Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen XIII
von Ingrid Mylo





Haartrockner in der Sonne
und anderes Winterfutter


Sam Shepard: Rolling Thunder. Unterwegs mit Bob Dylan.
Frankfurt. S.Fischer 2005. 189 S. EUR 19,90

Wenn Bob Dylan ruft, kommt man. Selbst wenn man Sam Shepard heißt und gerade dabei ist, sich auf seiner neuen Pfederanch einzurichten. Man läßt alles stehen und liegen und kommt, um als Drehbuchautor an der Rolling Thunder Tour teilzunehmen, auch wenn dann doch kein Film daraus wird. Aber man kann, wenn man Sam Shepard heißt, sich hinsetzen, Jahre später, und sich erinnern, wie das war, damals, als Dylan rief und alle kamen, Allen Ginsberg und Joni Mitchell, T-Bone Burnett, Ramblin' Jack Elliot und Bob Neuwirth, Joan Baez und Roger McGuinn. Wie es war, 1975, als Ginsberg im Hotel eines Seebads im winterlichen Massachusetts einer Versammlung nichtsahnender Mah Jongg spielender Damen sein wüstes, verstörendes Gedicht an die Mutter um die Ohren schlug. Wie es war, in Springfield, wo Miss Baez im pailettenbestzeten Brautkleid wie eine Furie auf ihren ehemaligen Liebhaber losging und ihn der ewigen Lüge bezichtigte. Wie es war, als Dylans Beagle-Hündin den Boden hinter der Bühne und die Teppiche der Hotelflure mit Scheißhaufen bestückte. Wie es war, als im vor Jubel überbrandeten Madison Square Garden selbst Cops mit ihren Totschlägern den Takt zu Dylans Songs klopften. Wie es war, wochenlang aus Koffern zu leben und in Bussen, eng aufeianander und außerhalb von Zeit und Realität, die scheinbar nur das Publikum betraf und die Bewohner der Orte, in denen die Truppe Halt machte. Und sie tranken Kaffee, unterwegs, aus pinkfarbenen Tassen auf pinkfarbenen Hockern an einem pinkfarbenen Tresen, teilten Joints miteinander, Witze und Wahnsinn, räsonierten über Pilger und Pioniere und das Herz der Dichtkunst, über Masken und dem Mysterium dahinter und hatten Myriaden von wunderbaren Ideen, die aus Mangel an handfesten Plänen aufglimmerten und verglühten wie ein chinesisches Feuerwerk. Was bleibt, ist die Erinnerung, sind, auf einer Veranda in Falmouth, zum Beispiel, "vielfarbig ausgelegte Tablettenspuren, rote Perücken und Haartrockner in der Sonne".

Andrzej Stasiuk: Unterwegs nach Babadag.
Frankfurt. Suhrkamp 2005. 303 S. EUR 22,80

