|
Druckstellen
V
Ingrid Mylo
Nicholson Baker Eine Schachtel Streichhölzer
Die meisten Menschen trachten danach, ihre schmutzige Unterwäsche den
Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen, und die kleinen privaten
Fingerübungen, die gemeinhein als unappetitlich gelten, wie das Puhlen
zwischen den Zehen, das Nasebohren oder das Kratzen zwischen den Beinen,
in aller Klammheimlichkeit zu erledigen.
Der 44jährige Emmett, Lektor medizinischer Lehrbücher, verheiratet und
Vater zweier Kinder, kennt diese Scham nicht. Fusseln, die er sich aus
dem Nabel zwirbelt, die Kunst, eine benutzte Unterhose mit den Zehen
aufzulesen, die Bildung von Speichel beim Gähnen auf der Innenseite
seiner Wangen und eine ausführliche Erörterung über das richtige Pinkeln
im dunklen Badezimmer gehören zu den Dingen, die er mit liebevoller
Präzision vor uns ausbreitet wie Schätze, die ein Junge stolz aus seinen
Hosentaschen zieht. Er schildert diese intimen
Gepflogenheiten mit der gleichen Unbefangenheit und sachlichen
Kompetenz, mit der er beschreibt, wie er den Behälter der
Scheibenwaschanlage seines Mazda-Minivans auffüllt. Oder die von
Nudelauflaufresten verklebte und über Nacht eingeweichte Glasschüssel
spült. Oder in der Finsternis mit den Fingern nach einer
Streichholzschachtel tastet. Satz für Satz, wie eine Gebrauchsanweisung
für das Ausfüllen müßiger Minuten.
Morgen für Morgen, zwischen 3.37 Uhr und 6.30 Uhr, in jenen Stunden
also, in denen die meisten Kranken sterben: weil die Herzfrequenz
niedrig und für den Tod eine leicht zu nehmende Hürde ist, in dieser
"Herrgottsfrühe", wie er es selbst einmal nennt, beginnt Emmett, während
der Rest des Hauses noch schläft, seinen Tag. 33 Mal in diesem
Buch macht er - auf vielerlei Arten, aber immer mit einem Streichholz -
Feuer und macht Kaffee und macht sich dabei seine Gedanken. "Das Hübsche
daran, die Brille im Dunkeln aufzusetzen, ist, daß man weiß, man könnte
besser sehen, wenn es hell wäre, aber da es dunkel ist, ändert die
Brille überhaupt nichts." Solche und andere launigen kleinen
Überlegungen gehen ihm durch den Kopf. Er setzt sich mit dem
unterschiedlichen Auflösungsvorgang von Apfel- und Birnenschalen
auseinander, spekuliert über das Zittern als Zeitvertreib bei Tieren
oder versucht, den Geschmack seines Fieberthermometers zu bestimmen und
kommt darauf, es wäre vielleicht der Geschmack, "nachmittags an einem
Lunchtresen zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen." Oder er räsoniert
über die seltsame Verdickung in der Mitte eines Packens von
Briefumschlägen, die sich anfühlt, als müßten die Umschläge etwas
enthalten - was sie natürlich nicht tun -, und entdeckt darin eine
"Andeutung vom Sinn des Lebens". Und immer wieder tauchen tatsächlich
auch Remineszenzen an den Tod auf. In Form von Emmetts phantastischen
Selbstmordgedanken als Einschlafhilfe, als Vergleich zwischen dem
herbstlichen Laubfall und der Verwandlung eines Greises in "Schädel und
Knochen", als Plan, einen Kriminalroman über Pilzkrankheiten mit einem
Leichenfund im ersten Kapitel zu verfassen (der allerdings sofort
fallengelassen wird, als ein süßlicher Gestank und eine Wolke
"scheußlicher schwarzer Fliegen" die reale Leiche des Mannes in der
Wohnung darunter zu Tage fördern). Und dann wird da noch eine wütend
fiepende Fledermaus von einem herbeigerufenen Polizisten getötet und im
Garten vergraben.
Emmett bezeichnet sich an einer Stelle selbst als ein "Monster an
Genauigkeit", und die Gewissenhaftigkeit, die Akribie, mit der Nicholson
Baker seinen Ich-Erzähler bei der Darstellung seiner Beobachtungen und
Erinnerungen zu Werk gehen läßt wie mit Lupe und Pinzette, ist wirklich
geradezu monströs. Abstandslos erforscht er Grandioses und Gewöhnliches
gleichermaßen, nichts ist vor seinem Beschreibungszwang sicher. Kein
Funkenflug, kein Follikel in der aufgeblähten Wange, kein
"Frühmorgen-Bewußtsein". Den Dingen und Verrichtungen, denen er sich mit
süchtiger Aufmerksamkeit widmet, sitzt er dabei so im Nacken, daß er
eins wird mit ihnen. Er beschreibt sich selbst. Und ist sich
gleichzeitig so fern, daß er eines Morgens bei einem Blick von draußen
durch sein Wohnzimmerfenster halb erwartet, sich im Bademantel vor dem
Kaminfeuer sitzen zu sehen - "doch der Sessel war leer".
Es ist gerade diese mikroskopische Genauigkeit, diese minutiöse
Darlegung der Sachverhalte, die einen verblüffenden Effekt hat: sie
erzeugt Komik. Weil es so irre ist, jedem Kinkerlitzchen bis in die
Poren nachzuspüren, so überzogen, nahezu jeder einzelnen Bewegung, die
man zum Beispiel nach dem Duschen macht, eine Flotte ernsthafter
Betrachtungen hinterherzuschicken. So absonderlich. Und so erheiternd.
Und dann ist ausgerechnet in so einem Buch (auf Seite 54) eine Zeile
verdruckt. Ohne ersichtlichen Grund ist sie zwei Punkt kleiner als das
Schriftbild, in das sie gebettet ist, und löst gelinde Irritationen aus.
Was hätte Nicholson Baker daraus für eine seitenlange Nummer machen
können. © 2005 Ingrid Mylo
Nicholson Baker:
Eine Schachtel Streichhölzer.
Roman. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld.
Reinbek. Rowohlt 2004.
151 S. EUR 14,90 |