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Druckstellen
XXXII
von Ingrid Mylo
Der
Raum hinter dem Regen
Karin
Alvtegen - Schatten - Aus dem
Schwedischen von Dagmar Lendt.
Köln. DuMont, 350 S. EUR 19,90
Scham. Schuld. Und jetzt: Schatten. Und jedesmal wieder: die
Gelassenheit, mit der Karin Alvtegen bei ihren Romanen zu Werke geht.
Die Umsicht, die Unbeirrbarkeit. Die Zeit, die sie sich nimmt, bis alles
aufgebaut, alles in Bezug zueinander gestellt ist: und dann der eine
Tropfen, der die Kettenraktion auslöst, die Zerstörung in Gang setzt.
Die Sätze fallen wie Regen, grau, schlicht, stetig, mit klarer Ruhe und
Regelmäßigkeit, fallen: und die Bedrohung steigt. Und wenn man, nach
müßigen Überlegungen, schon glaubt, dahintergekommen zu sein, am Rande
der Lösung, das Ziel in Sicht, und der Rest wäre Aufräumarbeit und
nachgelieferte Erklärung: dann bricht es plötzlich über einen herein,
und gleich darauf noch einmal, und man kommt kaum dazu, kurz Luft zu
holen, da schlägt die Flut erneut über einem zusammen und man droht zu
versinken. Und immer noch ist es nicht das Ende.
Der Roman holt mit hinweisender Bewegung aus, wie um das Gelände zu
veranschaulichen und zu zeigen, wo's langgeht: und dann gewinnt die
Geste an Wucht und Fahrt und beschleunigt zu einem Faustschlag und
landet hart im Magen. Und wenn es vorbei ist, haben die gesiegt, die zur
Tat schreiten, um das, was ihre Existenz bedroht, zum Schweigen zu
bringen. Fast. Denn im obersten Fach eines Schrankes, zwischen
Handtüchern und Bettwäsche, finden sich Aufzeichnungen über das, was
einst geschah. Worte. Und bringen die Tat um ihren Sinn. (Und immer
geben in solchen Büchern Worte auch Wahrheiten preis, die auffordern,
Haltung zu beziehen: Hugo Boss, steht da, hat die Uniformen für die
SS-Offiziere entworfen und genäht).
Ian
McEwan - Am Strand - Aus dem
Englischen von Bernhard Robben.
Zürich. Diogenes, 207 S. EUR 18,90
Im Jahr 1962 braucht es noch seine Zeit: zwischen dem ersten Blick,
den Edward auf Florences Busen werfen darf, und dem Moment, in dem
seinen Lippen gestattet wird, ihre Brustwarzen zu streifen, vergehen
sieben qualvolle Monate. Und bringen den Sehnsuchtsvollen nicht wirklich
weiter. So greift er zum Heiratsantrag, hofft auf die Hochzeitsnacht.
Und während er, im Hotelzimmer, kurz vor dem Ziel, vor Verlangen kaum
einen Bissen des Dinners herunterkriegt, verschlägt es ihr vor Angst und
Ekel den Appetit. Was aufs Gleiche hinausläuft: das Essen hätten sie
sich schenken können.
Mit Ausdrücken wie 'Penisspitze' und 'Penetration' im Kopf und dem
von der doppelten Portion Rindfleisch aufsteigenden 'Geruch wie
Hundeatem' in der Nase, kann, was kommt, nur in der Katastrophe enden.
Was es, da ist McEwan unerbittlich konsequent, folgerichtig tut. Auch
wenn das junge Ehepaar anfangs noch die Kurve zu kriegen scheint: Edward
hält, was Florence während seines forschen Vorgehens als entsetztes
Keuchen entfährt, für leidenschaftliches Schnauben, und fühlt sich zum
Fortfahren ermuntert. Wie man sich irren kann.
"Du führst dich auf", sagt Edward - da ist alles vorbei und verloren
- zu Florence, "als schrieben wir das Jahr
achtzehnhundertzweiundsechzig."
Das läßt sich auch von dem Stil sagen, in dem die Erzählung verfaßt
ist: in der gediegenen Altertümelei, in der Blumen prangen und Gräser,
in der Blüten abgezwackt werden und Küsse der keuschen Sorte getauscht,
in dieser etwas gerüschten Sprache nehmen sich Worte wie 'Atombombe',
'John Mayalls Powerhouse Four', 'islamische Konferenz' oder 'Kennedy'
aus wie nackte Eindringlinge in kostümierter Gesellschaft. Unterhaltsam
ist das Ganze trotzdem, wenn auch auf befremdliche Weise.
