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Glanz&Elend -
Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen
ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000
Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben:

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Was von
Büchern bleibt
Druckstellen
XLVI
von Ingrid Mylo
Planeten in der Rumpelkammer
R. Kesseler
& M. Harley: Die geheimnisvolle Sexualität der
Pflanzen.
München. Knesebeck 2008. 264 S. EUR 49,95
Die
Seiten glänzen tiefschwarz wie der Nachthimmel: und davor leuchten
unglaubliche Gebilde in psychedelischen Farben. Als säße man in einem
Science Fiction-Film und sehe die seltsamsten Raumschiffe auf sich
zuschweben oder Planeten aus anderen Sonnensystemen. Man ist ganz
Staunen und Bewunderung, erst recht, wenn man weiß: bei diesen wundersam
fremdartigen Formen handelt es sich in Wahrheit um Pflanzenpollen. Wie
etwa die aus dem Staubbeutel herausgeschleuderten Pollenkörner der
Christrose, die aussehen wie ein Sternenhaufen im All.
Tatsächlich sind sie so winzig, daß sie gemeinhin unter unserer
Aufmerksamkeit durchschlüpfen. Wäre da nicht Rob Kesseler und seine
meisterhaften vieltausendfachen Vergrößerungen ins Märchenhafte: wir
bekämen sie kaum zu Gesicht.
Und Madeline Harleys anschaulicher Text versorgt uns mit genauen
Informationen über das, was die Pflanzen so alles treiben mit ihren
Fruchtknoten und Griffelkanälen und Staubfäden, und wie war das noch
gleich mit den Nacktsamern oder der Jungfernzeugung? Dieser Prachtband
stellt alles, was man über die Sache mit den Blumen und den Bienen zu
wissen glaubte, in den Schatten.
David
Sedaris: Schöner wird's nicht. Aus
dem Amerikanischen von Georg Deggerich.
München. Blessing 2008. 320 S. EUR 19, 95
Eine
Traube kann den Tod bedeuten, wenn sie in der Obstabteilung eines
Supermarktes auf dem Boden liegt: und man tritt drauf und rutscht aus.
Das Tragen eines aufpolsternden Nylonkissens kann einen mickrigen
Hintern in den heißen Sommermonaten noch weiter reduzieren, so daß er,
knochig und wund, "einem rostigen Münzeinwurf" gleicht. Ein Hustendrops
im Mund kann einer ohnehin schon verkorksten Situation den Rest geben,
wenn man auf dem Flug nach Raleigh plötzlich niesen muß.
Das Leben, wie David Sedaris es sieht, ist eine Rumpelkammer voller
Professorinnen mit "Warzen so groß wie Frühkartoffeln" und anderen
Peinlichkeiten, die einem entgegenpurzeln, sobald man die Tür öffnet.
Weißes Haar, das aus der Nähe mit seinen gelben Flecken aussieht wie
"angepinkelter Schnee", eine bei Tisch unerschrocken furzende
Großmutter, das "fickie-fickie"-Geplapper eines Taxifahrers: kein Scheiß
ist dem Mann zu gering, der Scheiße als "das Tofu des Fluchens"
bezeichnet.
Zügig und trocken pfeffert Sedaris die Sätze in die Gegend: und ein
wenig ist das wie früher mit den kleinen Jungs aus der Nachbarschaft,
die einen höllischen Spaß daran hatten, den Passanten bündelweise
Knallerbsen vor die Füße zu werfen.
Franz
Hohler: Das verspeiste Buch.
Illustrationen von Hans Traxler.
