Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen XXX
von Ingrid Mylo






Märchen und Morde

Rot: wie Mohnblüten, wie gewisse chinesische Lackarbeiten, wie das Siegel auf einem wichtigen Schriftstück. Rot leuchtet auf: und das Hirn bleibt stehen, sekundenkurz. Das Signal brennt sich ein. Eine rote Kirche am Meer, hinter der Kimmos Frau begraben liegt. Ein roter Kleinwagen, in dessen Kofferraum eine Mädchenleiche verstaut wird. Ein roter Rasenmäher, auf dem der Mörder nach 33 Jahren (so lange hat Jesus gelebt: und weil es in dem Buch um Schuld geht und um Sühne, ist das wahrscheinlich kein Zufall) seine genau bemessenen Runden dreht. Ein roter Ball, den ein Junge gegen die Garagenwand wirft, just in dem Augenblick, als Polizisten auf dem Computer seines Vaters die Kinderpornos entdecken (in Fritzs Langs 'M', der von einem Kinderschänder handelt, spielt ein kleines Mädchen mit einem Ball).
    Der Rest ist Grau, ist Stillstand: der Kommissar, seine Kollegen, der Mörder, der Mitwisser, die Mutter der Ermordeten, die Eltern der Verschwundnen, alle starren sie aus dem Fenster oder in den Fernseher oder auf den Bildschirm des Computers. Und rühren sich nicht von der Stelle: weil sie zuwenig Kraft, weil sie zuviel Angst haben. Nur wenn ihr Blick im richtigen Moment nach draußen fällt, kann es sein, daß das Wunder geschieht:     und sie sehen eine Tote zurückkehren.
    Ist Depression: sie bezeichnen sich gegenseitig als verrückt, fühlen sich gut, wenn sie kotzen, fühlen sich besser beim Hören trauriger Musik. Und wenn sie lachen, dann aus Verzweiflung, unter Tränen und Wut und so heftig, daß sie ins Krankenhaus eingeliefert werden, "... und dann war ich recht lange in einer Kur. Schmeckt der Kuchen?"
    Schachteln und Staub, einfache Worte. In kurze Sätze verpackt, in handliche Satzteile: und die werden umgeschichtet, immer wieder, neu zusammengestellt, andere Reihenfolgen, andere Ordnungen. Und was bei diesem Herumräumen alles zum Vorschein kommt, aus den Winkeln, aus den Ritzen: man spürt beim Lesen das Atmen als willentlichen Vorgang. Es gibt weder Träume noch Zufälle, und wenn man zum Fenster geht und es öffnet, liegt auf dem Gehweg unten eine vergessene Kinderschaufel. Und ist rot.
Jan Costin Wagner: Das Schweigen.
Eichborn Berlin 2007, 284 S. EUR 19,95


 Gut ist gut und böse ist böse: in Krimis, meist, ist das noch so, deshalb liest man sie: man weiß, woran man ist. Und wenn der Serien-Kommissar noch dazu Zebra genannt wird, "weil es für ihn nur Schwarz und Weiß gab", fühlt man sich so sicher aufgehoben wie bei den Grimms: die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Ein Mord ist ein Mord, auch wenn die Tat weit zurückliegt und der Täter erst noch gefunden werden muß. Aber wie in einem Vexierbild, in dem sich der Zweig einer Eiche als Lanze eines Ritters entttarnt, springt der Blick plötzlich um: und dann ist ein Mord nicht unbedingt ein Mord, und der Mörder hat unter Umständen etwas Gutes getan.
Elizabeth Corley: Sine Culpa.
Aus dem Englischen von U. Wasel & K. Timmermann. 480 S. EUR 16,90 Frankfurt. Scherz 2007.

    Seine Sätze: wie man von einem Stein zum andern springt, um über den Bach zu gelangen, ans andere Ufer. Von den Tauben im Oberlicht zu der hüftwunden Hündin am Kiosk, über die namenlose Puppe mit dem Karottenhaar weiter zur Verlorenheit eines Schulranzens, einer Gummitulpe, bis hin zur Freude über die ersten Schritte der Tochter, damals, in Afrika. Nein, keine Sprünge, Sprünge eher selten, vielmehr eine allmähliche Verschiebung von Zuständen und Zeiten, was ist, was war, was man sich vorstellt, wenn man sieht, wie die Speiche eines Regenschirms herunterhängt. Sätze, anmutiges Gleiten, ein Wort ins nächste, stetiger Fluß: so wischen sich steigernde Rottöne ineinander am Himmel, bevor die Sonne versinkt. Den Tag noch hell im Gedächtnis mit seinen Stunden voller Schatten und Spiegel, vor sich die Nacht: und umso stärker ruft man sich die Bäume ins Bewußtsein, die Uhren, die Pfirsiche, "die irgendwo im dunklen Laden im Chor nicht lockerlassen".
Fotos und andere Formen der Erinnerung, wie Kerzenlicht: Lächeln. Das flackert auf, da und dort, während der Zug die Geliebte entführt und die Bücher Staub ansetzen in den Regalen, und man stößt, zwischen Engeln und Sonnenblumen, vielerorts auf die Abdrücke, die die Toten hinterlassen haben, auf dem Kissen, im Sessel.
    Schwert und Beschwörung, letztes beruhigendes Gemurmel von der Bettkante, bevor man im Schlaf versinkt, Märchen vom Vater. Aber sie bergen Gefahren, keimende Worte, die aufbrechen im Traum: die an den Baumstamm genagelte Katze, das finstere Schweigen eines Telefons, in Marimbanguengo das Wellblechdach, an dem Gehirnfetzen kleben und Knochenbrösel vom weggeschossenen Kopf eines Soldaten.
    Das Schöne, das Schreckliche, unlösbar eins, und uns mit einer so anmutigen Geste ans Herz gelegt, daß uns, wund vor Abwehr und Verlangen, nichts anderes bleibt, als das so innig Vertraute zu bergen.
António Lobo Antunes: Zweites Buch der Chroniken.
Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann.
München. Sammlung Luchterhand 2007
319 S. EUR 10,00


