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XIX
von Ingrid Mylo
Ahnungen und Augenblicke
Als 'Stadt der Balkone' wurde sie - angeblich - von Rousseau
bezeichnet, seit 1979, als einem Fotoreporter der Zeitschrift 'Life'
lauter gezückte Lippen vor die Linse gerieten, haftet ihr die
Bezeichnung 'Stadt der Küsse' an: mehr an Namen ist nicht, und weder für
London noch für Paris, Barcelona oder Prag sprechen die Sätze, mit denen
sie näher umrissen wird: sie existiert nicht, die Stadt, in der die
Geschichte spielt. Und selbst die Natur mit ihren Tarbony- und
Candybäumen, mit ihren Fessandrabüschen, die bittersüß nach
Hustenbonbons und Zitrone duften und "leicht eklig wie ein
Teenagerparfüm", selbst die Natur klingt erfunden. So erfunden wie die
zitierten Sprichwörter, in denen "ihre Kompasse verschiedene
Nordrichtungen anzeigen" oder das Bett Wurzeln schlägt. Dennoch wirkt die Stadt bedrohlich präsent, bietet Volksaufstände,
Überschwemmungen, Staatswillkür, Studentenrevolten und Polizeigewalt.
Eine Stadt zwischen politischem Tauwetter und gesellschaftlichen Tabus,
eine Stadt, für die man Helden braucht - und was man kriegt, ist ein
kleinmütiger Schauspieler, der im Zweifelsfall lieber seine Würde als
seine Freiheit riskiert. Felix Derns Mut ist iszeniert und nur für die
Bühne tauglich, das Echte erschreckt ihn, um Sex macht sein Körper oft
jahrelang einen großen Bogen. Denn Felix erweist sich bei aller Feigheit
als äußerst fruchtbar, seine Küsse führen bei jeder seiner Frauen (und
mit erstaunlich geringem Aufwand) zu mindestens einem Kind.
Sechs Nachkommen bringt der scheue Schauspieler zustande, und der Roman
schildert die Augenblicke ihrer Enstehung. Markante Augenblicke: ein
Nachmittag im Mai, während der Fluß steigt und die Einwohner fliehen,
oder ein Novembertag, während ein paar Studenten die Entführung eines
amerikanischen Industriellen vorbereiten, oder nachts im Auto, während
die Straßen von der Polizei abgeriegelt sind, Militärhubschrauber
kreisen und das "Herz hüpft wie Erbsen in der Pfanne", oder die
Neujahrsnacht ins 21. Jahrhundert, während am Himmel das Feuerwerk
schäumt.
Das Buch ist ein seltsames Kunstwerk aus Federn, Metall und
phantasievoll gefaltetem Papier, eine die Phantasie provozierende
Vorlesung mit Einsprengseln von Poesie und Ironie und dem schönen Satz:
"Das einzige Geräusch im Auto kam aus der Nase ihres Mannes".
Jim Crace: Stadt der Küsse.
- München. Blessing 2004. - 256 S. EUR 20,00
Immer, wenn Win Garano, Detective bei der Massachusetts State
Police, "diese komische Ahnung" hat, liegt etwas im Argen. Er hat diese
Anwandlungen recht häufig, hat "so ein Gefühl" (S. 87), "ein komisches
Gefühl" (S. 118) oder "ein komisches Gefühl, diesmal ein starkes" (S.
123). Er hat außerdem einen Minderwertigkeitskomplex (weil er nicht in
Harvard studiert hat), einen Hang zu Designerklamotten aus dem
Trödelladen, mächtig Schlag bei den Weibern (wie das früher mal so
überzeugend hieß) und eine Großmutter, die sich lieber auf ihre
diversenWindspiele (nicht die Hunderasse sondern die Mobiles, die im
Wind melodisch von sich tönen machen) verläßt als auf eine Alarmanlage
und auch sonst ganz gern aus dem Übersinnlichen schöpft.
