Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

Leseprobe

  

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Was von Büchern bleibt:

Journal der Augenblicke
Alf Mayer über Ingrid
Mylos neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«

»Eine Schatulle voller Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal sogar ein Regenbogen.«

Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.




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Reiner Stachs Franz Kafka
counterpunch
»We've got all the right enemies.«

Druckstellen
von Ingrid Mylo



Schlaflos und schiffbrüchig

Liza Marklund:
Kalter Süden. Aus dem Schwedischen von A.Bubenzer u. D.Lendt.
Berlin. Ullstein 2009. 518 S. EUR 19,90

Das ist gar nicht so lange her, daß man in dem Kriminalroman einer schwedischen Autorin fortwährend über Leute stolperte, die sich mit Zimtschnecken vollstopften. Jetzt erfährt man bei Liza Marklund, daß die schwedische Kirche selbst an der heimatfernen Costa del Sol den 'Tag der Zimtschnecke' feierlich begeht. Das muß in Schweden ein verflucht beliebtes Stückchen Gebäck sein. Doch anders als ihre Kollegin begnügt sich Marklund mit seiner einmaligen Erwähnung und widmet sich statt dessen den deutlich anrüchigeren Neigungen ihrer Landsleute.
Die Geschichte fängt an vielen Stellen an, in unterschiedlichen Zeiten, überquert Grenzen und Gesellschaftsschichten: und als die Serienheldin einsteigt, ist das, was sie an Verbrechen geschieht, nur die Folge und Konsequenz blutiger Taten aus der Vergangenheit. Und dieser Roman eine weitere spannende Illustration, daß alles mit allem zusammenhängt.


Haruki Murakami:
Schlaf. Aus dem Japanischen von Nora Bierich.
Mit Illustrationen von Kat Menschik. DuMont 2009. 79 S. € 14,95    

"Es ist", beginnt die Erzählung, "der siebzehnte Tag ohne Schlaf": und anstatt darunter zu leiden, blüht die Ich-Erzählerin, eine japanische Hausfrau, zusehends auf. Die Wachheit gibt ihr nachts die Zeit zurück, die ihr die Familie tagsüber raubt: und wie im Rausch überläßt sie sich, während die anderen schlafen, jenen Leidenschaften, denen sie vor ihrer Ehe gefrönt hat: dem Verschlingen von Büchern und Süßigkeiten. Je mehr sie zu sich selbst findet, desto kritischer betrachtet sie ihren Mann, ihren Sohn, die zu "Starrsinn und Selbstzufriedenheit" neigen und nie in der Lage sein werden, die Gefühle der Erzählerin zu verstehen. Doch sie geht Risiken ein, wagt sich in Gebiete, in denen mörderische Schatten ihr Unwesen treiben: und die Schlaflosigkeit endet als Alptraum.
Murakami ist betörend und beunruhigend wie meist: Menschiks Illustrationen, auch wenn sie wunderschön silbern und dunkelblau daherkommen, sind für das Schwebende, leicht gegen die Wirklichkeit Verschobene, das die Wahrnehmung hinters Licht führt, ein wenig zu plakativ. Wenn alles so filigran an der Realität vorbeigezeichnet wäre wie die fliegenähnlichen Insekten auf dem Vorsatzpapier, wäre die Freude an dem kleinen Buch ungetrübt.
 

Christian Sprang/Matthias Nöllke:
Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen. Kiepenheuer & Witsch 2009. 208 S. EUR 7,95

Für manche ist es das erste, für einige sogar das wichtigste, wonach sie in einer Zeitung Ausschau halten. Andere können gar nicht schnell genug darüber hinwegblättern. Mit dem Lesen von Todesanzeigen ist es wie mit dem Lösen von Kreuzworträtseln: die einen tun's, die anderen nicht. "Der Tod kommt früh genug", sagen die, die keinen Blick auf die Zeilen zwischen den Trauerrändern riskieren, "da werd' ich mich doch nicht schon vorher mit dem traurigen Ende befassen." Dabei können Nachrufe, wie diese kuriose Sammlung zeigt, durchaus zur Erheiterung und Erhellung des Daseins beitragen. Wenn die Hinterbliebenen zu Dichtern werden und mit dem Vater "das Leben in Wiesbaden teilen" und an seiner "Gesundheit feilen" wollten, bevor er mit den Augen leider auch "das Licht geschlossen" hat. Oder wenn jemand einem Kursmakler "Ein letztes Zapp-Zerapp" nachschickt. Oder die Worte "Tumor is. Rumor is. Humor is nich" in der Anzeige eines Arztes. Oder wenn es über eine Mutter heißt: "Die Perle fiel aus der Familienkrone". So, wie die Fundstücke in diesem Buch aus dem Rahmen der üblichen Trauersprüche fallen.
 

Cécile Wajsbrot:
Nocturnes. Aus dem Franzöischen von H. Fock
und S. Müller. München. liebeskind 2009. 93 S. EUR 14,90

Paolo Conte singt vom Schiffbruch, immer wieder, von dem, der ihm Glück gebracht hat, von einem anderen, "ganz ohne Meer" in Mailand. In Hans Blumenbergs Abhandlung über den Schiffbruch erfährt man: er ist eine der meistverwendeten Metaphern in der Philosophie. Das schöne, schmale Buch, das Cécile Wajsbrot geschrieben hat, ist voll davon: Menschen, die andere Menschen ertrinken sehen, Menschen, die einen anderen haben ertrinken lassen, Menschen, die dem Tod durch Ertrinken entronnen sind. Und immer das Meer, das schweigt und nimmt und manchmal auch schont: und dann weiß man nicht, ob das wirklich das bessere Schicksal ist. Wer überlebt, muß den Tod der Untergegangenen aushalten: das trennt ihn von denen, die nur das Leben kennen. Und macht eine Verständigung mit ihnen unmöglich. Was bleibt, ist Scheitern.
Die Erzählungen sind von stiller, schwerwiegender Gründlichkeit: das, was sie preisgeben, spürt man, ist die Essenz von etwas Größerem, das uns alle betrifft.

 
Stuart Hample:
Vom Irrsinn des Lebens
Woody Allen in Comic Strips.
Aus dem Englischen von Helmut Neuberger.
Knesebeck 2009. 239 S. EUR 29,95

Er sieht aus wie Woody Allen, er hat dieselben Probleme wie Woody Allen, und wie Woody Allen macht er sich seine ganz eigenen Gedanken über Gott, die Welt und den Sex, der im Gegensatz zum Tod bedauerlicherweise nicht ewig währt. In Stuart Hamples bewundernswert treffsicherem Comic kommt der Komiker so ausgeklügelt verschroben zum Zug wie man es von der Leinwand gewohnt ist, eingeteilt in Kapitel mit so erhellenden Überschriften wie 'Mit jedem Orgasmus wurde ihre Nase länger'. Szenen, in denen der Starneurotiker winselnd auf der Couch liegt oder halbnackt vor dem Spiegel steht und seiner Kümmerlichkeit einen Kick ins Aberwitzige verpaßt. Das funktioniert, im Buch wie im Film, weil Woody Allen sich und seine Macken entschieden zu ernst nimmt: und diese Ernsthaftigkeit gibt er dem Gespött der Öffentlichkeit preis. Für so jemanden wird ein Besen, der beim Kehren seine Strohborsten verliert, die man dann zusammenfegen muß, wobei natürlich noch mehr Stroh vor die Borsten geht, zum perfekten Symbol für den Sinn des Lebens. © 2009  Ingrid Mylo
 

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