Standortbestimmung oder "Die dunklen Gassen des Geistes"
Oh, du "kribbelige Kauflaune", du "herzzermürbender Stress",
oh, ihr "würgeteuren Preise" und "normalformatigen Sehnsüchte",
oh, du "kurzfristig verstöpseltes Vergnügen",
bei dem auch "ein paar knackige Ohrfeigen" nicht fehlen dürfen.
Oh, ihr "Pinkelströme und Rülpskanonaden", ihr "hereinschneienden Kackbratzen".
Oh "Furz wie das Geräusch eines unterdrückten Vogelrufs aus dem Off",
oh "Löwengrube des Schnurchelns und Schnarchens",
oh, du "Hochleistungsferkeln", "beiläufiges Klientenbumsen" und "lüsternes Sackkratzen"
oh "Schwachstelle im Körperpanzer der Intimitäten",
so "wertlos wie eine Regentonne mit Titten".
Oh, all ihr "unschuldigen Abnormitäten".
Oh, du "hexenhafte Haarausfallfrau", du "eichhörnchenzähnige Trauerberaterin",
du "plumpfingriger Ochse" mit deiner "zuckenden Handy-Ungeduld",
du "zerfaserte Persönlichkeit" in deinen "ausgebeulten rosa Trottelhosen"
und den "dummbeuteligen Oxfordschuhen",
oh, du "Floralversager", du "Seelennull", du "zwielichtige männliche Präsenz"
mit deinen "beunruhigenden Nachspeisengerüchen".
Oh, du "zitronige Exfrau".
Oh, "zitrussaurer Altmännergeruch",
dem bald die "säuerliche letzte Atemflut des Toten" folgt, die "finalen Lidschläge".
Oh, du "kleine Handgranate der Ungewißheit",
der die "punktgenaue Gewißheit" den Garaus macht oder die Gewißheit, "die wie eine neue Sonne aufgeht".
Oh "Elan des Möglichen", "königliche Ironie des Lebens", "komikerklischeehafte Binsenweisheit", "spirituelle Klarheit der Permanenzphase",
"sedierte Heiterkeit", "schmeichelbrisenhafte Aufgeregtheit", "niedrigtouriges Erstaunen",
"suburbane Saturiertheit", "argwöhnische Wahrnehmung": alles "buddhistischer Obermüll", "windelweicher Obermüll".
Oh, du "muffeliger Wuschelhund", du "wuschiger Glupschblick" und du "wuschige Abgaswolke", "wuschig, aber wehrhaft",
und oh, wie es wimmelt: "wimmelnde Nacht" und "wimmelnde Gehirne"
und die "wimmelnden Läufer in den Startlöchern", und auch das "Wetter wimmelt ins Auto".
Oh, ihr "seelenvollen Mahagoniaugen", ihr "glücklichen Untertassenaugen",
oh, du "fleischfarbene Feiertagshandprothese", du "sattelstrammer Hintern",
ihr "bauschigen Backen" mit den "umschnauzbärtelten Lippen",
bereit, in ein "augenzerknittertes Lächeln" auszubrechen.
Oh "blaßblaue optimistische Spalte in der untersten Wolkenschicht",
oh "Himmel, zu dichten Baumwollpäckchen abgesteppt",
oh "eiscremeschönes Wetter", "Wolltage des Winters".
Jetzt kommen die "krausen Kümmernisse des Tages",
die "dunklen Tage der Gehunfähigkeit" mit ihren "sperrigen Erklärungen",
mit ihrem "fiesen minzigen Haftcremegeruch", ihrer "himmelhohen Ablehnung",
und ihrem "runzligen, lädierten Ausdruck zur Schau gestellter Duldsamkeit".
Im "wasserleichenschummrigen Scheinwerferlicht"
wird aus dem "amoklaufenden Leben" eine "epochale Verlangsamung des Lebens",
die Wolken verfärben sich zu "grüngrauen Blutergüssen",
"der Schließmuskel refft die Segel",
"das Herz spielt Schneckchen in seiner Höhle",
im "Eisnebel der Vergangenheit" zeigen sich "Leichen, die im Linoleum versickern",
und "der Mund des Mondes macht etwas".

Richard Ford Die Lage des Landes. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert.
Berlin. Berlin Verlag 2007, 682 S. EUR 24,90


© 2007  Ingrid Mylo


 
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