Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen XVI
von Ingrid Mylo






Mitternachtsblau und andere Farben


    Sie heißen Tom Wood und Nathan Glass, und "wenn ich meinen Namen in Steel ändern würde", sagt Harry Brightman, der früher Dunkel hieß, "könnten wir ein Architekturbüro aufmachen und uns Holz, Glas und Stahl nennen."
    Sie essen im Cosmic Diner zu Mittag, unterhalten sich über die Rätsel des Universums, und die 'schöne schöne perfekte Mutter', deren Bekanntschaft sie machen, hat es arg mit der Astrologie.
    Paul Auster jongliert auch in seinem neuen Roman wieder mit Namen und Begriffen und dem, was er Zufall nennt. Aber anders als bisher überläßt er es nicht mehr der Aufmerksamkeit und dem Spürsinn des Lesers, die Zusammenhänge zu entdecken, die im Gewirr der Geschichten verborgenen Muster und Merkwürdigkeiten, nein, diesmal geht er hin und stößt den Leser mit der Nase darauf: er scheint das Vertrauen in die Intelligenz seiner Rezipienten verloren zu haben. Er gibt den allwissenden Autor, spielt ihn aus wie ein Trumpf-As und arbeitet wiederholt mit dunklen Andeutungen, mit dauernden Hinweisen auf das, was zwanzig Seiten später geschehen wird, er bereitet den Boden. Dazu kommt - und ich weiß nicht, ob das bloß eine Sache der Übersetzung ist - der etwas altväterliche Tonfall, diese beschauliche Schilderung der vielen kleinen und kleineren Ereignisse, die - selbst wenn Katastrophen daraus hervorsickern und Tragödien - niemals dramatisch klingt. Niemals düster.
    Und es sind hübsche und ergreifende Dinge darunter: die Anekdote von Kafka, der für ein trauriges Mädchen im Park drei lange Wochen Briefe einer verlorengegangenen Puppe erfindet. Die aufreizenden Fotos, die Tom von seiner Schwester Aurora im Magazin 'Midnight Blue' entdeckt, als er sich wegen einer Samenspende einen runterholen soll. Der doppelte Trick mit Hawthornes 'Scarlett Letters', der Harry Brigthmans Herz zum Stillstand bringt. Die Ergebenheit, mit der die kleine Lucy im Kindergarten jedesmal wartet, bis alle Kinder sich eine Tüte Milch geholt haben, bevor sie sich dann die letzte nimmt. Nicht, weil sie so höflich oder demütig wäre. Sondern schlicht deshalb, weil sie nicht weiß, welches ihre sein sollte. "Sie dachte, alle anderen Kinder wissen, welche ihre ist, und wenn sie wartete, bis nur noch eine Tüte übrig war, mußte diese letzte ihre sein." Oder die Idee mit der Enzyklopädie der falschen Informationen. Und auch wenn der Ich-Erzähler gleich im ersten Satz "nach einem ruhigen Ort zum Sterben" sucht, auch wenn seitenlang und immer wieder den Fluchten aus der Wirklichkeit das Wort geredet wird, wenn es um Rückzugsorte geht, um erfundene Biographien, um Illusionen und imaginäre Paradiese, um Phantasiewelten, in denen der Schmerz der realen besänftigt wird: die 'Brooklyn-Revue' zeugt, allen Gegenentwürfen zum Trotz, von einem gründlichen Einverständnis mit dem Leben, zu dem eben auch die heillosen Terrorakte vom 11. September 2001 gehören, mit deren Erwähnung der Roman (46 Minuten, "bevor das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center raste") endet.

(Paul Auster: Die Brooklyn-Revue. Reinbek. rowohlt 2006. 351 S. EUR 19,90)

