Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen XXVII
von Ingrid Mylo






Das Leben ein Buch


Stewart O'Nan: Eine gute Ehefrau.
Deutsch von Thomas Gunkel. Reinbek. Rowohlt 2007. 378 S. EUR 12,00

'Bei Anruf Mord' heißt der deutsche Titel des Hitchcock-Films 'Dial M for Murder', er hat mit diesem Roman hier nichts zu tun: es ist nur die Zusammenstellung der Worte. Denn als das Telefon klingelt, nachts, und die schwangere Patty aus dem Schlaf reißt, ist der Mord schon geschehen, ist Vergangenheit, und die Zukunft ist eine Gefängniszelle: für ihren Mann Tommy, der die alte Frau umgebracht hat, weil sie bei einem Einbruch im Weg war. Ein Anruf: und hunderte danach, in kaum einem Buch klingelt das Telefon so oft wie in diesem. Klingelt: und Patty erfährt, welche Wendung ihr Leben jeweils nimmt. In welchem Gefängnis sie Tommy besuchen kann. Ob überhaupt. Daß er auf der Krankenstation liegt. Ob der Fall vors Berufungsgericht kommt. Wie die Entscheidung des Berufungsgerichts ausgeht. Ob sein Antrag auf Verlegung nach Elmira durchkommt. Wann er, nach schließlich mehr als fünfundzwanzig Jahren, entlassen wird.
    Die Zeit zwischen den Anrufen: Gewehrschüsse im verschneiten Land, Big Beef als Belohnung, Arbeit beim Straßenbau, die Musik von Carole King, den Eagles, Bob Dylan und Neil Young (was für eine Zusammenstellung), der Sohn, der zu dick, die Sehnsucht, die zu groß wird, Orte wie Oneida, Horsehead, Wallkill, Owego, Gowanda.
    Und Sätze, präzise und funktional, wie Stiche, mit denen eine Wunde vernäht wird. Die Narbe, nach dem Lesen, bleibt in der Erinnerung zurück.

Sybille Bedford: Treibsand.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. München. SchirmerGraf 2007.
375 S. EUR 22,80

Das Lächeln der Badenixe vorn, das Lächeln von Rotkäppchens Großmutter hinten, dazwischen: Jahre, Jahrzehnte, ein Leben. Die Auswirkungen zweier Kriege, Liebesgeschichten, Affären, der Wunsch zu schreiben. Die Worte fallen, gleichmäßig, reibungslos, sacht (da hat einer was verstanden vom Übersetzen): nicht, als würde man lesen, eher ist es, als höre man zu. Hört, wie das war, damals, auf dem Dach des Hauses an der Piazza di Spagna, als in der Dämmerung die Funken flogen. Oder jene durch eine Notlandung erzwungene Nacht in Barcelona: und Aldous Huxleys tadelndes "Nihilisten", als unweit eines Cafés eine Bombe hochging. Oder in Sanary-sur-mer, wo die Eifersucht der Mutter mit Morphium auf Abstand gehalten wurde.
    Man hört so viel, und doch - weil, immer wieder, mit vielen harmlosen Sätzen ein einziger gefährlicher umschifft wird, weil von "drei fatalen Wörtern" die Rede ist und nicht "ich liebe dich" dasteht, Ausweichmanöver, Umwege, Ablenkungen - erfährt man wenig Wesentliches. Was sich mitteilt, vor allem, sind die Lücken zwischen den Einzelheiten. Die Stellen, die hohl klingen beim Abklopfen: als befinde sich ein Geheimgang dahinter. Der möglicherweise in das Leben führt, das im Buch ausgespart wurde.

Joyce Carol Oates: Niagara. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz. Frankfurt. S.Fischer 2007.
567 S. EUR 22,90

Oft, wenn es bei Joyce Carol Oates zur Sache ging, zur Sexualität (das heißt, zur Sache ging es eben gerade nicht: selbst wenn alles ausdrücklich dastand und beim Namen genannt wurde, wirkte es wie verbrämt, oder als würden alte Jungefern unter einem Anfall von pubertärem Gekicher gemeinsam ein unanständiges Wort ausstoßen, atemlos und mit hochrotem Kopf), wenn also Joyce Carol Oates vom Vögeln schrieb, mit zusamengepreßten Schenkeln: dann hatte das oft etwas Anrüchiges und war ein wenig eklig, ein wenig wie verdorbenes Fleisch, das einen säuerlich-süßen Geruch absondert und Dellen hinterläßt, wenn man mit dem Finger drauf drückt. Und jetzt, auf den ersten Seiten von 'Niagara', wenn der Mann in der Hochzeitsnacht auf seiner noch jungfräulichen Braut einen schrillen Schrei ausstößt, ein Fledermausfiepen, und seine "milchige Flüssigkeit aus dem gummiartigen Ding" auf ihren Bauch fließen läßt, und dann flieht, panisch, angewidert, ohne Socken, flieht und sich lieber die Niagarafälle hinunterstürzt als hinein ins volle Leben: dann vergeht einem die Lust.
Scheiße, denkt man, jetzt sind ihre Schenkel nicht nur zusammengepreßt, jetzt sind sie zusammengetuckert. Und damit tut man ihr bitter unrecht. Denn wenn man weiterliest, stellt man fest, daß sie nur etwas illustrieren wollte. Es war, wie es in einem Shakespeare-Stück heißt, in 'Julius Cesar', glaub ich, "an ill beginning of the night'. In dem Roman geht es um ganz andere Dinge. Und die sind wunderbar beschrieben.


