Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen VII
Ingrid Mylo






Von manchen Büchern bleibt nur der Tonfall.


Die Geste. Roger Willemsen hat so keusch über Wollust räsoniert und so viele schöne Worte über die Liebe gebreitet, sie so fürsorglich damit bedeckt, daß nichtmal mehr der kleine Zeh darunter hervorschaut. Und obwohl er durchaus deutliche Ausdrücke verwendet (Begierde, Vögeln, Masturbieren, Schwanz und Höhepunkt der Lust), hat er sie, bevor sie zur Sprache kommen, gründlich gewaschen und desinfiziert: und der 'Beischlaf' und das 'Bettgelage' und die 'Obsession' wirken wie ordentliche Kleinbürger samstags nach dem Bad. Das riecht nicht und das stinkt nicht und das ist nicht Mann, könnte man in einer Anlehnung an Hans Magnus Enzensberger sagen. Und als würde diese Keimfreiheit als Sicherheitsabstand noch nicht genügen, geht er zusätzlich mit ironischen Formulierungen in Deckung. Man sieht ihn schon sitzen, vor dem Mikrophon, im Scheinwerferlicht, das kultiviert spöttische Lächeln im Mundwinkel, man hört ihn schon reden, das beeilte Vorbeugen in der Stimme, mit dem er seine wohlformulierten Aphorismen zum Besten gibt: als mache er sich unbedingt mit denen gemein, die ihm ergeben lauschen. ( Zum Stichwort wohlformuliert: selbst die Ärzte in diesem Buch treten als Lieferanten geistreicher Bonmots: "Vielleicht ist diese Liebe nur die Leiche, der man nichtmal die Augen geschlossen hat.") Gut, denkt man, er wäre nicht der erste, der Ironie vorschiebt, um dahinter seine Gefühle zu verbergen: was aber, wenn - zöge man den kunstvoll gefertigten Paravant beiseite - dahinter gar nichts zum Vorschein käme?
Roger Willemsen Kleine Lichter.
Frankfurt. S.Fischer 2005.,206 S. EUR 17,90

"Wenn mein Vater nach durchzechter Nacht durch Berlin torkelte, konnte es schon mal vorkommen, daß er ein blinkendes Baustellenwarnschild mit einer Frau verwechselte."
So beginnt eine der 35 aberwitzigen Geschichten, die sich in einem Gehege von lediglich 118 Seiten tummeln. Da bleibt nicht viel Raum für jede einzelne. Was aber auf dieser knapp bemessenen Zuteilung an Alltagslast, Absurditäten und Assoziationen im freien Fall abgeht, das wiederum geht auf keine Kuhhaut. Menschen, die in Schuhkartons hausen, Sand in den Augen einer Puppe, das Erbrechen der Weihnachtsgans, das einem Ehebruch Vorschub leistet, philosophisches Geplänkel über den Gesang eines Vogels. Als zwirble jemand aus den drei Haaren des Teufels einen schillernden Zopf.
Der Stil erinnert stark an ein Jonglieren mit den Mitteln aus der Welt des Films: Tricktechnik, um der schreienden Unmöglichkeit auf die Sprünge zu helfen, Schnitte, um auseinanderklaffende Zeiten und Orte miteinander zu vernähen, das Standbild, um den Augenblick anzuhalten, der schnelle Rücklauf, um den todbringenden Schuß ins Herz rückgängig zu machen.
Das schmale Bändchen ist ein Kino, das man in der Tasche mit sich herumtragen kann: und wenn die Realität mal wieder nicht von der Stelle kommt, wirft man einfach einen Blick in die Phantasie, in der sich die Einfälle überschlagen.
Bernd Lichtenberg Eine von vielen Möglichkeiten, dem Tiger ins Auge zu sehen.
Geschichten. Reinbek. Rowohlt 2005., 128 S. EUR 14,90

