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Was von Büchern bleibt:
Journal
der Augenblicke
Alf Mayer
über Ingrid
Mylos
neue Textsammlung
»Männer in Wintermänteln«
»Eine Schatulle voller
Edelsteine, die Worte sorgfältig geschliffen. Ingrid Mylos Sprache ist voller
Lust und Genauigkeit, aufs Milligramm abgewogen, perlend, funkelnd. Und manchmal
sogar ein Regenbogen.«
Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen
ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000
Exemplaren
mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.
Andere
Seiten
Elfriede Jelinek
Elfriede Jelinek
Joe Bauers
Flaneursalon
Gregor Keuschnig
Begleitschreiben
Armin Abmeiers
Tolle Hefte
Curt Linzers
Zeitgenössische Malerei
Goedart Palms
Virtuelle Texbaustelle
Reiner Stachs
Franz Kafka
counterpunch
»We've
got all the right enemies.« |
Druckstellen
von Ingrid Mylo
Schlaflos und
schiffbrüchig
Liza
Marklund:
Kalter Süden.
Aus dem Schwedischen von A.Bubenzer u. D.Lendt.
Berlin. Ullstein 2009. 518 S. EUR 19,90
Das ist gar nicht
so lange her, daß man in dem Kriminalroman einer schwedischen Autorin
fortwährend über Leute stolperte, die sich mit Zimtschnecken
vollstopften. Jetzt erfährt man bei Liza Marklund, daß die schwedische
Kirche selbst an der heimatfernen Costa del Sol den 'Tag der
Zimtschnecke' feierlich begeht. Das muß in Schweden ein verflucht
beliebtes Stückchen Gebäck sein. Doch anders als ihre Kollegin begnügt
sich Marklund mit seiner einmaligen Erwähnung und widmet sich statt
dessen den deutlich anrüchigeren Neigungen ihrer Landsleute.
Die Geschichte fängt an vielen Stellen an, in unterschiedlichen Zeiten,
überquert Grenzen und Gesellschaftsschichten: und als die Serienheldin
einsteigt, ist das, was sie an Verbrechen geschieht, nur die Folge und
Konsequenz blutiger Taten aus der Vergangenheit. Und dieser Roman eine
weitere spannende Illustration, daß alles mit allem zusammenhängt.
Haruki
Murakami:
Schlaf. Aus dem
Japanischen von Nora Bierich.
Mit Illustrationen von Kat Menschik. DuMont 2009. 79 S. € 14,95
"Es ist", beginnt die Erzählung, "der siebzehnte Tag ohne Schlaf": und
anstatt darunter zu leiden, blüht die Ich-Erzählerin, eine japanische
Hausfrau, zusehends auf. Die Wachheit gibt ihr nachts die Zeit zurück,
die ihr die Familie tagsüber raubt: und wie im Rausch überläßt sie sich,
während die anderen schlafen, jenen Leidenschaften, denen sie vor ihrer
Ehe gefrönt hat: dem Verschlingen von Büchern und Süßigkeiten. Je mehr
sie zu sich selbst findet, desto kritischer betrachtet sie ihren Mann,
ihren Sohn, die zu "Starrsinn und Selbstzufriedenheit" neigen und nie in
der Lage sein werden, die Gefühle der Erzählerin zu verstehen. Doch sie
geht Risiken ein, wagt sich in Gebiete, in denen mörderische Schatten
ihr Unwesen treiben: und die Schlaflosigkeit endet als Alptraum.
Murakami ist betörend und beunruhigend wie meist: Menschiks
Illustrationen, auch wenn sie wunderschön silbern und dunkelblau
daherkommen, sind für das Schwebende, leicht gegen die Wirklichkeit
Verschobene, das die Wahrnehmung hinters Licht führt, ein wenig zu
plakativ. Wenn alles so filigran an der Realität vorbeigezeichnet wäre
wie die fliegenähnlichen Insekten auf dem Vorsatzpapier, wäre die Freude
an dem kleinen Buch ungetrübt.
Christian
Sprang/Matthias Nöllke:
Aus die Maus.