Ja, es gibt Bücher, in denen das Elend glänzt, die Ärmlichkeit, der Verfall, und die Schwefelgruben, die sich ins Fleisch der Erde gefressen haben, die Monotonie des sich endlos dehnenden Brachlands, die verlassenen Industrieanlagen, in die Kniee gegangen wie sterbensmüde Urzeittiere, sind Orte der Verheißung: an ihnen entzünden sich Wehmut und lodernde Gedanken. In solchen Büchern ist die Zeit ein Zauberspruch, der mal Vergänglichkeit bewirkt und mal versagt: dann rührt sich hundert Jahre lang kein Staubkorn von der Stelle. Alles ist Landschaft, in solchen Büchern, und in der Landschaft: macht ein nackter dunkelhäutiger Junge Liegestützen auf dem Asphalt, spielen zwei Männer kilometerweit von jeder menschlichen Behausung entfernt Karten im Schatten eines Walnußbaums, hängt eine Frau zwischen einer Handvoll Häuser Wäsche auf, läuft eine andere Frau hinter dem Pflug ihres Mannes her und wirft die herausgepflügten Steine zur Seite, wartet ein Mann mit kariertem Hut und einer Angel auf einen gelben Bus, schnüffelt ein knappes Dutzend rosaroter Schweine im Abendlicht durch ein menschenleeres Dorf, schält sich eine Hand mit einem Glas aus dem dunkelgrauen Inneren einer Kneipe, liest ein Mann am Wegrand in der Zeitung, steht ein Mädchen im roten Kleid und schaut in eine Richtung, in der nichts geschieht. Und der, der schreibt, in solchen Büchern, hat etwas von Rilke und Gott: jenem Rilke, der rühmen wollte statt zu rügen, der die Schönheit fand in den Schrunden und Fetzen der stehengebliebenen Wand eines Abrißhauses, der hinter Verwahrlosung und Gebrechen auf Eigenschaften stieß, die ihnen Würde gaben und einen Sinn. Ein Dichter, der zustimmte. Wie Stasiuk in diesem Buch: mit einem heftigen Ja, diesem jubelnden Aufschwung gleich am Anfang des ersten Satzes, auch wenn das, was diesem Ja dann folgt, nicht unbedingt das ist, was Schriftsteller gemeinhin preisen. Ja: als Beginn und wiederholt durch die Seiten, glühendes Einverständnis, grundsätzlich, gründlich. Einer, der fähig ist, im Brackwasser stinkender Pfützen die Spiegelung des Himmels zu entdecken. Das Licht, das durch den Spalt der Jahre aus der Kindheit in die Gegenwart fällt. Und wie ein Gott, der, was er vor sich sieht, noch einmal erschafft, mit rauschenden Worten: und es wird anders und neu, das Wort 'Glanz' leuchtet auf, das Wort 'Halluzination', wieder und wieder, und wie ein Gott geht er hin und verwandelt, was er dem Gewöhnlichen entrissen hat, noch einmal: und es nistet sich wie etwas seltsam Vertrautes ein in unserem Herzen.

Kathy Reichs: Totgeglaubte leben länger.
München. Blessing 2005, 416 S. EUR 19,90

    Wer war Max gewesen?
    Wer hat in seinem Grab gelegen?
    Wer lag noch immer da?
    Wer waren die Kerle in der Bar?
    
Was war mit Courtney Purviance passiert?
    
Warum wurde Ferris erschossen?
    Wo war Jake?
    Und was macht Jesus in der Tupperware?
    
Fragen über Fragen, wie bei Schneewittchen. Hier werden sie allerdings nicht von den 7 Zwergen gestellt, sondern von Temperance Brennan, dem Alter Ego der forensischen Anthropologin Kathy Reichs. Fragen, die ein Skelett aus dem 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung betreffen, den Selbstmord eines dubiosen Antiqutätenhändlers (der sich als Mord herausstellt), den Tod eines Abtes (der dann doch kein Mord war), und dann geht die Fragerei erst richtig los und beschäftigt sich mit den Ausgrabungen von Masada, der jüdischen Geschichtsschreibung, der christlichen Glaubenslehre von der jungfräulichen Geburt und den islamischen Fundamentalisten. Trappisten, Wahhabiten und die Hevrat Kadisha treiben ihr Unwesen und führen auf eine falsche Spur: denn am Ende war doch wieder alles ganz anders und die Latte um einiges zu hoch gelegt.
    Trotzdem macht's Spaß und ist spannend, weil Reichs Sätze immer trockener, immer knapper (zeitweise an der Grenze zur Einsilbigkeit), immer ironischer werden, sie nimmt die Kurven immer enger und bleibt dennoch auf der Bahn. Und es gibt sogar Fragen, die werden umgehend beantwortet. Zum Beispiel die: Was steht auf dem Grab des Hypochonders?
- Glaubt ihr mir jetzt! Was jedoch nicht erklärt wird, ist, warum Detective Andrew Ryan, sandblond und mit wikingerblauen Augen, auf Seite 14 über eine Größe von "eins sechsundachtzig" verfügt und auf Seite 177 nur noch "eins fünfundachtzig" mißt. Wo ist der eine Zentimeter geblieben? Hat der ehrgeizige Dr. Blotnik von der IAA ihn gestohlen? Hatten die Palästinenser ihre Hand im Spiel? War die Liebesnacht mit Tempe daran schuld? Die Hitze Israels? Das ungewohnte Essen? Fragen über Fragen ...

©  2005
Ingrid Mylo


 
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