Die Amerikaner habens mit der Familie.
Selbst freudlos und in Fetzen oder als blanke Schreckensschau bietet sie den Schriftstellern immer noch Anlaß zu nostalgischen Betrachtungen (was so gut oder so wenig zu verstehen ist wie die Unfähigkeit der von ihren Ehemännern geprügelten Frauen, Heil und Zukunft in der Trennung zu suchen).
Bei Stewart O'Nan ist das mit der Pein in der Verwandschaft nicht so wild, es sind eher die gemäßigten und üblichen Animositäten zwischen Schwiegermutter und -tochter, kleine Eifersüchteleien zwischen den Schwägerinnen, Mißstimmungen zwischen Geschwistern und Generationen. Nichts Weltbewegendes. Allerdings auch kein Grund, eine Woche gemeinsam im Sommerhaus am See zu verbringen. Aber genau das tun die neun Personen, unter ihnen das Mädchen Ella, das wegen seiner heftigen Liebe zur gleichaltrigen Cousine Sarah befürchtet, lesbisch zu sein, Sam, der selbst Dinge klaut, die er hinterher wieder wegwirft, Margaret, die gegen Trunksucht und Scheidung kämpft, der empfindsame Justin, dessen lebhafte Phantasie hinter jedem Stein und Geräusch teuflische Katastrophen hervorzaubert, Ken, der sich lieber seinem halben Talent zur Fotografie als seiner Frau Lise hingibt, und der Hund Rufus, der alt ist und haart und als Ausrede benutzt wird, wenn wieder mal einer wenigstens für ein paar Augenblicke dem Bannkreis der Familie entkommen will.
Es regnet, und die Minuten rühren sich nicht von der Stelle. "Hier hatte sie die Angewohnheit, ständig auf die Uhr zu schauen, als könnte sie das erlösen", heißt es einmal, ein andermal steht jemand am Fenster und betrachtet draußen die geparkten Autos. In Ermangelung von Ereignissen müssen die Mahlzeiten - wie in einem Altenheim - als Unterbrechung der Eintönigkeit herhalten, die Zeit ist ein Fluch mit vier Buchstaben. Und immer wieder die Fliegen, auf einem Stück Käse, im Anflug auf den Wasserhahn, über den Senfflecken auf dem Tisch, allgegenwärtig. Sie schwirren durch die Gegend, umkreisen einander und werden kurzerhand verwedelt oder hartnäckig mit der Muckenklatsche gejagt. "Soviel Lärm um eine kleine Fliege", wie Tante Arlene bei irgendeiner Gelegenheit sagt, und daß ihnen soviel Aufmerksamkeit eingeräumt wird, macht die grenzenlose Langeweile spürbar, die qualvolle Zähigkeit, mit der ein Tag dauert. Und nach ihm der nächste. Und der danach. Und dann liegen immer noch vier weitere bereit. Und mir fällt, während ich die Seiten umschlage, der Freund und Kinogänger ein, der sich einen Western hauptsächlich wegen der Schießereien anschaut und daher in 'Spiel mir das Lied vom Tod' völlig fehl am Platz war: genervt davon, daß in dem Film so wenig so langsam passiert, war sein einziger Kommentar, das sei was für Leute, die es spannend finden, stundenlang zuzusehen, wie eine Fliege an der Wand hockt. Stewart O'Nan scheint bei bei dem Regisseur Sergio Leone in die Schule gegangen zu sein.
So anschaulich, wie er den Stillstand der Gegenwart schildert und die Trägheit, setzt er mit Worten wie Wachspapier, Kronkorken, Mottenkugeln und Zederntruhe die Vergangenheit in Szene, die Jahre, als Discos noch Tanzveranstaltungen hießen und man die Schrankfächer sorgsam mit rotkariertem Papier auslegte. Doch auch da saß der Wurm schon im Apfel (oder, wie William Blake sehr viel poetischer schreibt, in der Rosenblüte). Und es gab und gibt neben dem Dosenöffnen und dem Vorhängezuziehen und dem Mülleimerleeren immer noch die Träume und die Sehnsüchte und "die Sonne in den Flügeln blauer Libellen". Es gibt die  Vorstellungskraft, mit der man sich ausmalen kann, was sich jenseits der Schranken der Realität abspielt. Auch davon erzählt Stewart O'Nan.
Man solle, "ganz gleich, wo auf der Welt man sich befand", wird Arlenes Großmutter zitiert, "stets ein Buch dabeihaben". Ein guter Rat, auch wenn er in diesem schwergewichtigen und umfangreichen Fall von 700 Seiten bedeutet, es in einem Rucksack mitschleifen zu müssen.

Stewart O'Nan Abschied von Chautauqua.
Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel.
Reinbek. rowohlt 2005., 700 S. EUR 24,90
©  2005 Ingrid Mylo


 
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