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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen IX
von Ingrid Mylo






Joyce Carol Oates Ausgesetzt

Man erfährt das ganze Buch über nicht, wie sie wirklich heißt. Sie kommt, Anfang der Sechziger Jahre, aus dem kleinen Ort Strykersville, um an dem Mädchen-College von Syracuse Philosophie zu studieren. Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof mit drei älteren Brüdern und Großeltern, die Mutter, bei ihrer Geburt gestorben, kennt sie nur von Fotografien, der Vater, ein Bauarbeiter und Säufer, der sie nie küßt, treibt sich ständig irgendwo anders herum und ist dann ganz verschwunden, bis eines Tages die Nachricht von seinem Tod eintrifft. Mit diesem Hintergrund ist sie in der Studentenverbindung Kappa Gamma Pi völlig fehl am Platz, deren Mitglieder reich sind und glamourös und aus gutem Hause stammen. Und obwohl sie deren falschen Glanz durchschaut und verachtet, was sich an Dummheit und Dünkel darunter verbirgt, will sie Mitglied ausgerechnet dieser Gruppe werden, sie will dazugehören, unbedingt, will geliebt werden: und um das zu erreichen, verstellt und verbiegt sie sich, bringt unmögliche Opfer, lebt von dem, was sie im Müll anderer Leute findet und lebt eine Lüge. Und begreift nicht, daß das, was die anderen dann tatsächlich vielleicht lieben, diese von ihr zurechtgerenkte Kunstprodukt, gar nicht sie selbst ist. Sie ist also nach wie vor nicht gemeint. »Du hast geheuchelt«, wird später auch ihr Liebhaber zu ihr sagen, bevor er sie von sich stößt »hast dich als jemand ausgegeben, der du nicht warst.«
    Wer aber ist sie, die ewig Unzufriedene, die sich in der Gesellschaft anderer nach der Einsamkeit zurücksehnt, in der sie sich nach der Gemeinschaft gesehnt hat? Die früh an Sinn- und Seinsfragen Interessierte, die sich Spinoza zur Brust nimmt, Descartes, Kant und Wittgenstein, die über der Beschäftigung mit dem Geist den Körper vernachlässigt und zu dem schlagfertigen Schluß kommt, das Leben sei es womöglich nicht wert, daß man dafür starb. Die sich nach Zuneigung verzehrt und gleichzeitig mit der 'fieberhaften, nervösen Stärke der Ratte, die durch ein Labyrinth läuft,' ihre Selbstzerstörung betreibt. Die sich für alles verantwortlich und von allen abgelehnt fühlt und zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex hin- und herschnellt, mustergültig wie ein Weberschiffchen. Die es viel weniger interessiert, wer sie ist, als vielmehr, wer sie werden kann. Die, von der, wie gesagt, nichtmal der Name verbürgt ist.
    Die Hausmutter des Studentenheimes redet sie mit Mary Alice an, ein Irrtum, den sie, dem Leser gegenüber, nur anmerkt, nie richtigstellt. »Mein eigener Name«, sagt sie einmal, »war so alltäglich, so gewöhnlich, daß ich zu fürchten begann, er klinge, laut ausgesprochen, bloß komisch.« Also gibt sie ihn nicht preis. Auch wenn andere, ihre Kommmilitoninnen beispielsweise, ihn wissen und benutzen: für den Leser bleibt er ein Geheimnis. Schon seit ihrer Kindheit lehnt sie ihn ab, hegt die Überzeugung: »Mit einem anderen Namen wärst du ein anderer Mensch.« Und manchmal geht er selbst ihr verloren. Aus Kränkung, aus Verzweiflung, weil ein Professor sie nicht wahrnimmt, beißt sie sich auf die Lippen, um »nicht meinen Namen zu schreien. Aber auf einmal wußte ich meinen Namen nicht mehr.« Als sie dann auf Vernor trifft, den schwarzen Philosophiestudenten mit seinem vom 'Denken mitgenommenen Gesicht', dessen Namen sie sich vor Verlangen mit den Fingernägeln ins weiche Fleisch ihres Unterarms gräbt, erfindet sie sich neu und nennt sich Anellia: und eine Zeitlang glaubt man ihr. Ihr selbst wird, mit dem Wechsel ihrer Bezeichnung, mit dem gewechselten Bezugssystem, das Wesen, das sie noch bis vor kurzem gewesen ist, fremd. Und Vernor, der sie hart ran nimmt, im Denken, in der Liebe, der sie beansprucht bis auf die Knochen und der sie trotzdem nicht in sein Leben läßt, denn auch er macht ihr etwas vor, verheimlicht ihr seine Frau, sein Kind, er, der den Namen Anellia von Anfang an 'komisch' fand, nennt sie, selbst nachdem sie ihm eines Abends sagt, wie sie wirklich heißt, weiterhin so: als würde er sich mit ihrer vorgeschobenen Persönlichkeit begnügen. Dann ist, zusammen mit Vernor, auch dieser Name Geschichte, und »Keine Anellia mehr«, schreibt sie. »Ich würde abwarten, wer ich sein kann - nach Anellia.«
    Mit dem Wort 'Damals' beginnnt die gewissenhafte Aufzeichnung, zurückhaltend, abgeklärt, ein Bericht aus der Ferne der Jahre, die inzwischen vergangen sind. Doch das ändert sich bald, und die Namenlose, die immer anders heißt, ist mittendrin und erlebt das Geschehene noch einmal. Wenn sie auch stellenweise die Perspektive wechselt und von der ersten Person in die dritte springt und mit Abstand von sich erzählt: wie kleine Kinder das tun, die noch keine klare Vorstellung haben von dem, was ihr Ich ausmacht und die, wenn sie sich meinen, eben so von sich reden, wie sie das hören von anderen.
    Es gehört übrigens zu den ironischeren Varianten der Schlampereien eines Verlags, daß bei diesem höchst philosophischen Roman um Ich-Findung und Identität, in dem es immer wieder um Namen, deren Auswirkungen und Änderungen geht, dann ausgerechnet der Name einer Hauptfigur sowohl auf dem Klappentext als auch auf der Rückseite des Buchumschlags konsequent falsch geschrieben ist.

Joyce Carol Oates: Ausgesetzt.
Roman. Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz.
Frankfurt. S.Fischer 2005.
334 S. EUR 19,90.
©  2005 Ingrid Mylo


 
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