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Druckstellen
XII
von
Ingrid Mylo
Die
Bücher zum Überwintern ...
... und das Schweigen der Katze
Blaue Stunde, wenn das Licht des Tages noch nicht ganz verdämmert
ist: und der Blick fällt auf den blauen Samt eines Bucheinbandes. Auf
die frühlingshimmelblauen Seiten dazwischen, auf denen in einem
entschiedeneren Blauton von der weiblichen Raffinesse die Rede ist, von
der Schadenfreude als Reisegrund und von der unerklärlichen Kälte des
Mistrals. Und davon, daß man den armen Schweinen, welche "verfaulte
Mohrrübenstrünke" für "kleine Blumen am Wegrand" halten, die Illusion
nicht rauben soll: sie wären sonst nur unglücklich.
"Ein Wort der Wahrheit für jeden Tag" schwebte August Strindberg
vor, und passend zu diesem Plan fuhr am 15. Juni 1906 eine Straßenbahn
mit der Zahl 365 an ihm vorbei, kaum, daß er sein Haus verlassen hatte.
Zufälle und Zeichen. Auch davon handelt dieses 'Blaue Buch'. Es ist ein
Sammelsurium, eine Truhe auf dem Dachboden, in der man neben
verstaubtem Plunder auch wertvolle Kleinode findet, vergilbte
Kuriositäten und heute noch gültige hellsichtige Bemerkungen über die
Klassengesellschaft. Und man wühlt in Strindbergs aberwitzigen
Überlegungen, ausgeklügelten Zahlenspielereien und schönen Sätzen, stößt
immer wieder auf Goethe, Shakespeare wird bedacht, die Schlauheit der
Spanischen Fliege und der Selbstmord kleiner Kinder, die Psychologie
ebenso wie die Physiologie der Pflanzen, und Gedärme, die den Wolken
gleichen. Und "ein gebildeter Mann", schreibt Strindberg, "vertraut mit
dem Todesgedanken, sieht gern einen Schädel auf seinem Schreibtisch,
auch wenn er kein Trinkgefäß daraus macht".
(August Strindberg: Das Blaue Buch.
Eichborn 2005. 420 S. EUR 30,00)
Den japanischen Schriftsteller Murakami Haruki habe ich seit seinen
wunderbaren (in doppeltem Wortsinn) 1991 und 1995 bei Insel
aufgetauchten Romanen 'Wilde Schafsjagd' und 'Hard-boiled Wonderland und
das Ende der Welt' voller Begeisterung immer wieder empfohlen.
Seine beiden dann beim Berlin Verlag (jetzt unter dem Namen Haruki
Murakami) erschienenen schmalen Bände mit Erzählungen, die zauberhaft
sind, komisch, voller Geheimnis und Poesie. "Wenn man aus den
Erzählungen von Haruki Murakami wieder auftaucht", habe ich geschrieben,
"spürt man, in der Zwischenzeit ist etwas vorsichgegangen, unauffällig
aber von entscheidender Bedeutung, und die Welt hat sich verändert." Das
war so. (Und ganz unabhängig davon, welcher der vielen Übersetzer ihn
ins Deutsche rüberbrachte, selbst wenn er über den Umweg aus dem
Englischen - sinnlich und elegant - von Giovanni und Ditte Bandini zu
uns kam.) So lange, bis Ursula Gräfe die deutschen Übersetzungen
besorgte. Seitdem ist das Vergnügen am Lesen von Murakami Harukis
Büchern stark getrübt. Es genügt eben nicht, japanisch zu können,
meinetwegen sogar bis zur Perfektion zu beherrschen: wer Literatur
übersetzt, muß auch schreiben können. Ein Gefühl für Sprache haben, für
Rhythmus und Melodie. Und nicht nur pflichtschuldig und mechanisch Sätze
übertragen, die einem dann stur im Weg stehen, unbeholfen, und an denen
man sich stößt und blaue Flecken holt. So jemand sollte doch besser
Gebrauchsanweisungen für den Aufbau von PKW-Unterstellplätzen übersetzen
oder als Handlanger für das Verfassen bürokratischer Texte arbeiten.