Paul
Auster - Reisen im Skriptorium - Aus
dem Englischen von Walter Schmitz.
Reinbek. Rowohlt, 174 S. EUR 16,90
Da sitzt ein Mann in einem Raum, etwas älter schon, und auf dem
Tisch, auf der Lampe, überall kleben Zettel, auf denen die Gegenstände
noch einmal abgebildet sind: in den alphabetischen Zeichen, mit denen
man sie benennt. Wer ist dieser Mann, was macht er hier, und warum macht
er nicht, daß er rauskommt, fort, auf der Stelle? Fragen, die er sich
selber stellt, die aber nicht lange genug vorhalten, um beantwortet
werden zu können. Wenn man Paul Auster gelesen und ein einigermaßen
passables Gedächtnis hat, weiß man zumindest bald, was es mit den Fotos
auf dem Schreibtisch auf sich hat, mit den Chimären hinter der Stirn
dieses Mannes, mit den Menschen, die in diesem Zimmer ein- und ausgehen.
Mr. Blank dagegen, ein leeres Gesicht, ein unbeschriebenes Blatt,
eine Platzpatrone, die nur in der Phantasie Blut vergießt: aber wer
sagt, daß die Phantasie nicht die Oberhand gewinnt, eines Tages? Den
Tintenströmen von Seite 47 folgt auf Seite 167 eine Tränenflut, und
"nichts ist so, wie es scheint". Rätselraten, ein Rausch von Gefühlen:
Angst, Verwirrung, Schuld, Erregung, Schrecken, Kummer, Sehnsucht, Wut,
alles da, alles abrufbereit. Was sich zu Beginn liest wie eine
Versuchsanordnung, endet wie eine Grafik von Maurits Cornelis Escher,
Hände die sich selbst zeichnen, Treppenstufen, die kreisförmig
hinaufsteigen, hinunter und wieder hinauf und bei sich selbst ankommen,
endlos, ewig.
Die fetten schwarzen Seitenzahlen, wie tote Fliegen auf dem
Fensterbrett, mit jedem Umblättern werden es mehr: und mehr als die
Sätze, mehr als die geschlossene Scheibe (auf der Mr.Blanks
einundzwanzig Schläge mit dem Turnschuh nicht die geringste Spur
hinterlassen) machen sie klar: aus diesem Raum ist schon lange keiner
mehr entkommen.
 Vicky
Bamforth: Gärtnern.
Aus dem Englischen
von Astrid Finke.
171 S. EUR 17,95
Tanja Schlie / Katrin Traoré: Liebesdinge.
142 S. EUR 12,95
Hamburg. cadeau 2007
In den siebziger Jahren (des letzten Jahrtausends) starrte man hoch
aufs oberste Stockwerk des Kaufhofs in Frankfurt: da glitten
Lichterbuchstaben vorüber, ein leuchtendes Spruchband mit Meldungen,
Neuigkeiten, wahrscheinlich vermischt mit Angeboten des Geschäfts.
Jetzt gibt es zwei kleine Bücher, da laufen Bänder von Worten unten an
den Seiten entlang und ziehen die Blicke mit. Das eine, 'Gärtnern' (ein
Schubkarren voller Zitate, Gedichte, Informationen, Rätsel), versieht
die Seitenzahlen einfallsreich mit Wissenswertem aus der Flora: daß 26
Hektar Regenwald minütlich vernichtet werden, erfährt man etwa auf Seite
26. Beim Weiterblättern lernt man, daß der Umfang des dicksten Baumes
(eine Kastanie auf dem Ätna) 57 Meter mißt. Oder daß die kleinste
blühende Pflanze der Welt (Wolffia globosa)150 Mikrogramm wiegt. Bei
'Liebesdingen', dem anderen Buch (in dem Liebende wie Anais Nin, Lauren
Bacall oder Bertrand Russel zu Wort kommen und so hübsche Weisheiten
stehen wie "Ich hätte es in der Ehe nie ausgehalten, wenn meine Frau
nicht dabeigewesen wäre"), zieht sich eine rote Girlande aus
Verzierungen und "Liebes"kombinationen über den unteren Seitenrand,
Ausdrücke wie Liebesduft und Liebesspuk und Liebestau. Beide
Schmuckstücke lassen sich gut verschenken und noch besser behalten.
© 2007 Ingrid Mylo
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