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IV
Ingrid Mylo
über
...ashes
and dust...
In seinen Songs
klingt er völlig anders. Drohend. Rästelhaft. Spöttisch. Er klingt nach
Lächeln und Mord und rachsüchtig wie ein
hintergangener Fürst. »Priests
pray for enemies but princes kill«.
Steht bei
Shakespeare. Es könnte bei Dylan stehen. Selbst seine Sehnsucht, die er
sich fast gehässig aus der »schwarzen
Nacht der Seele«
zieht, ist von unerbittlicher Arroganz. Und das, obwohl er sich durch
die Texte nörgelt, obwohl er quengelt und knatscht und die Worte
ausspuckt wie Hunde einen zerkauten Knochen. Denn da ist - in all seiner
unseligen Quengelei - Tragweite und Verfügung, es ist ein böses
Quengeln, voller Verachtung, voller Lärm und Wut und Gefahr, und es läßt
nicht locker. In seinen Songs geht Dylan entschieden zur Sache.
Der Tonfall in den »Chronicles«
dagegen ist aufgeweicht, als hätten die Sätze über Jahre in Brackwasser
gelegen. Die Farbe ist raus. Der Druck. Die Bestimmtheit. Kein Biß mehr
und kein vernichtender Blick schräg unter geschwärzten Lidern hervor.
Die Autorität, die er gesucht und bei Sängern wie Johnny Cash, Dave Van
Ronk und Frank Sinatra gefunden hat, die Autorität, mit der auch er
Zeilen wie »there's
eyes behind the mirror in empty places«
über das Land verhängt hat: in den
»Chronicles«
ist diese Autorität beim Teufel. Der beißende Rauch hat sich verzogen,
»the
bullets are blanks«.
Harmlos.
Die
Dinge, von denen er erzählt. Die unzähligen kleinen Clubs und Cafés, in
denen er aufgetreten ist. Die Bücher, die er verschlungen hat. Das
Bedauern über den Tod seines Vaters. Das durch eine Freundin angeregte
Interesse an der Malerei. Der Wunsch nach einer Familie und Rosen hinter
dem Gartenzaun. Die Begegnung mit dem Dichter Archibald MacLeish. Die
Jahre in New York. Die auf einem System ungerader Zahlen beruhende
Methode, Gitarre zu spielen, die ihm der Jazz- und Bluesmusiker Lonnie
Johnson beigebracht hat. Die Spaziergänge und Motorradfahrten durch die
Straßen von New Orleans. Die Zusammenarbeit mit den Grateful Dead. Die
Umzüge, die Fluchten, immer wieder, vor hysterischen Fans, die ihn
begierig als Protestsänger und Messias mißverstanden haben und später,
als selbst dem Blödesten so langsam dämmerte, daß daran was nicht
stimmen konnte, hätten sie ihn für dieses Mißverständnis am liebsten
gekreuzigt.
Sie haben nicht hingehört. Dylan wollte nie etwas anderes sein als ein
Folksinger, ein Poet, süchtig nach Vergangenheit und alter Musik und den
Traditionen, die ihn - wie ein Geländer gegen den Abgrund - gegen das
Chaos und die dummdreiste Brutalität der Gegenwart schützen. Auch davon
erzählt er in diesen Aufzeichnungen. Manches streift er lediglich mit
paar knurrigen Silben, wie seine Rolle in einem Western, von dem er
nichtmal preisgibt, daß es sich dabei um
»Pat
Garrett & Billy the Kid«
handelt. Über anderes, wie die Aufnahmesessions zu
»Oh Mercy«,
weiß er gewissenhaft Buch zu führen, seitenlang, man erfährt sogar, daß
seiner Faszination von Mickey Rourke in dem Film
»Homeboy«
die beiden letzten Songs auf der LP zu verdanken sind. Dazwischen kommt
er ins Philosophieren, über die Kunst und das Leben, über den Vorzug von
Langspielplatten gegenüber Singles und immer mal wieder über die
Wahrheit, von der er abwechselnd was hält und dann wieder nicht,
»ashes and
dust«,
und »die
einzige Wahrheit auf der Welt«,
schreibt er, »sei
die, daß es auf der Welt keine Wahrheit gibt«.
