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von
Ingrid Mylo
Erwin Einzinger:
Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik
Man hat, bei diesem Buch, mehrere Möglichkeiten. Man kann mit dem Lesen
ganz konventionell vorne beginnen: mit dem ersten Satz, der sich mit
einem frühen Zeitungsinserat des Nahrungsmittelproduzenten Knorr
beschäftigt, und hinten aufhören mit dem letzten, in dem die
zweiunddreißig verschiedenen Geschmacksbezeichnungen von Campbells
Dosensuppen im Hinblick auf Andy Warhols Bilderserie eine Rolle spielen.
Und schon kommt man ins Schleudern: womöglich kann dieser Satz gar nicht
als der letzte betrachtet werden, da sich unter ihm noch eine Fußnote
befindet, die sich zwar auf das weiter oben stehende Wort
'Zahnschmerzen' bezieht und also vorher gelesen werden müßte, dennoch
bleibt die Tatsache, daß es, rein optisch, diese Fußnote ist, die als
letzter Satz des Romans unten auf der Seite steht. Von ihrer Sorte gibt
es übrigens noch über vierhundert mehr: und man könnte sich auch einfach
dieses reichhaltige Angebot zunutze machen und würde dann auf so
erstaunliche Dinge stoßen wie die Warnung, nicht zu dicht an den
brennenden Schamhaarbusch einer kirgisischen Heiratswilligen
heranzutreten. Oder daß Iggy Pop sich auf der Bühne seinen nackten
Oberkörper öfter mal mit Erdnußbutter eingeschmiert hat. Oder daß auf
einem Gemälde aus dem frühen 15. Jahrhundert außer der Geburt Christi
auch der erste Duschvorhang in der Geschichte der Malerei zu sehen ist.
Oder daß sich der Dichter Walt Whitman am Geruch seiner eigenen
Achselhöhle berauscht hat. Eine andere Vorgehensweise wäre, sich in dem
Personenregister die Namen der Musiker, Schriftsteller, Politiker oder
Erfinder herauszupicken, über die man etwas in Erfahrung bringen will,
und dann die ensprechende Seite aufzuschlagen. Man kann sich auch vom
Zufall leiten lassen, den manch einer lieber Schicksal nennt, denkt sich
eine Zahl aus zwischen 9 und 527 und stürzt sich wahllos ins Vergnügen.
Liest von Elvis, der beim Singen von 'Heartbreak Hotel' seine Beine
schlottern läßt, während zeitgleich die serienmäßige Produktion der
ersten Wegwerfwindeln aus Kunststoff anläuft, und sinniert über einen
eventuellen Zusammenhang, blättert weiter zu einem Abschnitt, der sich
dem kleinwüchsigen Sohn einer Nachtclubsängerin widmet, der später kein
Prinz mehr sein wollte und dann wieder doch, und verliert sich an
anderer Stelle in einer beschaulichen Landschaftsbeschreibung mit den
taunaß glitzernden Netzen der Erdspinne, einem frisch bestückten
Zigarettenautomaten und Rosenduft, und von jenseits der Holunderbüsche
erklingen die lieblichen Töne einer "krätzigen Kasernenhure", die ihren
Katzenjammer auf die Plexiglasabdeckung eines Bankautomaten kotzt.
Spätestens jetzt könnte einer auf die Idee kommen, aus all dem
abzuleiten, die Chronologie in diesem Roman sei nicht unbedingt von
ausschlaggebender Bedeutung.
Ganz falsch läge er mit dieser Annahme nicht. Man kann tatsächlich hier,
dort und überall zu lesen anfangen, und im Kopf wachsen dann wie
Tintenflecken auf einem Löschblatt die vielen handfesten Informationen
aus der Musik- und Kulturgeschichte, die Ausflüge ins Absurde, die
erheiternden Anekdoten und die ironischen Idyllen zu einem
unüberschaubaren Gesamtkunstwerk zusammen. Aber man würde sich auf diese
Art um ein großes Vergnügen bringen: liest man, anstatt die Reihenfolge
der Sätze einzuhalten, in der sie dastehen, kreuz und quer im Text,
bekommt man den Einfallsreichtum nicht mit und die recht willkürliche
und witzige Wahl der Anknüpfungspunkte, die eine Geschichte mit der
nächsten verbinden. Das kann eine Person sein, eine Jahreszahl, ein Ort
wie Belfast, St. Petersburg oder Nantucket oder ein Begriff wie
Fließband, Dämon, Hautkrankheit, Spielkarte oder Schlange. Der Autor
weiß von den Auswirkungen der Musik Mozarts auf das menschliche
Vorstellungsvermögen, er schmückt aus und schweift ab, landet im Osten
Ecuadors bei den Waldindianern und ihrer Konservierung von Kopftrophäen,
er fördert bizarre Begenheiten wie den Selbtstmord durch das
Herunterschlingen unverdaulicher Gegenstände zutage und weicht auch
nicht aus, wenn seine abenteuerlichen Ausführungen die Stationierung der
Pershingraketen streifen, das Dritte Reich mit seinen
Konzentrationslagern oder das Massaker von My Lai. Er arrangiert,
improvisiert, erklärt das Wort 'Nudeldepp' und erzählt von
Ziehharmonikas und Zimtflüssen, er kommt vom Hundertsten ins Tausendste
und ist trotzdem immer konzentriert bei der Sache. Ein Name fällt, kommt
Episoden später wieder zum Vorschein, wirft Schatten in ganz unvermutet
Umgebungen und weht dann als Echo aus einer anderen Ära herüber. Das
gibt dem Geschriebenen etwas Organisches, das Muskeln hat und atmet und
unermüdlich in Bewegung ist, und wie ein ständig wiederkehrender Refrain
tanzt das Wort "Suppe" durch die Zeilen und Zeiträume und stellt
Zusammenhänge her. Tütensuppen, mit denen sich ein Sozialhilfeempfänger
namens Elvis ernährt, das scharfen Gemüsesüppchen, das Mao schon zum
Frühstück gelöffelt hat, die Diätsuppe für den fettleibigen König von
Tonga, die fade Suppe eines Postreiters, die er gelegentlich mit
veruntreuten, in Fetzen gerissenen Briefen andickte, die von Kafka in
seinem Reisetagebuch erwähnte Erbsensuppe mit Sago, der Suppentopf, um
den sich abends bei Country Musik die Cowboys scharen, und der wütende
Ausruf eines kritisierten Hobby-Komponisten: "Ich laß mir von euch nicht
in die Suppe spucken!"
Das Buch zu lesen, ist eine sehr unterhaltsame Methode, sich mit
allerlei Wissenswertem und Überflüssigen vor allem aus der Musik und
Kulturgeschichte zu versorgen. Was davon am Ende hängenbleibt, steht auf
einem anderen Blatt.
Erwin Einzinger: Aus der Geschichte der
Unterhaltungsmusik.
Roman.
Salzburg. Residenz Verlag 2005.
534 S. EUR 24,90
© 2005 Ingrid
Mylo
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