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Glanz&Elend -
Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen
ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000
Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben:

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Was von
Büchern bleibt
Druckstellen
XLVII
von Ingrid Mylo
Der ganz wortwörtliche
Wahnsinn
Miranda July - Zehn Wahrheiten. Aus dem Amerikanischen von C. Drechsler
& H. Hellmann. Zürich. Diogenes 2008. 255 S. EUR 18,90
Sie
schaut groß und rund in die Welt und schreibt über das Leben und die Liebe und
was sonst noch so rumliegt in der Gegend, die zufälligerweise ihr Kopf ist.
Lampions, aus denen es Kakerlaken regnet. Zimmer, in denen nie etwas
Aufregenderes stattfindet als das Summen der Fliegen (und das Schluchzen und
Spritzen zweier alter Männer, die es miteinander treiben). Das Geräusch eines
fallenden weiblichen Baums. Ein verschwundenes Muttermal, mit dem auch der
norwegische Akzent verschwunden ist, den es gar nicht gegeben hat. Angst, die
hinter einem Wacholderstrauch beginnt. Die Erkenntnis, daß Mathe lediglich eine
merkwürdige Art ist, "ich liebe dich" zu sagen. So weise und so banal und so
melodramatisch. Und so komisch, manchmal, wenn ihr die Worte ausrutschen und ins
Auge gehen. Ihre Sätze, oft, wie Blumengestecke der bizarren Art: Arrangements
mit Zweigen, Perücken und barocken Gesten vor dem Badezimmerspiegel.
Und sie schaut, groß und rund und erstaunt, "was, ich?", und auf den Trägern
ihres Sommmerkleides sind die Punkte schon gesetzt für die kommenden
Landeanflüge ihrer Phantasie.
Fulvio
Bonavia: Style & Taste.
Accessoirs für alle Sinne.
Texte von Peta Mathias.
Knesebeck 2008. 96 S. EUR 19,95
Ein Blumenkohl als
Pudelmütze? Ausgehöhlte Auberginen am Fuß? Eine Halskette aus Salamischeiben?
Und sollte man sich die Manschettenknöpfe aus Schokoladentrüffel, statt mit
ihnen die Hemdärmel zusammenzuhalten, nicht lieber auf der Zunge
zergehen lassen? Ja, wirklich, da haben wir den Salat, ganz wortwörtlich: und
wenn man ihn aufspannt, entpuppt er sich als Regenschirm.
"Auf so eine Idee muß man erstmal kommen", sagt einer angesichts dieser kühnen
Kreationen verblüfft und meint in Wirklichkeit: "Die haben doch nicht alle
Tassen im Schrank." Vielleicht nicht alle Tassen im Schrank: aber Tagliatelle um
die Taille und Erbsen unterm Fuß. Mode, heißt es, ist Geschmacksache: das hat
der Fotograf Fulvio Bonavia kurzerhand ernst genommen und Accessoires wie
Handtaschen, Brillen, Armbänder, Gürtel, Schuhe und Schirmmütze aus Früchten,
Gemüse und Gewürzen gefertigt, so witzig, so einfallsreich, daß einem der
Anblick der appetitanregenden Stilschöpfungen das Grinsen ins Gesicht treibt.
Und das Knurren in den Magen.
Was jetzt noch fehlt, ist ein Künstler, der diese zeitlich begrenzten Kreationen
in dauerhafte Modestücke verwandelt. Den Gürtel aus silberglänzenden Sardinen
hätte ich selbst gern in meiner Sammlung.
Anna
Pavord: Wie die Pflanzen zu ihren Namen kamen. Eine Kulturgeschichte der
Botanik. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Berlin Verlag 2008. 567 S. EUR
39,90
Man darf den Titel nicht
zu wörtlich nehmen. Wenn man beispielsweise wissen will, warum eine bestimmte
Art von Lilie 'Türkenbund' heißt und hinten im Register unter 'Türkenbund'
nachschaut, findet man dort 4 Seitenangaben (+ 2 Hinweise auf Abbildungen: wie
die Blume aussieht, kriegt man also raus). Schlägt man diese Seiten dann auf,
ist tatsächlich von der Türkenbund-Lilie die Rede: in Zusammenhang mit dem
Künstler des Codex Bellunensis, mit Dürers Pfingstrose und Liebäugel, mit
Leonhart Fuchsens Pflanzensichtungen an einheimischen Plätzen, mit Conrad
Gesners Liebe zur Lupe und zum Detail. Wie der Türkenbund zu seinem Namen kam,
erfährt man nicht. Dasselbe Spiel, wenn man in Erfahrung bringen will, warum der
Sturmhut als Sturmhut bezeichnet wird. Oder der Klatschmohn als Klatschmohn.
