Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen XXVI
von Ingrid Mylo






Stille zwischen den Seiten


"In dieser Stunde", steht in Dantes 'Göttlicher Komödie', "lasen sie nicht weiter." (In einer anderen Übersetzung heißt es: "Sie lasen weiter nicht an jenem Tage.") Sie ließen die Buchstaben, tauschten sie gegen Lippen, Gliedmaßen, Atemstöße, hatten aneinander genug. Magdalena schlägt die fünf Bücher nicht auf, die sie mitgenommen hat auf die Reise nach Spanien: zuviel Landschaft, zuviel Leidenschaft, zuviel Basco. Basco, der nie lügt. Aber Basco, der mit nahezu jedem Lidschlag sein Wesen ändert, der Straße ist und Hund, Hoffnung und Unglück, Lakritz, vielleicht, Musik, ein Kartenleger, eine Ölspur, ein Idiot, Magdalenas Engel, der Wind, ein Dromedar, ein Spiegel. Wenn man ein Reigen ist aus 1001 Gestalt, erübrigt sich das Lügen.
    Ein Satz, der nächste, der nicht Folge ist, sondern lange her oder hundert Städte entfernt, das Gegenteil. Eindrücke wechseln stakkatohaft, Gefühle springen um wie Ampeln, von Rot auf Grün, von Anfang auf Ende, die Welt ein Vexierspiel, und Alles: ein Augenblick. Eine Glaskugel, nicht für die Zukunft, sondern mit der man die losen Seiten beschwert auf dem Schreibtisch, damit sie nicht auffliegen im Wind.
Anna Rheinsberg: Basco. Hamburg. Nautilus 2004. 94 S. EUR 12,90


    Ganz gleich, wie bunt und schnell und aufregend die Ereignisse im Laufe der Seiten auch werden: wenn Sara Paretsky drauf steht, ist immer ein Thriller drin, der in das Grau und das Sachliche und die Wahrhaftigkeit von Sozialreportagen gehüllt ist. Die Regenbogen leuchten nicht am Himmel sondern zittern in den Benzinpfützen zwischen Müllhalden und verwahrlosten Fabrikgeländen, die Arbeitsplätze der Armen gehen in Rauch auf, und die Reichen lachen sich ins blutige Fäustchen. Soviel Ungerechtigkeit: und nur eine V. I. Warshawski, um die aus den Angeln gerutschte Welt zu richten. Aber sie besitzt Unbeirrbarkeit, Spürsinn und Feuereifer für elf. Und obwohl sie sich diesmal 'Tori' nennen lassen muß, und obwohl eine Frau namens Love ihrem Liebhaber Morrell auf die Pelle rückt (und wie zur Strafe einen Teil der eigenen im Laderaum eines Lasters verliert), und obwohl ihr Cousin Romeo ziemlich zerdrückt auf der Strecke bleibt: am Ende hat Warshawski der Polizei doch wieder jede Menge Arbeit abgenommen. Daß die Schuldigen danach dennoch ewig auf die angemessene Strafe warten, liegt am amerikanischen Rechtssystem, das denen mit Geld immer ein paar Möglichenkeiten mehr einräumt als denen ohne.
    Und man hat, nach dem Lesen, nicht nur einen engagierten Krimi hinter sich sondern auch das gute Gefühl, was für die gerechte Sache getan zu haben.
Sara Paretsky: Feuereifer. Aus dem Amerikanischen von Sibylle Schmidt.
München. Goldmann 2007. 448 S. EUR 19,95



