Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen XV
von Ingrid Mylo





Anthony Doerr
Winklers Traum vom Wasser


    Als sie das erste Mal miteinander ins Bett gehen - nach monatelangem Warten und Zögern und zahllosen im Kino zugebrachten Mittwochnachmittagen und manchem Bedenken: denn die 34jährige Bankangestellte Sandy Sheeler ist seit mehr als 15 Jahren verheiratet, während der für das Wetteramt in Anchorage tätige Hydrologe David Winkler in all seinen 32 Jahren noch nicht erfahren hat, was das ist, Liebe, er hat sich statt dessen lieber dem Kreislauf des Wassers und seiner Sehnsucht nach Schnee hingegeben -, als die beiden dann das erste Mal miteinander schlafen, liegen ihre abgelegten Brillen nebeneinander vor dem Bett auf dem Boden. Die schlichte Sinnlichkeit dieses Bildes, die Verlorenheit, die daraus aufsteigt wie Frühnebel, die Symbolik. Das Buch ist voll von solchen Stellen. Oder von Zeilen wie "Er lag auf dem Rücken und betrachtete die Risse in der Decke, als könnten sie ihm einen Satz einflößen, der ihm nicht einfallen wollte."
Da ist Winkler schon in New York und hat einiges an Geschichte hinter sich: die Flucht mit der von ihm schwangeren Sandy nach Cleveland, die Heirat, die Geburt seiner Tochter Grace. Und eine weitere Flucht.
Diesmal allein, weg von seiner jungen Familie, nachdem er geträumt hat, seine kleine Tochter würde in den Fluten eines Hochwassers auf seinem Arm ertrinken: und als er nach dem Traum aufgewacht ist, hat der Regen wirklich begonnen, und das Wasser des Flußes steigt.
    Denn das ist das Besondere an Winkler, daß manche seiner Träume sich später in der realen Welt wiederholen. Alles ist wie immer, er geht seiner Arbeit nach oder geht über die Straße, und plötzlich ändert sich etwas an der Intensität des Lichts, der Verlauf der Linien nimmt eine vertraute Färbung an: und er erinnert sich, daß das, was gleich geschieht, schon einmal passiert ist. Kleinigkeiten, zumeist: ein Lebensmittelhändler, der ihm - da war er noch Kind - zwei Salzstangen über den Tresen reicht und ihm zublinzelt; ein Mann, der im Park versucht, Blätter zu fangen; ein Gepäckfach im Flugzeug, das nicht richtig verschlossen ist, und dann rutscht bei Turbulenzen eine Tasche heraus, in der Gläser zersplittern. Doch es gab eben auch fatale Dinge.
Ein Mann wurde von einem Bus überfahren, als Winkler neun war: und auch das hatte er Nächte vorher gesehen. Genauso wie Jahre später die Frau, die im Supermarkt eine Zeitschrift fallen läßt: jene Sandy, die er nicht anders als lieben und heiraten kann. Und jetzt, da das Leben seiner Tochter Grace von einem weiteren seiner Träume bedroht ist, sieht er nur einenWeg: den, die Geliebten zu verlassen. Durch seine Abwesenheit verändert er die Konstellation, und das Schicksal geht vielleicht anders aus.
    Träume, also. Und Schnee: schon seit je ist Winkler den weißen Flocken verfallen. Plakate von kalbenden Gletschern hingen im Zimmer des Jugendlichen, Schnee lag auf dem Fensterbrett, als er seine Mutter leichenstarr und schief auf dem Stuhl im Wohnzimmer fand, und Schnee fällt, als er im Flugzeug sitzt und nach Süden fliegt: in die Karibik, wo er weit weg von jedem Schnee die nächsten fündundzwanzig Jahre seines Lebens auf einer kleinen Insel verbringen wird. Wie in Trance, zuerst, und in der Befürchtung, seine Flucht sei sinnlos gewesen und seine Tochter tot. Auch hier, wo er in einem Hotel als Faktotum niedere Arbeiten verrichtet, hat er Träume: in einem davon ertrinkt das Mädchen einer befreundeten Familie im Meer. Aber diesmal ist, als der Traum sich tatsächlich vor seinen Augen ereignet, Winkler zur Stelle und greift dem Verhängnis ins Steuer und reißt es herum. Und begreift, daß das möglich ist: dem Schicksal die Stirn zu bieten, daß es einen Unterschied macht, da zu sein und etwas zu tun. Und dann, folgert Winkler, ist es auch möglich, daß seine Tochter Grace überlebt hat, vor einem Vierteljahrhundert, und er kehrt der karibischen Sonne den Rücken und kehrt zurück in den Schnee, und nimmt den Faden seiner Familiengeschichte wieder auf.
    Schnee und Wasser und hellsichtige Träume. Und ein dem Roman vorangestelltes Zitat von Johannes Kepler über die Unwahrscheinlichkeit des Zufalls, für die der ewig gleiche Aufbau der Schneekristalle spricht. Dieses unendlich oft variierte Sechseck, aus dem sich auch Spinnennetze zusammensetzen, Honigwaben oder die Flügel einer Heuschrecke. Um Vorherbestimmung geht es, um die Freiheit des Willens, um Erinnerungen und Entscheidungen und die Formbarkeit der Zeit. Darum, daß die sichtbaren Dinge, wie der Wissenschaftler Winkler von Einstein, Pasteur und James Watson gelernt hat, nur Masken sind von Dingen, die man nicht sieht.
    Und all das, die Geschichte, die philosophisch angehauchten Überlegungen, die Beschreibungen der Natur, sind in einem Stil verfaßt, als wären Gedichte in der Nähe des Herzens geschmolzen und in die Seiten geflossen. Sätze, bei aller poetischen Behutsamkeit einfach und klar und so federleicht, daß sie schweben.Und man schwebt mit ihnen, tanzt durch die Luft: ein stetes Auf und Ab, ein unedlicher sanfter Fall, der vielleicht doch ein Steigen ist. Wenn man nach dem Lesen wieder aufwacht, ist man im ersten Augenblick befremdet über die Welt mit ihren unbeweglichen Formen und Grenzen: man läuft gegen einen Tisch und stößt sich, anstatt einfach hindurchzugleiten, an dessen harter Kante. Erst dann wacht man wirklich auf.

©  2006 Ingrid Mylo

Anthony Doerr: Winklers Traum vom Wasser.
Roman. Aus dem Englischen von Judith Schwaab.
München.
C.H.Beck 2005. 487 S. EUR 24,90
 


 
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