Diese Großmutter ist überhaupt das beste an diesem schmalen "Roman",
dem etwas sehr Vorläufiges anhaftet, der eher ein Entwurf ist als eine
ausgearbeitete Geschichte: unverständliche Telefonate, rätselhafte
Dialoge und verstümmelte Informationen, denen man immerhin entnehmen
kann, daß es dem einen um die Aufklärung eines 20 Jahre alten Mordes
geht, dem anderen um die politische Karriere. Und ein Dritter will ganz
einfach soviel Kohle wie möglich. Ein Mann in Rot (vor dem die
Großmutter warnt) versucht, aus Kacke Kaviar zu machen, eine Polizeiakte
verschwindet und taucht in einem Backofen wieder auf, es gibt Tee aus
Zimt und Zitronen, stimmungsvoll strömenden Regen und High-Tech-Labors.
Die Sprache schwankt zwischen Schnoddrigkeit und Schnörkelei wie ein
Abstinenzler nach einem Blick in Harry's Bar. Ein Entwurf, wie gesagt,
eine Ansammlung von Einfällen und ausgeklügelten Einzelheiten: wäre gut,
wenn sich die Autorin hätte entschließen können, daraus einen jener
mitreißenden Krimis zu fertigen, wie sie das vor Jahren mal gebracht
hat.
Patricia Cornwell: Gefahr. -
Hamburg. Hoffmann & Campe 2006. - 159 S. EUR 17,95
Ich bin hin und hab mir damals, als Patricia Highsmith in einem
ihrer Ripley-Romane respektvoll Zeilen aus zwei seiner Songs zitiert
hat, die LP geholt, 'Transformer': weil ich hören wollte, wie Lou Reeds
Stimme die Worte in den Äther hebt, diese "unbeschwerte amerikanische"
Stimme, die so unbeschwert nicht ist, eher grau klingt, kühl und scharf,
ein Frösteln im ersten Tageslicht, eine feine Strichzeichnung, ein
Draht, in dem Nachrichten durch eine leere Landschaft sirren. Und wenn
seine Zunge das S von "sssslick little girl" spielerisch anstößt,
entweicht ein Zischen wie von Gefahr oder Verheißung.
Und jetzt, in diesem gewichtigen Buch (ca. 1,2 kg), die Texte aller
seiner Songs, von Sunday Morning auf 'The Velvet Underground & Nico'
(1967) bis Like a Possum aus der (undatierten) Abteilung 'The Latest and
the Greatest'.
Mit Zeilen
wie "But when things start getting bad I just play my music louder" oder
" She danced with Picasso's illegitimate mistress and wore Kenneth Lane
jewelry" oder "Oh but people look well in the dark" oder "Make sure the
candy's in the Original Wrapper".
"Die Worte", steht bei
Highsmith in 'Der Junge, der Ripley folgte', "waren leicht und einfach
und doch konnten sie - wenn man sie so verstehen wollte - sich auf eine
Krise im Leben eines Menschen beziehen". Krisen und Kicks, und es kann
einen schon mal, in dem Augenblick, in dem man realisiert, daß man mit
dreizehn toten Katzen zusammenlebt, ein Anflug von Einsamkeit anwehen.
Und damit das Ganze auch nach was aussieht (und nicht nur nach 276 -
oder so - abgedruckten Texten), gibt es Seiten, auf die Tränen gefallen
zu sein scheinen, und Seiten, in denen die Zeilen so dick unterstrichen
sind, daß die schwarzen Balken nichts mehr preisgeben und wie Zensur
aussehen. Es gibt Seiten mit spiegelverkehrtem Text, Seiten mit auf dem
Kopf stehenden Text, Seiten mit verwischtem Text und Seiten,
schließlich, weiß auf schwarz, da werden die Worte mit jedem Umblättern
unschärfer bis sie kaum noch zu entziffern sind. Das ist kein
drucktechnisches Versagen, das ist Absicht, er hat das ausdrücklich so
gewollt, Lou Reed, er ist das graphische Genie dahinter. Und man muß ja
nicht immer alles lesen können, was gedruckt steht. Es genügt zu wissen,
daß es um Transzendenz geht und um Freiheit.
Lou Reed: Pass Thru Fire. - Alle
Songs. - Frankfurt. S. Fischer 2006. - 773 S. EUR 27,90
© 2006 Ingrid Mylo
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