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Druckstellen
von Ingrid Mylo
Der Tod im Schnee
und der Zufall
So viel Angst: vor Wäldern, Höhen, Gewittern, vorm Fliegen und vor
der Kälte. Vor dem Eis. Angst, unter den Schatten versteckt: auf den
Gemälden von Caravaggio, die dunkelgelb glühen wie die von Kerzen
erleuchteten Kürbishöhlen im Herbst. Angst vor dem Tod, der beim
Schneeschippen zuschlagen kann oder als kleiner schwarzer Punkt seinen
Anfang nimmt unter der Ferse des Vaters.
So
viel Tod: im Bärenschädel auf dem Regal eines Speisesaals, im Schwan am
Ufer, dessen langer Hals sich "wie eine Schlange hinunter in den Tang"
gewunden hat, im ausgestorbenen Dorf unter dem norrländischen Himmel.
Der Tod, der Boten schickt: einen Hund, der sich mitnehmen läßt auf der
einsamen Landstraße und die Reisenden heimholt ins Haus auf der Anhöhe,
in dem die alte Frau liegt, auf dem kalten Küchenboden, mit dem Gesicht
nach unten. Ein anderer Hund stirbt auf der Insel, eine Katze
verschwindet, von ihrem Skelett treibt ein kleinerer Splitter später
vorbei, wie zum Gruß: "ohne Sorge. Sei ohne Sorge". 'Ich bin nicht tot',
schreibt der Mann, der die Insel verläßt, für ein paar Wochen, an die
Tür seines Hauses. Aber die krebstote Geliebte von einst lodert zum
Himmel, und da war der Versuch, Tod zu verhindern: flehendes Flüstern
von blühenden Worten, von Traubenkirschen und Flieder, ins Ohr des
Mädchens, das den blutigen Weg des Messers gewählt hat. Versuch,
vergeblich: und trotzdem kommt der Frühling, auch in solch einem
Augenblick, aber den, der übrig bleibt, betrifft er nicht spürbar.
So viel Angst. So viel Tod. Und so viel Schönheit und Schnee. So
viel Stille. Bilder: der offene Koffer unten am Steg, weißes Eis,
Klippen, Hemden und Socken im Vollmondlicht wie verstreute Gedanken.
Rote Stöckelschuhe im Schnee, hellblaue Schuhe an den Füßen eines Kindes
voller Lachen und Liebe. Getrocknete Rosen. Ein Ameisenhügel im
Wohnzimmer. Und ein Teleskop, das die Unsichtbaren in die Herzmitte
rückt, wenn man hinaufschaut, nachts, zu den Sternen.
Henning Mankell Die italienischen Schuhe.
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel.
Wien. Zsolnay, 365 S. EUR 21,50
Wie
oft kommt es vor, daß in einem Buch - nicht in einem Sachbuch, sondern
in einem Roman, einem Krimi, Unterhaltungsliteratur - etwas von einem
daktylischen Hexameter steht? Und dann liest man Tosches' gefegerte
Reportagen und Kathy Reichs' 'Knochen zu Asche': und landet gleich zwei
Treffer. Daktylische Hexameter. In zwei Büchern, die man zufällig
nacheinander liest. Manchmal hat das Grinsen des Zufalls etwas
unverschämt Dreistes.
Obwohl bei der forensischen Anthropologin Reichs die
Wahrscheinlichkeit, auf handfeste Fakten aus diesem und jenem Gebiet der
Wissenschaft (auch jenseits der Kriminalistik) zu stoßen, ohnehin so
groß ist, daß sie an Gewißheit grenzt. Auch ihr neuester Krimi ist ein
Fundus an Wissenswertem: über das limbische System, Diatomeen als
Sauerstoffquelle, Lepra, numerische Verschlüsselungen, linguistische
demografische Profile und den Unabomber. Amerikanische Autoren
recherchieren gerne. Im Gegensatz zu ihren europäischen Kollegen: die
versuchens eher mit Phantasie. Ganz gleich, mit welcher Methode: man muß
es können. Kathy kanns.
Kathy Reichs: Knochen zu Asche
Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr.
Blessing, 384 S. EUR 19,95
Die
Schriftstellerin sagt "ich", aber dieses Ich heißt John und ist ein
Junge, elf Jahre alt (nicht zwölf, wie auf dem Klappentext steht, nicht
- was aufs gleiche hinausläuft - im dreizehnten Lebensjahr, wie J. M.
Coetzee in seiner Kritik schreibt). Er ist seiner Mutter unziemlich nah
und will von seinem Vater nicht wahrhaben, daß der fähig ist,
neugeborenen Kätzchen den Schädel zu zerschlagen am Wannenrand, ohne
Weiteres, ohne Bedauern: John beschließt, heiß vor Übelkeit, diese
Abgebrühtheit als Verstellung zu betrachten. Von da an liegt John auf
der Lauer nach Lügen, legt eine Liste von Lügen an, in der er liest,
wenn er sich einsam fühlt.