Er entwickelt Theorien über den unterschiedlichen Zeitbegriff der Nord-
und Südstaaten, er schaut aus dem Fenster und sieht die Sterne am Himmel
und die Blüten auf den Ästen und den Schnee, der auf die Penner am
Straßenrand fällt. Er schreibt detailliert über Möbel und wartet mit
Begriffen wie volutierte Armlehnen und kannelierte Beine auf. Er
schreibt, natürlich, über das Verfassen von Songs und über die Musiker,
die sie verfaßt haben. Über Woody Guthrie, Kurt Weill und Jack Elliott,
über Robert Johnson und Miles Davis, aber auch über seine Großmutter,
die aus Odessa stammt, und Malcolm X, der in einer Radiosendung
verkündet, ein Schwein würde in Wirklichkeit aus einem Drittel Katze,
einem Drittel Ratte und einem Drittel Hund bestehen. Was Dylan sich
merkt und bei einem Abendessen mit Johnny Cash und Kris Kristofferson
zum Besten gibt. Episoden aus einem Leben. Selten geradlinig erzählt,
nie chronologisch, meist ohne Zuordnung zu Ort und Zeit: und oft läßt
er, er in schnoddriger Unbeholfenheit, das Eigentliche des Ereignisses
aus, von dem er plaudert, und redet am Wesen vorbei. Was fehlt, sind
Bezüge, Zusammenhänge. Er setzt, wie viele, die berühmt sind und
glauben, alle wüßten über sie Bescheid, einiges voraus und läßt aus, was
bei weniger Eingeweihten zum Verständnis nötig wäre. Als würde jemand,
der etwa eine Windmühle beschreibt, nur die blaue Farbe erwähnen, in der
sie gestrichen ist. Und dann versuch mal, dir vorzustellen, wie das Ding
aussieht. Und dennoch liegen auch in diesem ungeordneten Haufen von
Wellblechweisheiten und anekdotischen Bruchstücken ganz wunderbare
Augenblick herum. Und Sätze von einfacher Schönheit.
In
New Orleans,
schreibt er, gibt
es »nur
einen einzigen langen Tag, dann kommt die Nacht, und morgen ist es
wieder heute«.
Ähnliche Zeilen finden sich in Gedichten von Byron. Oder Dylan Thomas.
Und »manchmal«,
steht bei Bob Dylan, »sucht
man den Himmel an den falschen Orten.«
(Das einzig wirkliche Ärgernis ist, daß in einem Buch, in dem die Namen
fallen wie Blätter im Herbst, kein Namensregister am Ende den Weg zu den
Fundstellen weist).
***
Aber
dann Dylans »Lyrics«.
Ein Blick in die Texte, und die Sache ist wieder richtiggestellt. Da ist
Entschiedenheit, das sind kühne Entwürfe und große Gesten. Eitelkeiten
spiegeln sich in einer Messerklinge, unter dem kaltblütigen Mond
rascheln Geheimnisse, und der Wind heult garstig in den leeren
Augenhöhlen aufgegebener Träume. »Blood
on your saddle.«
Mit einer
Stimme, die sich wie ewiges Morgengrauen über ganze Landschaften hinweg
erstreckt. »Pass
the tree of smoke, pass the angel with four faces.«
Und dem
Mann im langen schwarzen Mantel folgen Verwünschungen wie
Krähenschwärme. Jedes Wort ist gültig, jeder Satz trifft: wenn man mit
dem Blick bei den Originaltexten bleibt, links, auf der Überholspur, und
die umständlichen deutschen Übersetzungen rücksichtslos rechts
liegenläßt. »Senor,
lassen Sie uns die Kabel hier rausziehen.«
Hat sich Dylans knappes »let's
disconnect these cables«
wirklich nicht zügiger rüberbringen lassen? Es ist eben nicht damit
getan, die Worte brav und betulich mit dem Finger auf deutsch
nachzufahren, auch wenn sie stimmen, Wort für Wort (was übrigens längst
nicht immer der Fall ist), wie klingt das denn, verdamnmt noch mal, wenn
da steht »der
Hauptmann ist bedrückt, glaubt aber noch, daß seine Liebe erwidert
werden wird«
oder wenn ein »ebenholzfarbenes
Gesicht jenseits von Kommunikation ist«?
Da hat eine rechtschaffene Beamtenseele in Ärmelschonern ganze Arbeit
geleistet. Und die in der Vorbemerkung so bravourös bekundete Absicht,
den »Tonfall
der Texte wiederzugeben«,
ist irgendwann unterwegs im Papierkorb gelandet.
Egal. Man muß ja nicht »ich
bin verirrt im Nebel deiner Schöntuerei«
lesen, wenn auf der Seite gegenüber
»I'm lost
in the haze of your
delicate ways«
steht. Vor
allem aber sollte man eins viel öfter tun:
Dylan
hören. »Blood
on the Tracks«.
»Desire«.
»Street
Legal«.
Und »Time
Out of Mind«.
© 2005 Ingrid Mylo
Bob
Dylan: Chronicles.
Volume one.
Deutsch von Kathrin Passig / Gerhard Henschel.
Hamburg. Hoffmann & Campe 2004.
304 S. EUR 22,00
Bob Dylan: Lyrics 1962 - 2001.
Deutsch von Gisbert Haefs.
Hamburg. Hoffmann & Campe 2004.
1151
S. EUR 39,95 |