Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Was von Büchern bleibt XXXI

 


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von Ingrid Mylo






Der Tod im Schnee und der Zufall


    So viel Angst: vor Wäldern, Höhen, Gewittern, vorm Fliegen und vor der Kälte. Vor dem Eis. Angst, unter den Schatten versteckt: auf den Gemälden von Caravaggio, die dunkelgelb glühen wie die von Kerzen erleuchteten Kürbishöhlen im Herbst. Angst vor dem Tod, der beim Schneeschippen zuschlagen kann oder als kleiner schwarzer Punkt seinen Anfang nimmt unter der Ferse des Vaters.
    So viel Tod: im Bärenschädel auf dem Regal eines Speisesaals, im Schwan am Ufer, dessen langer Hals sich "wie eine Schlange hinunter in den Tang" gewunden hat, im ausgestorbenen Dorf unter dem norrländischen Himmel. Der Tod, der Boten schickt: einen Hund, der sich mitnehmen läßt auf der einsamen Landstraße und die Reisenden heimholt ins Haus auf der Anhöhe, in dem die alte Frau liegt, auf dem kalten Küchenboden, mit dem Gesicht nach unten. Ein anderer Hund stirbt auf der Insel, eine Katze verschwindet, von ihrem Skelett treibt ein kleinerer Splitter später vorbei, wie zum Gruß: "ohne Sorge. Sei ohne Sorge". 'Ich bin nicht tot', schreibt der Mann, der die Insel verläßt, für ein paar Wochen, an die Tür seines Hauses. Aber die krebstote Geliebte von einst lodert zum Himmel, und da war der Versuch, Tod zu verhindern: flehendes Flüstern von blühenden Worten, von Traubenkirschen und Flieder, ins Ohr des Mädchens, das den blutigen Weg des Messers gewählt hat. Versuch, vergeblich: und trotzdem kommt der Frühling, auch in solch einem Augenblick, aber den, der übrig bleibt, betrifft er nicht spürbar.
    So viel Angst. So viel Tod. Und so viel Schönheit und Schnee. So viel Stille. Bilder: der offene Koffer unten am Steg, weißes Eis, Klippen, Hemden und Socken im Vollmondlicht wie verstreute Gedanken. Rote Stöckelschuhe im Schnee, hellblaue Schuhe an den Füßen eines Kindes voller Lachen und Liebe. Getrocknete Rosen. Ein Ameisenhügel im Wohnzimmer. Und ein Teleskop, das die Unsichtbaren in die Herzmitte rückt, wenn man hinaufschaut, nachts, zu den Sternen.

Henning Mankell Die italienischen Schuhe.
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel.
Wien. Zsolnay, 365 S. EUR 21,50


    Wie oft kommt es vor, daß in einem Buch - nicht in einem Sachbuch, sondern in einem Roman, einem Krimi, Unterhaltungsliteratur - etwas von einem daktylischen Hexameter steht? Und dann liest man Tosches' gefegerte Reportagen und Kathy Reichs' 'Knochen zu Asche': und landet gleich zwei Treffer. Daktylische Hexameter. In zwei Büchern, die man zufällig nacheinander liest. Manchmal hat das Grinsen des Zufalls etwas unverschämt Dreistes.
    Obwohl bei der forensischen Anthropologin Reichs die Wahrscheinlichkeit, auf handfeste Fakten aus diesem und jenem Gebiet der Wissenschaft (auch jenseits der Kriminalistik) zu stoßen, ohnehin so groß ist, daß sie an Gewißheit grenzt. Auch ihr neuester Krimi ist ein Fundus an Wissenswertem: über das limbische System, Diatomeen als Sauerstoffquelle, Lepra, numerische Verschlüsselungen, linguistische demografische Profile und den Unabomber. Amerikanische Autoren recherchieren gerne. Im Gegensatz zu ihren europäischen Kollegen: die versuchens eher mit Phantasie. Ganz gleich, mit welcher Methode: man muß es können. Kathy kanns.

Kathy Reichs: Knochen zu Asche
Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr.
Blessing, 384 S. EUR 19,95