Aber: man weiß, wenn man das Buch gelesen hat, einiges über Taxonomie, den Trieb
nach Erkenntnis, Transmutation, Pauschalisten und Haarspalter, Fabide,
Nervaturen, illuminierte Handschriften, Substanz und Akzidenzien, Ordnungen,
Rhizatomi, das Prinzip des 'Mehr oder Weniger', die Sittenlosigkeit von
Glockenblumen, das Klassifikationssystem von Carl Linné, Ähnlichkeiten und
Unterschiede, Morphologie, Aberglauben, Physiotypien, das Problem der Synonymie. Und
daß die Lotosblume mehr mit der Platane zu tun hat als mit der Seerose, der sie
doch so viel ähnlicher sieht. Und Fortschritt, das wird einem beim Betrachten
der ausgewählten Illustrationen klar, hat nicht unbedingt etwas mit dem Vergehen
von Zeit zu tun: dazu muß man nur den unidentifizierbaren Brombeerstrauch aus
dem Jahr 1224 mit der verblüffend genauen Darstellung aus dem Jahr 512
vergleichen.
Elizabeth
George: Doch die Sünde ist scharlachrot. Deutsch von I. Krane-Müschen &
M.J. Müschen. München. Blanvalet 2008. 764 S. EUR 24,95
In dem neuen Inspector
Lynley-Roman wird niemand ermordet: die Tat ist schon geschehen, bevor die
Geschichte beginnt. Thomas Lynley bleibt, auf seiner einsamen Küstenwanderung,
nur die Entdeckung der Leiche in den Klippen von Cornwall. Und seine
widerwillige Unterstützung der örtlichen Polizei bei den Ermittlungen, bei denen
Geheimnisse ans Licht kommen, die mit dem Fall nichts zu tun haben. Sie sorgen
für Verwirrung und Rätselraten. Genau wie die Mutter des Opfers mit ihrem
fatalen Hang zu Rot: rot wie Verlockung, rot wie Gefahr, rot wie Blut. Rot blüht
auch der Baldrian zwischen Schiefer und Sandstein und den weißgekalkten Häusern
mit ihren grünen Türen: in diesem Krimi beherrscht die Landschaft das Bild, und
Cornwall leuchtet bis ins Gelb des Jakobskrauts.
Dieser Lynley ist anders: ganz Schweigen und Schmerz. Seit der (im letzten Band
herzergreifend geschilderten) Ermordung seiner hochschwangeren Frau glaubt er
nur noch an den Zufall und die Unmenschlichkeit, überantwortet sich der
Verwahrlosung, kapselt sich ab. Und doch wächst im Lauf der Ermittlungen die
Hoffnung, daß Lynley im nächsten Roman wieder dorthin zurückkehrt, wo er
hingehört: nach New Scotland Yard an die Seite seiner Kollegin Barbara Havers.
Mirko
Hecktor (Hg): Mjunik Disco.
München. Blumenbar 2008. 230 S. EUR
32, 00
Es gab mal eine Zeit, da
brauchte man in München, wie Cosy Pièro sagt, "nur einmal laut husten", um
bekannt zu werden. Es war dieselbe Zeit, in der harmlose Frauenakte an den
Wänden öffentlicher Lokale als "Verbreitung unzüchtiger Werke" galten und von
der Stadt beschlagnahmt wurden. Es gab eine Zeit, da konnte man im DOWNTOWN der
zugedröhnten Patti Smith beim Pinkeln in ihre Schlaghose zusehen. Es gab eine
Zeit, da befürchteten Leute wie Uschi Obermeier, ein nicht im BIG APPLE
verbrachter Abend sei ein verlorener Abend, an dem man "den Lauf der Welt
verpasst". Es gab eine Zeit, da kreierte Keith Richards im WHY NOT aus Roederer
Kristall, Wodka und Campari seinen eigenen Drink. Es gab eine Zeit, da steckten
die Frauen ihre zu Hochfrisuren getürmten Haare über drei
aufeinandergeschichteten Semmeln zusammen. Es gab eine Zeit, da ließen die
Bassvibrationen aus dem BABALU im darüberliegenden Restaurant Adria die
Pizzateller über die Tische ruckeln.
Und es gibt ein Buch, schwer und schillernd, das von diesen Zeiten zeugt, mit
Bildern, mit Worten: von den Auf- und Untergängen der Clubs, von ihren
Betreibern und Besuchern. Und am Ende knüpft eine Timeline Verbindungen zwischen
bedeutsamen historischen Ereignissen: im selben Jahr, als Elvis Presley mit Vera
Tschechowa im MOULIN ROUGE gesehen wird, verweigern erstmals junge Männer in
Deutschland den Wehrdienst.
© 2009 Ingrid Mylo
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