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VI
Ingrid Mylo
Das veruntreute Wort
Katherine Mansfield kann das: eine einzige Geste so feinnervig und dabei
so unverblümt beschreiben, daß Wahrheiten darin aufschimmern und
Schattierungen, die beim Lesen einen ganzen Geröllrutsch von Gefühlen
auslösen. Gesten wie das erst hoffnungsvolle, dann aus den Fugen
brechende Winken einer stehengelassenen Dame, das perfektionierte
Lauschen einer alten Lehrerin, die dabei so tut, »als würde sie nicht
zuhören«, die Verachtung, mit der eine schöne Frau im Park einen
Veilchenstrauß wegwirft »als sei er vergiftet worden«. Scharf und so
zart, daß man den Schmerz erst Sätze später spürt, schneidet Mansfield
durch Verstellungen und Attitüden und Schichten von Schutz bis auf die
Knochenhaut. Und legt die Empfindungen frei. Die Einsamkeit der
Sonntagnachmittage, die Sehnsucht, verstanden zu werden, die Hoffnung
auf ein glückicheres Leben, während man Hüte verkauft oder sich - in
Ermangelung eines Prinzen - von einem breit gebauten Herrn im Café de
Madrid zum Brandy einladen läßt. Und ihm anschließend folgt, hinaus in
den Abend.
Geschichten, hellsichtig und von verhaltener Innigkeit und oft genug
unbarmherzig komisch, wenn sich ein »literarischer Herr« bei seiner
Putzfrau nach dem Tod ihres Enkels erkundigt: »Ich hoffe, die Beerdigung
war - ein - Erfolg?« Geschichten, bei denen Lesen, Begreifen und Fühlen
eins sind und über den Rand der Seite hinausreichen ins eigene Leben.
Wenn man sie im Original liest, auf Englisch.
Denn Mansfield, die - vehementer als sonst ein Schriftsteller - auf
Detailtreue bestanden und um genau den richtigen Ausdruck an genau der
richtigen Stelle hart gekämpft hat, die akribisch an der »Länge eines
jeden Satzes« und dem »Klang jeden Satzes« gefeilt hat, Rhythmus und
Melodie, und dabei so klar und schön und einfach wie möglich war: das
ist so schwer zu übersetzen wie Gedichte und kann nicht anders, als
unterwegs in eine andere Sprache zu verlieren. Das weiß man, und das
nimmt man hin.
Was man nicht hinnehmen kann, sind die deutschen Übersetzungen von
Elisabeth Schnack (die über lange Jahre hinweg ihre Finger in unzähligen
Erzählungen und Romanen aller möglichen angelsächsischen Schriftsteller
hatte). Was sie veranstaltet, hat weniger mit diesen grundsätzlichen
Schwierigkeiten zu tun als vielmehr mit ihren eigenen Marotten. Schnack
überträgt nicht, sie bearbeitet, und dieses Bearbeiten läuft auf
Verharmlosung hinaus. Sie neigt beispielsweise dazu, in
Verkleinerungsformen zu schwelgen, aus einem 'Zimmer' ein 'Zimmerchen'
zu machen, ohnehin schon 'kleine Augen' werden 'kleine Äuglein', und wo
bei Mansfield 'Handkarre' steht, kriegt man bei Schnack ein
'Handwägelchen' angedient. Wie nett. Wie niedlich. Und wie weit von
Mansfield entfernt, der alles Betuliche und Verwischte verhaßt war.
Was noch? Schnacks leidiger Hang zum Dramatisieren. Mit Ausrufe- und
Fragezeichen überwürzte Passagen (während im Original nichts
dergeleichen steht), und einen Punkt verwandelt sie nach Gutdünken in
einen Gedankenstrich: als würde nicht ein neuer Satz beginnen sondern
eine Ungeheuerlichkeit. Wo ihr ein 'sagte sie' bei Mansfield zu schwach
erscheint, schraubt sie es eigenmächtig zu einem 'jammerte sie' hoch und
überhitzt damit den Stil an dieser Stelle. Und weil ihr Mansfield
offensichtlich nicht genügt, dichtet sie hin und wieder ein wenig
Schnick-Schnack dazu. »Große Tropfen hingen an den Büschen und wollten
nicht fallen«, heißt es in 'At he Bay', Schnack schmiedet daraus: »Große
Tautropfen hingen an den Büschen und zauderten zitternd«. »Zauderten
zitternd«. Also wirklich. Und eine Stimme, die bei Mansfield
»losdröhnt«, »stimmt« bei Schnack lieber »ein Verslein an«. Bitte, wem's
gefällt. Mit Mansfield hat es nichts zu tun.