    Bahnhöfe: Orte, die eigentlich keine sind. Lediglich vorübergehende Aufenthaltspunkte von flüchtiger Dauer, Durchgangsstationen: hier trifft man ein von irgendwoher, von hier bricht man auf, irgendwohin, und wenn es, wie bei Tolstois Anna Karenina, der Tod ist. Auch die Zeit spielt auf Bahnhöfen eine widersprüchliche Rolle: der bedeutungsvoll zuckende Zeiger auf den riesigen Uhren, die Minuten, auf die es so genau ankommt, bei der Abfahrt, bei der Ankunft, und trotzdem scheint die Zeit außer Kraft gesetzt. Man befindet sich in einem Übergangsstadium zwischen Vergangenheit und Zukunft, in dem das Jetzt eine Luftblase ist.
    Bahnhöfe: Inspirationsquellen für Schriftsteller, Brutstätten für Begriffe wie Sehnsucht, Abschied, Entscheidung, Heimkehr, Schicksal, Flucht. Joseph Roth fielen die "zerräderten Gesichter" der Proletarier auf dem Wiener Nordbahnhof auf. Sibyll Bedford atmete die "nach Stahlmessern schmeckende Luft" des Grand Central Terminal in New York.
Antonio Tabucchi belauscht auf dem ehemaligen Victoria Terminus im indischen Mombai eine metaphysisch anmutende Konversation über den Körper als Koffer, "in dem wir uns selbst herumtragen". Und George Simenon läßt den Zug in der Stazione Santa Lucia in Venedig endlose, nervtötende Minuten über die pünktliche Abfahrtszeit hinaus verharren: und später im Roman werden sie sich als Gnadenfrist für den herausstellen, der so ungeduldig auf den Beginn der Reise gewartet hat.
    'Bahnhöfe': ein Band zum längeren Verweilen, zum Wiederentdecken und Neukennenlernen sehr unterschiedlicher Literaten. Und wenn man, angeregt durch die Texte, durch die Fotos, von hier aufbricht, muß man das Zimmer eben nicht verlassen und könnte, wie Joseph Roth das wollte, "jahrelang zu Hause sitzen", obwohl es die Bahnhöfe gibt.
Lis Künzli (Hg): Bahnhöfe. Ein literarischer Führer mit ca 130 s/w Fotos.
Frankfurt. Eichborn 2007, 191 S. EUR 24,90



    Aus Kriminalromanen, deutlicher als aus jeder anderen Literatur, kann man, wenn sie gut geschrieben sind, ablesen, in was für einem verrotteten Zustand sich die jeweilige Gesellschaft befindet, die Politik, die Kultur. Patricia Cornwell hat, Jahre bevor es dann offiziell wurde, in einem ihrer Kay Scarpetta-Romane den Zusammenhang zwischen Lockerby und den amerikanischen Geheimdiensten hergestellt.
Carl Hiaasen, James W. Hall und Peter Høeg, to name but a few, machen klar daß sich viele Volksvertreter nur dadurch von Verbrechern unterscheiden, daß sie vorher gewählt worden sind. Man kriegt, wenn man die richtigen Krimis liest, eine dunkle Ahnung davon, was in den Nachrichten alles unter den Tisch fällt.
    Was Liza Marklund in ihrem neuen Buch, neben so vielem anderen, vehement aufs Tapet bringt, ist die Perversion der Demokratie, wie sie momentan, nahezu überall in der westlichen Welt, praktiziert wird. Mit der Begründung, die Demokratie gegen den Terrorismus zu verteidigen, schränkt der Staat die Rechte der Bürger mehr und mehr ein, Video-Überwachungen, Lauschangriffe, Patriot Act, vorbeugende Verhaftungen: und arbeitet damit denen, die sie abschaffen wollen, direkt in die Hände. Die können sie getrost in den Schoß legen oder sich feixend reiben. Es sind nicht die Bomben, nicht die einstürzenden Hochhaustürme, keine fremdländischen Terrorakte: die Demokratien selbst sind es, die sich zu Fall bringen. Und man sollte vielleicht mal laut und öffentlich darüber nachdenken, ob der Begriff 'Demokratie' nicht inzwischen der blanke Hohn ist, ob nicht ein Wort wie 'Wirtschaftsdiktatur' die Sache genauer bezeichnet.
Liza Marklund: Nobels Testament. Aus dem Schwedischen von Anne Bubenzer.
Hamburg. Hoffmann & Campe 2007. 448 S. EUR 22,00


