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VIII
Ingrid Mylo
Krimilese
Das machen Frauen inzwischen häufig und gern: einen Roman, eine
Erzählung in der ersten Person schreiben, die nicht, wie eben die
Autorin, weiblich ist, sondern sich - manchmal gleich nach zwei, drei
Sätzen, manchmal irritierend spät - als Mann herausstellt (Anita Shreve:
Alles, was er wollte. Karin Fossum: Also, von mir aus). In der Regel
kriegt der dann auch noch die eine oder andere Absonderlichkeit
untergeschoben, meist läuft es auf sowas wie Liebeswahn hinaus: die
Kerle haben sich was in den Kopf gesetzt, was das Herz nicht bewältigen
kann - oder umgekehrt -, und klar, daß das für die Beteiligten nicht gut
ausgeht.
Lousie Welsh hat nochmal einen Haken mehr geschlagen: ihr
Ich-Erzähler ist zwar männlich, heißt aber Rilke und sucht seine
Liebhaber in den eigenen Reihen. Das Buch ist voller schöner Sätze und
mit Verszeilen von Verlaine, Keats und Emily Dickinson bestückt: und
dabei geht es um Pornographie und Verbrechen von der finstersten Sorte.
Das Abschlachten von Frauen vor gezückter Kamera.
(Und wie's der Teufel will, lief am selben Abend, als ich
'Dunkelkammer' las, in einem der Privaten, Pro 7 oder Sat 1, ein
amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1998 zu genau diesem Thema: '8 MM
-Acht Millimeter' von Joel Schumacher, mit Nicholas Cage in der
Hauptrolle. Derselbe Ausgangspunkt: nach dem Tod eines alten,
wohlhabenden Greises kommt ein absolut übles Machwerk aus dessen
Privatsammlung ans Licht. In '8 MM' ist es ein Film, in 'Dunkelkammer'
eine Fotografie. Und jetzt macht sich der jeweilige Protagonist daran,
herauszufinden: echt oder gestellt? Im Film wie im Buch fällt im Lauf
der Geschichte der Satz, daß Snuff nur ein Mythos sei, und in beiden
Fällen fliegt das als Lüge auf. Von all dem abgesehen, gibt es kaum
Ähnlichkeiten. der Film endet viel bitterer und grundsätzlicher.)
Das Raffinierte an dem Roman und das Gemeine ist der fast lyrische
Stil, in dem die Verkommenheiten geschildert werden. Man genießt die
Worte, und mit ihnen schluckt man das Blut und das Elend und die Qual:
und nach dem Lesen fühlt man sich, als hätte man etwas Verdorbenes
gegessen.
Louise
Welsh
Dunkelkammer.
Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. München. Antje Kunstmann
2004. 302 S. EUR 19,90
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Vielleicht könnten sie, sagen die kleinen Kinder des Inspectors,
nachdem er ihnen beigebracht hat, daß ihre Mutter ziemlich hirntot im
Krankenhaus vor sich hinstirbt, die Mama ja holen und daheim als Katze
halten.
Ansonsten das Übliche: die Welt als ziemlich unerfreulicher Ort, in
dem brutale Sadisten ihr übles Ding durchziehen, und die Heldin wird bis
zum allerletzten Augenblick hart rangenommen.
Obwohl es auch hier um Grausamkeit und Perversion geht, blendet die
Autorin jedesmal aus, bevor es wirklich drastisch wird oder Blut fließt,
und trotz der Spannung, die die Nerven erfaßt, bleibt der Kopf frei: und
man kann gleichzeitig überlegen, was man zum Abendessen kochen soll und
ob es sich lohnt, die alten Gartenmöbel nochmal zu streichen. Oder sie
gleich auf den Sperrmüll zu stellen.
Elizabeth
Corley
Crescendo.
Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel & Klaus Timmermann.
Frankfurt. Scherz 2005. 494 S. EUR 19,90
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Die Startlinie ist jedesmal ein Knochenfund, den entweder der Hund ihres
noch nicht Ex-Mannes bei einem Wochenend-Picknick auf einer verlassenen
Farm bei Charlotte, North Carolina, ausgräbt oder ein Klempner anläßlich
einer verstopften Toilette in einem Pizzakeller in Montreal entdeckt.
