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Druckstellen
XXIV
von Ingrid Mylo
Vom Lesen und Sterben
Isolde Ohlbaum Lesen
Cadolzburg. ars vivendi, 143 S. EUR 16,90
Sie
liegen bäuchlings auf harten Holzplanken am Wasser oder bequem auf einem
schwarzen Ledersofa im Zimmer, räkeln sich in der Badewanne, lehnen an
Spiegeln und steinernen Denkmälern, sitzen hinter Fernstern, auf Bäumen,
in Hauseingängen, auf umgedrehten Plastikkörben im Waschsalon, in
verwunschenen Gartenwinkeln, an Caféhaustischen, zwischen Gräbern und
unter Regenschirmen. Und alle geben sich derselben Beschäftigung hin:
dem Lesen. Versunken in die Landschaft der gedruckten Zeichen,
verschwunden aus der Begrenztheit ihrer realen Umgebung: die Menschen
auf den Fotografien sind eigentlich gar nicht da, wo wir sie sehen. Sie
geistern durch Gegenden, in denen die Möglichkeiten anders schimmern als
hier. Und wir sind Zeugen ihres Entrücktseins, ihrer Verlorenheit, ihrer
Verzauberung.
Isolde Ohlbaum hat mit ihrer Kamera das große Kunststück
fertiggebracht, Abwesenheit sichtbar zu machen, Augenblicke einzufangen,
die von Dingen handeln, die außerhalb des gezeigten Ausschnitts liegen.
Hinter den Worten die Welt und manch ein Wunder: davon künden, zwischen
den Bildern, auch die Zitate von Schriftstellern. Das Buch ist
ansteckend, es übt die gleiche Wirkung aus wie jenes Foto, auf dem einer
gähnt: man kann dem Bedürfnis nicht widerstehen, es ihm nachzutun.
Elizabeth
George Wo kein Zeuge ist Deutsch von
I. Krane-Müschen & M. J. Müschen.
Blanvalet, 798 S., EUR 22,95
"Glaubst du, das gibts da wirklich?" fragt sie während sie nach der
Straßenbahn Ausschau hält. "In London? Das Geschäft mit den Ölen? Wendys
Mond?"
"Das hieß anders", sagt ihre Freundin und zieht sie von den Schienen
zurück. "Und was willst du da überhaupt? Berminze kaufen, um dir die
Männer vom Leib zu halten? Als ob du in deinem Alter dazu noch Berminze
brauchst." Sie lacht, es klingt wie eine nachgeschobene Entschuldigung.
"Doch nicht wegen der Öle. Aber sie kennt doch, den, ders getan hat. Da
ist man doch neugierig, wie sich so jemand hinterher fühlt, oder? Ich
hätt übrigens gleich auf ihn getippt. Der heißt doch schon so."
"Das heißt gar nichts, weil das auch eine Irreführung sein kann. Und du
sagst hinterher immer, du hättest es gewußt. Aber nichtmal die dicke
Polizistin ist drauf gekommen, obwohl die von Anfang an diese
Kinderorganisation auf dem Kieker hatte. Du weißt schon, die, die immer
Pop-Tarts ißt und Buddy Holly hört."
"Ja, und jetzt scheint sie ja doch Chancen bei dem Inder zu haben. Trotz
ihrer Figur. Aber ist das nicht schrecklich, was mit ihrem Chef passiert
ist? Und daß die Leute dann gleich hingehen und diese vielen Blumen auf
seine Treppe legen. Wie bei der Di. Das gibt einem doch den Glauben an
die Menschheit wieder."
"Das würde ich übrigens viel lieber tun, als in dein komisches
Ölgeschäft zu gehen. Blumen hinlegen, mein ich. Damit er sieht, daß wir
Anteil nehmen. Und vielleicht überlegt er sich das ja noch mal mit
seiner Kündigung. Denn wenn er nicht mehr bei Scotland Yard ist, weiß
ich nicht, ob ich die nächste Elizabeth George noch lese."
M.
E. Gregory / S. James Stille Örtchen.
Ein Besuch
auf den Toiletten der Welt.
Aus dem Englischen von Marlene Weber. Knesebeck, 256 S., EUR 14,95
Bei meiner Großmutter auf dem Land hieß es schlicht 'Abort' und befand
sich draußen zwischen Ziegenstall und Misthaufen. Tante Lona aus
Kornwestheim brachte immer, wenn sie mal "wo hin" mußte, ein verschämtes
'To' heraus. Und in einem Frankfurter Café erkundigte sich letzte Woche
einer mit unruhigen Füßen nach dem 'Porzellan-Kabinett'.
Nicht immer ist bei derartig verbalen Verrenkungen klar, was gemeint
ist. In einem englischen Film beispielsweise sorgt die ganz gewöhnliche
Einladung in eine Teestube bei einem Amerikaner für hochgezogene
Augenbrauen. 'Tearooms' sind in den USA eine völlig andere Sache: und
die hat nichts mit Darjeeling zu tun. Doch ganz gleich, wie man sie
nennt oder um sie herumredet: Toiletten sind etwas, vor dem man sich
nicht drücken kann.
