Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

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Was von Bücher bleibt

 


Druckstellen XXII
von Ingrid Mylo






Winterrausch

Lars Saaby Christensen - Waterloo
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt.
btb - 349 S. EUR 9,00
+ Der eifersüchtige Friseur und andere Helden - Knaus 1998.

Eine der wunderbarsten Kurzgeschichten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, stammt von Lars Saabye Christensen und heißt 'Der eifersüchtige Friseur'. Schneiden oder nicht schneiden, die plötzliche Änderung eines lebenslangen Rituals, die mit beklemmender Folgerichtigkeit in eine bedrohliche Sackgasse mündet, Kafka, Cechov und Karl Valentin, und etwas wie das behutsame Knistern, wenn man Liebesbriefe aus dem grauen Seidenfutter der Kurverts zieht. Es ist eine jener Geschichten, nach deren Lektüre man voller wildem Jubel ist und gleichzeitig ganz still vor Zärtlichkeit und ein bißchen traurig.
Man spürt, wie das Herz schlägt, und die Nerven sind so fein justiert, daß man mit ihnen Gedanken hinter fremden Stirnen aufspüren zu können glaubt. Man möchte sich aus dem offenen Fenster lehnen und seine Begeisterung, seine Zustimmung und Dankbarkeit hinausbrüllen, so laut und weit, daß es der Verfasser oben in Oslo hört.
Als ich vor kurzem den Film 'Kitchen Stories' von Bent Hamer (auch er übrigens Norweger) gesehen hab, wortkarg und voller Einsamkeit, Schnee und anrührender Seltsamkeiten, komisches, melancholisches Kino, fiel mir sofort Christensen ein und wie gerne ich seine Bücher von Hamer in Bilder verwandelt sehen würde.
Ich habe noch Christensens Roman 'Waterloo' vor mir liegen: und wie man sich die besten Stücke auf dem Teller bis zum Schluß aufspart (um die Vorfreude zu verlängern, aber auch, weil sie danach weg sind), schiebe ich den Augenblick hinaus, in dem ich mich über das Buch hermache. Den erste Satz habe ich schon mal gekostet: "Ich wurde von den Möwen geweckt".

A. Bubenzer (Hg.): Tödliche Bescherung.
Die spannendsten Weihnachtskrimis aus Skandinavien.
Wunderlich - 271 S. EUR 14,90

Dummerweise fängt die Sammlung mit einer der drei schwächsten Geschichten an. Altmodisch und bieder: wie das nützliche Paar Socken oder die Fäustlinge, die man zu Weihnachten bekommt, anstatt der Überraschung, die man sich gewünscht hat. Schlechter Einstieg. Und das, obwohl das Buch kleine Kabinettstückchen von Inger Frimansson bereithält und von Kjell Ola Dahl. Und Anne B. Ragdes direkt zu Herzen gehende 'Polarsafari'. Henning Mankells 'Mann am Strand' kennt man halt schon aus anderen Zusammenhängen. Und einmal mehr ist es der Schwede Ake Edwardson, den man mit Genuß und Bewunderung liest: seine Sätze, so
kurz sie oft daherkommen, wiegen schwer. Da ist es fast schon egal, was für eine Geschichte sie am Ende ergeben: der Weg seiner Worte ist das Ziel.

Douglas Coupland - Eleanor Rigby
Romann. Aus dem Amerikanischen von Tina Hohl.
Hoffmann & Campe - 271 S. EUR 18,95

Wenn ein Buch 'Eleanor Rigby' heißt wie der Song der Beatles, der von all den einsamen Menschen handelt (die in der Kirche den Reis aufsammeln, der nach einer Hochzeit dort herumliegt): wovon wird dann das Buch wohl handeln? Ursprünglich war, laut Paul McCartney, der Name 'Daisy Hawkins' als Songtitel im Gespräch, dann würde Couplands Roman jetzt 'Daisy Hawkins' heißen: an der Einsamkeit der Ich-Erzählerin (die übrigens Elizabeth Dunn heißt) würde das nicht das geringste ändern.
Dick (in den meisten nordamerikanischen Romanen sind die einsamen Menschen dick) und von nahezu verbotener Unscheinbarkeit, hat sie früh gelernt, ihrem Schicksal die Stirn zu bieten. Übriggebliebene Reiskörner sind ihre Sache nicht, sie findet lieber als Zwölfjährige beim Blaubeersammeln eine halbierte Männerleiche am Bahndamm, geschminkt und weiblich gewandet: und hebt mit einem Erlenstöckchen den Rock, um sich durch einen Blick darunter vom richtigen Geschlecht zu überzeugen. "Eigentlich sah er so aus wie der Schweinebraten, den wir gerade essen", verkündet sie ihrer Familie beim Abendbrot.
Das Leben hält noch jede Menge interessanter Dinge für sie bereit: einen wie aus dem Nichts auftauchenden zwanzigjährigen Sohn, der schaurige Visionen hat und rückwärts singen kann. Einen Meteoriten, der ihr auf dem Heimweg vom Supermarkt direkt vor die Füße knallt. "Ich zuckte vor Schreck zusammen, und meine Honigmelone, der Hüttenkäse und der Thai-Chicken-Superwrap fielen auf den Gehsteig." Eine Festnahme auf dem Frankfurter Flughafen. Einen Kommissar aus Wien mit dem Namen Bayer, der sie mit der Erinnerung an eine längst vergangene Nacht auf dem Dach einer römischen Disco konfrontiert. Der Sohn stirbt nur vier Monate nach seiner Materialisation einen Tag vor Heiligabend an MS. Und auch Liz' Verweildauer auf Erden hat sich dank des Meteoriten drastisch verkürzt. So what? Noch lebt sie, und zwar heftig, und mit ihr jede Menge Humor und Herzlichkeit.
Aaahhh, singen die Beatles, look at all the lonely people. Ha! So eine wie Liz Dunn hatten sie dabei nicht im Sinn.

