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Druckstellen
XXIX
von Ingrid Mylo
Nagelspuren
Richard Yates:
Zeiten des Aufruhrs.
Aus dem Amerikanischen von Hans Wolf.
Zürich. Manesse 2006 570 S. EUR 22,90

Klein,
fest, schwergewichtig: handfeste Argumente für gute Literatur: die
schönen Bücher der Manesse-Bibliothek. So ein Band, stellt man sich vor,
fängt leicht die feindliche Kugel ab, wenn man ihn (wie der
schwarzgekleidete Revolverheld in einem Western die Bibel) über dem
Herzen trägt.
'Zeiten des Aufruhrs': Hoffnungen, Erwartungen, große Ideen: statt
dessen das gewöhnliche Leben. Nichtmal ein Scheitern. Da war nichts, was
scheitern konnte: Frank Wheeler hat alles vertagt, seine Wünsche, seine
Ambitionen, hat sich im Alltag einer anspruchslosen Arbeit verloren.
Selbstverwirklichung ist später: und dann ist es zu spät. Spiegel wie
Falschaussagen, Fenster wie Grenzen: kein Blick hinaus in die Welt,
sondern das zurückgeworfene Bild einer traurigen Figur, die es nie
ernsthaft versucht hat. Und was dann trotzdem an Schicksal hereinbricht
anstelle des allmählichen Versickerns,
Man spürt, daß Yates weiß, wovon er schreibt, man glaubt das Kratzen
seiner Feder zu hören (ganz gleich, womit er's tatsächlich zu Papier
gebracht hat): als würde einer verzweifelt versuchen, mit den
Fingernägeln einen letzten Rest Traum aus dem Rinnstein zu schürfen.
Jeffrey
Deaver: Der gehetzte Uhrmacher.
Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild.
München. blanvalet 2007. 511 S. EUR 19,95
Komplikationen: bei Uhren sind das Zusatzfunktionen,
Sichtfensterchen auf dem Ziffernblatt mit Datumsanzeige, Mondphasen,
Sonnenaufgängen in Ägypten und Alabama und dergleichen Zinnober mehr.
Ablenkungen vom Eigentlichen: dem Anzeigen der Zeit.
Morde, die keine sind, vorgeschobene Verbrechen: ein kompliziert
angelegtes System der Irreführung und Täuschung, das die zugrunde
liegende Absicht den Blicken entzieht. Und jedes Mal, wenn man
dahintergekommen ist, hat man sich wieder verarschen lassen. Aber wer
Rhyme heißt, hat eben auch Verstand ('tschuldigung, das Wortspiel kann
nur verstehen, wer die englischen Redensarten kennt, die andern müssens
glauben. oder nicht), und reimt sich doch noch rechtzeitig zusammen, um
was es da in Wirklichkeit geht und kann es verhindern. Nicht umsonst ist
der Detective schon als Knirps den Libellen nachgejagt, den Motten und
den Bienen. Auch wenn er sich jetzt in seinem Rollstuhl eher damit
beschäftigt, die Wahrheit herauszufinden, die hinter einem Knoten und
einem gebrochenen Daumen steckt.
Methodik, Mechanik, rasant, minutiös. Jeffrey Deaver bringt neben
der Horologie extreme Verhörtechniken ins Spiel, eine Expertin der
Kinese, den Delphi-Mechanismus, die Akte Luponte und die Austauschregel
von Edmond Locard. Immer wieder wechselt er unterwegs das Pferd,
waghalsige Manöver in fligendem Galopp, reißt die Zügel herum, wechselt
die Spur, die Richtung. Und gelangt sauber ins Ziel.
Blume,
Hürlimann, Schnalke, Tyradellis (Hg): Schmerz.
Kunst + Wissenschaft. Köln. DuMont 2007. 309 S. EUR 39,90
Das Foto auf Seite 64: ein Kopf im Schraubstock klammernder Hände,
behaarte Gelenke, die Handrücken wie von Wurzelwerk überzogen von
schwellenden Adern, Hirn, fürchtet man, sickert aus diesem Griff, aber 'Faith
Healing' steht unter dem Bild.
Auf Seite 77: 'Speechless Grey Horse', eine in Tierhaut verpackte
ungefähre Gestalt, grauweiß verschalt, die vorderen Gliedmaßen
eingeschnürt, eng an den Leib gepreßt, zwangsgejäckt, ein
langgestrecktes Hinterbein über einem verstümmelten, rostroter Fleck,
verblassender Rest zerstörten Lebens.
Daß Schmerz nicht sichtbar sei, steht irgendwo auf Seite 39. Was ist
mit der Szene in 'Andrej Rubljow', dem Film von Tarkowskij: einem
Gefangenen wird der Mund aufgezwungen, weit, derb, gewaltsam gerissenes
Loch: und dort hinein schütten die Schergen kochendes Teer. So
kreischend laut wie der stumme Schrei des Gefolterten hallt kaum etwas
wider im Hirn. Und greift man sich bei dem Anblick nicht um Luft
röchelnd an den Hals und glaubt zu ersticken?
Ingrid
Bergmann / Ingmar Bergmann / Maria von Rosen:
Der weiße Schmerz.
Drei Tagebücher. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel.
München.
Hanser
2007. 259 S. EUR 21,50
Drei Leben, von denen eines
bald beendet sein wird, zerfressen vom Krebs. Die letzten sieben Monate,
festgehalten von der sterbenden Ingrid Bergman (nicht die
Schauspielerin), festgehalten auch von ihrem Mann, dem Regisseur Ingmar
Bergmann, und festgehalten von ihrer gemeinsamen Tochter Maria von
Rosen. Tagebucheintragungen, stichwortartig aneinander gereiht, dann
wieder mit grundsätzlichen Überlegungen ausführlich vernäht.
Aufzeichnungen, die von Arztterminen handeln, von Theaterproben,
Ängsten, Konzertbesuchen und Vorwürfen. Von strategischen Erkältungen,
damit man, wenigstens für ein paar Tage, den Anblick der Sterbenden
nicht ertragen muß im Krankenhaus. Infusionen, Ferrnsehabende mit 'Ein
Fall für zwei' und Eis am Stiel, Notrufe, mißlungene Operationen,
Verwünschungen, Sobril, Novaluzid, Citodon, Erbrechen. Und immer wieder,
noch während sie lebt, seine Furcht vor dem Alleinsein, vor der Zeit
danach, wenn er ohne sie auskommen muß. Manchmal ist es, als stochere in
einer Stelle, die ohnehin schon wund ist und entzündet, jemand mit einem
Stöckchen herum, um zu sehen, ob man nicht doch noch ein bißchen mehr
aushalten kann.
Weißer Schmerz: der Titel hat etwas Großes, Reines, beinahe
Blendendes. Aus den schwarzen Buchstaben steigt das Gegenteil: kleine
schmutzige Banalitäten, mit denen man es aufzunehmen hat, die
Konfrontation mit der eigenen Feigheit und Erbärmlichkeit, und wieviel
Kraft es kostet, ein Mindestmaß an Würde zu bewahren. Da hilft auch die
große Liebe nichts. Liebe, hat man herausgefunden, kommt erst dann zum
Tragen, wenn die existenziellen Bedürfnisse des Menschen gestillt sind,
wenn er weder hungrig noch durstig ist, keine Schmerzen hat und keine
Angst. Wenn es jedoch zur Sache geht, wenn es darauf ankommt, das machen
diese Tagebücher klar, versagt sie. Man stirbt allein.
© 2007 Ingrid Mylo
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