|
Druckstellen
XIV
von
Ingrid Mylo
William Trevor
Seitensprung
Immer wieder, wenn ich in den letzten Jahren in London war, habe ich
Leute getroffen, die, weil ihnen das Geld für selbst die notwendigsten
Reparaturen fehlte, den fortschreitenden Verfall ihrer Behausungen
dadurch aufzuhalten versuchten, daß sie die Zimmer, in denen er am
sichtbarsten zutage trat, einfach abgeschlossen haben. Abgetrennt vom
Rest der Wohnung. Sie zogen ihre Grenzen enger. So, hofften sie, würden
sie dem endgültigen Desaster noch eine Weile länger den Zutritt
verwehren. Von solchen Leuten, von solchen Situationen handeln William
Trevors Erzählungen, in einer davon findet sich der Satz: "In
vergessenen Zimmern sammelten sich die Spinnweben, hinter geschlossenen
Türen überließ man sie Schimmel und Moder." Nicht nur die Gebäude haben
ihre beste Zeit hinter sich, überall stößt man auf Anzeichen von
Verwahrlosung und Niedergang: Löcher in den Hecken, die mit alten
Bettgestellen gestopft werden, Staub liegt auf den Palmen, von den
Fensterrahmen blättert der Lack, und auf den verblaßten Blumen einer
Tapete breitet sich graue Fäulnis aus.
Die Lage mag hoffnungslos sein, die Menschen, um die es hier geht,
sind es nicht. So schlecht sie auch dran sind: sie sind nie wirklich
verzweifelt. Vielleicht, weil sie von vornherein nicht sonderlich viel
erwartet haben und deshalb mit dem wenigen auskommen, das ihnen
zugeteilt worden ist. Sie stammen, bis auf wenige Ausnahmen, aus
ländlichen Gegenden und sogenannten 'kleinen Verhältnissen': da gehören
Arbeit und Armut und Sorgen ganz selbstverständlich dazu. Klaglos nehmen
sie hin, daß man sie nur eines ererbten Grundstücks wegen heiratet, oder
daß sie nicht werden können, was sie wollen. "Ach, es ist nun mal so",
sagen sie, suchen in Supermärkten nach "billigen Marken mit fälligem
Haltbarkeitsdatum", wohnen in Zimmern, die wegen ihres schlechten
Zustands weniger kosten und tragen ihr Los. Ganz pragmatisch, wie man
den Namen trägt, der einem gegeben wurde. Sie haben es nicht anders
gelernt. Ihr Leben ist, wie es ist, und sie leben es: Tag für Tag, ohne
zu lamentieren, ohne auch nur einen Gedanken an das Schicksal zu
verschwenden, das es mit den anderen vielleicht besser meint. Aber sie
träumen: Fina und John Michael vom großen Geld in Amerika, Brigid von
der Musik, mit der ein Tanzlehrer einst ihre Welt verwandelt hat, Evelyn
von verständnisvollen Begleitern am Abend und Corry davon, ein berühmter
Künstler zu sein und Heiligenfiguren zu schnitzen, die bis in die
modernen Kirchen großer Städte gelangen und dort bewundert werden. Sie
müssen nicht einmal wahr werden, diese Träume, es genügt, daß sie daran
glauben. Und wenn sich, ihren stillen Hoffnungen zum Trotz, doch wieder
einmal alles zerschlagen hat und sie stehen vor den Trümmern: und der
Mann, dem sie nach Amerika in eine goldene Zukunft haben folgen wollen,
kommt unverrichteter Dinge zurück, oder sie müssen - weil das Geld nicht
anders aufzutreiben ist - elende kleine Jobs annehmen und haben deshalb
keine Zeit mehr und keine Kraft, ihren künstlerischen Ambitionen
nachzugehen: dann werden sie auch damit fertig.
Neben ihren Träumen haben sie Geheimnisse, Dinge, die sie verbergen,
um die Form wahren zu können, die Fassade aufrechtzuerhalten, hinter der
sich die kleineren und größeren Tragödien abspielen. Emily verschweigt,
solange ihr Mann lebt, daß er sie schlecht behandelt, Nuala wird niemals
darüber reden, daß sie eines verzweifelten Tages versucht hat, einer
wohlhabenden kinderlosen Frau ihr eigenes noch ungeborenes Baby zu
verkaufen, und Mr. Bouverie bemüht sich tapfer, zu vertuschen, daß seine
Frau ihn betrügt, in seinem eigenen Haus, jeden Donnerstagnachmittag,
wenn er einer Schülerin Nachhilfeunterricht gibt im Zimmer darunter.
Es soll nicht ans Licht kommen, auch wenn es, wie in Grailis' Fall,
etwas Schönes ist: die Freundschaft zu einer Witwe, mit der er die Liebe
zu Büchern teilt, die seiner Frau nichts bedeuten. Selbst als sie Jahre
später tot sind, die Frau und die Witwe, und Grailis ist alt und allein,
darf nichts an die Öffentlichkeit gelangen. Nichtmal den Aschenbecher
mit dem Distelfinken will er als Andenken haben von dem, was die
Bücherfreundin ihm hinterlassen hat. Kein sichtbares Zeichen, kein
handfester Beweis ihrer heimlichen Verbundenheit, nur die Erinnerung an
das, was kaum stattgefunden hat.
Die Erzählungen haben, neben der spröden Melancholie, immer wieder
auch komische Momente: wenn von der Mutter eines Dienstmädchens gesagt
wird, sie hätte ja leider geheiratet, "statt beruflich voranzukommen".
Oder wenn sich die schrille Stimme einer Gastgeberin pietätvoll auf
dezentere Tonhöhen herunterschraubt: weil die Familie, die gerade bei
Tisch erwähnt wird, nicht mehr unter den Lebenden weilt. In demselben
Gespräch ist übrigens von der unglücklichen Namenswahl eines
Friseursalons die Rede, der 'Kaiserschnitt' heißt. Oder das graue
Gesprenkel im Haar einer älteren Dame wird als "vornehme Note"
betrachtet, während es zwei Sätze weiter ein paar Spritzer Taubenschiß
sind, die das soldatische Haupt einer Bronzestatue zieren.
Die Sprache, in der William Trevor von Liebe und Leid der
Landbevölkerung erzählt, ist klar und nüchtern, die Worte, zu denen er
greift, erinnern an solide gearbeitete irdene Schalen, mit denen gut zu
hantieren ist. Ein paar Stellen gibt es, da klingen die Sätze - durch
die nicht immer gelungene Übersetzung - ein wenig ungefüg und abgenutzt
und so, als hätten sie einen Sprung. Darüber kann man hinwegsehen: weil
sonst alles seine absolute Richtigkeit hat.
William Trevor:
Seitensprung. Erzählungen.
Aus dem Englischen von
Brigitte Jakobeit.
Hamburg.
Hoffmann & Campe 2005.
238 S. EUR
22,00
© 2006 Ingrid
Mylo
|