Ungewöhnliche Todesanzeigen. Kiepenheuer & Witsch 2009. 208 S. EUR 7,95
Für manche ist es das erste, für einige sogar das wichtigste, wonach sie
in einer Zeitung Ausschau halten. Andere können gar nicht schnell genug
darüber hinwegblättern. Mit dem Lesen von Todesanzeigen ist es wie mit
dem Lösen von Kreuzworträtseln: die einen tun's, die anderen nicht. "Der
Tod kommt früh genug", sagen die, die keinen Blick auf die Zeilen
zwischen den Trauerrändern riskieren, "da werd' ich mich doch nicht
schon vorher mit dem traurigen Ende befassen." Dabei können Nachrufe,
wie diese kuriose Sammlung zeigt, durchaus zur Erheiterung und Erhellung
des Daseins beitragen. Wenn die Hinterbliebenen zu Dichtern werden und
mit dem Vater "das Leben in Wiesbaden teilen" und an seiner "Gesundheit
feilen" wollten, bevor er mit den Augen leider auch "das Licht
geschlossen" hat. Oder wenn jemand einem Kursmakler "Ein letztes
Zapp-Zerapp" nachschickt. Oder die Worte "Tumor is. Rumor is. Humor is
nich" in der Anzeige eines Arztes. Oder wenn es über eine Mutter heißt:
"Die Perle fiel aus der Familienkrone". So, wie die Fundstücke in diesem
Buch aus dem Rahmen der üblichen Trauersprüche fallen.
Cécile
Wajsbrot:
Nocturnes. Aus
dem Franzöischen von H. Fock
und S. Müller. München. liebeskind 2009. 93 S. EUR 14,90
Paolo Conte singt vom Schiffbruch, immer wieder, von dem, der ihm Glück
gebracht hat, von einem anderen, "ganz ohne Meer" in Mailand. In Hans
Blumenbergs Abhandlung über den Schiffbruch erfährt man: er ist eine der
meistverwendeten Metaphern in der Philosophie. Das schöne, schmale Buch,
das Cécile Wajsbrot geschrieben hat, ist voll davon: Menschen, die
andere Menschen ertrinken sehen, Menschen, die einen anderen haben
ertrinken lassen, Menschen, die dem Tod durch Ertrinken entronnen sind.
Und immer das Meer, das schweigt und nimmt und manchmal auch schont: und
dann weiß man nicht, ob das wirklich das bessere Schicksal ist. Wer
überlebt, muß den Tod der Untergegangenen aushalten: das trennt ihn von
denen, die nur das Leben kennen. Und macht eine Verständigung mit ihnen
unmöglich. Was bleibt, ist Scheitern.
Die Erzählungen sind von stiller, schwerwiegender Gründlichkeit: das,
was sie preisgeben, spürt man, ist die Essenz von etwas Größerem, das
uns alle betrifft.
Stuart
Hample:
Vom Irrsinn des Lebens
Woody
Allen in Comic Strips.
Aus dem
Englischen von Helmut Neuberger.
Knesebeck 2009. 239 S. EUR 29,95
Er sieht aus wie Woody Allen, er hat
dieselben Probleme wie Woody Allen, und wie Woody Allen macht er sich
seine ganz eigenen Gedanken über Gott, die Welt und den Sex, der im
Gegensatz zum Tod bedauerlicherweise nicht ewig währt. In Stuart Hamples
bewundernswert treffsicherem Comic kommt der Komiker so ausgeklügelt
verschroben zum Zug wie man es von der Leinwand gewohnt ist, eingeteilt
in Kapitel mit so erhellenden Überschriften wie 'Mit jedem Orgasmus
wurde ihre Nase länger'. Szenen, in denen der Starneurotiker winselnd
auf der Couch liegt oder halbnackt vor dem Spiegel steht und seiner
Kümmerlichkeit einen Kick ins Aberwitzige verpaßt. Das funktioniert, im
Buch wie im Film, weil Woody Allen sich und seine Macken entschieden zu
ernst nimmt: und diese Ernsthaftigkeit gibt er dem Gespött der
Öffentlichkeit preis. Für so jemanden wird ein Besen, der beim Kehren
seine Strohborsten verliert, die man dann zusammenfegen muß, wobei
natürlich noch mehr Stroh vor die Borsten geht, zum perfekten Symbol für
den Sinn des Lebens.
© 2009 Ingrid Mylo
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