Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen XVIII
von Ingrid Mylo






Liebesgeflüster und andere Geräusche

Es gab mal, meist in puppenkleine Milchfläschchen gefüllt, eine zuckrige Süßigkeit, die Liebesperlen hieß: bunte kleine Kügelchen, die zwischen den Zähnen knirschten und die Zunge färbten, und wenn man den schnullerähnlichen Verschluß allzu hastig abzog, sprangen sie wie Irrwische überall in der Stube herum. Das war die Kinderversion. Jetzt gibt es, zwischen zwei Buchdeckeln gesammelt, Bondys Liebesperlen für Erwachsene, mit Engelchen drauf und herzigen Vignetten drin. (Das englische Original ist unter dem Titel 'Lovebites' erschienen: 'Knutschflecken' heißt das bei uns in eher breit hingefläztem Deutsch).
    In diesem Bändchen erfährt man, daß man sich zum elften Hochzeitstag traditionellerweise mit Stahl beglückt. Daß die Pulmonalklappe die rechte Herzkammer von der Lungenarterie trennt. Daß im Isländischen Phallusmuseum (www.phallus.is) der 6,8 Meter lange Penis eines Nördlichen Entenwals ausgestellt ist. Und daß Paul Newman und Joanne Woodward 1958 im Casino des El Ramcho-Hotels von Las Vegas geheiratet haben und immer noch ein Paar sind (während die 2004 in der Little White Chapel von Las Vegas geschlossene Ehe von Britney Spears und Jason Alexander zwei Tage später wieder annuliert wurde).
    Man findet jede Menge Listen: Die hundert schönsten Liebesfilmen aller Zeiten. Beliebte Kosenamen. Das gesetzliche Mindestalter für Sex rund um den Globus. Die Liebe im Sprichwort. Die Top Ten der Sexspielzeuge von Beate Uhse für das Jahr 2004. Begriffe für besondere Arten von Liebe. Eine Liste von künstlerischen Küssen, gemalt, gezeichnet oder in Stein gemeißelt, und in welchem Museum man sie besichtigen kann. Und 'Ich liebe Dich' in 44 Sprachen, darunter auch Esperanto, Walisisch (Rwy'n dy garu di) und Urdu (wo es eine persönliche und eine formelle Variante gibt), und - da Liebe laut Redensart blind macht - darf auch die Braille-Lesart nicht fehlen.
    Man lernt die Balz- und Paarungsrituale von Seepferdchen kennen, von Blaufußtölpeln, Schnecken, Nashörnern, Großlibellen, Bibern und Adelie-Pinguinen. Und zwischen all den Liebesbriefen, Liebesgedichten, Shakespearesonetten, Liebesliedern, Liebeserklärungen und Liebesphilosophien stößt man auch auf ein spezielles Rezept für Mousse au chocolat und einen Satz von Quentin Crisp: "Von der Würze her wird Instant-Sex niemals besser sein als das Zeug, das man schälen und kochen muß."
    Das Ganze hat leider ein erhebliches Manko: es gibt weder Inhaltsverzeichnis noch Register. Das ist, als würde man einem Gasthausbesucher die Speisekarte vorenthalten, nach der er sich in aller Genüßlichkeit aussuchen kann, wonach ihm das Herz steht. Außerdem findet man so nur mühsam jene Stellen wieder, die man gerne noch einmal gelesen hätte.

Natasha Bondy: Bondys Liebesperlen. Ein himmlisches Sammelsurium. Ehrenwirt 2006 192 S. EUR 12,90

