Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen XXI

Von Ingrid Mylo






Novemberblätter


Peter Stamm An einem Tag wie diesem.
Roman. S. Fischer 2006.
206 S. EUR 19,90

    Andreas stellt sich manchmal vor, von einem Bus überfahren zu werden. Ein Tusch, ein Paukenschlag: und alles Bisherige ist beendet, die Weichen für einen Neuanfang gestellt. Er weiß, daß es sonst ewig so weitergehen würde, sein Leben, das keins ist: er gehört zu jener Sorte von Menschen, die Trost in Wiederholungen finden und sich dort wohlfühlen, wo sie alles kennen, "die Landschaft, das Klima, die Namen der Pflanzen". Menschen, die unfähig sind zu handeln, Entscheidungen zu treffen: sie hoffen statt dessen auf das Schicksal, das es an ihrer Stelle richten wird, das ist ihre einzige Chance. Und das Schicksal schlägt, in Andreas Fall, tatsächlich zu. Sein hartnäckiger Husten entpuppt sich als etwas, das möglicherweise auf den Tod hinausläuft, schneller, als er damit gerechnet hätte: das treibt ihn zur Tat. Die nicht tiefgeht.
    Die Äußerlichkeiten ändert: er sehr wohl, gibt seinen Lehrberuf auf, verkauft seine Pariser Wohnung, fährt zurück in das Dorf, aus dem er stammt. Aber wie einst und immer weicht er allem aus, was mit ernsthafteren Gefühlen zu tun hat, mit der Bekenntnis zu einer Person, mit der Bejahung einer Bindung. "Sie sagte ja", steht schon auf Seite 10. "Es klang wie eine Kapitulation." Lieber malt er sich, auch das wie seit je, Alternativen aus, Möglichkeiten einer wahlweisen Existenz, jenes berühmte 'Was wäre, wenn': und das gleicht in seinem geregelten Ablauf und der Absehbarkeit seinem eigenen armseligen Leben auf so erschreckende Art, daß es einen würgt. Eine Lektion in einem Lehrbuch, in dem eine Passepartout-Person in korrekten Sprachübungen einen Tag absolviert, ein "Schicksal ohne Nebensätze", wie es einmal heißt. Und immerhin erkennt Andreas darin dann irgendwann eine Beschreibung seiner selbst und muß weinen darüber.
    Man liest, verführt durch den einfachen Rhythmus, Seite um Seite dieser hingewehten Elegie: und es ist, als sähe man einem Schmetterling beim Streben zu, bei den letzten matten Bewegungen seiner Flügel, ein leises Verzittern.
    Und Stamm, wenn er so weiterschreibt, so feinnervig und voller Hingabe an diese windstillen Leben, in denen sich nichts Wildes mehr regt, kein Funken von Leidenschaft neue Hoffnung entzündet, Stamm wird irgendwann selbst in Literatur aufgehen, in ihr verschwinden wie in jener berühmten chinesischen Geschichte der Betrachter im Bild.

Andrew Irving: Am Morgen danach.
Roman. Aus dem Englischen von Astrid Finke.
Hoffmann & Campe
cadeau 2006
224 S. EUR 14,95

Der Morgen danach: damit ist diesmal, auch wenns so klingt, eben nicht der Tagesanbruch nach einer rauschenden Liebesnacht gemeint sondern das böse Erwachen nach einem ausgewachsenen Rausch. Gut, wenn man für solch einen Fall (außer dem Badezimmer) dieses schmucke Büchlein in Reichweite hat: randvoll mit Rezepten zur Ausnüchterung. Gloom Chaser, Pussyfoot Cocktail, Herzschrittmacher, Corpse Reviver oder White Swan: allein die Namen der Getränke machen Lust, sie zu probieren, den Kater als Grund und Ausrede kann man getrost unter den Tisch fallen lassen. Stills mit Stars in verschiedenen Stadien der Auflösung quer durch die Filmgeschichte und Zitate zum Thema (mein Favorit ist von Dean Martin und steht hinten auf dem Schutzumschlag: "Du bist nicht betrunken, solange Du auf dem Boden liegen kannst, ohne Dich festzuhalten") runden die hübsch gestalteten Seiten ab.
    Und weil der Verfasser Arzt ist und Bescheid weiß, muß man auch mikrosomale Enzyme, Palmarerytheme, das Korsakow-Syndrom, den Pylorus und atheromatöse Plaques in Kauf nehmen. Keine Angst, wird alles erklärt. Und es ist nicht so, daß Irving einem den Alkoholgenuß vergällen will. Im Gegenteil. "Menschen, die Alkohol trinken", schreibt er auf Seite 182, "leben nachweislich im Alter glücklicher und geselliger und haben höhere Chancen, ihre Freunde und Familie noch zu erkennen."

