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XL
von Ingrid Mylo
Das Wort aus
den Fugen
Fredrik
Sjöberg Die Fliegenfalle.
Aus dem Schwedischen von Paul Berf.
Berlin. Eichborn 2008, 239 Seiten. EUR 17,95
Er
beklagt die Geringschätzung der Welt für das, was er leidenschaftlich
sammelt: Fliegen. Wie viele Dichter haben die Rose gepriesen, die Lilie,
die Narzisse (deren Wurzelwerk Brutstätte ist für Merodon equestris,
einer besonderen Schwebfliegenart), wie leicht lassen sich lobende Worte
finden für Schmetterlinge: aber wem leuchten die Fliegen ein? Noch dazu
die Schwebfliegen? Sjöberg weiß, was er an ihnen hat, er besingt ihren
Flügelschlag, ihr wohltuendes Summen, schon, wenn er sie nennt bei ihren
lateinischen Namen, klingt das zart und filigran, als hätten sich
Gespinste verfangen in seinen Zeilen.
Dazu ihr betrügerisches Wesen, das Uneingeweihten Wespen vorgaukelt:
denn auch von der Täuschung handelt das Buch, von der Fälschung, in der
Natur, in der Kunst. Es handelt von anderen Schriftstellern, von D. H.
Lawrence, von Strindberg und seiner Verachtung für Knopfologen, von
Bruce Chatwin und einem Mißverständnis bei Milan Kundera. Es handelt von
dem, der die zeltartige Fliegenfalle erfand und in Kamtschatka und Burma
nach Insekten suchte: neben einem Gedicht ist in Sjöbergs poetischen
Betrachtungen über Einsamkeit, weißrussische Heftzwecken und die vom
Regenwald begünstigten Gespräche über die Konsistenz des Stuhlgangs auch
die Biografie des Entomologen René Malaise versteckt.
Und dann sind da Inseln, immer wieder, Inseln in vielerlei Gestalt: eine
Ruine in Rom, ein Kadaver, ein Baumstumpf. Und die Zeit selbst kann eine
Insel sein. Inseln sind Orte des Widerspruchs, sie bedeuten Begrenzung
und Freiheit, Schutz und Auslieferung, und sie fördern, wie
alles, was abgesteckt ist und umrissen, die Konzentration. Wann sie
wieder gehen würden, pflegten Sjöbergs Kinder die Gäste zu fragen, die
zu Besuch kamen: wenn sie dann wußten, wieviel Zeit ihnen zur Verfügung
stand, konnten sie sich daranmachen, sie mit Fragen und Freundschaft zu
füllen.
Es ist kein sehr gründliches Buch, und wer Ordnungen will und
Zuendegedachtes, soll woanders suchen. Sjöberg hat gesammelt hat, was
ihm so durch den Sinn ging, ohne System, aber voller Begeisterung,
Andacht und Ironie, und er hat unser Augenmerk auf das scheinbar
Marginale gerichtet, auf das, was er als Kleingedrucktes bezeichnet: und
hat es für uns entziffert.
Jonny Glynn
Sieben Tage.
Aus dem Englischen von Henning Ahrens.
Frankfurt. S.Fischer 2008. 263 Seiten. EUR 18,90
Das
Ziffernblatt ist eine Windrose, die Zeit in alle Himmelsrichtungen
zerstreut: Crumb liest nicht zehn nach sieben, für ihn stehen die Zeiger
auf Südwest/Nordost. Zweimal am Tag zeigen sie 'Nord/Nordwest' an, das
Bruchstück eines Shakespeare-Zitats: "I am but mad north-northwest ",
wenn der Wind aus dem Süden kommt, kann Hamlet einen Habicht von einer
Handsäge unterscheiden. (Hitchcock hat anspielungsreich davon Gebrauch
gemacht für seinen Film, in dem Gary Crant dem giftstäubenden Flugzeug
davonrennt, der deutsche Titel liegt mit 'Der unsichtbare Dritte' völlig
daneben, da deutet nichts mehr auf eine Verschiebung des
Geisteszustandes hin).
Peter Crumb ist nicht mehr der, der er war, bevor seine fünfjährige
Tochter aufs Grausamste zerstückelt wurde und er die einzelnen Teile
aus einem Straßengraben geklaubt hat: sein Geist zeigt fünf vor zwölf,
ganz gleich, aus welcher Richtung die Zeit gerade weht. Fetzen von
früher in seinem Schädel: das Messer im Frosch, als er Kind war, das
Messer im Baum, wie das manche so machen, um die ersten Spuren der
Liebe einzuritzen, aber schon dabei holte er sich eine blutige Hand.
Und jetzt: das Messer in der Kehle des älteren Mannes, im Bauch seiner
Frau, die Crumb wegen der "hübschen grau-grünen Augen" anschließend zu
Tode fickt. "Ein schöner Anblick war es nicht", hat er zwei Tage davor
schon bemerkt, nachdem er in einem Zeitschriftenladen in der Sudder
Street einem Mädchen aus Bangladesch einen Hammer ins Gesicht gedroschen
hatte. Aber er kennt die englischen Suiten von Bach und kann die Nacht
mit einer Flasche Verdicchio vergleichen, und am Mittwoch verrät er sein
ganz spezielles Chili con Carne-Rezept, in das vier Stück
Blockschokolade gehören.
