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XLV
von Ingrid Mylo
Der schwarze Bleistift und
das Wunderbare
Anne
Donovan:
Emily sein oder nicht sein.
Aus dem Englischen von Eva Bonné.
München. Luchterhand 2008. 352 S. EUR 9,00
Sie
macht nichts anderes, als die jeweilige Anordnung der Salate und
Fleischbrocken auf den Tellern ihrer Familie zu beschreiben, nachdem die
sich am Hotelbüffet bedient hat: und die verschiedenen Charaktere liegen
klar auf dem Tisch. Das ist hübsch als Idee.
Tod, Feuer, Fehlgeburt, Rüschensöckchen am Sonntag, Trunksucht, Lesben
und Liebesschmerz: in diesem Roman kommt viel zur Sprache. Alles ganz
redlich und aufrichtig, aber nicht eben tief. Eher eine Aufzählung von
Ereignissen als deren Verarbeitung, Schicksalsschläge und -küsse als
Verzierungen des Daseins, Oberflächendekor. Und als hätte die Autorin es
geahnt, gibt es eine kleine Passage über den Unterschied zwischen gut
und nett. Und eine über den Unterschied zwischen Kunst und
Kunsthandwerk. Aber man nimmt auch was mit: das man "das neue Jahr nicht
ohne ein Stück Butterkeks in der Hand begrüßen" sollte.
Nadine
Barth (Hg):
Traumfrauen.
Starfotografen zeigen ihre Vision von Schönheit.
Köln. DuMont 2008. 223 S. EUR 49,90
Manchmal ist nur ein zum Lachen aufgerissener Mund zu sehen, ein an den
Wimpern heruntergezogenes Lid, eine Hand, gespreizt mit blaufedrigen
Fingern: und man kommt ins Phantasieren. Manchmal bieten sich, wie in
der Fotoserie 'Heroines' von Bettina Rheims, ganz versonnen Frauen dar,
entblößt oder rosa plissiert, in Perlen und Tüll, mit irritierenden
Einzelheiten: da ist ein Pflaster am Finger, eine mit durchsichtigem
Plastikband brutal eingeschnürte nackte Taille, eine leblose Hand
zwischen geöffneten Schenkeln. Manchmal sind es einfach nur klassische
Porträts mit direktem Blick, manchmal ausgeklügelte Inszenierungen. Wie
die von Miles Aldrige, der weder langweilige Frauen mag noch schöne, und
der Küchenbilder erfindet mit viel sattem Gelb und einer Blondine, die
sich mit roten Lippen geistesabwesend in der Hausarbeit verliert wie in
einer religiösen Vision.
Schönheit und Selbstbewußtsein, davon ist in den Texten der Fotografen
immer wieder die Rede, aber auch davon, daß Schönheit Demut erfordert,
im Augen des Betrachters liegt, flüchtig ist und ein Beweis für die
Existenz Gottes: Fotografen sind selten große Philosophen. Aber ihre
Aufnahmen ... Die beeindruckendsten von ihnen werfen ein ganz anderes
Licht auf den Titel 'Traumfrauen'. Traum nicht als Wunsch, die Frau
nicht als ersehntes Wesen: sondern die Bilder setzen wie
Initialzündungen das Hirn in Bewegung. Und Frauengestalten, wie sie sich
aus den Begierden und Ängsten des Unbewußten drehen, steigen auf an die
Oberfläche allegorischer Träume.
Anna
Enquist:
Kontrapunkt.
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers.
München. Luchterhand 2008 217 S. EUR 17,95
Eine Frau sitzt am Klavier. Vor sich die Herausforderung von Bachs
Goldberg-Variationen, in sich eine gähnende Verzweiflung. Man weiß
nicht, weswegen. Man weiß nur: es hat mit der Tochter zu tun, ahnt, daß
sie tot ist. Die Frau ringt sich, in der Auseinandersetzung mit der
Musik, Erinnerungen ab. Man spürt ihre Konzentration, ihren Willen,
folgt gebannt ihren Ausführungen, die in ihrer Ruhe und Entschiedenheit
tief dringen. Alles greift ineinander: der Aufbau von Kompositionen,
Episoden aus der Vergangenheit ihrer Tochter, Begebenheiten aus Bachs
Biografie.
Und immer wieder, wie Meditationsübungen, wie Vergegenwärtigungen des
Vergänglichen: arrangierte Bilder. Stilleben mit schwarzem Bleistift und
Zigarette. Stilleben mit Girlanden, Erdbeertorte und Puppe.
Stilleben mit Zeitungsausschnitten, getrockneten Kornblumen. Und
schließlich das, worauf es hinausläuft, seit Anbeginn: das Stilleben mit
gelbem Rettungshubschrauber, verbogenem Fahrrad und den nackten Beinen
einer jungen toten Frau.
Es ist ein bis in die Spitze der Buchstaben durchgearbeitetes Buch,
brennend kalt, voller Leidenschaft und Logik.
Henning
Boetius:
Berliner Lust.