Kathy Reichs - Hals über Kopf -
Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr
Blessing Verlag - 413 S. EUR  19,95

Das Aufzählen von Dingen ist fester Bestandteil ihrer Romane. Wer mit welchen Verletzungen in der Notaufnahme wartet. Welche Gehölze im Francis Marion National Forest herumstehen (und das sind so wunderschöne Namen wie Weihrauchkiefer, Zaubernuß und Amberbäume: man könnte ein Gedicht daraus komponieren). Welche Muscheln zu Marshalls Sammlung gehören. Listen: das ist das eine. Das andere sind Fragen. Was bedeutet der Haarriss im sechsten Nackenwirbel? Warum hat der Erhängte falsche Papiere in der Tasche? Hat er sich überhaupt erhängt? Wer hat auf den lettischen Weisen geschossen?
Fragen und Listen: das soll spannend sein? Wenn Kathy Reichs dahintersteckt, schon. Sie feuert die Worte aus der Hüfte: Eins. Nach. Dem. Anderen. Schnell. Unaufhörlich. Die Einschußlöcher markieren den Umriß einer Geschichte, bei der Temperance Brennans "Finger kalt vor Grauen" werden. "Jedes Neuron in meinem Hirn schrie: Nein!" Sie hat offenbar in den letzten Jahren weder Zeitung gelesen noch einen Blick in den Fernseher geworfen. Die Profitgesellschaft hat die Grenzen verschoben, die gehen längst über das Leben hinaus. In beide Richtungen. Die Verwertbarkeit des Ersatzteillagers Mensch beginnt vor der Geburt und endet nicht mit dem Tod. Die Föten und die Leichen, beide geben noch was her. Wieso überrascht und entsetzt das jemanden, der seit Jahrzehnten aus den Knochen die Wahrheit der Verbrechen herauszulesen bemüht ist? Aber bei jemandem, der einem Reporter wegen der Verwendung des Ausdrucks "alte Indianer" (anstelle von "eingeborene Amerikaner") mangelnde 'politische Korrektheit' vorwirft, und dann selbst sieben Seiten später mit dem Vergleich aufwartet, ein Mann nähere sich mit der "ganzen entschlossenen Selbstgerechtigkeit eines Taliban-Mullahs", gehört Widersprüchlichkeit (ums mal tolerant auszudrücken) zum Handgepäck. Und darin findet auch ein apricotfarbenes T-Shirt mit der Aufschrift "Geht wieder nach Hause. Die Erde ist voll" seinen Platz. Man muß es ja nichts selbst tragen.
Allem zum Trotz: auf seine rapide, mechanische, kurzangebundene Art ist der Roman spannend. Es reißt einen weiter, von Seite zu Seite. Und man ist froh, daß die eigenen Finger nicht "kalt vor Grauen" sind.
Sonst käme man mit dem Umblättern nicht hinterher.

Martina Hochheimer (Fotografien) Blumen des Sommers (IB 1219) – 71 S. EUR 11,80 / Veilchen träumen schon (IB 1241) – 71 S. EUR 11,80
Blumen in den Wintertagen (IB 1273) – 70 S. EUR 12,80 / Schönheit dieser Welt (IB 1286) – 70 S. EUR 12,80 - Alle Insel Verlag

Jene Sorte Blätter, die nicht jeden Herbst fallen und zusammengefegt werden: Seiten eines Buches. Und die Blumen, die auf ihnen blühen, bewahren den Augenblick. Nicht wie die Sträuße, die man zum Geburtstag überreicht bekommt, zur Geschäftseröffnung oder zur Guten Besserung, und die nach einer Woche welk und müde in der Vase hängen. Auch in diesen schmucken Bändchen wird die Vergänglichkeit beschworen, "Oktober tötet", schreibt Günther Eich, Theodor Storm beklagt das Vorbeifliegen von Leben und Liebe, und eine braungetrocknete Glockenblume raschelt im Licht. Aber das eben wird sie tun, so oft und wann immer man die Seite 51 aufschlägt, gebannter Verfall, sie wird über diesen Zustand nicht hinausgehen. Und auf Seite 47 werden die Chrysanthemen niemals aufhören zu leuchten.
Vier Jahreszeiten, vier kleine Bücher: schon ihr jeweiliger Einband ist schön wie Geschenkpapier, in das etwas Besonderes eingewickelt ist. Doch so gut sie sich, anstatt Blumen, als Mitbringsel anbieten: man wird sie lieber ins eigene Regal stellen wollen.

© 2006    Ingrid Mylo
 


 
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