    
    Die Schriftstellerin sagt "ich", aber dieses Ich heißt John und ist ein Junge, elf Jahre alt (nicht zwölf, wie auf dem Klappentext steht, nicht - was aufs gleiche hinausläuft - im dreizehnten Lebensjahr, wie J. M. Coetzee in seiner Kritik schreibt). Er ist seiner Mutter unziemlich nah und will von seinem Vater nicht wahrhaben, daß der fähig ist, neugeborenen Kätzchen den Schädel zu zerschlagen am Wannenrand, ohne Weiteres, ohne Bedauern: John beschließt, heiß vor Übelkeit, diese Abgebrühtheit als Verstellung zu betrachten. Von da an liegt John auf der Lauer nach Lügen, legt eine Liste von Lügen an,  in der er liest, wenn er sich einsam fühlt.
    Man sieht diese Einsamkeit, begreift Johns Not: der Vater, seit drei Jahren arbeitslos, ein Trinker, der kaum einmal hält, was er verspricht, die Mutter, die gleichzeitig klammert und wegstößt, die Kinder in der Schule, die ihn verspotten, weil er zu groß ist, viel zu groß für sein Alter, mit einer Stimme, die vom Grund eines Brunnens zu kommen scheint. Und trotzdem: man mag ihn nicht, diesen Jungen, der stiehlt und die Leute anstarrt, der wütend wird, wenn ihm etwas zuwiderläuft, der sich die Haut unter den Haaren blutig kratzt, immer wieder, der sich vor den Tischmanieren seiner Großmutter ekelt bis zum Haß. Und der - nachdem die Pennies, die er in eine Kloschüssel geworfen hat wie in einen Wunschbrunnen, nichts bewirkt haben, und die Lügen, die der anderen, seine eigenen, ihm zu Kopf gestiegen sind und Verheerungen angerichtet haben - seiner müden Mutter mit einem Kissen Schlaf aufs Gesicht drückt, mit aller Kraft: und doch geht es danach weiter, als sei nichts geschehn.
    Sätze: als würde man mit kleinen abgebrochenen Stöckchen im Hirn herumstochern, in den wimmelnden Gedanken, die panikartig auseinanderrennen. Es ist ein furchtbares Buch: nicht im Sinne von furchtbar schön und keinesfalls furchtbar schlecht, sondern furchtbar, wie Unwetter furchtbar sind, Erdbeben, Naturkatastrophen: und keiner begreift, nachdem sich der Himmel wieder beruhigt hat, wie soviel Zerstörung geschehen konnte.

M.J. Hyland Die Liste der Lügen
Aus dem Englischen von Ingo Herzke.
München. Piper 2007.
379 S. EUR 19,90


    "Yessir, das ist mein Hobby, das Fernsehen", sagt Muddy Waters, der Kotzen nicht mag ("Oh nein, ich mag Kotzen nicht"), wahrscheinlich nicht wählen geht und von Frauen, die arbeiten, nichts hält ("sie sollten zu Hause bleiben und die Kinder großziehen"). Blondie wiederum will mit Vierzig nur unter der Bedingung noch Rockmusik machen, wenn ihre gezupften Beine "dann noch was taugen", und freut sich, dazu aufgefordert, etwas Tiefsinniges zu sagen, auf das Herumreisen mit Space Shuttles. Und Robert De Niro glaubt, daß "übersinnlich Veranlagte und so weiter" einen "gewissen Zugriff" haben auf "Kräfte, die man noch nicht richtig versteht". Stellenweise sind die Interviews so herrlich blöd, daß man glaubt, sie seien frech erfunden.
    Das wäre nicht Nick Tosches' einzige Begabung. Ein Mann, der, wie er immer wieder zeigt, Dickens kennt und Dante und von Kant schon einiges gelesen hat, ist noch zu ganz anderer Hirnakrobatik fähig. Zu der Erkenntnis, beispielsweise, daß wir einiges mit dem Thunfischsalat, dem Blondie mit einer Plastikgabel zu Leibe rückt, gemein haben: wie er werden wir eines Tages "weg sein" (hoffentlich nicht auf die gleiche Weise, wer will schon ins Klo geschissen werden?). Ironie und Informationen. Im Kontext mit seiner langwierigen und weltweiten Suche nach der letzten Opiumhöhle weist Tosches darauf hin, daß das Wort "hip" zur gleichen Zeit - nämlich1904 - wie der erste Opiumsong "Willy the Weeper" seine öffentliche Verbreitung fand (und spekuliert weiter: die klassische Körperhaltung beim Opiumrauchen, "seitlich auf die Hüfte gestützt, liegend", könnte Pate gestanden haben für die Bezeichnung).
Daß in den Brathähnchen von Colonel Sanders elf geheime Kräuter und Gewürze stecken, ist schon von Kinky Friedman in einem seiner Vandam Street-Romane kolportiert worden. Es muß also stimmen.
Daß während Tosches' Suche nach dem "süßen Rauch" in Shenzhen elf Drogendealer exekutiert worden sind, ist - auch für Friedman-Fans - eine Neuigkeit.
    Franz Dobler beklagt in einer Art (und damit ist diesmal nicht Kunst gemeint, auch nicht Garfunkels Vorname) Nachwort die Kürze dieses Samplers, in dem - seiner Rechnung nach und gemessen an der amerikanischen Originalausgabe - ganze 1000 Seiten fehlen. Recht hat er. Der Verlag könnte zumindest noch eine Auswahl davon in einem zweiten Band nachschieben.

Nick Tosches: Muddy Waters isst selten Fisch
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz und Werner Schmitz.
München. liebeskind 2007.
204 S. EUR 18,90

 


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