"Das Grauen", sagt Kurtz bei Conrad. Bei Jonny Glynn stehen Worte wie
Hölle, Chaos, brennende Kadaver, Eingeweide, Schreie, Sirenen, als in
vier Bussen die Bomben hochgehen und London "von Nord bis Süd, von Ost
bis West" vom Terror zerissen wird: auch da gerät Crumb hinein. Die
Zeit, die Welt, alles aus den Fugen, spielen da die paar persönlichen
Alpträume von Crumb noch groß eine Rolle? Nach einem abgebrochenen
Selbstmordversuch (mit einem braunen und einem schwarzen Gürtel, die er
bei Marks & Sparks gekauft hat und dann aus der Tüte von Marks & Spencer
holt) verabschiedet er sich am siebten Tag in Abwandlung eines weiteren
Zitats von Shakespeare: "Grüßt mich nicht, wenn ihr mich seht."
Margaret Atwood Moralische Unordnung.
Deutsch von Malte Friedrich.
Berlin. Berlin Verlag 2008. 254 Seiten. EUR 19,90
Die
Wehrlosigkeit, die man empfindet, wenn der Blick beim Betrachten eines
Unfallfotos auf einen leeren Schuh am Rand der Katastrophe stößt.
Das Flirren des Frühjahrs im Klassenzimmer, in dem Miss Bessie, mit
schönen Schuhen an den Füßen, ein Gedicht interpretieren läßt. Die
Ausweichmanöver des sterbenden Vaters, der ein Paar Schuhe ums andere
kauft für seine schmerzenden Füße: und sie sammeln sich unbenutzt im
Schrank, weil er nicht mehr aufsteht aus seinem Sessel. Das Scheitern
einer Expedition nach Labrador und der rasende Hunger, der einen der
drei Abenteurer dazu treibt, seine gekochten Mokassins zu verschlingen:
"Jetzt hat er kein Schuhwerk mehr."
Immer wieder in diesen Geschichten, stark, sinnlich, solche Eindrücke,
Landschaften mit Schuhen und quertreibenden Gedanken. Wie kühl und schön
Margaret Atwood die Kunst beherrscht, das Einzelne, Kleine zu nennen:
und es nimmt Farbe an und Bedeutung und bleibt, wie Kletten im Haar, im
Bewußtsein hängen. Und dabei erzählt sie plaudernd von Kindheit und
kopflosen Reitern, von Gegenden, in denen von 'knochenlosen
Hühnerfrüchten' die Rede ist, wenn Eier gemeint sind, von der
Dunkelheit, die möglicherweise auf Weisheit hinausläuft, von Kindern, in
Kühlschränke gesperrt: und die sind noch Jahre später nicht fähig,
Wünsche zu äußern und machen den anderen ein schlechtes Gewissen mit
ihrem wurmbleichen Zögern.
Vom Schicksal bestimmte weiße Gardinen, traurige Lieder in einem nach
Äpfeln riechenden Auto während der Fahrt auf die Farm, ein Ich, das im
Traum ängstlich umherirrt und von der Sicherheit des wirklichen Lebens
nichts weiß: Partikel einer Biografie, sie tanzen wie Staub in der
Sonne. Und Atwood schreibt: "Die Vögel sangen", und im nächsten Satz:
"Der Matsch trocknete." Und man grinst und es geht einem gut.
Pedro Juan
Gutiérrez Kein bisschen Liebe.
Aus dem Spanischen von Luis Ruby.
Hamburg.
Hoffmann & Campe 2008. 156 Seiten. EUR 19,95
Was
man kennt aus Filmen, von Bildern, was man sich vorstellt, wenn jemand
Havanna sagt, Kuba: alles ist da. Der Strand, die amerikanischen Oldtimer,
die zerbröckelnde Pracht der Gebäude, die Armut, der Rum. Doch statt Rhumba
und Son gibts Springsteen und Eric Satie, und ein Saufkopf hat bis zum
Schluß Schreie im Kopf wie Nägel: sein Rest ist tatsächlich ein Fressen für
die Truthahngeier am Meer.
Hundefraß, hat Gutiérrez' Mutter gesagt und die Weiber gemeint, ordinär, wie
der Held dieser Aufzeichnungen sie mag. Überdruß und Sucht, wann schlägt das
eine in das andere um, wann tut die Liebe Not, wann das Ficken: und dann
wird beides zuviel und das Hirn giert Leere, nach Nichts. Aber da ist diese
kleine Metallperle in seinem Schwanz, vorne, dicht unter der Haut, und
verschafft unzähligen Frauen Vergnügen. Überhaupt, dieser Schwanz, der
manchmal auch Knüppel heißt, Rute und Pimmel, und einmal wird er Dingerich
genannt: als spiele er im 'Tatort' am Sonntag den verschrobenen Assistenten
eines Kommissars. Und wenn da 'Versuchung' steht, liest man genausogut
'Verseuchung'.
Gutiérrez behauptet zusammen, was gerade paßt, Zorn und Fürsorge und
Lüsternheit, aus dem Rinnstein gekratzte Gefühle. An nackten Beton muß man
bei seinen Sätzen denken, an herausgerissenen, vertrocknete Kakteen, an
Rost. Und dann solche Worte dazwischen: Meertraubenbäume, Capronfasern,
Guasasa-Mücken, Ifá-Orakel. Als hätte einer beim Ausfegen paar Krümel eines
anderen Lebens liegengelassen.
© 2008 Ingrid Mylo
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