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Scherbenregen und Zeichen am Himmel


Henning Mankell: Der Chinese. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt.
Wien. Zsolnay 2008, 606 S. EUR 24,90


Mankell ködert. Darin ist er geschickt: er hat Übung, all die vielen Romane mit und ohne Wallander. Er ködert mit Blut und Entsetzen und schönen, schreckgeweiteten Bildern. Ein Dorf im Schnee, von Wald umgeben, Einsamkeit, Morgendämmerung, kein Rauch aus den Schornsteinen.
Schon da ahnt man, daß es heftig wird, bevor noch der streunende Wolf den ersten Toten aus der Stille zerrt, um an ihm seinen Hunger zu stillen. Und dann ist es nicht nur einer, es sind neunzehn zerstückelte Tote, und der Fotograf, der an einer Dokumentation über Landflucht arbeitet, über verlassene Ortschaften, entdeckt ein paar von ihnen in den Häusern und bezahlt den Anblick mit einem Herzinfarkt.
Es gab bei Mankell schon einmal einen ähnlich heftigen Auftakt, brutal und bizarr, als bekäme man einen Schlag gegen den Kehlkopf. 'Die fünfte Frau': auch da war es ein ganzes Dorf, das niedergemetzelt wurde, aber da waren auch Schreie und Hitze, das Blut stank zum Himmel, ein Alptraum, ein Rausch. Diesmal ist es kalt und starr und vorbei, die Tat schon geschehn, ein unheimliches Rätsel: und das rote Seidenband im verschneiten Wald, das in einem chinesischen Lokal an einer der Lampen zu den üblichen vier (& das chinesische Zeichen für vier ist dasselbe wie für Tod) fehlt, ist die einzige Spur. Und sie macht alles noch geheimnisvoller. Ja, ködern kann er.
Doch er hat auch ein Anliegen. Und wenn er sie erstmal am Haken hat, seine Leser, dann zieht er ihnen damit eins über: er kämpft für eine bessere Welt. Gegen Korruption und Machtmißbrauch und Unterdrückung und Profitgier, gegen die Umsiedlung von Millionen chinesischer Bauern nach Zimbabwe. Er kämpft für ein Märchen. Und in seinem Buch kriegen die Bösen und Skrupellosen (& ist es nicht bemerkenswert und auf der Höhe der Zeit, daß das vor allem und mit gutem Grund die Chinesen sind?) am Ende ihr Fett.

 
Hans Silvester: Fliegende Träume. Fantastische Papierdrachen aus alles Welt.
München. Knesebeck 2008.
173 S. EUR 29,95


Der Himmel ist voller Schmetterlinge und Libellen, voller Fische, Frösche und tanzender Fabelwesen, voller flatternder Muster. Der Himmel ist voller Drachen. Seite um Seite steigen sie auf, steigen in die Wolken, steigen ins Blaue, man träumt.
Farbenfunken über chinesischen Bergen, und durch toskanischen Landschaften geistern abwegige Gesichter und Gestalten, den Wänden der Museen entglitten und den Seiten der phantastischen Literatur, Sphärentheater, zum Staunen schön.
Aber unter all diesen phantasiesprühenden Drachen vor allem: die zarten abstrakten Zeichen von Philippe Cottenceau in der hellen Luft, wie Silberziselierungen, wie Gedanken im Entstehen: wenn man den Blick hebt und sie sieht, glaubt man an Zufälle und daß sie eine Bedeutung haben, die über sie hinausgeht.
 

Willy Vlautin: Motel Life. Aus dem Amerikanischen von Robin Detje.
Berlin Verlag 2008. 207 S. EUR 17,00

Sie sind Brüder, und sie machen keine Witze. Frank nicht über die Ente, die wie ein Stein durch sein Fenster geplatzt ist: sie lag wirklich in einem Scherbenhaufen auf dem Boden seines Motelzimmers. Und Jerry Lee nicht über den Jungen, den er im Suff über den Haufen gefahren hat, mitten auf der Straße, mitten in der Nacht: er lag wirklich "im Schnee auf dem Asphalt, mit aufgeplatztem Kopf, und ihm kommt das Blut aus dem Mund". Dann sind sie weg, unterwegs, sind am Weinen, am Kotzen, am Trinken sowieso, und manchmal geht es Frank besser: wenn er einen Hirsch sieht, einen wirklichen Hirsch, der die Schlucht hinunterrennt. Oder wenn in der Kälte von Reno die Neonlichter glitzern. Da ist er schon wieder zurück, und Jerry Lee, der sich das Bein hat abfahren lassen von einem Zug, als er siebzehn war, hat sich eine Kugel in den Stumpf geschossen: und jetzt liegt er im Krankenhaus und will sterben vor Schuld.
Zur Belebung taucht dann ein Hund auf und bleibt, und eine kaputte Beziehung kriegt noch eine Chance. Und all die Geschichten, die Frank erfindet, Geschichten, die über die über die Verzweiflung retten, über die Trostlosigkeit, manchmal auch nur über die nächsten Stunden. "Wir erzählen uns", steht bei Joan Didion, "Geschichten, um zu leben." Was für ein wildwucherndes Buch, todtraurig und haarsträubend absurd und eins kommt zum anderen und alles paßt: wie die Faust von Evander Holyfield auf Mike Tysons Auge am 11. November 1996.
Komm, gehn wir Geschichten erfinden im Pub.


Joyce Carol Oates: Du fehlst. Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz.
Fr
ankfurt. S.Fischer 2008.
489 S. EUR 22,90

Ich: wer ist das?  Das interessiert JC Oates, darüber schreibt sie. Immer wieder. Manchmal einen ganzen Roman, wie 'Ausgesetzt', in dem die Heldin hundert Namen hat und keiner ist ihrer (und weil sie geliebt werden will, schraubt und dreht sie an sich herum bis sie dem liebenswerten Objekt entspricht: was aber dann geliebt wird, ist nicht mehr sie selbst). Manchmal nur versprengte Sätze, wie hier, wenn Nikki nach der Ermordung ihrer Mutter von sich sagt: "Ich wollte mich mögen können, und das hieß, ich durfte mich nicht wie Nikki benehmen (...)".
Dasselbe Spiel: wenn sie, um sich zu mögen, sich anders benehmen muß als die, die sie ist: wen mag sie dann? Immer noch sich selbst? Oder die, die aus ihr geworden ist, weil sie sich anders benommen hat? Die Leute, die - wie kürzlich ein FAZ-Schreiberling anläßlich ihres 70sten Geburtstags - JC Oates bloß als Unterhaltungsschriftstellerin würdigen, unterschätzen die Dame: sie kanns auch philosophisch.
Und was ich mich immer mal wieder gefragt habe: welche Hanseln eigentlich diese - oft neben der Kasse gestapelten - fliegengewichtigen Bücher kaufen mit Titeln wie 'Östliche Weisheiten für jeden Tag' oder 'Paradiese für die Seele' oder ' Freud für Frauen': auch das weiß JC Oates. Ältere, dickere Männer sind es, gemütlich wie ausgetretene Schlappen, mit Geld und Glatze und einer um Jahre jüngeren Geliebten, die sich wiederum fühlt wie eine "Siamkatze im Negligée" und der sie diesen geistigen Dünnpfiff unterjubeln können.
Warum ich 'Bratkartoffel' gelesen habe, obwohl 'Brokatstoffe' dastand, hat dagegen weder mit Philosophie noch mit JC Oates zu tun, nur etwas mit mir.


© 2008  Ingrid Mylo

                                                                       

 


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