Die Fotografin Sian James ist durch alle fünf Kontinente gereist und hat
die stillen Örtchen dieser Welt ins rechte Licht gerückt. Vom
Bretterverhau am Ufer eines ausgetrockneten Flusses in Namibia, über das
versenkbare Männerklo im Herzen Londons bis zu den prächtigen von
Hundertwasser geschaffenen Kunstwerken in Kawakawa auf Neuseeland. Im
Crazy Bear Hotel in Stadhampton, England, gibt es über der Schüssel
einen zum Aquarium ausgebauten Spülkasten, in dem Goldfische schwimmen.
Im L'Avenue in Montreal kann man während der Sitzung Fernsehserien auf
einem in den Boden eingelassenen Bildschirm betrachten. Wenn's der
Verdauung förderlich ist ... Und manche Fotos sind einfach nur
wunderschön, wie das von den drei weißen zu Urinalen umfunktionierten
Spülbecken im Lokal Marius in Rio de Janeiro: ein Stilleben mit
zerstoßenem Eis und roten Blumen.
Der Text beantwortet so fundamentale Fragen wie: Warum braucht man auf
dem Zug-WC der Strecke Guangzhou - Peking ein gutes Stehvermögen? Warum
ist es im Restaurant Ten & Chi in Tokio für Männer unabdingbar, beim
Pinkeln zu tanzen? Warum sollten Benutzer der Buschtoilette des Premier
Lake Provincial Park in Britisch-Kolumbien möglichst viele Geräusche
machen? Eine, die nicht beantwortet wird, ist: warum ist das Buch in
diesem vergleichsweise kleinen Format erschienen?
Alles
drin. 21 Handtaschen erzählen aus ihrem Leben.
Hoffmann & Campe / cadeau., 127 S., EUR 14,95
Aus dem Kaffeesatz die Zukunft lesen oder aus dem Handteller das
Schicksal. (Und es gibt einen japanischen Schriftsteller, dessen Buch so
heißt: hand balm stories, als klaube er seine seitenkurzen Erzählungen
aus dem Hohlen der Hand. Oder die Umkehrung der Geste: als lege er sie
einem Bedürftigen wie eine Gabe dort hinein). Oder die Dinge, die man
aus den Tiefen einer Handtasche zutage fördert, beim Namen nennen. Der
Kabarettist Dieter Nuhr hat längst eine Nummer daraus gemacht, die
endete in einer Orgie aus Krümeln und eklig verklebtem Zeugs, und jeder
nahm sich daraufhin vor, seine Tasche mal wieder gründlich auszumisten.
Das Problem ist, daß so viel hineinpaßt. Und daß alles irgendwie
nützlich scheint. Oder als Andenken dient (das man unbedingt mit sich
herumschleppen muß). Oder als Glücksbringer. Oder für den Notfall
gedacht ist (der in der Regel erst dann eintritt, nachdem man das
entsprechende Teil, weil es wegen des Ausbleibens des Notfalls nie zum
Einsatz kam, aussortiert hat). Wenn man dann 21 verschiedene Handtaschen
umstülpt und ihren jeweiligen Inhalt betrachtet, stellt man fest, daß
der immer, bei allen individuell unterschiedlichen Beigaben, in etwas
auf dasselbe hinausläuft. Geldbörse, Handy, was für die Lippen.
Und
Fisherman's Friend.
Manchmal geht beim
Ausschütten auch etwas verloren: wie der Rest des letzten Satzes auf der
Seite 23 oder der Titel der 15. Geschichte. Was kein Verlust ist. (Sie
hätten ruhig alle verloren gehen dürfen, diese braven Betulichkeiten.
Statt dessen Fotos der jetzt lediglich aufgelisteten Gegenstände: dann
hätte man sich selbst seinen Reim drauf machen können).
Louise
Welsh Der Kugeltrick Aus dem
Englischen von Ruth Keen.
Kunstmann, 398 S., EUR 19,90
Ihr leuchtend rotes Grinsen auf der hinteren Umschlagklappe ist eine
schlecht verhehlte Drohung. Voller Häme und Heimtücke und dem Wissen,
daß es sich bei dem Trumpf im Ärmel nicht um eine harmlose Spielkarte
handelt sondern um eine rostige Rasierklinge. Die wiederum eher
bösartige Infektionen verursacht als tödliche Wunden.
Geschichte ist nicht. Bloß ein halbwegs geschicktes Hin- und Herschalten
zwischen stimmungsträchtigen Szenen, das die Illusion einer Geschichte
erzeugt. Alles ist blaustichig und rauchgeschwärzt, es riecht nach Urin,
Bier und Moder, und Wilson, der abgetakelte Magier, läßt sich von seinen
Schuldgefühlen immer tiefer in den Dreck ziehen.
In dem er sich masochistisch suhlt. Louise Welsh hat’s mit dem Wort
'viktorianisch', und einmal mehr mischt bei ihr die Anrüchigkeit
sexueller Abarten mit, schmuddelig und versifft und mit Pfützen von
Blut, das ist ihre Masche. Man sieht, worauf es hinausläuft und hat, bis
es soweit ist, das Interesse weitgehend verloren: und doch läßt man
nicht davon ab, läßt sich, im Gegenteil, von dem Glitter und den
Ablenkungsmanövern verführen. Der Tod ist ein Zaubertrick und das Lesen
ein schäbiges Vergnügen. Manchmal ist einem danach, sich das Hirn zu
verderben. Und beim Zuklappen des Buches grinst die Autorin: fies, als
hätte sie erreicht, was sie wollte.
© 2007 Ingrid Mylo
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