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   Weiß sind die Klippen von Dover und schwarz das Gefieder der Raben,
die sich von der weiblichen Leiche am Fuß der Felsen holen, was sie zur Aufzucht ihrer Jungen brauchen können. Und auf dem Gemälde, das Richard, ein ehemaliger Immobilienmakler, mit dessen Gedächtnis es nicht mehr zum Besten steht, von der grausigen Szene anfertigt, brandet gellendes Rot auf. Was hat er wirklich gesehen? Warum treibt sich Edwin, Vogelfreund und Menschenhasser, ständig an der Küste herum? Und wie passen die Chinesen aus dem Penthouse ins Spiel?
    Aber Mord und Verbrechen sind bloß ein Ablenkungsmanöver, ein bißchen Spannungsgekräusel an der Oberfläche: wie der Wellenschaum auf dem Meer, unter dem sich, eisig und dunkel und voller Gefahr, die Tiefe dehnt. Diskussionen um die Macht als gemeinsamem Ursprung der Schönheit und des Bösen, Besessenheit in Ermangelung von Liebe und die daraus resultierende Amoralität, die unermüdliche Suche nach dem - im deutschen klingt der stur beibehaltene Begriff ein wenig angestrengt - ultimativen 'Kick': all das scheint von weitaus wichtigerem Belang als die Frage, ob es sich bei dem Rabenfraß wirklich um das verschwundene Dienstmädchen Minty handelt und was genau da draußen an den Klippen geschehen ist.
    Frances Fyfields Bücher bersten schier vor Abschweifungen und Informationen, mit Sätzen, in denen man sich wie in einem Dickicht verstrickt. Das Geschichtenerzählen ist nicht unbedingt ihre Sache: sie hat es eher mit den Personen. Und die sind für einen Kriminalroman recht ungewöhnlich. Ihre Serienheldin Sarah Fortune, ein Flittchen mit Herz für schwächelnde Männer und einem seelisch verwahrlosten Bruder, der sich als Fassadenkletterer und Dieb betätigt, ist stets und strikt darauf bedacht, sich aus allem herauszuhaltren. Was natürlich nichts anderes bedeutet, als daß sie erst recht hineingezogen wird. Und mit ihr der Leser.

(Frances Fyfield: Rabenbrut. Hamburg. Hoffman & Campe 2006. 317 S. EUR. 19,95)

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    Erst in der elften Erzählung zeichnet sich sowas wie trübe Hoffnung ab:
Arbeit in einer Klinik für Alte und Verwirrte, die Beziehung zu einer verkrüppelten Frau, die eine Spur garstig zu Tode gekommener Liebhaber hinter sich herzieht, und der Versuch, endlich, die Finger von der Selbstzerstörung zu lassen. Linderung für das zuckende Hirn, blind und blutig gekratzt von über Jahre hinweg wahllos eingeschmissenen Drogen. Klar, daß einem da Abartigeres vor die Linse läuft als den gutsituierten Bürgersöhnen, die in blöder Wohlanständigkeit ihr geregeltes Leben absolvieren. Und so röcheln sich in den Geschichten davor Verkehrsopfer ihre letzten Minuten aus der zerquetschten Lunge, Apotheken werden überfallen, Maisstengel liegen, schlaff und mickrig, auf dem Acker, "in Reihen ausgebreitet wie Unterwäsche", man hängt rum und wartet auf den Erlöser und in der Zwischenzeit foltert man den einen Kerl, "um Informationen über irgendeine gestohlene Sache aus ihm herauszuholen", oder schießt den anderen Kerl über den Haufen, ohne Absicht zwar, aber so treffsicher, daß er auf dem Weg ins Krankenhaus verendet, und dann "raus mit ihm aus dem Auto."
    Und zwischen all diesem Müll und Murks und dem ganzen stinkenden Desaster stolpert Denis Johnsons gebeuteltes Ich herum, ohne Orientierung und namenlos bis auf paar kümmerliche Male: da sagen sie 'Fuckhead' zu ihm (was im Deutschen mit 'Saukopp' ein wenig an der Sache vorbei übersetzt ist), und dieser vom Rauschgift böse zugerichtete Fetzenschädel sondert ab, was er an verzerrter Wahrnehmung und Empfindung noch drauf hat, manchmal sogar Fragmente poetischer Bilder. Und seine Sätze zerreißen das Bewußtsein wie Blitze die düstere Wolkendecke, unter der die Welt "in elfhundert Brauntönen" vor sich hinfault. Und am Ende, und das ist das Erstaunliche an diesem Buch, in dem jedes Wort fett gedruckt ist wie in anderen Büchern nur die Überschriften, am Ende ergibt das Ganze tatsächlich einen Sinn.

(Denis Johnson: Jesus' Sohn. Reinbek. Rowohlt 2006. 175 S. EUR 14, 90)

©  2006 Ingrid Mylo


 
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