|
Druckstellen
XXV
von Ingrid Mylo
Träume und
Irritationen
Anthony Doerr:
Der Muschelsammler.
Erzählungen. Aus dem Englischen von Barbara Rojahn-Deyk.
München. C.H.Beck 2007. 255 S. EUR 19,90
All
das Blau. Das Kobaltblau der letzten Erinnerung, als sich das Gift der
Conus-Schnecke im Körper des Muschelsammlers ausbreitet. Die Reinheit
des Himmelsblaus über dem Flugzeugflügel, die dem Jäger, der zum ersten
Mal im Leben seine Heimat Montana verläßt, zu Tränen rührt. Das
Blütenblattblau des Atlantiks in Doroteas Vorstellung, das die
Möglichkeit eines besseren Lebens verheißt. Das Fernsehblau der
erleuchteten Fenster auf dem nächtlichen Heimweg einer Vierzehnjährigen,
deren Traum von der Liebe zu einem Angler ein Traum bleibt. Das Tiefblau
eines rautenförmigen Himmelsplitters im Auge eines Hundes, der gerade
von einem Bus überfahren wurde.
Blau ist der Umhang eines Zauberers, sind die Ringe auf den Flügeln der
aufgespießten Schmetterlinge. Blau ist der Scheinwerfer, in dessen Licht
der Eisenesser Stück für Stück einer Rüstung von Griseldas Körper schält
und verzehrt. Blau ist die Hand, vor Kälte blau, mit der Mary den
Schnabel eines erfrorenen Reihers umfaßt, um zu sehen, wohin er nach
seinem Tod geht. Blau ist der Morgen in Krakau, an dem die amerikanische
Anglergruppe in Erwartung riesiger Fische zum Podraské-See aufbricht.
Blau ist die Uniformmütze eines Kochs mit zerschmetterten Wangenknochen,
den zu erschießen Joseph gezwungen wird. Und blau ist der Regenmantel
der taubstummen Belle, die Unkraut ausreißt in dem heimlich angelegten
Garten über den begrabenen Walfischherzen.
All das Blau, das die Nerven elektrisiert und flüssig wie das Meer im
Brustkorb atmet, Gezeitenstrom: als ließe sich das Leid und die
Traurigkeit und die Sehnsucht endlos ertragen. Und als gäbe es dahinter
etwas, um dessentwillen es sich lohnt.
Anónio
Lobo Antunes: Buch der Chroniken.
Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann.
München. Luchterhand 2006. 384 S. EUR 10,00
Schon bei den Überschriften wird man ganz unruhig, so viele, so schöne,
welchem Stück soll man sich zuerst zuwenden: 'Erinnerungen an das Gelbe
Haus' oder 'Chopin ist ein Hähnchen' oder 'Die Struktur der
Schneeflocken' oder 'Stirb jetzt bloß nicht, die Leute gucken schon'
oder 'Aufs Blau kommt es an' (und es stehen noch einhundertzwei weitere
zur Auswahl): man möchte am liebsten mindestens elf gleichzeitig lesen.
Und in einem gewissen Sinn tut man das: denn es gibt Worte, die kreuzen
immer wieder den Blick, und jedesmal, wenn man auf sie trifft, sind die
anderen Chroniken, in denen sie sich herumtreiben, gleichfalls präsent,
und die Möblierung wird einem immer vertrauter. Mispelbaum ist so ein
Wort. Andere: Häkelarbeit, Zirkus, Warten, Sandokan, Stockfischkrokette,
Einsamkeit, Pinkeln (auch in seiner Alternative als Pipimachen), Keller,
Reisküchlein, Sonntag, Spiegel, Kreuzworträtsel, Tremoços, Friedhof,
Seidenraupen, Patenonkel (oder -tante), das Starren an die Decke (eine,
sagt Lobo Antunes, dem Schreiben "identische Art") und das Abreißen von
Papier an der perforierten Linie.
Diese wie von tausend Stimmen gemurmelten Litaneien, ein ewiges Auf- und
Abschwellen, drangvoll, unerbittlich, dennoch ist da auch was
Begütigendes, etwas, das Nachsicht hat und tröstet und kleine Kinder in
den Schlaf wiegt. Rhythmus und Refrain: und hinter den oft malerischen
Kulissen der Aufzählungen: das Leben, das durch die vielen Ritzen zu
erspähen ist. Ein Arzt, der die Toten zählt in Angola. Ein Clown mit
orangefarbenen Haarsträhnen, der "still zwischen Geranien" weint. Kleine
Samenflusen im Mai, die als Engelseelen durchs Zimmer schweben.
