Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

Herr Wu lacht

Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

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Glanz&Elend - Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:



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von Ingrid Mylo



Der ganz wortwörtliche Wahnsinn

Miranda July - Zehn Wahrheiten. Aus dem Amerikanischen von C.  Drechsler & H. Hellmann. Zürich. Diogenes 2008. 255 S. EUR 18,90

Sie schaut groß und rund in die Welt und schreibt über das Leben und die Liebe und was sonst noch so rumliegt in der Gegend, die zufälligerweise ihr Kopf ist. Lampions, aus denen es Kakerlaken regnet. Zimmer, in denen nie etwas Aufregenderes stattfindet als das Summen der Fliegen (und das Schluchzen und Spritzen zweier alter Männer, die es miteinander treiben). Das Geräusch eines fallenden weiblichen Baums. Ein verschwundenes Muttermal, mit dem auch der norwegische Akzent verschwunden ist, den es gar nicht gegeben hat. Angst, die hinter einem Wacholderstrauch beginnt. Die Erkenntnis, daß  Mathe lediglich eine merkwürdige Art ist, "ich liebe dich" zu sagen. So weise und so banal und so melodramatisch. Und so komisch, manchmal, wenn ihr die Worte ausrutschen und ins Auge gehen. Ihre Sätze, oft, wie Blumengestecke der bizarren Art: Arrangements mit Zweigen, Perücken und barocken Gesten vor dem Badezimmerspiegel.
Und sie schaut, groß und rund und erstaunt, "was, ich?", und auf den Trägern ihres Sommmerkleides sind die Punkte schon gesetzt für die kommenden Landeanflüge ihrer Phantasie.

Fulvio Bonavia: Style & Taste. Accessoirs für alle Sinne.
Texte von Peta Mathias.
Knesebeck 2008. 96 S. EUR 19,95

Ein Blumenkohl als Pudelmütze? Ausgehöhlte Auberginen am Fuß? Eine Halskette aus Salamischeiben? Und sollte man sich die Manschettenknöpfe aus Schokoladentrüffel, statt mit ihnen die Hemdärmel zusammenzuhalten, nicht lieber auf der Zunge zergehen lassen? Ja, wirklich, da haben wir den Salat, ganz wortwörtlich: und wenn man ihn aufspannt, entpuppt er sich als Regenschirm.
"Auf so eine Idee muß man erstmal kommen", sagt einer angesichts dieser kühnen Kreationen verblüfft und meint in Wirklichkeit: "Die haben doch nicht alle Tassen im Schrank." Vielleicht nicht alle Tassen im Schrank: aber Tagliatelle um die Taille und Erbsen unterm Fuß. Mode, heißt es, ist Geschmacksache: das hat der Fotograf Fulvio Bonavia kurzerhand ernst genommen und Accessoires wie Handtaschen, Brillen, Armbänder, Gürtel, Schuhe und Schirmmütze aus Früchten, Gemüse und Gewürzen gefertigt, so witzig, so einfallsreich, daß einem der Anblick der appetitanregenden Stilschöpfungen das Grinsen ins Gesicht treibt. Und das Knurren in den Magen.
Was jetzt noch fehlt, ist ein Künstler, der diese zeitlich begrenzten Kreationen in dauerhafte Modestücke verwandelt. Den Gürtel aus silberglänzenden Sardinen hätte ich selbst gern in meiner Sammlung.

Anna Pavord: Wie die Pflanzen zu ihren Namen kamen. Eine Kulturgeschichte der Botanik. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Berlin Verlag 2008. 567 S. EUR 39,90

Man darf den Titel nicht zu wörtlich nehmen. Wenn man beispielsweise wissen will, warum eine bestimmte Art von Lilie 'Türkenbund' heißt und hinten im Register unter 'Türkenbund' nachschaut, findet man dort 4 Seitenangaben (+ 2 Hinweise auf Abbildungen: wie die Blume aussieht, kriegt man also raus). Schlägt man diese Seiten dann auf, ist tatsächlich von der Türkenbund-Lilie die Rede: in Zusammenhang mit dem Künstler des Codex Bellunensis, mit Dürers Pfingstrose und Liebäugel, mit Leonhart Fuchsens Pflanzensichtungen an einheimischen Plätzen, mit Conrad Gesners Liebe zur Lupe und zum Detail. Wie der Türkenbund zu seinem Namen kam, erfährt man nicht. Dasselbe Spiel, wenn man in Erfahrung bringen will, warum der Sturmhut als Sturmhut bezeichnet wird. Oder der Klatschmohn als Klatschmohn.
Aber: man weiß, wenn man das Buch gelesen hat, einiges über Taxonomie, den Trieb nach Erkenntnis, Transmutation, Pauschalisten und Haarspalter, Fabide, Nervaturen, illuminierte Handschriften, Substanz und Akzidenzien, Ordnungen, Rhizatomi, das Prinzip des 'Mehr oder Weniger', die Sittenlosigkeit von Glockenblumen, das Klassifikationssystem von Carl Linné, Ähnlichkeiten und Unterschiede, Morphologie, Aberglauben, Physiotypien, das Problem der Synonymie. Und daß die Lotosblume mehr mit der Platane zu tun hat als mit der Seerose, der sie doch so viel ähnlicher sieht. Und Fortschritt, das wird einem beim Betrachten der ausgewählten Illustrationen klar, hat nicht unbedingt etwas mit dem Vergehen von Zeit zu tun: dazu muß man nur den unidentifizierbaren Brombeerstrauch aus dem Jahr 1224 mit der verblüffend genauen Darstellung aus dem Jahr 512 vergleichen.

