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Druckstellen
XLIII
von Ingrid Mylo
Hotels und
Geisterbahnen
Markus Orths -
Das Zimmermädchen.
Frankfurt. Schöffling & Co 2008. 138 S. EUR 16,90
"So
ganz scheier ist die nicht", würden die Westerwäldler über Lynn sagen
und meinen, bei der ist was schräg, bei der sind paar Drähte verdreht im
Kopf. Ist schon so, Lynn macht komische Sachen, denkt zuviel in zu
kleinen Dosen, zu dicht mit der Nase an den Dingen, zu unruhig, zu stur.
Und dauernd die Spiegel, als läge dahinter die Welt und nicht eine Wand,
an der man sich wundstößt: war sie nicht gerade erst in Behandlung?
Und im Hotel, als sie anfängt, als Zimmermädchen zu arbeiten, als sie
saubermacht, süchtig sauber, bestrebt, alles zu tilgen, was das Leben
der anderen an Ablagerung hinterlassen hat in den Räumen. Als sie - wie
geagt: nicht ganz scheier - sich mit dem von ihr so bekämpften Dreck
dann gemein macht eines Dienstags und Staub wird noch vor ihrem Tod:
Fluse wird unter Flusen, versteckt unter dem Bett des Zimmers 303,
gierig nach den Geräuschen, wie spärlich auch immer, die abfallen für
sie.
Dienstags jetzt immer, wechselnde Zimmer, wachsende Sehnsucht: auch Lynn
will ein Leben, will Liebe, will Chiara, die sich bezahlen läßt dafür
und das geht dann schief. Und das Bett, unter das Lynn sich legt, ganz
am Ende, ist das ihrer Mutter, mutterseelenallein.
Hari
Kunzru - Revolution. Aus dem
Englischen von Wolfgang Müller.
München. Blessing 2008. 415 S. EUR 19,95
Nichts stimmt: weder sein Name, noch sein Geburtstag, und dann löst sich
auch dieses Phantom noch auf. Am 10. April 1998, dem Tag, an dem er
angeblich 50 wird, verschwindet der Mann, der sich Michael Frame nennt,
aus dem Leben seiner Familie, die von seiner wahren Identität nichts
ahnt. Und nichts von seiner militanten Vergangenheit, die plötzlich
seine erfundene, alternativ angehauchte Existenz bedroht. Nach einer
Reise und einer Rekapitulation seiner Erinnerungen bekennt sich der
Mann, der mehr als zwanzig Jahre nicht er selbst war, zu seiner
Geschichte.
Mit sicherer Hand legt der Autor seine Sätze vor uns offen auf den
Tisch, wie abgezählt und von störenden Nebensächlichkeiten befreit, kein
Ablenkungsmanöver, kein As im Ärmel. Ein Rechenschaftsbericht: vom
ersten unschuldigen folkloristischen Ansingen gegen die Atomkraftwerke,
über das Robin Hood-ähnliche Engagement zur gerechteren Umverteilung des
Besitzes im eigenen Stadtviertel, bis hin zur radikalen Bekämpfung des
Staates, der längst nicht mehr die Interessen seines Volkes sondern die
der Großindustrie vetritt. Aber gegen das System kann man nicht
gewinnen, und alles, was man hinterläßt, ist "eine Spur im Wind
schlagender Türen".
Robert
Olmstead - Der Glanzrappe. Aus dem
Englischen von E. Nerke & J.
Bauer. Frankfurt. Andere Bibliothek 2008. 261 S. EUR 28,00
Die Landschaften sind schön, durch die der 14jährige Robey auf seinem
schwarzen Pferd reitet, schön und wild. Und voller Schrecken: Leichen in
zerstörten Häusern, verwüstete Äcker, Fetzen, Rauch und Blut, Ströme von
Flüchtenden und Fuhrleute, die haufenweise Verstümmelte und Tote
transportieren. In den barbarischen Wirren des amerikanischen
Bürgerkriegs sucht Robey nach seinem Vater und findet ihn, Monate
später, auf dem Schlachtfeld von Gettysburg: sterbend unter Heerscharen
von Sterbenden, die schon von gierigen Händen gefleddert werden. Aber er
findet auch ein Mädchen, von einem Prediger vergewaltigt und schwanger,
das bringt er, anstelle des Vaters, mit zurück nach Hause.
Dicht stehen die Sätze, dunkel und durchglüht von poetischen Bildern.
Und trotz des kruden Themas hat der Roman etwas Verzauberndes,
Schwebendes: so wie Nebel schwebend ist, wundersam und naturgegeben. Und
wenn er sich lichtet, in diesem Buch, gibt er den Blick frei auf
Unvorstellbares. Man fühlt sich beim Lesen oft wie ein Kind auf einer
Fahrt durch die Geisterbahn: doch die Gespenster sind echt.
Tim
Winton - Atem.
Aus dem Australischen von
Klaus Berr.
München. Luchterhand 2008. 236 S. EUR 16,95
Man atmet: man lebt. So banal ist das. Zu banal für Bruce, der sich
schon mit elf Jahren als Außenseiter fühlt, in einem kleinen Ort an der
australischen Küste, dessen Bewohner "einfach nur normal" sein wollen.
Bruce will mehr. Er ist auf der Suche nach etwas, das nur um seiner
Selbst willen betrieben wird, frei von Sinn und Zweck, etwas, das nichts
ist als nutzlos schön. Aus der Suche wird Sucht, als Bruce das Surfen
entdeckt: Herausforderung, Rausch. Und Ringen nach Luft, wenn die Welle
den Surfer untergepflügt hat, in die Tiefe geschleudert. Wenn die Wut
und die Wucht der Wassermassen das Leben aus den Lungen quetschen. Denn
neben dem Triumph, eine Bombora, eine Monsterwelle, siegreich zu reiten,
geht es für Bruce beim Kampf gegen das anbrandende Meer vor allem um
eins: um die "Rebellion gegen die Monotonie des Atemholens".
Tim Winton läßt in seinem Roman über Leidenschaft und Auflehnung
kaum einen Aspekt aus: Bruces Vater leidet unter nächtlichen
Atem-Aussetzern, Bruces Freundin giert danach, sich würgen zu lassen
beim Sex. Und wenn man, nach dem Lesen, wieder auftaucht aus den Seiten,
lauscht man unwillkürlich dem Rhythmus der eigenen Atemzüge.
© 2008 Ingrid Mylo
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