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XVII
von
Ingrid Mylo
Kalfatrus und das Vergehen der Zeit
Im 'Klassentreffen' gibt es einen Buchhalter namens Benjamin, dem
schwebt (in einer wunderbar absurden kurzen Szene) während einer
Demonstration gegen den Ausverkauf des Rover-Werks in Birmingham nicht
nur sinnbildhaft ein gelber Luftballon in den grauen Aprilhimmel davon,
sondern auch der ultimative Roman vor, seit Jahren, Jahrzehnten: ein
genial komponiertes Opus aus Tönen und Texten, eine Verschmelzung von
Shakespeare und SMS. Sein Schöpfer Jonathan Coe hat sich die Latte nicht
ganz so hoch gelegt: er gibt sich mit einem gekonnt gefertigten
Konglomerat aus Briefen, Beschreibungen, Zeitungsartikeln, E-mails,
Sitzungsprotokollen und schöngeistiger Prosa zufrieden, in dessen Muster
Handymitteilungen ebenso geschmeidig eingearbeitet sind wie Dialoge im
Stil gehobener Boulevard-Komödien.
Es ist ein intelligentes Parlieren, das da über 500 Seiten lang
vonstatten geht, perlend, anregend, von Belesenheit zeugend:
feuilletonistisch aufbereitete Wahrheiten über das Versagen der Politik
und den Niedergang der Kultur, Wahrheiten, denen man nur zustimmen kann,
mit links und einem Cappuccino, milchgeschäumt.
Die Kapitel zählen rückwärts, und durch diese Eigenwilligkeit auf
Zahlen aufmerksam gemacht, fällt auf, daß sich in eine Abfolge von Daten
ein falscher Monat geschmuggelt hat: zwischen Dienstag, 7. Dezember 1999
und Freitag, 10. Dezember 1999 ist ein Abschnitt auf Mittwoch, 8.
Oktober 1999 datiert. Und später wird Benjamins Bruder Paul in einem Fax
vom 30. Mai 2000 zu einem Treffen "morgen abend (4. Mai)" gebeten. Aber
in einem Roman, der nebenbei auch von Chaos, Willkür und Zufallsketten
handelt und von der Mechanik der Mißverständnisse lebt (und in dem ein
gewisser Philip Chase auch mal als Philip Case durchgeht), vergeht die
Zeit halt nicht linear, und die Einhaltung der Chronologie ist nicht
unbedingt das Gelbe vom Ei. Womit wir wieder beim farblich passenden
Luftballon wären. Und irgenwie auch beim Essen. Und das, was sich die
Figuren in diesem Roman einverleiben, ist edel und einfach und absolut
überzeugend: Salat mit Thai-Hühnchen, grüner Papaya und Rauke, zum
Beispiel. Wer wie Benjamin in Restaurants verkehrt, auf deren
Speisekarten solche Gerichte stehen, sollte lässig darüber hinwegsehen
können, daß sich ein in seiner Pubertät herbeigebetetes Wunder 26 Jahre
später als das profane Ende einer Reihe schäbiger kleiner Handlungen im
Alltag eines pädophilen Poeten enttarnt.
Jonathan Coe:
Klassentreffen. München. Piper
2006. 523 S. EUR 22,90
****
Die Gerippe der Tausend und Abertausend Gewächshäuser zwischen Motril
und Almería an der spanischen Ostküste, deren Plastikplanen
schmutziggrau und zerfetzt im Wind flattern: als hätten Gespenster ihre
Hüllen abgestreift und panisch die Flucht ergriffen. Das dänische 'Hotel
Klitten' auf der Düne bei Ringköpping, immer noch weiß und doch schon
deutlich am Verfallen, keine Plaudereien mehr, nachmittags, bei Tee und
Klavierspiel, keine Tanzabende im glasüberdachten Café. Nur noch
Verwesung, Verdacht: man bricht durch die morschen Bodenbretter der
Veranda, und in den elend verlassenen Zimmern wuchert schimmelnde
Bettwäsche aus dem Wandschrank, kleben Handtücher auf den Holzdielen wie
Pilzbefall. Die skelettierte Tankstelle mitten im Nirgendwo von
Connemara: wirre Reste von Eisen und Beton zwischen der Unberührbarkeit
des Himmels und der Unendlichkeit des irischen Ödlands, eine verzweifelt
in die Leere gekratzte Markierung: hier war mal was.