    Im Kopf von Mix Cellini (der auf dem Cover Michael heißt) wirbeln die Obsessionen durcheinander wie Wäsche im Schleudergang. Seine Faszination für den nekrophilen Frauenmörder John Christie, seine krankhafte Liebe zu dem gefeierten Model Nerissa (das auf dem Cover Nerisha heißt), seine abergläubische Angst vor der Zahl 13. Dazu kommt, daß Mix "unbedingt berühmt werden" will. Wenn nicht als Mann an Nerissas Seite, dann vielleicht als berüchtigter Verbrecher: dann würden solche Bücher, wie es sie über Christie gibt, über ihn geschrieben werden. Trotzdem hat er den ersten Mord so nicht geplant.
Und der zweite ist faktisch keiner...
    Ruth Rendells Täter sind meist arme Würstchen, psychisch angeschlagen, mit einer kaputten Kindheit im Rücken. Ihre Opfer passen ins Bild: als sei das Schicksal eine abgekartete Sache. Diese spielerische Zwangsläufigkeit, das Vorhersehbare, das dennoch aus irgend einem verfluchten Grund nicht zu verhindern ist, macht den Reiz von Rendells Romanen aus. Und die kleinen aktuellen Anmerkungen, die sie im Erzählen wie absichtslos von den Nachrichten streift wie Blüten von den Büschen: Sätze über die Erderwärmung, den Schlankheitswahn, die Bärte der Propheten.
Ruth Rendell: Die Liebe eines Mörders. Aus dem Englischen von Eva L. Wahser.
München. blanvalet 2007. 416 S. EUR 19,95



    Eine Sie, ein Er, die Straßen von Paris, die Plätze, die Cafés. Gegen Ende dann, für ein paar Seiten, ein enges Hotelzimmer in London, wo das Wasser nach Chlor schmeckt (was mich wundert: denn im Gegensatz zu Deutschland, wo es nach dem Krieg die Amerikaner angeordnet haben, aus Angst vor Keimen, wird in England das Trinkwasser nicht gechlort: weshalb Queen Elizabeth bei einem Deutschlandbesuch in den 60er, 70er Jahren Schläuche mit englischem Wasser hat mitschleppen lassen, damit ihr der Tee wie zu Hause mundet).
    Aus Augenblicken, aus versprengten Beobachtungen setzt sich die Geschichte zusammen, aus Bruchstücken, in die die Welt zersplittert ist: und beim Auflisten der Einzelheiten ensteht ein ganz eigenes Bild.
Das Bild einer Frau, bedürftig nach Zuwendung, nach Bestätigung, überhaupt: wahrgenommen zu werden, gemeint zu sein. Sie weiß, wen sie will, doch weil der nicht so recht weiß, ob er ihrem Wollen nachgeben oder beharren soll auf der Frau, mit der er gerade zusammen ist, weiß wiederum sie nicht, wie sie sich freimachen soll von ihrer Fixierung auf ihn. Es gibt nichts, was sie sonst will, statt dessen, darüber hinaus: und so treibt sie dahin und läßt sich ablenken von den Zufälligkeiten links und rechts des Weges, setzt den Anliegen anderer keinen eigenen Willen entgegen.
"I've no choice but to follow that call" singt Sting. Und so landet sie, auch, weil sie nicht das Ganze sieht sondern nur die Details, von denen eins zwangsläufig zum nächsten führt, so landet sie in Situationen, in die man eben gerät, wenn man nie gelernt hat, nein zu sagen. Aus welchen Gründen auch immer. Ihrer ist womöglich: eine verschorfte Erinnerung, die sie wiederholt zur Sprache bringt, ohne darüber zu reden. Nur Andeutungen: ein Zimmer in Rosa, Sprungfedern, ein Klavier. Und man ahnt, bei soviel nachdrücklicher Geheimniskrämerei, den frühen Mißbrauch, lange bevor sie den Grind dann doch herunterreißt und die Tat enthüllt, auspricht, was damals geschehen ist, Erinnerung voller Eiter, verheilt ist da nichts.
    Nach dem Roman stehen, schlimmer als jeder Werbetext, knapp anderthalb Seiten Marktschreierei von Paul Auster: originell, herausragend, brillant, außerordentlich, außergewöhnlich, verblüffende Genauigkeit, erlesen, faszinierend, stilistische Raffinessen, bemerkenswert, zutiefst berührt. Vom Laster gekippte Superlative, die in ihrer wahllosen Häufung nichts mehr bedeuten außer einer Halde Müll.
Céline Curiol: Von Liebe sprechen. Aus dem Französischen von Sabine Schwenk.
München. Piper 2007. 281 S. EUR 18,90
 


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