München. Sammlung Luchterhand 2008, 87 S. EUR 10,00
Daß
der Italiener "il tronco" sagt, wenn er "Baumstamm" meint, und "coltello"
statt "Messer": das weiß Urgroßvater Hohler nur, weil er sich an der
Wirtshaustafel in einer Kleinbasler Pinte verlesen und Buchbrot bestellt
hat zu seinem Schüblig. Und der Kellner hat ihn ganz spaßhaft beim Wort
genommen und ihm ein gebundenes Exemplar von 'La Cucina italiana'
serviert, bedeckt mit "reichlich weißer Soße". Doch was so ein rechter
Urgroßvater ist, der treibt den Scherz weiter und verleibt sich das Werk
zur Verblüffung der Kneipengäste tatsächlich ein, Seite für Seite, und
mit dem Werk das Wissen. Von dem muß er natürlich Kostproben liefern:
"Teller" heißt "piatto" auf italienisch, und "Gabel" "forchatta", und
dann geht der Koch aufs Ganze und will den Satz "Fräulein, wollen Sie
mit mir vögeln?" übersetzt haben.
Ein Schelmenstück, in dem der Urgroßvater auch den Bartwichsenverkäufer
noch austrickst, der ihm geholfen hat, den Wirtshausbesuchern ein
Schnippchen zu schlagen. Hübsch altmodisch erzählt, und die gleichzeitig
heimeligen und frechen Illustrationen von Hans Traxler versetzten einen
zurück aufs Opas Kniee, als man beim Vorlesen gebannt auf die Bilder im
Märchenbuch starrte und fragte: »Und warum hält sich der Mann da jetzt
den Bauch?«
Kathy Reichs
Der Tod kommt wie gerufen. Aus dem
Amerikanischen von Klaus Berr.
München. Blessing 2008. 352 S. EUR. 19,95
Da
kann man drauf wetten, daß in einem Roman von Kathy Reichs wieder
bündelweise Fragen zum Einsatz kommen. Gab es eine Verbindung zwischen
dem Lake-Wylie-Fall und dem Greenleaf-Keller? Wie war das Bild in diesen
Kessel gelangt? Hatte es wirklich ein Menschenopfer gegeben? Was war mit
dem Kopf des Jungen vom Lake Wylie passiert? War die Ziege auf ähnliche
Art geschlachtet worden? Wie lautete eigentlich Summers Familienname?
War es der Schädel dieses Mädchens? Was für eine Geschichte würden
Roseboro morgen früh erzählen? Wird Asa auf dem Altar von Boyce Lingos
Ehrgeiz geopfert werden? Haben Sie sich das Gehirn schon angesehen? Wie
hatte das passieren können? Warum war es so spät im Herbst noch so warm?
(Und, ganz aktuell:) Konnte Amerika einen neuen Anfang finden?
Fragen und die Verwendung prägnanter Ausdrücke und Vergleiche:
Morgenlattentau, zum Beispiel, oder Rudelfick, Stinkersaal,
scheinheiliger Hirnamputierter. Einer hat "die Persönlichkeit einer
verstopften Nase". Einer sieht aus, als "hätte er ungeklärtes Abwasser
verschluckt". Und ein anderer "wie etwas, das der Hund wieder
hochgewürgt hat". Abwechslung gibt's genug. Und schnelle Wortwechsel im
Stil: er sagte, ich sagte. ("Spitze", sagte Larabee. - "Scheiße", sagte
ich. - "Klasse Frisur.")
Was auffällt: viel spröder als in den früheren Romanen geht Reichs
inzwischen mit der Gefahr um, in die sie ihr Alter Ego geraten läßt.
Nicht länger die Herzschlag hetzenden Sätze, die billige Spannung: die
Zugeständnisse, die sie in diese Richtung noch macht, wirken mechanisch
und müde. Viel eher scheint sie interessiert an knappen, sachlichen
Schilderungen im Dienst der Sache. Und an Dingen wie Dünnschnitten,
synkretischen Religionen, Fliegen als Recyclingkünstler, der Wirkung von
Calabar-Bohnen, Knochenanalysen zur geografischen Herkunftsbestimmung,
der Geschichte des Elmwood-Friedhofs in Charlotte.
Was sie darüber weiß, und wie sie darüber schreibt: das ist spannend
genug.
© 2008 Ingrid Mylo
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