Oder, anderes inzwischen legendäres Beispiel, Federico Garcia Lorca. In
seinem Fall hat es der Übersetzer Enrique Beck sogar abartigerweise und
rechtlich abgesichert fertiggebracht, keinen anderen deutschen
Lorca-Übersetzer neben sich zu haben. So konnte er sorglos und
ungehindert in Lorcas Windschatten seine eigenen verblasenen
Vorstellungen von Lyrik absondern. Ambitioniert und unbegabt hat er die
Schlichtheit des spanischen Dichters in ein Rankenwerk rüschenreicher
Pennälerpoesie verkehrt. Seine gestelzten, mit Genitiven verzwirbelten,
schwülstigen Versionen haben einem jahrzehntelang (erst seit kurzem sind
weitaus bessere Übertragungen im Umlauf) den Geschmack an Lorca
verdorben. Selbst eine aus einfachen Worten bestehende und
unmißverständlich klare Gedichtzeile wie »Das Schiff auf dem Meer« (aus
'Romance somnámbulo') reißt er sich noch unter den Nagel: »Barke auf des
Meeres Wasser«, findet Beck, klingt besser. Finden andere vielleicht
auch. Ist aber nicht Lorca. Sondern Rufmord. Leichenfledderei.
Aber wie wenig diese älteren Übersetzungen auch mit dem Original zu tun
haben mögen, wie sehr sie den Stil verzerren und entstellen und
Gradlinigkeit durch Plüsch und Plunder ersetzen: es ist doch immerhin
noch korrektes Deutsch, was man da vor Augen hat. Wenn schon nicht
unbedingt in den Dienst des jeweiligen Schriftstellers, so haben die
Übersetzer ihre Arbeit doch in den Dienst der Sprache gestellt, in die
sie das Gedicht, die Geschichte, den Roman übertragen haben. Das ist
seit einigen Jahren gründlich anders. Der Punkt, an dem die
Beanstandungen heute anzusetzen haben, hat sich verschoben. Es läßt sich
nicht länger darüber diskutieren, ob etwas adäquat übersetzt ist, wie
sehr oder eben nicht es sich vom Original unterscheidet, es geht nicht
mehr um Werktreue: weil das, was einem inzwischen an Übersetzungen
zugemutet wird, in vielen Fällen einfach indiskutabel schlechtes Deutsch
ist. Fehlerhafte Grammatik, falsche Ausdrücke, verbogene Redewendungen,
umständliche Satzkonstruktionen, ungeschickte Formulierungen.
Grauenhaft. Als hätte man statt Buchseiten ein Papiertaschentuch vor
sich, in das die Übersetzer nach Belieben ihre gesammelten Unfähigkeiten
geschnäuzt haben.
Damit klar wird, wovon hier die Rede ist, reicht ein Blick in die
Übersetzung des Romans 'Mutter eines Fremden' von Leland Bardwell, die
Hans-Christian Oeser zu verantworten hat. Nach sechs Seiten zuckt man
das erste Mal zusammen: »Sollte, was sie so lange im hintersten Winkel
ihres Gehirns verborgen hatte, jetzt etwa der Gerüchteküche Futter
geben?« Sollte, wer öfter mal was übersetzt, nicht besser die
Redensarten dieser Sprache kennen? Aber weiter. Auf ein- und derselben
Seite greift Oeser, ohne jedes Gespür für den angebrachten Tonfall, mal
zu altertümelnden Begriffen (»ein jegliches Geschöpf«), mal zum
schnoddrigen Alltagsjargon der Gegenwart (»stinknormal«). Und da ihm
diese Nummer zu gefallen scheint, spielt er sie gerne und oft. (»Jetzt
ist die Kacke aber am Dampfen« und »geruhst du« ist ein anderes
Beispiel). Man kann ihn dabei nicht einmal des Stilbruchs bezichtigen,
da so etwas wie ein Stil bei ihm gar nicht existiert. Bloß ungelenke
Aneinanderreihungen mehr oder minder verkorkster Konstruktionen. Statt
des passenden Ausdrucks nimmt er häufig den daneben, der eben nicht
stimmt: und schon ist der nächste Satz im Eimer. Von der Logik ganz zu
schweigen. »Was für einen Unsinn wir Menschen verzapfen. Wenn es
umgekehrt wäre, wären wir nicht die Krone der Schöpfung.« Wie:
umgekehrt? Wenn der Unsinn die Menschen vezapft? Ungelenk zerrt er
Anglizismen über den Teich, zerrt am Satzbau herum und verzerrt die
Verständlichkeit. »Angela erschien, klapperdürr, in Shorts und Sandalen
gekleidet und aufgrund der Kälte kränklich wirkend.« An Eleganz ist so
etwas schwer zu überbieten. Oeser versucht es trotzdem: »(...) aber den
Adrenalinstoß, den sie beide erlebt hatten, als sie sich das letzte Mal
liebten, konnte er auch nicht vergessen.«
Daß ein des Deutschen kaum mächtiger Übersetzer mit diesen Stümpereien
nicht spätestens am Lektor gescheitert ist, läßt nur zwei Deutungen zu:
es gab es keinen Lektor, oder der Lektor war - aus welchen Gründen auch
immer, Unfähigkeit, Böswilligkeit, Feigheit - nicht in der Lage,
korrigierend einzugreifen: dann sitzt er auf dem falschen Platz.