Man sieht diese Einsamkeit, begreift Johns Not: der Vater, seit drei
Jahren arbeitslos, ein Trinker, der kaum einmal hält, was er verspricht,
die Mutter, die gleichzeitig klammert und wegstößt, die Kinder in der
Schule, die ihn verspotten, weil er zu groß ist, viel zu groß für sein
Alter, mit einer Stimme, die vom Grund eines Brunnens zu kommen scheint.
Und trotzdem: man mag ihn nicht, diesen Jungen, der stiehlt und die
Leute anstarrt, der wütend wird, wenn ihm etwas zuwiderläuft, der sich
die Haut unter den Haaren blutig kratzt, immer wieder, der sich vor den
Tischmanieren seiner Großmutter ekelt bis zum Haß. Und der - nachdem die
Pennies, die er in eine Kloschüssel geworfen hat wie in einen
Wunschbrunnen, nichts bewirkt haben, und die Lügen, die der anderen,
seine eigenen, ihm zu Kopf gestiegen sind und Verheerungen angerichtet
haben - seiner müden Mutter mit einem Kissen Schlaf aufs Gesicht drückt,
mit aller Kraft: und doch geht es danach weiter, als sei nichts geschehn.
Sätze: als würde man mit kleinen abgebrochenen Stöckchen im Hirn
herumstochern, in den wimmelnden Gedanken, die panikartig
auseinanderrennen. Es ist ein furchtbares Buch: nicht im Sinne von
furchtbar schön und keinesfalls furchtbar schlecht, sondern furchtbar,
wie Unwetter furchtbar sind, Erdbeben, Naturkatastrophen: und keiner
begreift, nachdem sich der Himmel wieder beruhigt hat, wie soviel
Zerstörung geschehen konnte.
M.J. Hyland Die Liste der Lügen
Aus dem Englischen von Ingo Herzke.
München. Piper 2007.
379 S. EUR 19,90
"Yessir,
das ist mein Hobby, das Fernsehen", sagt Muddy Waters, der Kotzen nicht
mag ("Oh nein, ich mag Kotzen nicht"), wahrscheinlich nicht wählen geht
und von Frauen, die arbeiten, nichts hält ("sie sollten zu Hause bleiben
und die Kinder großziehen"). Blondie wiederum will mit Vierzig nur unter
der Bedingung noch Rockmusik machen, wenn ihre gezupften Beine "dann
noch was taugen", und freut sich, dazu aufgefordert, etwas Tiefsinniges
zu sagen, auf das Herumreisen mit Space Shuttles. Und Robert De Niro
glaubt, daß "übersinnlich Veranlagte und so weiter" einen "gewissen
Zugriff" haben auf "Kräfte, die man noch nicht richtig versteht".
Stellenweise sind die Interviews so herrlich blöd, daß man glaubt, sie
seien frech erfunden.
Das wäre nicht Nick Tosches' einzige Begabung. Ein Mann, der, wie er
immer wieder zeigt, Dickens kennt und Dante und von Kant schon einiges
gelesen hat, ist noch zu ganz anderer Hirnakrobatik fähig. Zu der
Erkenntnis, beispielsweise, daß wir einiges mit dem Thunfischsalat, dem
Blondie mit einer Plastikgabel zu Leibe rückt, gemein haben: wie er
werden wir eines Tages "weg sein" (hoffentlich nicht auf die gleiche
Weise, wer will schon ins Klo geschissen werden?). Ironie und
Informationen. Im Kontext mit seiner langwierigen und weltweiten Suche
nach der letzten Opiumhöhle weist Tosches darauf hin, daß das Wort "hip"
zur gleichen Zeit - nämlich1904 - wie der erste Opiumsong "Willy the
Weeper" seine öffentliche Verbreitung fand (und spekuliert weiter: die
klassische Körperhaltung beim Opiumrauchen, "seitlich auf die Hüfte
gestützt, liegend", könnte Pate gestanden haben für die Bezeichnung).
Daß in den Brathähnchen von Colonel Sanders elf geheime
Kräuter und Gewürze stecken, ist schon von Kinky Friedman in einem
seiner Vandam Street-Romane kolportiert worden. Es muß also stimmen.
Daß während Tosches' Suche nach dem "süßen Rauch" in Shenzhen elf
Drogendealer exekutiert worden sind, ist - auch für Friedman-Fans - eine
Neuigkeit.
Franz Dobler beklagt in einer Art (und damit ist diesmal nicht Kunst
gemeint, auch nicht Garfunkels Vorname) Nachwort die Kürze dieses
Samplers, in dem - seiner Rechnung nach und gemessen an der
amerikanischen Originalausgabe - ganze 1000 Seiten fehlen. Recht hat er.
Der Verlag könnte zumindest noch eine Auswahl davon in einem zweiten
Band nachschieben.
Nick Tosches: Muddy Waters isst selten Fisch
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz und Werner Schmitz.
München. liebeskind 2007.
204 S. EUR 18,90
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