lange davor. Vielleicht mit dem Tod eines Studenten in den sechziger Jahren, der eine für den Rest ihres Lebens darüber trauernde Geliebte zurückläßt. Vielleicht während eines Schulausflugs am Ende des Zweiten Weltkriegs, als eine rätselhafte Ohnmacht über sechzehn Kinder hereinbricht, die gerade in einem Bergwald beim Pilzesuchen sind. Vielleicht auch schon 400 Jahre vor Christus, als - laut Aristophanes - die Götter die Menschen mit einem Messer in zwei Hälften schnitten. All diese Ereignisse hängen mit unzähligen anderen zusammen und bilden ein ausgeklügeltes System von verschlungenen Pfaden, unterirdischen Gängen, Sackgassen und Wegen, die gradlinig in die Katastrophe führen. Und wieder heraus. Ein Labyrinth, das räumliche und zeitliche Grenzen ebenso ignoriert wie die zwischen Traum und Wirklichkeit: und so ist es möglich, daß der verzückte Kafka beim Liebesakt seinen ganz realen Samen in den Jungmädchengeist seiner Mutter pflanzt. Ein Labyrinth, in das man sich beim Lesen ebenso lustvoll wie rettungslos verstrickt, und man glaubt - vielleicht auch: hofft -, da findet man nie wieder heraus: und dann erblickt man, nach mehr als 600 Seiten und viel zu früh, das Licht am Ende des Tunnels.

Bis dahin hat es Blutegel und Fische vom Himmel geregnet, Kafka hat eine Frau, die möglicherweise seine Schwester ist, im Traum vergewaltigt, zwei schlummernde Eidechsen haben sich in zwei überirdisch schöne Akkorde verwandelt, Kafkas Vater ist von einem Mann ermordet worden, der mit Katzen komplizierte Gespräche führt, und der Eingangsstein zu einem Ort, an dem "Leere und Substanz aufeinandertreffen", ist zweimal umgewendet worden.
Und zwischen all den Abenteuern und der Liebe und den Rätseln findet Haruki Murakami immer wieder Muse, seine Figuren zum Philosophieren zu bewegen: und dann gibt es hübsche kleine Abhandlungen über Vorbestimmung, Schicksal und Entwicklung, über den zwingenden Zusammenhang von Einfallsarmut und Verbrechen, über die unterschiedlichen Dunkelheiten von Nacht und Bewußtsein und über den Vorzug der Unvollkommenheit.
Das Buch ist, neben allem anderen, auch ein Gemälde, ein reich ausgeschmücktes Suchbild, in dem sich das Offensichtliche geschickt hinter der Ornamentik versteckt. Eine Etüde in Grün und Rot, viel Wald kommt vor und viel Blut, und beides hat seine Bedeutung, mit der Haruki Murakami sein intelligentes Spiel treibt.
Immer wieder muß man im Lesen innehalten und nach Luft schnappen: vor Bewunderung über den Einfallsreichtum, vor Begeisterung über die Schönheit der Bilder. Sätze, in denen die Sterne so stark funkeln, "als sei ihnen gerade etwas Wichtiges eingefallen", in denen Lastwagen beim Überholen klingen, "als reiße man aus etwas die Seele heraus", oder in denen Wolken über ärmlichen Gegenden aussehen "wie Dreckklumpem, die man seit Ewigkeiten nicht aus dem Staubsauger entfernt hat". Und die Stimme einer Sängerin benetzt das "Bewußtsein so sanft wie ein Frühlingsregen die Trittsteine im Garten".

Daß man bei diesem Roman, der ungemein spannend ist, geistreich, poetisch, komisch und herzzerreißend, nicht ganz und gar in rückhaltsose Schwärmerei ausbricht, verhindert einzig und allein die deutsche Übersetzung von Ursula Gräfe. Die ist ein herbes Ärgernis: mechanisch und ungelenk und ohne jedes Gefühl für Stil, Rhythmus und Melodie. Da stehen eher altmodische Ausdrücke wie 'Gefilde' oder 'Finsterling' oder 'abermals' wahllos neben umgangssprachlichen Wortschöpfungen wie 'Umkleide' und 'superschlachtschiffmäßig'. Da wird einer 'des Schauens nicht müde', dann wieder 'reißt er eine Runde nach der anderen runter'. Haufenweise holprige Ungeschicklickkeiten (wie "in diesem Raum voll vom Strandgut" anstatt "voller Strandgut"), umständliche Formulierungen und klamme Konstruktionen mit 'sodaß', die den Blick auf die veralteten Scharniere der Sätze lenken, verstellen auf der anderen Seite die Sicht auf die Geschichte. Man kommt nicht richtig ran. Als sei die Sprache eingerüstet und wartet erst noch aufs Verputzen.
Und trotzdem. Bei diesem Buch lohnt es sich, die Hindernisse einfach niederzulesen. Und ein wenig Unvollkommenheit - das wußten vor Haruki Murakami schon die islamischen Teppichknüpfer - darf bei großen Werken ruhig sein.
© 2004 Ingrid Mylo

Haruki Murakami: Kafka am Strand. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
Köln. DuMont 2004. 637 S. EUR 24,90


 
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