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   Der eine war ein renommierter Taucher, der andere hatte eine Zukunft als vielversprechender Pianist vor sich. Aber in ihrer Kindheit, in ihrer Jugend sind Dinge geschehen, die haben ihnen das Hirn umgekrempelt und ihre Aussichten auf ein normales Leben zunichte gemacht. Mörder mit methodischem Wahnsinn der eine, vom Drang besessen, den"'schwarzen Funken" des Verbrechens zu verstehen, der andere. Und als sich ihre Wege kreuzen, beginnt eine makabere Schnitzeljagd, in die eine unbeteiligte Dritte verwickelt wird. Auch sie, allerdings, ein von garstigen Erinnerungen gepeinigtes Kind.
    Rätsel und Rituale und falsche Fährten, die zu den Schmetterlingen in die Cameron Highlands von Malaysia führen und sich als Trugschluß entpuppen (obwohl sich einer dieser Falter wie ein Wink des Schicksals höchst dekorativ auf dem düsteren Schutzumschlag des Buches niedergelassen hat). Das Herumstochern in einer beschädigten Psyche nach dem Grund, das nur undurchsichtigen Schlamm aufwirbelt. Die kompliziert konstruierte Mechanik der Morde. Und immer wieder das nebulöse Raunen von den "Wegmarken der Ewigkeit", den "Kammern der Reinheit" und der "Farbe der Wahrheit". Dazu das Rauschen der Tiefe, das Prasseln des Feuers, die wispernden Schreie der Opfer, das Rascheln der Bambusblätter im Wind, "Hexengelächter".
    Die Spannung zieht erst auf den letzten 100 der insgesamt 541 Seiten an, wenn die Bestie losgelassen wird: dann war der Schlächter immer schon einen Schritt voraus, und seine ehemals rituellen Reinigungsakte arten in haarsträubende Metzeleien aus. Und so oft das Monster auch stirbt: es ist nicht totzukriegen (was unter anderem daran liegt, daß es, nur schlecht verhehlt, mehr als eins gibt).
    Grangés 'Imperium der Wölfe' war da wesentlich besser durchdacht, geschickter verzahnt und hatte die interessanteren Figuren. Vielleicht das nächste wieder.

Jean-Christophe Grangé: Das schwarze Blut. Ehrenwirt 2006 541 S. EUR 19.90

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    Auch mit diesem Band der Anderen Bibliothek hält man, was die Ausstattung anbelangt, eine kleine Schmuckschatulle in der Hand, ausgeschlagen mit golddurchsetztem Geschenkpapier, die Anfangsbuchstaben eines jeden Kapitels mit asiatisch anmutendem Zierrat versehen, eine Mischung aus Schlangen, gefiederten Schwüngen und Schwertern, dazu, diesmal in leuchtendem Rot, das übliche Lesebändchen. Die in diesem kunstvoll gefertigten Kästchen aufbewahrten Sätze indes sind von einfacherer Machart.
    Ein wenig betulich, in gewissenhaftem, manchmal auch plauschigem Ton berichtet der Sexualforscher Magnus Hirschfeld von seinen ausgedehnten Vortragsreisen in den Fernen und Nahen Osten Anfang der dreißiger Jahre. In welchen Hörsälen, Klubhäusern, Instituten, Gesellschaften, Ministerien und Vereinen er beispielsweise über die Geburtenregelung und ihre Methoden gesprochen hat, wer ihn wo in Empfang genommen, begrüßt und beherbergt hat, und welche Persönlichkeit ihm was in sein Reisealbum geschrieben hat. Er spürt Sitten, Rituale und Gepflogenheiten der unterschiedlichen asiatischen und arabischen Völkergruppen auf (und verweist in diesem Zusammenhang auch auf die urspünglich sexuelle Bedeutung der Form unserer Frühstücksbrötchen: "die Semmel als weibliches, der Knüppel als männliches Symbol" - was heute nicht einmal mehr den Bäckern, die sie täglich herstellen, geläufig sein dürfte). Er stellt fest, wie tief der Westen schon in die Bräuche der alten östlichen Kulturen gesickert ist: in Nanking marschiert ein Leichenzug zu den Klängen von 'Fuchs, du hast die Gans gestohlen' forsch durch die Straßen, und die "koloristisch-kosmetischen Materialien", mit denen sich die Inder ihre Kasten- und Sektenzeichen ins Gesicht malen - etwa das dritte Auge Shiwas -, werden von den deutschen 'I.-G.-Farben' geliefert. Und er macht sich, in seiner gutwilligen und naiven Art, Gedanken über die Völkerverständigung, die "Mischehen" und das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit.
    Weder wissenschaftliche Abhandlung, noch große Literatur: eher die Plaudereien eines gebildeten älteren Herren, der eine Gartengesellschaft mit seinen Erlebnissen unterhält.

Magnus Hirschfeld: Weltreise eines Sexualforschers. Eichborn 2006. 447 S. EUR 29,50

©  2006 Ingrid Mylo


 
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