Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Edition Glanz & Elend

Martin Brandes

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und der Unsinn des Reisens

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Glanz&Elend - Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:



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Was von Büchern bleibt
Druckstellen XL
VIII
von Ingrid Mylo



Erinnerungen und Muster im Regen

Connie Palmen: Luzifer.
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers.
Zürich. Diogenes 2008, 415 S. EUR 21,90


»Ein Mörder kann sich in einem Blick verbergen«: würde dann ein Blick des Komponisten Lucas genügt haben, seine Frau Clara in den Abgrund zu stürzen?  Oder hat sie dem Schmerz und dem Streit in ihrer Beziehung durch einen Selbstmord ein Ende gesetzt? Denkbar auch, daß der 'Fall des Engels' am 26. Juli 1981 nichts als ein Unfall war.
    In diesem Roman, der um einen tatsächliches Ereignis kreist, geht es, ganz wortwörtlich, um Tod und Teufel. Und um Kunst. Denn wie immer begnügt sich Connie Palmen nicht damit, einfach eine Geschichte zu erzählen: die ist nur Anlaß, ihre Gedanken tanzen zu lassen, um sie anschließend, wenn sie sich gesetzt haben und am Boden liegen, wie loses Laub zusammenzurechen zu essayistischen Entwürfen. Und da liest man dann viel Geistreiches über Musik und Mathematik, Reisen, Interviews, Vorahnungen, den Diabolus in musica, ein im Mittelalter verbotenes Intervall, über Zahlenmystik, Zufälle und Spiritismus, über den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Gottwerdung, Halloween und Houdini, Lügen und Phantasie. Und man erfährt, daß Arnold Schönberg, der jeden Freitag, den 13. panisch gefürchtet hat, an einem Freitag, dem 13. gestorben ist.

Tomi Ungerer:
Ohne Wind wüßten die Wolken nicht wohin.
Köln. DuMont 2008, 191 S. EUR 29,95


Was bei Picasso (der nicht suchte: sondern fand) auf Anhieb überzeugt und beeindruckt, ist sein Stierkopf, zusammengesetzt aus nichts als zwei Fahrradteilen: ein Sattel, ein Lenker. Einfach: grandios. Das, was bei Tomi Ungerer 'Assemblagen' heißt, ist ähnlich genial: ein Autospiegel als 'Cinderella's glass slipper', das Blatt einer Kreissäge als fliegender Rock einer 'Ballerina', ein Korkenzieher als Körper einer 'Serveuse'.
    'Schnipp Schnapp' macht sein Blick, sein Hirn: und ein Brathendl paßt sich einer Großmutter vorzüglich als Jacke an. Ein Hüfthalter wird mit drei zusätzlichen Strichen zum Indianerzelt, ein Rasierapparat zum Eulenkopf. Ein Arbeiter haut sein Beil in einen Baum: und die Kerbe stöhnt mit lustvoll aufgerissenen roten Lippen.  
1960 nannte Ungerer das noch 'Horrible', wenn Schinkenröllchen als Damenfrisur unter eine Trockenhaube gerieten, wenn eine Hochnäsige sich in einem Muff aus Gedärm die Hände wärmte, wenn ein Pelikan seinen Schnabel aufriß: und der war ein Nußknacker.
    Schnipp Schnapp: und es fallen Grenzen. Und Vorgaben. Ungerer denkt die Dinge um, er sieht in ihnen etwas anderes als die Funktion, für die sie vorgesehen waren. Er deutet neu und deutet in elfhundert Richtungen. Da ist nichts mit Trennungen und Kategorien, nichts von wegen: Mensch oder Maschine, Leben oder Tod. Bei Ungerer ist es immer: sowohl als auch und außerdem. Und das macht den Kopf frei und das Denken kühn. Auch beim Betrachter. Ein paar Seiten dieses Katalogs: und die Welt erweitert sich um Myriaden von Möglichkeiten.

