Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

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Glanz&Elend - Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:



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von Ingrid Mylo




Kellergänge ins Weiße

Colm Tóibín:
Mütter und Söhne.
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini.
München. Hanser 2009. 385 S. EUR 19,90


Mütter und Söhne: ja, aber nur zum Beispiel. Genausogut Schwestern und Liebhaber und Töchter und Enkel und Väter. Und der eine kifft und der andre sucht Kontakt mit kleinen Jungs, und ein Hurlingspieler ist da, ein Einbrecher, dem die Holländer in die Quere kommen, und ein Rechenkünstler, der sich eine Zukunft im Chip-Shop seiner Mutter ersehnt. Es gibt Witwen und Waisen, eine, die singt, eine andre, die trinkt: doch nicht das ist ihr Tod sondern der Schnee, in den sie geht, aus Wut, weil der Wein weggeschüttet wurde von ihrem Mann.  
Versager gibt es und Versehrte: und immer wieder sagen sie etwas, von dem sie, kaum ist es ausgesprochen, wissen, daß es falsch war oder zuviel oder daß die Worte zu weit gingen. Und es gibt, wie so oft in irischen Liedern und irischen Geschichten, Beerdigungen und Feste, da ist viel Sterben, doch nur, weil da viel Leben ist. Und der Tod: wer  weiß schon so genau, ob er Befreiung ist oder Verlust und wo der Unterschied ist, in manchen Momenten.
Und nicht die Tragik berührt einen in diesen Erzählungen, sondern die Art, wie die, denen sie wiederfährt, damit umgehen, und die Art, wie Tóibín das schildert, Satz für Satz.

Jan Costin Wagner:
Im Winter der Löwen.
Frankfurt. Eichborn 2009. 288 S. EUR 17, 95


Die Welt ist weiß: wie ein Briefumschlag, wie die Flure auf der Intensivstation, wie Mantel und Mütze der Frau, die sich an Heiligabend in Kommissar Kimmos Leben drängt, die ihm Lügen erzählt, jeden Tag eine neue, wenn er will. Er weiß von ihr nur: ihr Name ist nicht Larissa. Weiß sind auch die Tabletten, die der Frau des Gerichtsmediziners zur Beruhigung gereicht werden, nachdem sie von der Ermordung ihres Mannes erfahren hat. Er war Gast einer Talkshow, zusammen mit dem Puppenbauer Mäkelä. Was in all dem Weiß dann und wann rot aufleuchtet, ist das lange Haar der Mörderin.
"Jetzt wird die Sache lustig", sagt Kommissar Sundström, als Mäkelä ebenfalls niedergestochen wird. Und als auch der Talkmaster noch ein Messer in den Rücken kriegt, sagt Sundström: "Da bekomme ich doch den Lachkrampf meines Lebens!" Überhaupt reden die Leute nicht, wie man das gewohnt ist bei Kriminalromanen, und sie reden erfreulich wenig.
Die Sätze fallen leicht und sachlich und so zufällig wie Schnee, der Muster bildet in der Landschaft, die er bedeckt. Es ist ziemlich unterhaltsam, aus diesen Mustern die Geschichte herauszulesen.

Zoran Drvenkar:
Sorry.
Berlin. Ullstein 2009. 397 S. EUR 19,90

Paare: Kris und Tamara, Lars und Jonas, Wolf und Kris, Fanni und Karl, Frauke und Tamara, Butch und Sundance, Wolf und Frauke, Helena und Joachim, Tamara und Wolf. Es ist ein Liebespaar darunter, ein Brüderpaar, ein Ehepaar, ein Freundespaar, ein Paar, das mit einem anderen identisch ist, und ein Paar, das Kinder brutal mißbraucht. Nur eins der Paare wird am Ende überleben. Und zu Mördern geworden sein. Neben anderen Mördern. Die dann tot sind. Genau wie die Unschuldigen.
Das Opfer, der Täter: klar, wer der Böse ist. "Ich bin einer der Guten", sagt der Mörder, und hat recht. Denn das Opfer hat Grausames angerichtet, und der Mord stellt die Balance wieder her. Doch dahinter ist ein noch Grausamerer, der sagt das gleiche von sich, "ich bin hier der Gute": hat auch er recht? Wer ist schuldig, wer böse: richtet, wer mordet, womöglich Gutes an? Und kann man das heute überhaupt noch: unschuldig sein oder gut? Die Fragen wirbeln in diesem intelligenten Thriller durch die Luft wie die Bälle eines Jongleurs. Nichts ist klar, nichts für immer: die Werte ändern sich, je nach Wissensstand, je nach Lichteinfall. Und je nachdem, an welchem Punkt der Geschichte man sich befindet.
 
Catherine O'Flynn:
Was mit Kate geschah.
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann.
Zürich. Atrium 2009. 270 S. EUR 19, 90

Ihre Mutter ist schon vor Jahren weggegangen, ihren Vater findet sie eines Morgens sterbend auf dem Schlafzimmerboden: und 42 Seiten später ist auch die elfjährige Kate verschwunden. Kate, die mit ihrem Stoffaffen Mickey die 'Falcon-Ermittlungen' gegründet hat und Verdächtige observiert. Kate, die weder an Zufälle glaubt (dafür weiß sie zuviel), noch an den Erlöser (dafür gibt es zu wenig Beweise). Kate, deren Freundin Teresa sich ihren Dad mit zwei Teelöffeln Zitronen-Fußbodenreiniger im heißen Tee vom Leib halten muß. Die selbständige Kate, die einsame Kate, die neunzehn Jahre später in den Kellergängen eines Einkaufszentrums spukt.
Und Kurt, der Wachmann, auch er einsam, sieht das Mädchen auf dem Monitor und sucht es in den unterirdischen Gängen: und diese Suche spült Schuld hoch und Erinnerungen und bringt dann doch noch sowas wie Hoffnung in sein Leben, das bislang nur die Zeit war, die man rumbringen muß bis zum Tod.
Soviel Einsamkeit, soviel Elend. Und schlecht ausgeleuchtete Schrecken, als sei auch das Hirn unterkellert, durchzogen von einem Tunnelsystem der Träume: und es gibt, wie oft die Flure sich auch verzweigen, wie oft sie die Richtung wechseln, es gibt nur den einen Weg, tiefer hinein.

 © 2009  Ingrid Mylo
 

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