Nicci French: Acht Stunden Angst.
Deutsch von Birgit Moosmüller. München. Bertelsmann 2007.
351 S. EUR 19,95

Ein paar Sätze lang geht es, auf Seite 174, ums Warten. Wir alle warten, immer wieder: auf einen Zug, auf eine Antwort, darauf, daß das Wasser kocht oder die Sprechstundenhilfe sagt, "Der Nächste, bitte": und wir sind gemeint. Warten zu können, ist eine Kunst. Und Warten ist Zeitverschwendung, ein Luxus, den man sich nicht leisten kann, wenn die Tochter plötzlich verschwunden ist, und man weiß nicht, wohin und warum. Deshalb geht es den ganzen Rest des Romans darum, dem Warten davonzurennen. Und Nina (ein blöd gewählter Name: viel zu rund und ergeben und betulich für den beschriebenen Charakter) rennt nicht nur, sie rast, vor Ungeduld, vor Angst, sie rastet aus, schlägt um sich, mit fliegendem Puls und brennenden Nerven: und man gerät, beim bloßen Lesen, selbst außer Atem. Wenn man also mal wieder warten muß, beim Zahnarzt, in der Abflughalle: mit diesem Buch kommt man ums Warten herum.

Mo Hayder: Die Sekte.
Aus dem Englischen von Rainer Schmidt. München. Goldmann 2007.
384 S. EUR 19,95

Der Titel ist eine Irreführung. Der deutsche, 'Die Sekte', sowieso, um die dreht es sich nicht, die ist nur Hintergrundgemurmel. Aber auch der englische, 'Pig Island', der den Ort, die Insel, benennt, auf der immerhin ein kleiner Teil der Geschichte stattfindet. Und eine größere Schweinerei. Wenn auch, und das ist neu bei Mo Hayder, die früher vor den Augen ihrer Leser ausführlich und seitenlang in Blut und Gedärmen herumgewühlt hat, wenn auch die Verstümmelungen diesmal außerhalb der Handlung vollzogen werden: man ist nicht mehr dabei, während es geschieht, weilt sicher auf dem Festland, in Croabh Haven. Erst, wenn die Fetzen geflogen sind und Massen von zerrissenem Menschenfleisch in der Gegend herumliegen, kehrt man zur Besichtigung des bizarren Schauplatzes zurück. Und weil die Nummer beim ersten Mal geklappt hat, kommt sie in Lightning Tree Grove gleich noch einmal zum Einsatz: und wieder muß man sich mit den blutigen Resten nach der Tat zufriedengeben. Das heißt Methode und wird nur angewandt, damit nicht gleich so offensichtlich ist, daß hinter dem Teufel nicht immer der Teufel steckt. Und sein Schwanz ist manchmal nur ein epigastrischer Zwillingsstummel.

Curzio Malaparte: Zwischen Erdbeben.
Aus dem Italienischen von Michael v. Killisch-Horn. Frankfurt. Eichborn (AB 267) 2007.
361 S. EUR 30,00

Er beschreibt, 1933, anhand einer Bootsfahrt auf der Themse, die unterschiedlichen Charaktere der Stadtteile von London. Er spekuliert, 1942, über das Geheimnis hinter dem Gleichmut der Russen, jenem Volk, das unter den europäischen "am leichtesten stirbt". Er besingt, 1953, den chilenischen Dichter Neruda, der mit seinen aufgesammelten Muscheln spricht, als "riefe er eine Frau, ein Mädchen". Er beklagt, 1942, das Aussterben der Lappen und Samen, wie er auch das Aussterben der alten Rasse der Franzosen beklagt und das allmähliche Verschwinden der Kaledonier aus ihrer schottischen Heimat und den Untergang des araukanischen Volkes: und diese Klagen lesen sich wie pathetische Nachrufe auf schöne, wilde Tiere, mit Worten, die er ihnen ins Grab hinabwirft wie Blumen: erhaben, edel, rein, stark, streng, traurig.
    Zwei Worte, oft und wieder: Mythos und Volk. Ein Kehrreim in den Girlanden seiner Aufzählungen, mithilfe derer er sich durch die Tage bewegt, durch die Länder, durch die Natur, hintereinandergereihte Eindrücke, Beobachtungen, Feststellungen. Wenn er nicht stehenbleibt, um Entzückens- oder Schreckensschreie auszustoßen, oder sich niederläßt, in poetische Betrachtungen versunken. Er wechselt den Stil, schreibt in Kostümen, mit Handschuhen aus feinstem Wildleder, und die Schweißperlen, die ihm beim Formulieren aufs Papier fallen, sind parfürmiert.

 


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