Andrzej Stasiuk:
Dojczland. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl.
Frankfurt. Suhrkamp 2008., 93 S. EUR 9,00


Er kommt wegen des Geldes, und Jim Beam ist sein ständiger Begleiter. Nur mit einem deutlichen Alkoholgehalt im Blut ist Deutschland zu ertragen für einen slawischen Autor, der es eher mit den heimischen Bauern hat und mit der Baufälligkeit osteuropäischer Bahnhöfe. Zu schwarz, zu kalt ist Leipzig in der Märznacht, als er ankommt, vor acht Jahren, und nicht abgeholt wird vom Zug. Da lernt er zum ersten Mal kennen, was er empfindet, jedesmal wieder, wenn er seinen Vorbehalten zum Trotz dieses Land durchreist: deutsche Einsamkeit. Spätabends im Hotel zählt er die Scheine, die er gekriegt hat fürs Vorlesen aus seinen Büchern: auch das lindert. Und die Zigeunermelodie aus Siebenbürgen, die er vor sich hinsummt beim Durchschreiten des Berliner Olympiastadiums.
    Es sind diffuse Erinnerungen, die Stasiuk sich aus dem Hirn klaubt, ungeordnet, ohne Bezug: flackernde Bilder von den Schrebergärten hinter Göppingen, vom Novemberlicht auf der Loreley, von blutbeflecktem Klopapier auf einem Bürgersteig im Frankfurter Bahnhofstviertel. Und vom Regen, der den Deutschen die Realität nimmt: das macht sie den Polen ähnlicher. Und der Autor fühlt sich im Feindesland gleich ein bißchen weniger fremd.

Jonathan Coe:
Der Regen, bevor er fällt.
Aus dem Englischen von Andreas Gressmann.
DVA 2009. 299 S. EUR 18, 95


Die Stimme einer Verstorbenen spricht zu einer Blinden, die nicht mehr lebt. Sacht und grau und gleichmäßig fallen die Sätze, in denen von Luftschutzkellern und Gasmasken die Rede ist, von armseligen Wohnwagen in eisigem Wind, von Bonaparte, dem törichten Hund, der, einmal von der Leine gelassen, glücklich und unwiderruflich in die Freiheit rannte. Von herzzerrütteten Müttern, die ihren Töchtern Dinge antun, die sich nie wieder gutmachen lassen. Man kann nur die alten Fotografien betrachten und versuchen zu erzählen, wie das war, damals, als die Brombeeren im Topf zu blubbern anfingen: und das Mädchen trug die neue weiße Bluse.
    Zwanzig Fotografien, 65 Jahre: das Tonband läuft und die Stimme erzählt. Und in der Vorstellung sieht man die alte Moreau auf der Bühne sitzen, am Ende ihrer Tage, so kalt, so dunkel, so allein. Und sie versucht, Sinn in ihren Erinnerungen zu finden, ein Muster im Zufall: da war immerhin der Nachmittag am See und die Erkenntnis, daß einen auch etwas glücklich machen kann, was es gar nicht wirklich gibt. Wie der Regen, bevor er fällt.

T. Schlie & K. Traoré: Love Affairs.
Die schönsten Liebesgeschichten berühmter Paare.
Hamburg. cadeau (Hoffmann & Campe) Neuausgabe 2009.
142 S. EUR 14,95

Jetzt heißt die Sache nicht mehr 'Liebesdinge' sondern 'Love Affairs'. Der Einband ist neu gestaltet, der Klappentext umformuliert, Katrin Traoré schaut auf dem Foto hinten nicht mehr ganz so hausfräulich verschmitzt aus der Wäsche: es lebe - passend, bei diesem Thema - der kleine Unterschied (der bei Will Smith sooooo groß ist: aber das gehört nicht unbedingt hierher). Wer 'Liebesdinge' schon hat, braucht 'Love Affairs' nicht: es ist das gleiche Buch.  
Identisch bis in die Liebes-Kombinationen, die sich alphabetisch geordnet rot und girlandengleich über die unteren Seitenränder ziehen. Da steht immer noch Liebesbirne und Liebeslaut und Liebeswind.
    Ach, und noch ein kleiner Unterschied: die Neuausgabe (obwohl der Eintrag im Impressum immer noch lautet: 1. Auflage 2007) kostet zwei Euro mehr.

 © 2009  Ingrid Mylo
                                                                       

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