Und die forensische Anthropologin Temperance Deasee Brennan (diese
Hauptfigur besitzt übrigens kurioserweise das Copyright an den Büchern
ihrer Erfinderin Kathy Reichs - das ist so, als würde in Karl
May-Romanen 'Copyright Winnetou' stehen) liest in den Skelettsplittern
wie eine Wahrsagerin im Kaffeesatz und fügt aus brüchigen Fragmenten
harte Fakten zusammen.
Da die Autorin Professorin für Soziologie und Anthropologie ist und
nach wie vor u.a. für das gerichtsmedizinische Institut der Provinz
Quebec tätig ist, sind ihre Kriminalromane nebenbei immer auch
lehrreich. In 'Mit Haut und Haar' erfährt man zum Beispiel einiges über
Chromosomen. Das Klinefelter-Syndrom. Die Melungeons, die potugiesisch,
türkisch, maurisch, arabisch und jüdischer Abstammung sind und sich, als
sie Anfang des 17. Jahrhunderts in Carolina entdeckt wurden, Portyhee
nannten. Amelogenin. Die rasende Ausbreitung des 1876 von Asien in die
USA eingeschleppten Kudzu ("Das Kraut warf einen kurzen Blick auf die
Südstaaten und sagte: 'Oh, Klasse!'"). Sarkoidose im Unterschied zu
Lepra. Gelbwurz. Cyanopsitta Spixii, den Spix-Ara, der als der seltenste
Papagei der Welt und in freier Wildbahn als ausgestorben gilt. Die
Merkmale korinthische Säulen. Die Gründung und Entwicklung diverser
Siedlungen in Carolina. Die Auswirkungen des von Fugus produzierten
Tetrodotoxins.
In 'Totenmontag' über Adipocire. Marguerite Bourgeoys. Basilarnähte.
Zytoplasmisches Chaos. Das von den Irokesen gegründete Hochelaga. Die
C-14-Datierung im Zusammenhang mit dem biosphärischen Radiokarbon-Pegel.
Das variationsreiche Achselzucken der Frankokanadier. Epiphysen.
Silberknöpfe von R.L.Chritie. Redensarten aus Mississippi ("Was liegt
für die Eidechse auf dem Geländer?"). Petechien, die auf eine
Strangulation hinweisen können. Die Strontiumisotopen-Analyse. Das
Darwin-Höckerchen.
Fundiertes Wissen. Mehr, als einem, der auf bloßen, zügig
verabreichten Nervenkitzel aus ist, lieb sein dürfte. Und mit NCIC,
CPIC, NDG, RCPM, LSJML, BDR, CUM, SIJ, SQ, UVA, CTV, ST, PMI, AMS, UNCC,
AFIS, MCME, DNS, MCPD, FAA, CMC, NTSB, FS, AL, AAFS, IF, SF, NASCAR,
CITES, FWS, VAVO, UDCS, FDR, UNC, PCR, EKG, YMCA, KS und TTX stecken in
ihren Büchern mehr Wortkürzel als in einer Tüte Russisch Brot (zu den
amtlichen erfindet sie noch ihre eigenen: KUSS steht für: kein unnötiger
Schnickschnack).
Kathy Reichs hat ihre eigenen Methoden, die Leser bei der Stange zu
halten: sie stellt Fragen, unentwegt und immer wieder, bei jeder neuen
Wendung des Falls, bei jedem Auftauchen eines weiteren Details, Fragen,
die weitere Fragen aufwerfen, sie beteiligt die Leser an ihrem
Denkprozess. Und sie läßt, jeweils gegen Ende eines Kapitels, ominöse
Andeutungen fallen oder macht eine Entdeckung, bei der ihr der Schrei in
der Kehle steckenbleibt (oder ihre Nackenhaare richten sich auf oder sie
ist wie betäubt vor Entsetzen): das folgt einem Muster, das man aus
amerikanischen Fernsehsendungen kennt: das Aufblitzen des erhobenen
Messers direkt vor der Werbepause. Und man wundert sich, daß noch kein
Konzern auf die Idee gekommen ist, zwischen den Kapiteln von
Kriminalromanen für seine Produkte zu werben.
Kathy
Reichs
Mit Haut und Haar.
Roman. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr.
München. Blessing 2004. 384 S. EUR 23,00
Kathy Reichs
Totenmontag
Roman. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr. München. Blessing 2004,
384 S. EUR 20,00
© 2005 Ingrid
Mylo
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