Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

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Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.




Andere Seiten
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek

Joe Bauers Flaneursalon
Gregor Keuschnig Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen LII
von Ingrid Mylo



Gräber und Zimtschnecken

Susanna Moore:
Big Girls. Aus dem Amerikanischen von Längsfeld, Maier.Längsfeld, Vierek & Hens. Zürich. Atrium 2009. 254 S. EUR 19,90

Das 'Ich' in diesem Roman ist von Abschnitt zu Abschnitt ein anderes. "Ich", sagt die Mörderin, "bin die Irre, wo sich im Waschraum versteckt." – "Ich", sagt die Psychiaterin, "habe mit Sicherheit aufgehört, darüber nachzudenken, wie ich Rafael quälen könnte." – "Ich", sagt der Gefängniswärter, "hätte ihm wirklich meinen Schwanz zeigen sollen, und zwar bei jeder Gelegenheit." – "Ich", sagt die Schauspielerin, "bin froh, daß der Vater, der mich großgezogen hat, tot ist."
Ein Quartett gefährlicher Liebschaften, eine Konstruktion aus Wahn und Wunden und Beton: und der Schmutz, in dem die Seele schleift wie ein ausgefranster Lumpen, infiziert die Vorstellung eines weitgehend freien Willens.
Nach der Lektüre dieses Buches braucht man was Buntes, was Süßes und einen harmlos vergnügten Abend unter guten Freunden.

Monologe auf Mallorca/Die Ursache bin ich selbst.
Krista Fleischmann interviewt Thomas Bernhard.
Frankfurt. Suhrkamp Filmedition 2009., DVD. 94 Min. EUR 19,90

Er sitzt, ganz in Schwarz und lässig zurückgelehnt, an einem weißen Cafétisch vor dem mallorquinischen Meer. Er geht über einen Friedhof, durch einen Park, am Strand entlang, an einem Zeitungsstand vorüber.  
Und er redet. Mit Händen und Fußspitzen, die "zu allem, was ich sag', den Takt" schlagen, "haben S' das nie bemerkt? Man kann natürlich kaum gleichzeitig den Fuß anschauen und den Mund". Aber wunderbar zuhören kann man ihm, dem damals 50jährigen Thomas Bernhard, der launig über Narren parliert, über innere Landschaften und 100.000 Bücher, die wie 100.000 Gräber sind, nur daß sie rascheln. Er meint das Spaßige ernst und macht sich über den Ernst lustig. "Wenn man den Tod mit einer Schale Kaffee vergleicht", sagt er, "ist es ja wieder nicht ganz ernst." Und wenn Bernhard auf die Sexualität zu sprechen kommt, schlägt er die Beine übereinander.
"Schwalben sind herrlich", sagt er gut 5 Jahre später in Madrid. Da ist er kränker und weniger humorig, hats mit den Staubkörndln und der Weltrevolution, und Bücher, sagt er, gäbe es nur, weil die Papierfabrik mit der Herstellung von Klorollen nicht ausgelastet sei. Schade, daß die DVD sich auf die beiden Fleischmann-Interviews beschränkt, zumindest die Outtakes (in einem wird der Stellenwert der Frau verhandelt) hätte man sich noch gewünscht.

Camilla Läckberg:
Die Totgesagten. Aus dem Schwedischen von Katrin Frey.
Berlin. List 2009. 414 S. EUR 19,90

Weiß der Teufel, sie essen Zimtschnecken, in diesem Roman. Ständig. Wie die Weltmeister. Als sei der Krimi von der Bäckerinnung gesponsert. Sie sitzen beim Bürgermeister und essen Zimtschnecken.  
Sie reden über Mord und essen Zimtschnecken. Sie telefonieren und essen Zimtschnecken. Sie jobben für eine Doku-Soap beim Bäcker und essen Zimtschnecken. Sie versuchen, mit der Ermordung ihrer Geliebten fertigzuwerden und stellen sich Zimtschnecken auf den Tisch. Und neben dem Parfüm einer schönen Frau hat der Müllkutscher den Duft nach Zimtschnecken im Kopf, bevor er im stinkenden Unrat eine Leiche entdeckt. In Schweden scheint die Zimtschnecke ein Allheilmittel zu sein, ähnlich wie in England der Tee. Zu dem man sie reichen könnte. Falls all die Kommissare und Fernsehleute und Verdächtigen und Kleindarsteller und Hinterbliebenen und Politiker ein paar Krümel übrig gelassen haben.

Gwendolyn Riley:
Krankmeldungen. Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier.
Frankfurt. Schöffling & Co. 2009, 204 S. EUR 17,90

Esther weint viel. Sie trinkt auch viel. Und sie ist einsam, wie so viele. "Mach was draus", hätte Yaak Karsunke vielleicht gesagt. Und Esther macht: sie beobachtet Motten. Reibt mit bespucktem Toilettenpapier verkrustete Mascaraklümpchen von den Wimpern. Dreht in diversen Waschräumen alle Wasserhähne auf und lauscht dem Geräusch. Pißt auf den Teppich "wie eine wütende Katze". Leckt den verklebten Staub von einer Fensterscheibe, um nach draußen zu schauen. Knurrt in den Spiegel. Säubert sich die Fingernägel am Faden eines benutzten Teebeutels. Anders zu leben, käme ihr surreal vor.  
Aber sie kennt die Marken von den Schuhen, von den Jeans, die man trägt. Klar, daß so eine Luftzigarette raucht und einen Kugelschreiber im Pferdeschwanz stecken hat, zu dem sie greift, um Lebensweisheiten auf ihren Innenarm zu kritzeln. Neben die Narben.  
Sie listet, wenn sie die "öde Müllhalde" ihres Zimmers verläßt, vorwiegend das Schäbige auf, das Angekränkelte, den eitrigen Auswurf der Welt: die roten, ramponierten Gesichter der Männer, die zermatschte Fritte an ihrem Schuh, die teigigen, über die Hose quellenden Mädchenbäuche, die aufgequollenen Pornohefte in den regengefüllten Reifenspuren, die pelzige Marmeladen im Kühlschrank, die verrotzten Papiertaschentücher in der Handtasche ihrer Mutter, die zerfetzte Zitronenscheibe im vollen Aschenbecher. Mit den ausgesuchten Absonderlichkeiten, die dieser Fundus birgt, ließen sich leicht elf weitere Tristessetellen ausstatten.

Toni Anzenberger:
Pecorino. Weisheiten eines Hundes von Welt.
München. Knesebeck 2009. 192 Seiten, 110 Farbfotos. EUR 19,95

Der Hund vor dem Hundertwasser in Bad Blumau, der Köter am Computer im Wiener Haus der Musik, der Rüde im roten Gestühl des Cuvilliés-Theaters von München. Ganz gleich, ob er in einem provenzalischen Lavendelfeld hockt, einem maskenhaften Schachspieler in Barcelona Paroli bietet oder in Rimini an einer nackten Brustwarze schnüffelt: Pecorino kommt gut zur Geltung. Es sei denn, der Fotograf oder wer auch immer wird von dem albernen Verlangen übermannt, dem Labrador-Hirtenhund-Mischling einen Pudelmütze überzustülpen. Aber dann im Café Sperl: mit nachdenklichem Blick wartet er auf Thomas Bernhardiner, um sich mit ihm über die Lage der Nation auszutauschen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht sind es nur Die Erinnerungen an die Hundedamen seiner frühen Jugend, die ihm durch den Kopf gehen.  © 2009  Ingrid Mylo
 

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