Jeder kennt solche Orte. Aufgegebene oder der Zerstörung
anheimgefallene Bastionen der Zivilisation, ihrer ursprünglichen
Bestimmung beraubt, von Melancholie durchzogen. Dieses Buch ist voll
davon. Texte, ganz und gar unterschiedlich, die sich mit dem Eingang der
Hölle in Norwegens eisigem Nordosten befassen oder der 42 Dörfer im
österreichischen Waldviertel gedenken, die für einen gigantischen
Truppenübungsplatz ihre Steine lassen mußten. Texte, die mit süchtigen
Worten in der verschütteten Kindheit nach Spuren von Märchen suchen: und
wie das war, damals, bevor die Insel Ada-Kaleh in der Donau versank und
nur ein Lied von ihr blieb. Und ein Roman. Texte, sinnlich, bildreich,
voller poetischer Kadenzen, Texte, die Sehnsucht auslösen und
unbestimmte Trauer. Und Texte, die von Reformen handeln und den Verlauf
einer Entwicklung aufzeigen, gewissenhaft und ohne phantasievolle
Abschweifungen, und was man beim Lesen vor sich sieht, sind ordentlich
gestapelte Akten auf dem Bürotisch und Ärmelschoner.
Und dann die Fotografien: Ein zerrissener, sich am Boden windender
Zaun. Ein Schlot kurz vor dem Einsturz. Entkernte, in Schutt versinkende
Fabrikhallen. Turnhallen, verwahrlost und voller Echos, die in
geisterhaften Farben vor sich hindämmern. Verwitterte Grenzmarkierungen.
Kopflose Statuen, zu deren Füßen die Trümmer schlafen wie erschöpfte
Tiere. Und rätselhafte Fragmente in einer Landschaft, die dabei ist,
gleichgültig über sie hinwegzugehen und die von Vergebung nichts weiß.
Es sind armselige Bruchstücke, sinnlos, ohne Nutzen, ohne Bedeutung.
Aber sie leuchten: magisch, manisch. Es ist unglaublich, wie grandios
Verfall sein kann, wie herzzerreißend und berauschend schön, wenn er ins
rechte Licht gesetzt wird. Dieses überirdische Licht, das man aus Filmen
von Alfred Hitchcock kennt und aus Träumen: und plötzlich sind die Dinge
von einem Geheimnis durchglüht, das man unbedingt lösen will. Lösen muß.
Und jedesmal wacht man vorher auf.
Die Bilder, die Berichte. Und im Einklang damit die immer
wiederkehrenden Zeilen eines Gedichtes von Theodor Fontane: daß sowieso
alles nur Tand ist, was von Menschenhand errichtet wurde. "Time has come
round", steht, wo es ans Sterben geht, bei Shakespeare, und wenn die
Natur sich zurückholt, was ihr die Menschen einst geraubt haben,
schließt sich der Kreis. Beinahe. Denn es gibt Risse in der heilenden
Zeit und Relikte, die in die Gegenwart ragen und die Erinnerung
entzünden und offen halten wie eine Wunde. Und was nicht vergessen wird,
ist noch vorhanden, auch, wenn es seinen Wert verloren hat. Davon zeugen
die Beiträge in diesem Buch auf beeindruckende Art.
Katharina Raabe & Monika Sznajderman (Hg):
Last & Lost- Ein Atlas des verschwindenden Europas -
Frankfurt. Suhrkamp 2006. 336 S. EUR 29,80
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Ein Kriminalroman, dem ein Zitat von T.S.Eliot vorangestellt ist.
Über Mord und Schöpfung, Unentschlossenheit und Visionen: die Dinge
eben, die anfallen, bevor man seinen Tee mit Toast zu sich nimmt. Ein
Kriminalroman, in dem der nikotinsüchtige Komissar Gunnarstranda mit
Erstickungsanfällen und Raucherwitzen malträtiert wird. Und weder das
eine noch das andere kuriert ihn von seiner Sucht. Ein Kriminalroman, in
dem immer wieder Feuer wüten, Eiskristalle wachsen an Himbeersträuchern
und Preiselbeerblättern, und Frølichs Autoradio gibt die Musik von Bob
Dylan und Johnny Cash zum Besten. Ein Kriminalroman, in dem ein
sterbender Schleierschwanz namens Kalfatrus eine Serie besorgter
Betrachtungen über die Einsamkeit auslöst und Gunnarstrandas Vorstellung
über den Tod von Fischen fundamental verändert. Ein Kriminalroman, in
dem sich ein unverständlicher Satz zu Beginn einer Affäre zwei Morde
später als Zeile eines Gedichtes entpuppt. Ein Kriminalroman, in dem
List und Leidenschaft miteinander tanzen und dazu führen, daß nicht
jeder Schritt "eine gehorsame Befolgung vernünftiger Empfehlungen" ist.
Ein Kriminalroman, in dem einmal mehr darüber räsoniert wird, ob es sich
bei dem schwarzen Punkt an der Decke um einen Fleck oder eine Fliege
handelt. Und wieder wird die Frage nicht geklärt. Ein bösartiger
Kriminalroman, herb und spröde und so trügerisch wie die Schönheit von
Sonnentau. Ein Kriminalroman, den man lesen sollte. Unbedingt.
Kjell Ola Dahl:
Knochengrab. Bergisch Gladbach. Ehrenwirt 2006. 348 S. EUR
19,90
© 2006 Ingrid
Mylo
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