München. btb 2008 287 S. EUR 17,95
Piet Hieronymus ist niedergeschlagen. Er hat Höhenangst und verspürt
"eine innere Leere" und einen Hang zum magischen Denken. Außerdem ist er
60: in diesem Alter klingen "Komplimente wie Hilferufe" in den Ohren
schöner Frauen. Er versuchts mit Reisen: nach Barcelona, nach Rouen,
nach Dieppe. Nichts funktioniert. Er trinkt: Bier, Wodka, Calvados,
Retsina, Aquavit, Champagner, Ouzo, Weißwein, Prosecco mit Orangensaft,
Mariacron, Bordeaux, Riesling, süßen Wein und Rotwein aus Spanien. Er
ist nicht wählerisch. Er denkt, wenn er Augen sieht, an schwelende
Holzkohle, an Sonnenfinsternisse, an Tausendundeine Nacht, an
Elektronenstrahlen, an einen Basilisken, an einen Seemann, an einen
Pykniker wie Sokrates. Und in Berlin begegnet Piet einem, der könnte aus
demselben Schoß gekrochen sein, vor 60 Jahren, wie er selbst.
Die ersten drei Kriminalromane von Boetius sind wahrhaft wunderbares
Blendwerk, 'Joiken' vor allem, und 'Der Walmann': spannend, voller
schöner Sätze. Bei diesem neuen ist die an den Haaren herbeigezogene
Handlung eher Anlaß, kleine wohlfeile Abhandlungen aneinander zu reihen:
über die Herkunft von Worten wie Hysterie und Abenteuer, über Paare,
Narzissmus, Kunst und Wahn, Kunst und Kitsch, Schizophrenie, die
Geschichte der Schorfheide, Profiler, Schriftstellerei und Verlagswesen,
Doppelgänger, Ermittlungsmethoden, das Borderlinesyndrom, die Currywurst
als musikalischen Dreiklang, die Glasknochenkrankheit, Schauspieler,
Kopie und Original, den Mensch als Auslaufsmodell. Wenn es ein
Stichwortverzeichnis gäbe, am Ende, könnte man das Buch als eine Art
Konversationslexikon benutzen.
Der
literarische Katzenkalender
2009
Hrsg. von J. Bachstein. EUR 19,90
Der literarische Gartenkalender 2009
Hrsg. von J. Bachstein / Fotos: M.
Nickig. EUR 22,90 beide: Frankfurt. Schöffling & Co 2008
Natürlich wieder die Katzen: wer, wenn er ihn einmal hatte, diesen
Kalender, könnte im nächsten Jahr darauf verzichten. Auf das runde
Erstaunen in den Augen, die im September aus einer Papiertüte stieren.
Auf dieses winzige Bündel Fell, das im Juli über einem Sektkorken
kauert. Auf die schwarze Eleganz, die im August einem steinernen Löwen
auf den Kopf gestiegen ist. Auf diese ganzen aberwitzigen Posen und
hingebungsvollen Haltungen, die in Mauerlöchern, Waschbecken und an
Steckdosen formvollendet zur Geltung gelangen. Alles, wie immer, in
Schwarz-Weiß wie Fotos, wie Filme aus vergangenen Tagen, punktiert nur
durch ein versprengtes Rot, in dem die Sonntage aufflammen oder hier und
da ein Wort in den Zitaten von Cees Nooteboom, Jane Austen oder Truman
Capote: ein Wort wie Sofaecke, wie Piraten, wie Rätsel.
Wenn
der Chrysanthemenstrauß fehlt, auf dem Küchentisch, oder der Aurikeltopf
auf der Fensterbank: ein Blick zur Wand auf den Gartenkalender macht
dieses Fehlen wett. Grüngestimmte Heckenschwünge, wimmelndes
Ritterspornblau, das Wollrosa der Mandelblüten, so weiße Rosen, daß das
Herz vor Verlangen fast stillsteht. Und die Worte der Dichter zwischen
Minze und Birnbaumblättern, die Ratschläge und Rezepte, die leeren Bänke
und Stühle inmitten all der Stille. Als würde etwas warten auf den
Betrachter, geduldig und voller Bereitschaft, etwas, das Zeit verheißt
für Erinnerungen und Träume: und der Blick, wenn man ihn wieder löst von
den Bildern, scheint weiter zu sein, hell vor Bejahung, und man geht den
Tag gelassener an.
Michael
Braun (Hrsg.):
Der Deutschlandfunk Lyrikkalender 2009.
Heidelberg. Wunderhorn 2008 EUR 23,80
Und noch ein Kalender. "Und noch'n Gedicht", hat Heinz Erhard gesagt.
Kann man haben. Tag für Tag. 365 mal im Jahr. Alte, neue, Ringelnatzige,
Dominhafte, Schrottige. Und wie das so ist, mit einer Auswahl, die ein
anderer getroffen hat, stimmt man hier zu, lehnt man dort ab, Brecht,
der natürlich nie fehlt, ist immer noch blöd, genau wie der Wichtigtuer
Fried, während man Benn noch immer schätzt, nur zum Beispiel. Dankbar
aber ist man für jene, die man noch nicht kannte, bisher, und deren
Zeilen einem einleuchten: jetzt ist man auf ihre Spur gesetzt.
Früher gab es in den kleinen Läden neben Waschpulver, Wurst und Windeln
auch für zehn Pfennige (später kosteten sie dann mehr) Wundertüten: das
Wunderbare daran war nicht das, was drin war, das Wunderbare war, daß
man nicht wußte, was drin war. Und daß es oft Plunder war, unerwünscht,
hielt einen nicht ab, es wieder und wieder zu versuchen. So reißt man
auch hier Blatt ab für Blatt, und manchmal kann der Tag gar nicht
schnell genug vergehen für den nächsten Versuch.
© 2008 Ingrid Mylo
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