Doch es geht noch weiter. Und wird richtig interessant. Elke
Heidenreich, der die Verbreitung guter Literatur vorgeblich am Herzen
liegt, nutzt ihre Fernsehsendung dazu, just dieses übel
zusammengeschusterte Werk wärmstens zu empfehlen. Ohne Einschränkung,
ohne Hinweis auf die miserable Machart. Mit ihrer mittlerweile zum
hysterischen Kreischen hochgeschraubten Aufforderung: »Lesen!« hetzt sie
die Leute, die es nicht besser wissen, geradewegs ins Unterholz der
Sprache. Kommt ja nicht so darauf an, was Qualität ist und was Qual,
Hauptsache »Lesen!«, und der Laden läuft. Und warum überhaupt Perlen vor
die Säue werfen, wenn doch Mist ihrer Menthalität viel eher entspricht.
Bloß: dann kann man's auch sein lassen. Wenn man nicht wenigstens den
Versuch unternimmt, Leute aus ihrer Trägheit zu reißen und für etwas
Besseres zu begeistern, wenn man sie nur in ihrer eingefahrenen Denkart
bestätigen will, sollte man auch nicht so tun, als ob. Denn wer wahllos
minderwertiges Material als »Lesen!«swert anpreist, dem ist nicht an
einer Schärfung der Sinne gelegen, der sorgt im Gegenteil für deren
weitere Abstumpfung. Ganz im Dienste der Marktwirtschaft.
Vielleicht ist das ohnehin Ziel der Übung. Dem Publikum das letzte
bißchen Qualitätsbewußtsein, den letzten Rest Gefühl für Güte und Niveau
auszutreiben. Weil für den Müll, der überall massenweise produziert
wird, Abnehmer gebraucht werden, Leute, die ihn schlucken.
Und denen helfen Marktschreier wie Heidenreich eben auf die Sprünge.
Obwohl: sonderlich viel Überredungskunst ist dazu gar nicht nötig. Die
Leute lassen sich inzwischen sowieso alles bieten. Ohne mit der Wimper
zu zucken. Ob es die Tasse Kaffee ist, für die sie 2,50 Euro über den
Tresen schieben: und dann kriegen sie eine lauwarme trübe Brühe
serviert, die sie ohne Murren in den Magen würgen. Als hätten sie es
nicht besser verdient. Oder die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten,
die mehr und mehr von ihrem sogenannten Bildungsauftrag abrücken und
statt dessen das Programm der Privaten plagiieren, das sie vorher in
selbstgerechter Empörung abgekanzelt haben: und die Zuschauer zahlen
anstandslos und immer noch Gebühren für etwas, das ihnen auf anderen
Kanälen umsonst aufs Auge gedrückt wird.
Und oft genug mit weitaus größerer Professionalität. Oder im Kino, wenn
das Bild vor Unschärfe nur so rauscht: und keiner kommt auch nur auf die
Idee, um die Beseitigung des Übels zu bitten. Oder eben die schlecht
übersetzten Bücher, an deren geborstener Sprache man sich das Hirn
verletzt: und trotzdem gibt es Leser zuhauf, die nach der Lektüre nicht
die geringste Schramme aufweisen.
Was läßt sich wohl daraus schließen?
Daß es Dummköpfe gibt, die nicht in der Lage sind, Mist zu erkennen,
wenn ihnen eingeredet wird, es seien Mozartkugeln, ist nicht weiter von
Belang. Auch nicht, daß die Zahl dieser Dummköpfe offensichtlich
zunimmt. Daß diese Zunahme jedoch eine Verminderung der Qualität in
vielen Bereichen des Lebens zur Folge hat, daß dadurch Schlamperei
grassiert und blankes Unvermögen an der Tagesordnung ist, das müßte die,
denen es noch um Werte und Wahrhaftigkeit zu tun ist, auf die Barrikaden
treiben.
© 2005
Ingrid
Mylo |