Elizabeth George: Doch die Sünde ist scharlachrot. Deutsch von I.  Krane-Müschen & M.J. Müschen. München. Blanvalet 2008. 764 S. EUR 24,95

In dem neuen Inspector Lynley-Roman wird niemand ermordet: die Tat ist schon geschehen, bevor die Geschichte beginnt. Thomas Lynley bleibt, auf seiner einsamen Küstenwanderung, nur die Entdeckung der Leiche in den Klippen von Cornwall. Und seine widerwillige Unterstützung der örtlichen Polizei bei den Ermittlungen, bei denen Geheimnisse ans Licht kommen, die mit dem Fall nichts zu tun haben. Sie sorgen für Verwirrung und Rätselraten. Genau wie die Mutter des Opfers mit ihrem fatalen Hang zu Rot: rot wie Verlockung, rot wie Gefahr, rot wie Blut. Rot blüht auch der Baldrian zwischen Schiefer und Sandstein und den weißgekalkten Häusern mit ihren grünen Türen: in diesem Krimi beherrscht die Landschaft das Bild, und Cornwall leuchtet bis ins Gelb des Jakobskrauts.
Dieser Lynley ist anders: ganz Schweigen und Schmerz. Seit der (im letzten Band herzergreifend geschilderten) Ermordung seiner hochschwangeren Frau glaubt er nur noch an den Zufall und die Unmenschlichkeit, überantwortet sich der Verwahrlosung, kapselt sich ab. Und doch wächst im Lauf der Ermittlungen die Hoffnung, daß Lynley im nächsten Roman wieder dorthin zurückkehrt, wo er hingehört: nach New Scotland Yard an die Seite seiner Kollegin Barbara Havers.

Mirko Hecktor (Hg): Mjunik Disco.
München. Blumenbar 2008. 230 S. EUR 32, 00

Es gab mal eine Zeit, da brauchte man in München, wie Cosy Pièro sagt, "nur einmal laut husten", um bekannt zu werden. Es war dieselbe Zeit, in der harmlose Frauenakte an den Wänden öffentlicher Lokale als "Verbreitung unzüchtiger Werke" galten und von der Stadt beschlagnahmt wurden. Es gab eine Zeit, da konnte man im DOWNTOWN der zugedröhnten Patti Smith beim Pinkeln in ihre Schlaghose zusehen. Es gab eine Zeit, da befürchteten Leute wie Uschi Obermeier, ein nicht im BIG APPLE verbrachter Abend sei ein verlorener Abend, an dem man "den Lauf der Welt verpasst". Es gab eine Zeit, da kreierte Keith Richards im WHY NOT aus Roederer Kristall, Wodka und Campari seinen eigenen Drink. Es gab eine Zeit, da steckten die Frauen ihre zu Hochfrisuren getürmten Haare über drei aufeinandergeschichteten Semmeln zusammen. Es gab eine Zeit, da ließen die Bassvibrationen aus dem BABALU im darüberliegenden Restaurant Adria die Pizzateller über die Tische ruckeln.
Und es gibt ein Buch, schwer und schillernd, das von diesen Zeiten zeugt, mit Bildern, mit Worten: von den Auf- und Untergängen der Clubs, von ihren Betreibern und Besuchern. Und am Ende knüpft eine Timeline Verbindungen zwischen bedeutsamen historischen Ereignissen: im selben Jahr, als Elvis Presley mit Vera Tschechowa im MOULIN ROUGE gesehen wird, verweigern erstmals junge Männer in Deutschland den Wehrdienst.


 
© 2009  Ingrid Mylo

                                                                       

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