Und trotzdem: 'After Dark' ist, after all, eben doch Haruki Murakami,
ist Neon und Verlorenheit und das Schwarz-Weiß der amerikanischen
B-Filme, die in Hinterhöfen enden. Begegnung in den schmutzigen Stunden
der Nacht, verrätselte Bilder. Ohrläppchen spielen, wie in vielen seiner
Bücher, eine Rolle und Katzen, und die Menschen unterhalten sich auf
eine Weise, daß die Belanglosigkeiten, die sie austauschen, eine
beunruhigende Bedeutung annehmen. Man muß halt gegen einen Widerstand
anlesen, hinter dem die schönen Gedankenlandschaften verborgen sind. Und
manchmal kommt man noch ran.
(Haruki Murakami: After Dark. DuMont
2005. 237 S. EUR 19,90)
Jede Woche eine neue Katze. Manchmal auch zwei. Oder ein ganzer,
wimmelnder Haufen hochgereckter Schwänze, begleitet von George Moores
Satz: "Wenn du dich erinnern kannst, wiviele Katzen du hast, dann hast
du zu wenig." Wenn man den 'Literarischen Katzenkalender' kauft oder
sich schenken läßt, schneien einem zumindest 68 (in Worten:
achtundsechzig) dieser Minitiger im Laufe des nächsten Jahres ins Haus,
Katzen auf Bäumen und Bänken, zwischen Beinen, im Korb, auf Briefmarken,
hinter Büchern, vor einem Kafka-Plakat, auf dem Arm von Erich Kästner.
Überhaupt: Schriftsteller. Colette, Mark Twain, Kinky Friedman, Sarah
Kirsch, Henry James, Joachim Ringelnatz steuern Woche für Woche bei, was
der Anblick oder der Charakter von Katzen ihnen an feinsinnigen
Sentenzen abgenötigt hat. Und wenn die Wochen vergangen sind und die
Kalenderblätter abgerissen, lassen sie sich auf der Rückseite
beschreiben, und man kann sie als Briefe verschicken an Freunde. Mit und
ohne Katzen.
(Der literarische Katzenkalender 2006.
Schöffling & Co. 2005. EUR 19,90)
Kriminalromane? Klar, kommen in Kinkys Büchern auch Morde vor. Die
Drohung dazu verfaßt er, getragen von Wut und irischem Whiskey, notfalls
selbst. Es gibt abartige Verbrechen, verführerische Terroristen und
sogar einen Kommissar, aber eigentlich pflegt der skurilste unter den
jüdischen Cowboys lieber seine Fehde gegen die lesbische Tanzlehrerin
über ihm, führt endlose Debatten mit seiner Katze, deren Anteil daran
aus philosophischem Schweigen besteht, vielleicht, weil sie weiß, "daß
Gott nicht an sie glaubt", und driftet, unterstützt von texanischem
Weltschmerz und kubanischen Zigarren, in Regionen ab, "wo kein Nachtbus
mehr fährt". Ein Mann, der in flauschigen Pantoffeln in der Form von
Gürteltieren durch sein mit Katzenkacke gut bestücktes Loft schlurft und
"Nixon" sagt, wenn er "Scheiße" meint, kann - in Anlehnung eines Zitats
von W.C.Fields - nicht ganz schlecht sein. Seine Texte jedenfalls sind
es nicht. Aber sie sind auch nichts für Leute, die nur bei Grün über die
Straße gehen, bei Witzen über Minderheiten und unter die Gürtellinie
moralisch in Ohnmacht fallen, und den guten Geschmack für unantastbar
halten.
"Wenn man eine Nation danach beurteilte, wie ihre Angehörigen in New
York City Taxi fuhren, dann verstand man auch, warum die Welt so ein
Saustall war." Sagt Kinky Friedman. Die Katze sagt auch dazu, natürlich,
nichts.
(Kinky Friedman: Ballettratten in der Vandam
Street. Edition Tiamat 2005. 176 S. EUR 14,00
Kinky Friedman: Der glückliche Flieger.
Edition Tiamat 2005. 191 S. EUR 14,00)
© 2005 Ingrid
Mylo
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