Arme Leute, bei denen die Begüterten ihren Wohlstandsmüll abladen. Ein
Oberst, der sich auf seinen Spazierstock stützt "wie ein Stück Wind, das
zu wehen vergessen hat". Eine Vase mit künstlichen Blumen, die das
"Lächeln ersetzt". Und so mancher, der bloß mal kurz rausgegangen ist,
um frische Luft zu schnappen, um die Tauben zu füttern, kommt nicht
zurück. Oder hat, statt die Tauben zu füttern, ernsthafte Umarmungen
getauscht mit der Schwester seiner Frau. Und zu Hause sitzen die
Verlassenen und hören "dem Flor der Auslegware beim Wachsen zu".
Wenn es unerträglich wird, wenn das Elend und der Schrecken und die
Garstigkeiten die Oberhand gewinnen, wirft Lobo Antunes eine Handvoll
schorfigen Humor aufs Papier: und man lacht. Und spürt: diese Geste, das
ist seine Freundlichkeit gegenüber den Menschen, er hätte auch etwas
ganz anders schmeißen können, etwas, das Brandlöcher hinterläßt oder gar
Ruinen. Er hat zur Komik gegriffen, diesmal noch, aber das Dunkle, das
Düstere, auch wenn es glänzt, liegt über jedem Satz.
Ich habe übrigens (das hat jetzt kaum noch was mit dem davor Gesagten zu
tun), ich habe, was ich sonst nie mache (auf keinen Fall vor der Lektüre
eines Buches und niemals zwischendrin, erst, wenn ich gelesen habe, was
der Schriftsteller selbst zu sagen hatte, erst dann, hinterherher,
schaue ich manchmal aus Neugier auf den vom Verlag verfaßten
Klappentext: und danach weiß ich jedesmal wieder, warum ich ihn vorher
ignoriert hab), ich habe diesmal im Lesen innegehalten und - wie um die
heiße Stirn zu kühlen - nachgesehen, was auf der Umschlagklappe steht.
Und las die unter anderem dort zitierte Stelle von dem Mädchen, das
"Chopin spielte wie jemand, der ein lebendes Hühnchen rupft". Und dachte
irritiert "das hab ich doch anders gelesen" und dachte "vielleicht hab
ich das falsch in Erinnerung" und hab die entsprechende Seite
herausgesucht, 151, die ich Stunden zuvor erst gelesen hatte, und nein,
ich hatte mich nicht verlesen und nicht falsch erinnert, da stand
tatsächlich, daß ein Mädchen "Chopin spielte wie jemand, der ein
lebendes Hähnchen ruft". (Das mit dem Geschlechtswechsel des Tiers
lassen wir mal beiseite.) Ich hatte mich beim Lesen der Chronik schon
über die angedeutete Möglichkeit, ein totes Hähnchen zu rufen,
gewundert, und darüber, was denn so Gräßliches am Rufen eines Hähnchens
ist, daß man es mit dem Malträtieren von Klaviertasten gleichsetzt. Auf
die Idee, daß einfach ein p fehlt, bin ich nicht gekommen. In sehr
seltenen Fällen kann der Klappentext, bei allem Unfug, den er sonst
marktschreierisch ausposaunt, auch etwas Erhellendes zur Lektüre
beitragen.
Kinky
Friedman: Tanz auf dem Regenbogen.
Aus dem Amerikanischen von Astrid Tillmann
Berlin. Edition Tiamat 2006. 191 S. EUR 14,00
Ein paarmal fällt in dem Buch der berlinerisch anmutende Ausdruck 'Schwulette',
und das klingt, als gehöre eine ordentliche Portion Senf dazu oder auch
wie etwas, das man gegen Mundgeruch lutscht. Passend dazu linst der
verhinderte Gouverneur von Texas, der sich selbst gern 'Kinkster' nennt,
(manchmal auch 'Kinkstah'), vom rückwärtigen Cover wie eine texanische
Ausgabe von Dame Edna. Das hindert ihn nicht, in gewohnter Manier hinter
der Hundebesitzerin Stepahnie herzusein, die er auch diesmal nicht
kriegt. Was er statt dessen kriegt, ist ein MIT-Notruf aus Hawaii, und
da es sich bei dem Man in Trouble um seinen Freund MacGovern handelt,
sieht Kinky sich genötigt, sein einsames Loft in New York zu verlassen.
Die Suche nach dem Vermißten ist vertrackt und Jack Lord keine große
Hilfe, auch wenn der Nachname so klingt.
Nicht so bissig wie sonst, nichtmal sonderlich spöttisch und weit
entfernt von dem frechen Witz seiner (diesmal im Nachwort zitierten)
Unterhaltung mit Jesus auf einem Herrenklo bei L.A., die man sich auf
Friedmans CD 'Lasso From El Paso' (die eigentlich 'Asshole From El Paso'
heißen sollte) anhören kann. Aber immerhin ein gemütliches, gutgelauntes
Geplänkel über die albernen Dinge, die einem durch den Kopf gehen, wenn
man Kinky Friedman heißt und nichts Besseres zu tun hat. Oder keine
Lust, es zu tun.
© 2007 Ingrid Mylo
|