Droste/Heidelbach/Klink: Wurst.
DuMont 2006 159 S. EUR 24,90

Es geht um die Wurst, und wenn es um die Wurst geht, kommt es ganz besonders darauf an, und doch ist, was Wurst ist, egal: schon deshalb ist Wurst ein sehr literarisches Thema. Man wundert sich bloß, daß nicht schon viel früher einer draufgekommen ist und ein Buch draus gemacht hat. Selbst Robert Walser hat zwei Zeilen zur Wurst gewußt. Die stehen gleich vorne, was folgt, sind Texte, Zeichnungen, Rezepte: und eins lenkt vom anderen ab. Man weiß nicht, wohin mit den Augen zuerst, kommt mit der Aufmerksamkeit kaum hinterher. Grinst über Droste, freut sich an Heidelbachs Einfallsreichtum (er hat zum Beispiel glänzend illustriert wie, Wurstseidank, Ohringe als BH getragen werden können), und würde gern das eine oder andere von Klinks Gerichten auf dem eigenen Tisch stehen haben.
    Allerdings ist auf seite 140 im unteren Abschnitt das Wurstmesser auch mal sinnentstellend dazwischengeraten und hat das ich vom s getrennt und in die nächste Zeile geschubst: und weil der Satz jetzt anfängt "Er gibt einige Laute von s", glaubt man, er zischelt. Wie das heiße Bratfett, wenn die Thüringer in die Pfanne wandert.

Karin Fossum: Der Mord an Harriet Krohn.
Aus dem Norwegischen. München. Piper
270 S. EUR 18,90

    Er parkt nicht, wo es verboten ist, er hinterzieht keine Steuern. Und Julie, seiner Tochter, möchte er ein vorbildlicher Vater sein. Einer, der sich sorgt und kümmert und der ihre Wünsche wahr werden läßt. Dazu braucht er Geld. Das er nicht hat: er hat Spielschulden und Angst, die Geldeintreiber kommen und sägen ihm mit der Kettensäge die Finger ab, wenn er nicht zahlt. Auch dazu braucht er Geld. Er hat keine Arbeit, seine Frau ist tot, seine Tochter will ihn nicht sehen. Aussichtslos, denkt er. Zum Selbstmord fehlt ihm der Mut: er redet sich ein, es ist, weil er nicht aufgeben will. Weil er trotzdem noch eine Chance sieht, einen Plan hat.
    "Ein Mann geht zu Fuß durch die Dunkelheit." Und immer tiefer hinein, blindlings, getrieben, bis er im entscheidenden Augenblick am 7. November nicht anders kann als zuschlagen, außer sich vor Wut, stümperhaft, erschrocken. Danach findet er nicht mehr zu sich zurück. Findet, selbst als er in seiner Wohnung sitzt, nicht mehr nach Hause.
    Aus einem Spieler wird ein Verzweifelter, wird ein Mörder. Und schließlich einer, der hektisch versucht, gut zu sein, Schuld und Sühne, und wie bei Dostojewski war die erschlagene Frau alt und unangenehm, und wie bei Dostojewski bringt der Kommissar den Täter am Ende dazu, das zu tun, wonach er sich sehnt: zu gestehen.
    All das in sicheren, klaren Sätzen, zwischen denen man wie zwischen schützenden Häusermauern die Kälte spürt, den Schnee. Und versteht, wie zwanghaft und scheinbar unausweichlich, wie leicht das Entsetzliche geschehen kann.

© 2006    Ingrid Mylo


 
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